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”UNDERGROUND EMPIRE 5”-Datasheet

Contents:  Ithyn Luin-"Die Sagen von Dawnia"-Kapitel

Date:  12.08.1991 (created), 30.09.2010 (revisited), 19.02.2017 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 5

Status:  published

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Endlich waren wir bei den "Sagen von Dawnia" im gedruckten Heft auf zweispaltigen Satz ├╝bergegangen, was die Lesbarkeit deutlich verbesserte. Leider jedoch mu├čte unsere Fantasygeschichte in der n├Ąchsten Ausgabe eine Runde pausieren, da Heinz-G├╝nter das n├Ąchste Kapitel nicht rechtzeitig fertigstellen konnte. Doch anschlie├čend sollte er dann ja laaange Zeit haben... :-)

Supervisor:  i.V. Stefan Glas

 
 

Titel: Die Sagen von Dawnia

Ithyn Luin

Noch lange hatten Emra und Gumnion ├╝ber die Altvorderenzeit geredet, und sie waren mitunter die letzten, die den Gastraum verlie├čen. Es war ein langes und interessantes Gespr├Ąch gewesen, und viele Geschichten, die lange als verschollen galten, wurden erw├Ąhnt. Es wurde ├╝ber Beren und seine unsterbliche Liebe zu Luthien Tinuviel erz├Ąhlt, ├╝ber das Verh├Ąngnis, welches das Nauglafring ├╝ber viele Elben brachte, die von der Gier nach Gold und Edelsteinen besessen waren, da auf ihnen der Bann von Glaurung und Melkor lag und auch die Istari, die Gesandten der Valar, wurden oft erw├Ąhnt.

Emra ging noch immer nicht aus dem Sinn, welch ein arges Werk die Zwerge in der Altvorderenzeit vollbracht hatten und so den Ha├č zwischen den V├Âlkern der Elben und dem der Zwerge gesch├╝rt hatten. Doch die Geschichte hatte ihn gelehrt, da├č sich selbst der schlimmste Zwist einmal in Freundschaft wenden kann, und so war es auch: Mit der R├╝ckkehr der Elben von ihrer langen, aber erfolglosen Suche nach Kor Tirion wurde den Zwergen erstmals erlaubt, in Lothlorien frei umherzuwandern, ohne den t├Âdlichen Angriff der Elben f├╝rchten zu m├╝ssen.

├ťberhaupt verstanden sich die V├Âlker immer besser untereinander, Elben, Hobbits, Zwerge und Menschen hatten einen regen Handel aufgenommen, und nur eine Stadt der Menschen machte da eine Ausnahme: Acrelon, eine riesige Festung im S├╝den des Landes, eine Stadt, die v├Âllig abgekapselt von der Au├čenwelt lebte und die sich auch nicht in die Angelegenheiten der Elben oder der Hobbits mischte, die ihre n├Ąchsten Nachbaren waren. Es gab nur noch ein oder zwei Wanderer, die in Acrelon ein- und ausgingen und auch des├Âfteren in den anderen L├Ąndern gesehen wurden.

