UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”UNDERGROUND EMPIRE 2”-Datasheet

Contents:  Ila-"Die Sagen von Dawnia"-Kapitel

Date:  1989/'90 (created), 12.11.2009 (revisited), 17.02.2017 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 2

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several later issues still available; find details here!

Comment:

Auch unsere zweite Ausgabe fand ihren Abschlu├č mittels einer neuen Episode von "Die Sagen von Dawnia", die deutlich umfangreicher ausfiel als das Auftaktkapitel und uns etwas tiefer in die Welt von Heinz-G├╝nters Geschichte f├╝hrt.

Supervisor:  i.V. Stefan Glas

 
 

Titel: Die Sagen von Dawnia

Ila

Der Herbst zeigte sich nochmals von seiner sch├Ânsten Seite. Das w├Ąrmende Sonnenschiff bestrahlte mit seinem goldenen Glanz die bunten Bl├Ątter des Waldes. Der laue Wind spielte mit dem bereits gefallenen Laub, hob es hoch, wirbelte es in der Luft herum und lie├č es wieder zur├╝ck auf den Boden sinken.

Ein Rudel Hirsche ├Ąste friedlich auf der kleinen Lichtung und erfreute sich am Sonnenschein. Ein Sammlertierchen schleppte noch die letzten beerenbehangenen Zweige in seinen inzwischen wohlgef├╝llten Bau, denn der Herbst ging zur Neige, und in den langen N├Ąchten wurde es schon empfindlich kalt. Vor einigen Tagen hatte es sogar schon geschneit, doch heute war es noch einmal etwas w├Ąrmer geworden.

In Acrelon herrschte gesch├Ąftiges Treiben, denn ein jeder bereitete sich auf den nahenden Winter vor. Die Ernten waren schon lange eingefahren und die Tiere gem├Ąstet. Die Vorratskammern waren gef├╝llt so gut es nur eben ging. Die M├Ąnner waren nun oft im nahegelegenen Forst, um Holz f├╝r den Kamin zu besorgen, die Frauen dagegen kauften Wolle, Stoff und allerlei Kleinigkeiten, die sie den Winter ├╝ber ben├Âtigen w├╝rden, denn die Abende waren lang, und es w├╝rde gestrickt, gen├Ąht und gestopft werden, w├Ąhrend die Alten den Jungen Geschichten erz├Ąhlten.

An diesen kalten Abenden sa├č oft die ganze Familie im Schein des lodernden Feuers zusammen, sah den z├╝ngelnden Flammen zu, und die Sagen aus grauer Vorzeit legten eine seltsame Stimmung auf alle. An diesen Abenden wurden sie wieder lebendig, die Feen, Zwerge, Elben, Drachen, Orks und all die anderen Fabelwesen, und ein jeder lauschte gebannt w├Ąhrend diese Geschichten erz├Ąhlt wurden.

Diese Winterabende waren immer wie ein Fest f├╝r Ila gewesen, die diese Geschichten liebte. Oft konnte sie nicht genug davon h├Âren und wartete nur ungern auf den n├Ąchsten Abend. Ja, sie hatte ihrem Gro├čvater viele dieser Geschichten immer wieder und wieder entlockt, und sie wu├čte ziemlich viel ├╝ber die Elben, die nach dem gro├čen Ringkrieg die L├Ąnder verlassen hatten, um nach Kor Tirion zu suchen. Gro├čvater hatte sogar einmal erw├Ąhnt, da├č viele dieser Elben nach langen Jahren der Suche aufgegeben hatten und zur├╝ck nach Lothlorien gekommen waren, um dort weiterzuleben. Lothlorien! Das Reich der Elben. Es war ein riesiger Wald, in dem die richtigen Elben lebten, die Silvan, die Waldelben. Es soll ein wunderbarer Wald sein, nicht dunkel und furchterregend, sondern freundlich und wundersch├Ân. Doch es gab nicht nur die Silvan, nein, auch die Noldor und die Sindarin sollten wieder in ihren urspr├╝nglichen Gebieten leben. Doch in den letzten hundert Jahren hatte niemand mehr einen Elben gesehen. Es war Ilas gr├Â├čter Wunsch, einmal in ihrem Leben Elben sehen zu k├Ânnen.

Doch daraus w├╝rde nichts werden. F├╝r Ila gab es kein warmes Bett und kein Kaminfeuer mehr. Sie hatte ├Âffentlich die Stadtregierung angeklagt und war als Strafe daf├╝r verbannt worden. Eine Verbannung jedoch kam einem Todesurteil gleich, denn in der Stadt war sie vogelfrei, ein Opfer f├╝r jeden, und au├čerhalb der Stadt gab es niemanden mehr. Acrelon war die einzige Stadt der Menschen im Westen. Nur aus Sagen kannte Ila die gro├čen St├Ądte und L├Ąnder der Menschen im Osten von Enedwaith, doch der Kontakt zu ihnen war schon vor vielen Jahrzehnten abgebrochen. Acrelon war isoliert. Doch das war noch nicht alles, was Ila zu ertragen hatte, nein, zu allem Ungl├╝ck war sie auch noch schwanger, obwohl sie erst 20 Jahre alt war.

Ila war verbannt und ein jeder konnte das Zeichen auf ihrer Stirn sehen: Das Pentagramm - Symbol der Versto├čenen und der Hexen!

