BUCKCHERRY
HARDCORE SUPERSTAR
VENREZ
Wien, Szene
10.11.2013
Es hat etwas von Ironie, daß an diesem Sonntagabend eben jener Titel, in dem die schwedischen Sleaze-Kings von HARDCORE SUPERSTAR das krasse Gegenteil davon besingen, zum ultimativen Party-Hit des Abends wird, der von einer wohl nur wenige zahlende Gäste von "ausverkauft" entfernt gefüllten "Szene" wahrlich zelebriert wird und den Schweden, die quasi als "Sandwich-Band" agieren, im Nachhinein als eigentlichen Headliner ausweisen.
Doch dazu später mehr, denn der Beginn und das Ende sind US-Amerikanern vorbehalten, wobei die hierzulande noch unbekannten VENREZ für den Startschuß verantwortlich sein dürfen. Die Formation rund um den singenden Namensgeber wird vom Großteil der anwesenden Zuseher zwar interessiert, aber aufgrund mangelnder Vorkenntnisse eben noch nicht wirklich begeistert in Empfang genommen. Insofern logisch, da ihr aktueller Silberling »American Illusion« erst kurz vor Tourbeginn veröffentlicht worden ist. Zwar merkt man der Band ihre langjährige Erfahrung (unter anderem tummeln sich Musiker von JULIETTE & THE LICKS sowie LIFE, SEX & DEATH im Line-up) in Sachen Stage-Acting und Posing an, mehr als Höflichkeitsapplaus bekommt die Truppe aber dennoch nicht spendiert. Ein typischer Fall von "ganz nett, aber mehr auch ned".
Der überwiegende Teil der Zuseher ist aber dennoch in absoluter Feierlaune, und dadurch ist auch die Stimmung im Club selbst bereits am Kochen. Doch diese steigert sich nahezu im Minutentakt und das sogar während der Umbaupause. Beeindruckend, mit welcher Hingabe und in welcher Lautstärke nach den Schweden gefordert wird. Daß HARDCORE SUPERSTAR momentan aber auch in unseren Nachbarländern am Durchstarten sind, beweist die Tatsache, daß sich unzählige Besucher an diesem Sonntagabend auf den Weg nach Wien gemacht haben, um bei diesem Auftritt mit dabei zu sein. Ein Unterfangen, das sich bezahlt macht, denn um es kurz zu machen: für die momentane Verfassung dieses Quartetts lohnt sich jeder Kilometer Anfahrtsweg!
So auch heute, als es mit dem "adaptierten", von Ennio Morricone geliehenen Intro losgeht und die Jungs mit ›Moonshine‹ einen fulminanten Start hinlegen. Dafür, wie selbstredend für jeden weiteren Ton des in Folge präsentierten bunten Straußes an Krachern, weiß sich das Publikum ordentlich zu bedanken, wobei sich dieses nicht nur als feierwütig, sondern auch als absolut textsicher erweist. Dadurch steht schon nach wenigen Spielminuten fest, daß die Schweden hier und heute einen klassischen "Start-Ziel-Sieg" hinlegen können. Nicht zuletzt deshalb, weil jedem Zuseher bewußt ist, daß die Truppe inzwischen ausreichend Material im Talon hat, um eine Party-Gesellschaft eine ganze Nacht lang beschallen und bestens unterhalten zu können und die Svergie-Boys "nur" die Qual der Wahl haben, was man denn darbieten soll, um einen mehr als einstündigen Set zu einer wilden, exzessiven Rockparty gedeihen zu lassen.
Nächster Pluspunkt für die Schweden, denn sie erweisen sich als überaus treffsicher und kredenzen ausschließlich Hits. Hier weiß jemand definitiv, was das Volk hören will und wie man einen ohnehin schon in Hochstimmung befindlichen Club bis kurz vor den Kollaps bringt. Dafür gebührt der Band gesondert Respekt! Schon klar, daß durchaus damit zu rechnen war, daß HARDCORE SUPERSTAR nach allen Regeln abräumen werden, der an diesem Abend mitzuerlebende Triumphzug hat aber wohl selbst die eingeschworensten Fanatiker der Schweden überrascht. Und so ist es ganz egal, welchen Track die Jungs auch darbieten, die Energie strömt binnen Sekunden von der Bühne ins Auditorium und breitet sich wie ein Lauffeuer aus. Und zwar in einer dermaßen ansteckenden Art, daß es wohl nicht einmal verwunderlich wäre, wenn man an diesem Sonntagabend in halb Wien zu Knallern wie ›Kick On The Upperclass‹, ›Into Debauchery‹ oder ›Wild Boys‹ ausrasten würde. Angeführt von einem, wie immer in bestechender Kondition quer über die Bühne wuselnden Jocke Berg, kredenzen die Jungs (inklusive der üblichen Unterstützung durch einige auf die Bühne gebetene Fans) schließlich als "Finale Grande" das programmatische ›Last Call For Alcohol‹ und das eingangs erwähnte, ironisch kommentiere ›We Don't Celebrate Sunday‹. Mächtig, mitreißend und zum, ähem, begeisterten Mitfeiern! Was für ein Song, was für ein gutgelaunter, arschcool aufgeigender, bunter Haufen, welch' ein Gig!
Zwar ist das selbstredend noch lange nicht alles gewesen, doch daß man den eigentlichen Headliner bereits zu sehen bekommen hat, bezweifelt schon nach den ersten Minuten des Auftritts von BUCKCHERRY niemand mehr. Dabei ist es keineswegs so, daß sich die Herrschaften aus den USA nicht bemühen würden, und auch ihre Kompositionen muß man zweifelsohne als gelungen bezeichnen, im direkten Vergleich fällt die "Party" aber dennoch eher bescheiden aus. Und so sehr sich BUCKCHERRY, die seit Oktober mit Kelly LeMieux als Ersatz für den ausgestiegenen Bassisten Jimmy Ashhurst antreten, auch hineinknien und abrocken, ein dermaßen grandioses Feuerwerk an Stimmung und guter Laune können selbst ihre allergrößten Ohrwürmer wie ›All Night Long‹ oder ›Crazy Bitch‹ nicht entfachen. Als zusätzliches Manko erweist sich ebenfalls recht schnell, daß Frontmann Josh Todd zwar durchaus einen glaubwürdigen Rockstar vor dem Herrn abgibt, in Sachen Sympathie und positiver Ausstrahlung an den "Vorturner" aus dem Drei-Kronen-Land bei weitem nicht herankommt.
Als Fazit bleibt daher festzuhalten, daß BUCKCHERRY zwar ihre Arbeit sehr ordentlich verrichten und daher auch durchaus wohlwollend aufgenommen werden, dennoch wird den Kaliforniern schnell klargeworden sein, daß sie sich an diesem Abend - trotz vorbildlicher Unterstützung durch ein bis zum Ende hin mitsingwilligen Publikum - damit begnügen müssen, "nur" für die "Aftershow"-Party zuständig zu sein.
Photos: Axel Jusseit