Aber Ila war zu jung zum Sterben, und so beschlo├č sie, Acrelon zu verlassen und in den W├Ąldern im Norden zu leben. Sie wollte nicht vor den Mauern der Stadt elend verhungern. So waren vor ihr schon viele gestorben, die nicht den Mut hatten, den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Doch Ila hatte die Stadt schon weit hinter sich gelassen. Sie trug einen warmen Mantel, den sie zusammen mit einer Decke, einem Jagdmesser und zwei, drei Kleinigkeiten zusammen in dem S├Ąckchen gefunden hatte, das ihr irgendeine barmherzige Seele von der Stadtmauer aus zugeworfen hatte. Denn als man sie aus der Stadt jagte, ri├č die tobende Menge ihr die Kleider vom Leib, so da├č sie nur noch ein paar Fetzen anhatte, als sie vor dem Stadttor stand. Doch nun war sie auf Wanderschaft und f├╝rs erste zufrieden. Vor einiger Zeit hatte sie den letzten Hof hinter sich gelassen, wo sie dem Bauern noch ein Huhn gestohlen hatte. So hatte sie wenigstens etwas zu essen.

Es war am zweiten Tag ihrer Reise, als sie gegen Mittag, als das Sonnenschiff am h├Âchsten Punkt seiner Fahrt angelangt war, in weiter Ferne den Waldrand entdeckte. Genau wie Ila, kannten die Menschen diesen Wald nur aus den Geschichten von waghalsigen M├Ąnnern, die Acrelon oft f├╝r Wochen verlie├čen, um in den unbekannten Weiten umherzuwandern. Die Bewohner von Acrelon blieben immer in Sichtweite der Stadtmauern, denn es gab die wildesten Ger├╝chte, ├╝ber Ungeheuer, die des Nachts um die Stadt streunten.

Ila waren bis jetzt noch keine begegnet und sie war ziemlich stolz darauf, so weit gekommen zu sein.

Gegen Abend erreichte sie dann den Waldrand, und sie beschlo├č, hier ihr k├Ąrgliches Lager aufzuschlagen und am Morgen den Weg in den Wald auf sich zu nehmen.

Die Nacht verlief sehr ruhig. Ila schlief tief und fest und der Mond wachte hoch ├╝ber ihr. Ein neugieriger Nachtwandler kam und beschnupperte sie, doch nach kurzer Zeit verschwand er wieder im Wald. Als die Sonne ihre ersten Strahlen ├╝ber die Erde ergo├č, erwachte Ila.

Es war ein sehr feierlicher Augenblick f├╝r Ila, als sie, als erster Mensch seit Hunderten von Jahren, den Wald von Tharalon betrat. Noch einmal sah sie zur├╝ck nach S├╝den, in ihre alte Heimat, der sie nun f├╝r immer den R├╝cken zukehren mu├čte und ging mit energischen Schritten in den Wald. Da sie wu├čte, da├č die Nordseite der B├Ąume immer mit Moos und Flechten bewachsen ist, beschlo├č sie auch weiterhin in diese Richtung zu gehen. Nach einiger Zeit kam sie ├╝berraschend auf eine kleine Lichtung, auf der einige Hirsche standen und Ila ├╝berlegte sich, da├č solch ein Hirsch ihre Nahrungsmittelprobleme f├╝r einige Zeit l├Âsen w├╝rde. So duckte sie sich tief hinter einen Busch, sah sich nach Deckung um und bemerkte, da├č sie im Schutze einiger Hecken ganz nahe an ein Tier herankonnte. Fast lautlos schlich sie immer n├Ąher, doch der Wind hatte ihre Witterung zu den Hirschen getragen, die mit langen S├Ątzen im Wald verschwanden.

"Nun, die Tierchen sind mir wohl etwas zu schnell!", stellte Ila fest. Sie war zu langsam und zu schwach, einen Hirsch zu erlegen, ja selbst das kleine Kaninchen, da├č gerade wie ein Blitz in seinem Bau verschwand, war sicher vor ihr.

"Wahrscheinlich bin ich eine leichtere Beute f├╝r die Tiere des Waldes, als sie es f├╝r mich sind!", dachte Ila nicht ohne Bitterkeit. "Das Huhn reicht noch bis morgen fr├╝h, aber dann wird es kritisch. Nur von Beeren kann ich nicht leben. Zudem habe ich fast kein Wasser mehr, und in ein paar Monaten bekomme ich auch noch ein Kind, das bestimmt noch mehr Hunger hat als ich."

Sanft strich sie mit der Hand ├╝ber ihren Bauch. Die W├Âlbung war schon deutlich sp├╝rbar. Wie sollte das nur enden?

Nach langen Stunden der Wanderung neigte sich der Tag dem Ende zu, und Ila war des Wanderns m├╝de. Inzwischen war es auch k├Ąlter geworden, und so hielt Ila nach einem windgesch├╝tzten Platz Ausschau, um ihr Lager f├╝r die Nacht aufzuschlagen. Es war schon fast dunkel, als sie endlich f├╝ndig wurde: Eine Felsnische, ja fast eine kleine H├Âhle, in der kein Wind ankam und es daher nicht so kalt war. Ila legte den Boden mit langen Farnen und Bl├Ąttern aus, um etwas weicher zu liegen und sich die Nacht so angenehm wie m├Âglich zu machen. Als sie die Sterne besah kamen die Erinnerungen an Zuhause, an ihr weiches Bett, an ihre Familie, an ihren Mann Garth auf, und das Geschw├Ątz ihrer Freundinnen klang in ihren Ohren. Vor sich sah sie das Bild ihrer Mutter, die sie warnte: "Hexen sind verschlagene, b├Âse Wesen, die oft in Menschengestalt erscheinen, sich unter uns Menschen mischen und uns verderben wollen. Geh allen Hexen aus dem Weg, Ila!" Mit der Hand fuhr sie ├╝ber ihr schmerzendes Brandmal und weinte.

 

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Ila aus ihrem unruhigen Schlaf erwachte. Ihr taten alle Knochen weh, denn sie war noch nicht daran gew├Âhnt, auf dem kalten harten Boden zu schlafen. Steif sch├Ąlte sie sich aus der Decke, kramte die Reste des H├╝hnchens aus dem Beutel und fiel dar├╝ber her. Doch sie hatte immer noch Hunger, als sie sich wieder auf den Weg machte. Heute schlug sie jedoch die westliche Richtung ein, da das Gestr├╝pp nach Norden hin immer dichter wurde, und es nahezu unm├Âglich war, noch durchzukommen.

Das strahlende Schiff der Sonne erhob sich langsam ├╝ber den Rand der Welt, und das Leben im Wald erwachte. Verschiedene V├Âgel, deren Gesang Ila nie zuvor geh├Ârt hatte, und der ihr ganz wunderbar und vollkommen vorkam, zwitscherten einen Lobpreis auf den Tag, und ein Chor anderer Tiere fiel mit ein. Die ganze Luft war mit einem wundersamen Leben erf├╝llt, und in Ila stieg ein Gef├╝hl gro├čer Freude empor. Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch vor zwei Tagen f├╝hlte sie, da├č sie richtig gehandelt hatte. Doch zugleich waren ihr ihre Probleme nur allzu bewu├čt:

"O je! Wie soll das nur enden? Keinen Kr├╝mel mehr zu essen, allein, schwanger und versto├čen! So etwas hat die Menschheit noch nicht gesehen!! Ich, Ila, ein junges M├Ądchen - eine junge Hexe", verbesserte sie sich und verzog grimmig das Gesicht, "ich laufe durch einen Wald, den in den letzten hundert Jahren kein Mensch mehr betreten hat und in dem es von den schrecklichsten Fabelwesen nur so wimmeln soll." Ila dachte an die h├Ą├člichen Orks, an die gemeinen Trolle, sowie an die gef├Ąhrlichen Warge, die nie weit entfernt von den Orks lebten. ├ängstlich sah sie sich um, ob nicht vielleicht wirklich gleich ein Unget├╝m aus dem Unterholz hervorst├╝rzte. Als es wenige Schritte weiter pl├Âtzlich im Geb├╝sch raschelte, blieb Ila fast das Herz stehen. Instinktiv griff sie nach ihrem Messer und machte sich auf ihre letzte Minute gefa├čt.

Wieder raschelte es im Dickicht, und es klang so, als w├╝rde das Etwas direkt auf Ila zukommen. Ila klammerte sich an ihrem Messer regelrecht fest und hielt die Luft an, als mit einem Riesensatz ein braunes Kaninchen ihr direkt vor die F├╝├če sprang. Entsetzt starrte das Tier Ila an, und Ila brach in ein lautes Lachen aus: ein Ungeheuer! Sie hatte Todes├Ąngste wegen eines Kaninchens ausgestanden! Erleichtert, da├č es im Wald doch nicht so gef├Ąhrlich war, wie es immer in den alten Sagen erz├Ąhlt wird, ging sie weiter; das braune Kaninchen war dar├╝ber nicht minder erleichtert, denn auch es hatte geglaubt, sein letztes St├╝ndlein h├Ątte geschlagen.

So ging sie weiter, und die Sonne zog ihre Bahn immer h├Âher am Himmel entlang, und mit ihr stieg auch Ilas Stimmung. Erst leise und unsicher, dann immer lauter und freudiger sang sie ein Lied, da├č sie von ihrer Gro├čmutter gelernt hatte, die es wiederum von ihrer Mutter kannte. Angeblich sollte es ein Lied des kleinen Volkes sein, das die Hobbits immer auf ihren Wanderungen durchs Auenland sangen:

Nach der Ferne ich meine Schritte lenk,
An ein warmes Feuer ich geh,
Nur frischen Muts, ich denk,
Hinterm n├Ąchsten Berg, ich mein Zuhause seh!

Mein Zuhaus ist ├╝berall und nirgendwo,
Ich bleib, wo man freundlich mich empf├Ąngt,
Ein warmes Bett, und ich bin froh.
Was Sch├Âneres mir niemand schenkt!

Ich bin ein froher Wandrersmann,
Wandere tags und nachts, an einem St├╝ck,
Und sing dazu, so laut ich kann,
Sag mir, Freund, was nennst Du Gl├╝ck?

Ich greife mir des Wandrers Stab,
Und geh durch Wald und Feld,
An einem Br├╝nnlein ich mich lab,
Grad wo es mir gef├Ąllt!

Wandern, wandern, immerfort,
Von hier nach einem anderen Ort,
Auf, bereit zu frischer Tat,
Die Sonne zeigt uns unseren Pfad!

Ich bin ein froher Wandersmann,
Wandre tags und nachts, an einem St├╝ck,
Und sing dazu, so laut ich kann,
Sag mir, Freund, was nennst Du Gl├╝ck?

Und wenn des Nachts die Sterne stehen,
So gr├╝├č ich sie, die W├Ąchter der Nacht,
Dann kann ich erst fr├Âhlich gehn,
Denn Tinuviel h├Ąlt Wacht!

Ich bin ein froher Wandersmann,
Wandre tags und nachts, an einem St├╝ck,
Und sing dazu, so laut ich kann,
Sag mir, Freund, was nennst Du Gl├╝ck?

Es war inzwischen sehr warm geworden, und Ila betrachtete das Spiel der Farben der Bl├Ątter, die im Sonnenschein wie kleine, bunte Farbkleckse den blauen Himmel bedeckten. Ila fiel auf, da├č die B├Ąume alle nur etwa drei├čig Fu├č hoch in die H├Âhe wuchsen und wunderte sich dar├╝ber.

"Bei uns in Acrelon sind sie gr├Â├čer. Vielleicht ist dieser Teil des Waldes noch nicht so alt."

Fasziniert von der gewaltigen Farbenpracht des herbstlichen Waldes sah sie noch lange in die H├Âhe und achtete nur noch wenig auf den Weg. So lief sie weiter, bis die Sonne sich wieder dem Abgrund n├Ąherte und in den Hafen des Abends einfuhr.

Hunger.

Das Wort hatte sich in Ila festgesetzt. "Ich mu├č unbedingt irgendwas jagen!", stellte sie fest, doch als sie einigen Tieren mit gez├╝cktem Messer nachrannte, verschwanden die mit schnellen Haken in ihrem Bau oder im allgegenw├Ąrtigen Geb├╝sch.

"Verflixte Biester! Ich krieg euch noch!", rief Ila ihnen nach und schwang drohend ihr Messer, doch die Kaninchen waren davon nicht ├╝berzeugt: Nur zwei Schritte von ihr entfernt sa├č ein friedlich futterndes Kaninchen! Ein Sprung, und sie hatte ein gutes Abendmahl. Doch kaum hatte Ila ihr Messer in der Hand, h├╝pfte das Tier in aller Ruhe in das Geb├╝sch. Doch Ila gab nicht so leicht auf, sondern setzte dem Fl├╝chtigen nach und sprang ins Dickicht. Sie sah das Kaninchen ├╝berhaupt nicht mehr, doch immer noch k├Ąmpfte sie sich durch die Hecken. Ein tiefh├Ąngender Ast machte der Jagd jedoch ein Ende. Ila fiel und schlug sich den Ellbogen hart auf. Doch sie war zu ├╝berrascht, um den Schmerz zu sp├╝ren, denn wie gebannt schaute sie den Boden an: Pflastersteine! Ein Weg! Ein gepflasterter Weg, eine Stra├če! Sie lag immer noch so auf dem Boden, wie sie gefallen war, und nach einiger Zeit kam es ihr vor, als w├╝rde sie jemand ansehen. Sie rappelte sich hoch und sah das braune Kaninchen, das sie schon fr├╝her als vermeintliches Ungeheuer so erschreckt hatte. Dieses legte jedoch die Ohren an und verschwand im Gestr├╝pp, und Ila blieb mit dem Gef├╝hl zur├╝ck, als h├Ątte sie das Tier ausgelacht und ├Ąrgerlich rief sie ihm nach:

"Macht euch nur lustig ├╝ber mich, ihr Karnickel! Wenn ihr am Spie├č bratet, lache ich!"

Hier mu├č es Menschen geben, Menschen, von denen die in Acrelon nichts wissen! Ila war ganz aufgeregt, denn ihr war sofort bewu├čt, was ihre Entdeckung bedeutete: Acrelon war nicht die einzige Menschenstadt, wie die Herrscher es der Bev├Âlkerung immer sagten, sondern Acrelon war nur isoliert, abgeschnitten von aller Welt! Und die Menschen dort waren schon so verdreht, da├č es die schlimmste aller Strafen war, vor der Stadt ausgesetzt zu werden, wo man, nach Meinung der Massen, in der absoluten Wildnis zugrunde gehen w├╝rde.

Ila hatte jedoch eben den Beweis gefunden, der diese Ansicht zu widerlegen schien. Sie stand auf einer Stra├če, an deren Existenz niemand in ihrer Stadt auch nur geglaubt hatte. Ila war die Erste, die diese Wahrheit begriff, und sie war gl├╝cklich dar├╝ber. Sie w├╝rde die Erste sein, die nach Hunderten von Jahren mit Menschen sprechen konnte, die nicht aus Acrelon stammten.

Mit ganz neuem Elan folgte Ila nun der Stra├če, die sich mehr oder weniger direkt nach Norden schl├Ąngelte. Der Weg war hervorragend ausgebaut, die grauen Steine waren in wechselnden Mustern gelegt, doch immer w├Âlbte sich die Stra├če in der Mitte, so da├č das Regenwasser immer gut ablaufen konnte und man nie durch Wasserl├Âcher waten mu├čte. Hier und dort waren sogar Rinnen in den Wald gelegt worden, damit das Wasser besser ablaufen konnte, stellte Ila ├╝berrascht fest.

"Wenn bei uns in Acrelon die Wege nur halb so gut gebaut w├Ąren, m├╝├čten nicht alle Leute durch nicht enden wollende Seen tapsen, wenn es mal geregnet hat!" dachte Ila, w├Ąhrend sie immer tiefer in den Wald hineinlief. Die B├Ąume, die den Weg s├Ąumten, wuchsen nun oft bis in eine H├Âhe von einhundertf├╝nfzig Fu├č. Trotzdem, da├č im Herbst viel weniger Laub auf den Zweigen hing, erreichte nur noch ein seltsam ged├Ąmpftes Licht den Boden.

Hunger!

Das Wort hatte sich inzwischen fest in Ilas Gedanken verankert. Um sich von dem leeren Gef├╝hl abzulenken, sang sie nun wieder laut vor sich hin. Doch das Lied, das von einem sch├Ânen Platz in Acrelon erz├Ąhlte, sollte sie nicht nur vom Hunger ablenken, es sollte auch die unheimliche Stimmung vertreiben, die durch die eigenartigen Lichtverh├Ąltnisse im Wald entstand. Alles wirkte unnat├╝rlich und der Eindruck wurde durch die untergehende Sonne nur noch verst├Ąrkt. Lange lief Ila durch den Wald und immer mehr war alles wie ein Traum, alles schien seltsam entfernt und doch greifbar nah. Ila sch├╝ttelte den Kopf, und f├╝r einen Moment war die Umgebung wieder klar, doch nur wenige Sekunden sp├Ąter war sie wieder von einer braun-gr├╝nen Masse umgeben, von der sie wu├čte, da├č es der Wald war. Ihr Gesang war schon lange verstummt, doch noch immer lief sie stur dem grauen Weg folgend nach Norden. Es war als w├Ąre sie in weiche Binden eingewickelt, als w├╝rden ihre Sinne eingeschl├Ąfert. Immer dichter wurde der gr├╝ne Nebel, der Ila nun in sich aufnahm, jeder Laut war inzwischen verstummt, und es herrschte absolute Stille, die Ila seltsamerweise so laut vorkam, da├č sie sich die Ohren zuhielt, doch es half nichts. Die Schleier zogen sich langsam dichter um ihren Kopf, und sie lief auf einen schwarzen Punkt zu, der immer n├Ąher kam und sie zu schlucken drohte. Kurz darauf war vollkommene Dunkelheit um Ila.

Lange danach lichteten sich die Schleier etwas. Wie durch einen Vorhang sah Ila den Wald vor sich, der dunkel und unheimlich in den schwarzen Nachthimmel wuchs. Pl├Âtzlich bewegte sich ein B├Ąumchen, oder war es ein Mensch, und ein Schatten kam auf sie zu. Immer n├Ąher kam das dunkele Wesen, und Ila versuchte zu fliehen, doch sie konnte sich nicht bewegen, alles war wie im Traum. Eine Hand kam auf sie zu die aus einer kleinen Ampulle einen Tropfen von irgendeiner Fl├╝ssigkeit auf ihre Lippen tr├Âpfelte. Ila wehrte sich innerlich dagegen, doch sie konnte nicht anders, sie mu├čte den Tropfen schlucken und dieser tat sofort seine Wirkung.

Mit einem Mal war der Schleier wie weggerissen, und Ila sah f├╝r eine Sekunde in ein schmales dunkles Gesicht. Augen, die tief und unergr├╝ndlich waren, sahen sie an, und eine tiefe Ruhe lag in dem Blick. Doch eine Wolke schob sich nun vor den Mond und Finsternis umgab Ila f├╝r eine Weile, doch sie war nun hellwach, und beim ersten Licht, das hinter der Wolke hervorkam, sah Ila sich um. Sie war allein in einer kleinen H├Âhle. Rasch sprang sie auf und ging zum Ausgang, doch auch dort war niemand zu sehen. Irritiert ging Ila wieder zur├╝ck, um noch ein wenig zu schlafen. Kaum hatte sie sich hingelegt, schlief sie auch schon, und erst der Morgen weckte sie wieder.

Die Sonne schien mit ungewohnter Kraft auf den herbstlichen Wald, und die V├Âgel gaben ein klangvolles Konzert. Die H├Âhle war nun erleuchtet, doch Ila war noch zu m├╝de, um aufzustehen. Tr├Ąge rollte sie sich nochmal zusammen und war gerade am Einschlafen, als sie das Gef├╝hl nicht loswurde, da├č sie von etwas beobachtet wurde. So sprang sie auf und rannte an den Ausgang der H├Âhle doch sie sah niemand. Daf├╝r aber versetzte sie der herrliche Blick in Freude. Die H├Âhle befand sich hoch ├╝ber dem Wald in einem Berghang, der Eingang war durch einen Strauch verborgen und der kleine Vorplatz war so in den Fels hineingemei├čelt worden, da├č die gesamte Anlage vom Tal aus nicht zu entdecken war. Der Berg war stellenweise mit Geb├╝sch bedeckt, teilweise trat auch der nackte Fels zum Vorschein. Die riesigen B├Ąume bildeten einen Teppich unter ihr, dessen Farben von einem kr├Ąftigen Rot ├╝ber Orange, Gelb bis hin zu einem tiefen Braun reichten, und hier und da setzte ein immergr├╝ner Azmar├Ąlbaum einen besonderen Akzent. Und durch diesen Teppich zog sich, gleich einem blauen Faden ein kleiner Flu├č.

"Ein herrlicher Ort zum Leben!", dachte Ila, und insgeheim hatte sie beschlossen, an diesem Ort zu bleiben. Die H├Âhle bot ihr Schutz, der Wald Nahrung, und der Flu├č war ihre Wasserquelle. Mit der Zeit w├╝rde sie schon zurechtkommen. Doch noch immer hatte sie das Gef├╝hl, nicht allein hier zu sein, doch sie konnte nachsehen, wo sie wollte, niemand war zu sehen. Also ging sie wieder zur├╝ck in die H├Âhle, um ihren Beutel zu richten, denn sie hatte vor, die Gegend etwas zu erkunden. Vor allem der Flu├č interessierte Ila. Frisches Wasser zum Trinken und Waschen, ein fast unvorstellbarer Gedanke.

"So, fertig", sagte sie, als ihr kleiner Beutel gepackt war. Sie nahm ihr Messer, g├╝rtete es fest und wollte gerade gehen, als ihr auf dem Boden eine kleine Zeichnung auffiel, die jemand in den Fels geritzt hatte: Es war eine Jagdszene, ein Mensch erlegte mit einem Bogen einen Hirsch. Verwundert betrachtete Ila die Zeichnung und dachte, da├č hier der Erbauer dieser kleinen Festung einen Jagdtag festgehalten hatte.

"Wie bin ich eigentlich hierher gekommen?", fragte Ila pl├Âtzlich, als ihr klar wurde, da├č sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie die H├Âhle gefunden hatte. Sie war ziemlich m├╝de und hungrig gewesen, als sie noch im Wald war. Irgendwie mu├čte sie im Halbschlaf weitergelaufen sein, und durch einen Zufall die H├Âhle entdeckt haben. Nein, Ila wu├čte selbst, da├č dem nicht so sein konnte, war die H├Âhle doch von dem Wald aus ├╝berhaupt nicht zu sehen, und zudem war sie gestern nicht mehr in der Lage gewesen, diesen Berg zu besteigen, von der Dunkelheit einmal ganz abgesehen. Irgendetwas war geschehen, von dem Ila nicht wu├čte, was es war, doch sie w├╝rde es herausfinden, gab es doch nichts mehr, was sie noch verlieren konnte. Also ging sie wieder ├╝ber den Vorplatz der H├Âhle und fand dort eine T├╝r, von der sie glaubte, da├č sie nach drau├čen f├╝hrte, doch als Ila sie ├Âffnete, fand sie den Eingang eines langen Tunnels. Er f├╝hrte scheinbar nach unten in Richtung des Waldes, und so entz├╝ndete Ila eine der Fackeln, die auf den ersten Stufen lagen und ging langsam in die Dunkelheit hinab.

Das Licht der Fackel erhellte den Gang und Ila sah, da├č er teils aus dem massiven Fels gehauen war, teils bildeten behauene Steine die R├Âhre. Je tiefer der Gang in das Tal hinabf├╝hrte, desto verfallener war er, so da├č Ila schon glaubte, wieder zur├╝ckgehen zu m├╝ssen. Immer ├Âfter mu├čte sie Wurzeln durchschneiden, die quer durch den Gang gewachsen waren, immer ├Âfter mu├čte Ila durch das Wasser stapfen, das sich auf dem Boden gesammelt hatte, und das Ila zeigte, wie tief sie unter der Erde. Doch gerade als sie schon jegliche Hoffnung aufgegeben hatte, da├č der Gang ein Ende h├Ątte, kam eine scharfe Biegung, die den Gang wieder in den Felsen hineinf├╝hrte. Stufen waren in den Stein gehauen worden, die lange nach oben f├╝hrten. Schon wenig sp├Ąter konnte Ila die Fackel l├Âschen, da Licht in den Gang fiel, denn vor ihr endete er direkt unter einem dichten Busch. M├╝hsam kroch Ila aus dem Gang und fand sich auf einer kleinen Lichtung inmitten des Waldes wieder. Schon nach wenigen Schritten konnte sie den Schacht, aus dem sie gekommen war, nicht mehr sehen, doch sie merkte sich die Stelle wohl, denn sie hatte beschlossen hier ihr Leben zu fristen - wenn sie hier Nahrung finden konnte, und so machte sie sich auf den Weg in Richtung Tal.

Sie kam jedoch nur langsam voran, da dichtes Gestr├╝pp ihren Weg versperrte, und Ila war immer noch sehr geschw├Ącht, hatte sie doch schon mehrere Tage nichts mehr Richtiges zum Essen gehabt. Sie wandte ihren Blick zum Himmel und dachte, wenn sie nicht sehr bald ein St├╝ck Wild erlegen konnte, w├╝rde ihr Ausflug traurig enden.

Gerade als h├Ątte sie es gerufen, brach nur wenige Schritte von Ila entfernt ein Wildschwein durch das Unterholz. Als es die Witterung von Ila aufnahm, blickte es auf, und beide sahen sich verdutzt an. Ilas Hand fuhr blitzschnell zum Dolch, sank aber dann wieder zur├╝ck. Wie erleichtert machte das Schwein kehrt und verschwand schnell im Wald. Das Tier war zu gro├č und schnell f├╝r Ila.

"Nie erlege ich so ein Unget├╝m! Zumindest nicht mit meinem Messer", dachte sie, und mit einem Mal umspielte ein L├Ącheln ihre Lippen und voll frischem Mut rief sie:

"Aber mit einem Bogen krieg ich dich!"

Sofort machte Ila sich auf die Suche nach einem geeigneten Holz und fand wenig sp├Ąter ein junges, gerade gewachsenes B├Ąumchen, das sie abschnitt. Sorgsam entfernte sie die Zweige und bog den Stab; Ja, sie hatte einen harten, aber biegsamen Stamm erwischt! Doch sie brauchte noch eine Sehne, die sie in ihrem Beutel fand: eine Lederschnur, die sonst ihre Decke zu einem B├╝ndel zusammenschn├╝rte. Bald war der Bogen gespannt und einige Pfeile geschnitzt, die zwar nicht sehr spitz waren, doch Ila hoffte, da├č sie ihren Dienst tun w├╝rden. Also ging sie langsam weiter, immer bergab in Richtung Flu├č.

"Nun habe ich auch eine der sagenhaften Elbenwaffen! In den Sagen erz├Ąhlt man, da├č man damit weit ├╝ber einhundert Schritt schie├čen kann; Das mu├č ich ausprobieren!"

Ila nahm den Bogen, legte einen Pfeil an, zielte auf einen nur zehn Schritte entfernten Busch und scho├č!

"Getroffen!", schrie sie auf, als der Pfeil auch wirklich sein Ziel erreichte und im Dickicht verschwand. Schon hatte Ila einen zweiten Pfeil angelegt, als pl├Âtzlich ein total erschrecktes Kaninchen in panischer Angst aus dem Busch direkt auf sie zuhopste. Sie spannte den Bogen, zielte in etwa auf das Kaninchen, scho├č - und traf!

Verletzt h├╝pfte das Tier davon, doch es war nun so langsam, das Ila es leicht fangen und t├Âten konnte. Auf ihrer Suche nach einer guten Feuerstelle traf Ila dann auch wieder auf den Steinweg, auf dem sie sogleich ein Feuer entfachte, ├╝ber dem sie das Fleisch briet. Es dauerte eine ganze Weile, bis Ila ihren Fang verzehren konnte, doch es war das beste Mahl, das sie seither gegessen hatte. Ihr Durst jedoch war noch nicht gel├Âscht, und so machte Ila sich gleich wieder auf den Weg. Schon war in weiter Ferne das Rauschen des Flusses zu vernehmen und das Ger├Ąusch wurde immer lauter, je n├Ąher Ila kam. Erst als das Rauschen jeden anderen Laut ├╝bert├Ânte trat der dichte Wald zur├╝ck, und sie stand direkt am Ufer des gewaltigen Flusses. Ila hatte w├Ąhrend ihrer Wanderung den Blick meist auf den Boden gerichtet, und so traf sie fast der Schlag, als sie aufblickte. Aber es war nicht der breite Flu├č, der schnell und unbeirrt dem gro├čen Meer entgegenflo├č, es war auch nicht der gigantische Wasserfall ein wenig flu├čaufw├Ąrts, dessen Get├Âse Ila schon von weitem vernommen hatte und dessen Gischt bunte Regenbogen in den Himmel malte. Auch die gewaltige Br├╝cke, die den Flu├č vor ihr ├╝berspannte, ├╝berraschte Ila nur wenig, hatte sie doch irgendwie vermutet, das dies so sein w├╝rde. Nein, es waren die hochaufragenden Ruinen einer Stadt auf der anderen Seite des Stroms. Die stark zerst├Ârte Stadtmauer verlief direkt am Ufer, dahinter erhoben sich viele H├Ąuser und T├╝rme. Doch so sehr Ila sich auch umsah, konnte sie niemand entdecken. Scheinbar war sie vollkommen allein, die Stadt gegen├╝ber schon Jahre verlassen.

"Eine Stadt!" Noch immer konnte es Ila nicht fassen. F├╝r sie war es einfach undenkbar, da├č es au├čer Acrelon noch etwas gab. In jeder Geschichte wurde erz├Ąhlt, da├č es nur im ├Ąu├čersten Norden des Landes vor vielen Zeitaltern eine Stadt gegeben hatte. Doch diese Stadt sollte auf einem Berg gestanden haben, und ihr einziger Schutz war der steile Abgrund der Felsen gewesen. Doch diese Stadt lag im Tal und hatte eine Befestigungsmauer, und diese Stadt wurde von niemand erw├Ąhnt.

Ila war inzwischen auf die Br├╝cke gelaufen, die scheinbar als einziges die Zerst├Ârung ├╝berlebt hatte oder aber nachtr├Ąglich neu errichtet worden war. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen stand sie dann vor den gewaltigen Pforten der toten Stadt. Ila f├╝hlte sich ganz klein im Anblick des gro├čen Stadttors, das noch relativ gut erhalten war.

"Das glaubt mir niemand in Acrelon!", dachte Ila, und verga├č, da├č sie vielleicht niemals mehr dorthin w├╝rde zur├╝ckkehren k├Ânnen. Lange malte Ila sich die Verwunderung der Bev├Âlkerung ├╝ber diese Entdeckung aus, bis sie dann an ihren Gro├čvater dachte. Ja, er war der einzige, der diese Stadt sogar erw├Ąhnt hatte.

"Vor langer Zeit, lange vor meiner Geburt und lange vor der Geburt meines Vaters, da gab es noch andere Wesen in dieser Welt. Acrelon war damals noch nicht allein und abgeschnitten, denn im Norden stand eine stolze Stadt, doch sie ist nicht mehr. Aber die Geschichte, die ich Dir erz├Ąhlen will, ist aus dieser Zeit, als das Leben und der Handel noch bl├╝hte..." Viele Sagen und Geschichten fingen so an, und Ila erinnerte sich an die bunte Sagenwelt.

Inzwischen war Ila jedoch von der Stra├če abgewichen, hatte eine Ruine erklommen und hatte nun einen herrlichen Blick ├╝ber die Stadt. Sie war sehr regelm├Ą├čig gegliedert, wie Ila der Stra├čenf├╝hrung entnahm: Der Weg, auf dem Ila gekommen war, teilte die Stadt in zwei H├Ąlften, die wiederum durch kleiner G├Ą├čchen und Wege unterteilt waren. Es war ein imposanter Anblick, obwohl nahezu alle H├Ąuser bis auf die Grundmauern zerst├Ârt waren und nur noch vereinzelt Mauerreste in die Luft ragten.

Ila stellte sich vor, wie stolz diese Stadt gewesen sein mu├čte, als in ihr noch Menschen lebten, doch dann sah sie die Zerst├Ârung, die eine so gewaltige Stadt ausgel├Âscht und aus den Gedanken gestrichen hatte.

"Was ist hier nur passiert?", murmelte sie entsetzt.

"Der Ringkrieg von Sauron, dem Schrecklichen. Du verstehst?" Ila erstarrte fast zu Stein, als eine Stimme hinter ihr diese Worte sagten. Langsam drehte sie sich um und sah - nichts, was sie noch mehr verwirrte. Doch pl├Âtzlich erschienen vor der Steinmauer die Umrisse eines Mannes, die nach und nach immer deutlicher wurden, so da├č nach kurzer Zeit ein alter, sehr d├╝nner Mann vor ihr stand. Er trug einen weiten Umhang, dessen Farbe nicht zu bestimmen war, in seiner Linken befand sich ein langer Stab und auf seinem R├╝cken sah Ila einen kunstvoll geschnittenen Bogen. Sein Gesicht war schmal und faltig, doch die St├Ąrke und Entschlossenheit, die darin zu finden waren, beeindruckten Ila sofort. Doch Ila war auch erbost ├╝ber ihre Unaufmerksamkeit, hatte sie den Mann doch nicht bemerkt:

"Was f├Ąllt Ihnen ein, mich so zu erschrecken? Sich einfach so anzuschleichen! Wer sind Sie eigentlich? Und wo kommen sie denn so pl├Âtzlich her..?" Ila schnappte nach Luft und wollte schon wieder den Alten anfahren, als dieser leise und ruhig sagte:

"Du hast viele Fragen, mein Kind. Doch will ich versuchen, dir die Antworten zu geben. Zun├Ąchst wollte ich dich nicht erschrecken. Es tut mir leid, wenn es so war. Ich wollte eigentlich nur, da├č du mich siehst und ich mit dir reden kann, doch du bist ein Menschenkind, und du siehst nicht alle Dinge so, wie sie sind!" Ila wollte schon widersprechen, doch der Mann brachte sie mit einer Handbewegung zu Schweigen.

"Vieles ist Schein, und man glaubt oft, nur zu sehen. Ihr Menschen zum Beispiel lebt Jahre und Jahre in eurer Stadt und seht nicht, was um euch herum vorgeht. Ihr aus Acrelon - so nennt ihr eure Stadt, nicht wahr, glaubt, da├č ihr die einzigen ├ťberlebenden des Ringkrieges seid und wi├čt nicht einmal, wen es noch alles gibt."

"Wie soll ich dies verstehen?", dr├Ąngte Ila, die durch die ├╝berraschende Rede v├Âllig verwirrt war.

"So, wie ich es dir sage. Die Menschen sagen, es gibt keine Elfen mehr, und schon sehen sie auch keine mehr, oder wollen keine mehr sehen. B├Âse Zungen behaupten, wenn du einem Menschen sagst, da├č dieser Baum da vorn nicht dort steht, glauben sie dir, und sehen ihn nicht mehr. Nun - ich gebe nat├╝rlich zu, da├č es auch niemand gewollt hat, von den Menschen entdeckt zu werden, jeder hat sich erst mal versteckt, du verstehst?"

"Bedeutet das, es gibt noch Elben? Und Zwerge? Und..." fragte Ila.

"Oh ja, die gibt es, so wahr ich Quahlin hei├če! Und ein Elf bin!"

Ende des zweiten Kapitels
to be continued...


Heinz-G├╝nter Weber

"Die Sagen von Dawnia" im ├ťberblick:
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 1-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 2-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 3-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 4-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 5-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
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