Inzwischen war Emra im ersten Stockwerk der Festung und betrat gerade sein Zimmer, wo er sofort sein Kettenhemd auszog und sich todm├╝de auf das weiche Bett warf; ein s├╝├čer Schlummer umfing ihn sofort. Wie schon so oft, tr├Ąumte ihm, da├č er auf einem dunklen Weg, voller Nebel und immer gut verborgen einherschritt. Die B├╝sche umstanden den Weg so dicht, da├č Emra glaubte, er ginge in einem Hohlweg, der stetig nach oben f├╝hrte. Oft endete er abrupt, doch der Zwerg fand immer wieder die Stelle, in der man das Geb├╝sch gefahrlos durchbrechen konnte. Emra wu├čte, es war t├Âdlich, von den langen Dornen gestochen zu werden, die die B├╝sche ├╝ber und ├╝ber bedeckten, denn ihr Gift war stark und wirkte schnell. Jedoch war Emra der Weg vertraut, bewanderte er ihn doch fast jede Nacht. Heute aber war etwas anders als gew├Âhnlich, denn in seinen fr├╝heren Tr├Ąumen kam Emra niemals irgendwo an, heute jedoch ging er den Pfad so weit wie nie zuvor, und Emra stand pl├Âtzlich vor einer kleinen Holzt├╝r, die verschlossen war. Die T├╝r war reich verziert, und schlo├č so dicht, da├č an ein Aufbrechen nicht zu denken war. Schon glaubte Emra, am Ziel seiner Wanderung angelangt zu sein, doch die Valar hatten ihm ein anderes bestimmt, und so fand er, unscheinbar in die Schnitzereien der T├╝r eingelegt, einen winzigen Schl├╝ssel. Mit einem sicheren Griff zog er ihn aus der Halterung und gleichzeitig erschien ein kleines Loch in der T├╝r, das vorher noch nicht da gewesen war. Zu Emras ├ťberraschung pa├čte der Schl├╝ssel hervorragend und leise glitt die T├╝r nach innen. Vor ihm lag ein dunkler Gang, doch als Emra einen Schritt in die Dunkelheit wagte, ergl├╝hten die W├Ąnde und gaben ein unwirkliches, blaues Licht ab, denn ein uralter Zauber lag auf den noch ├Ąlteren G├Ąngen, die jedem Licht spendeten, der die Wege benutzte und die Intensit├Ąt des Lichtes war so gro├č, da├č der ganze Fels ergl├╝hte, denn schon lange lagen die Wege im Dunklen, und niemand kannte ihren Verlauf. Auch Emra wu├čte nicht, wohin ihn die Stufen f├╝hrten, denen er schon lange nach oben folgte. Es herrschte absolute Stille in den G├Ąngen, nur Emras Schritte hallten von den W├Ąnden. Emra glaubte, schon fast so hoch wie das Sonnenschiff gestiegen zu sein, als er wiederum vor einer T├╝r stand, die jedoch offen war und Emra in einen kleinen Raum f├╝hrte. Hinter ihm klickte die T├╝r wieder in ihr Schlo├č, und als Emra sich umwand, sah er nur eine absolut glatte Wand, von der T├╝r war nichts zu entdecken, scheinbar war er in dem kleinen Raum gefangen. Doch Emra gab nicht auf, sondern tastete die glatt behauenen Felsw├Ąnde ab und wollte schon aufgeben, als er einen Stein ber├╝hrte, der sich pl├Âtzlich in nichts aufl├Âste und einen verborgenen Schalter offenlegte, der die Fallt├╝r auf dem Boden freigab und so Emra den weiteren Weg wies. Er sah die Stufen hinab und fand, da├č dieser Gang ihn nur wenige Schritte tiefer f├╝hrte, doch sah er auch eine T├╝r am Ende der Stufen, und so folgte er dem Gang nach unten. Er ├Âffnete die T├╝r und kam in einen riesigen Saal, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Auch hier gl├╝hten die W├Ąnde, doch ihr Strahlen konnte die Tiefe des Raums nicht erleuchten, und so tastete Emra sich langsam vor und stie├č bald gegen einen Tisch auf dem sogleich in blauer Schrift die Worte "Turambar Mithrandir" aufleuchteten, und nun wu├čte Emra, wo er war. Er war wieder in diesem Tafelsaal, auf dessen Tafel auch sein Name vermerkt war, aus welchem Grund auch immer.

Doch diesmal blieb Emra nicht bei der Tafel stehen, sondern ging die W├Ąnde entlang, bis er an ein gro├čes Portal kam, dessen Fl├╝gel bei seiner Ber├╝hrung nach au├čen aufschwangen und er auf einer hohen Plattform stand, die ihm einen weiten Ausblick auf die Umgegend bot. Nach S├╝den hin fiel der Fels tief hinab in eine schmale Schlucht, deren andere Seite dicht mit Wald bestanden war. Nach Norden hin befand sich ein herrlicher Garten, im Osten, gegen├╝ber der Stelle an der Emra gerade stand, ragte ein gewaltiger Bergfried in die H├Âhe, und dem Zwerg wurden die Augen ge├Âffnet: Er war in der Burg der Istarii, er war auf Hodru! Lange Zeit stand er unbeweglich in der frischen Luft und viele Gedanken jagten durch seinen Kopf: Er war doch kein Magier, keiner der Zauberer, wie konnte er also auf die Festung kommen, die seit Jahrhunderten von keinem Wesen au├čer den V├Âgeln betreten wurde? Wer war er, da├č er den geheimen Zugang kannte, der in die Burg f├╝hrte, wer, da├č sein Name auf der Tafelrunde der Istarii vermerkt war? Fragen, auf die Emra keine Antwort finden konnte, und so wandte er seine Schritte nach Norden an die Br├╝stung, die einen herrlichen Blick auf die prachtvollen G├Ąrten erlaubte, die inmitten der Gem├Ąuer lagen. Nur wenige Schritte entfernt entdeckte Emra einen Gang, der nach unten zu f├╝hren schien und von dem er hoffte, da├č er ihn zu den Anlagen bringen konnte. Er sprang geschwind die Stufen hinab, und kurze Zeit sp├Ąter fand er sich inmitten der herrlichsten Bl├╝ten, der kr├Ąftigsten B├Ąume und des saftigsten Grases, welches man au├čerhalb von Lothlorien finden konnte, wieder. Alles war wunderbar angelegt, und kein Unkraut tr├╝bte die Sch├Ânheit des Gartens. Eine herrliche Ruhe lag auf ihm, nur unterbrochen vom Schlag der Dommel und dem lustigen Geplapper der V├Âgel, die in den Zweigen der pr├Ąchtigen B├Ąume um die Wette sangen. Doch sein Interesse galt weniger den einzigartigen Pflanzen; nicht sie waren es, die ihm das Herz schneller schlagen lie├čen, nein, er lenkte seinen Schritt in die Mitte des Gartens, wo ein sonderbares Bauwerk stand. Es war ein Ring aus f├╝nfzig Steinen, ein jeder etwa dreieinhalb Schritte hoch, eineinhalb Schritte dick und zwei Schritte breit. Zwischen jeder der S├Ąulen, die an einem St├╝ck aus dem Fels gehauen und deren Kanten kunstvoll abgerundet waren, war ein Zwischenraum von etwa vier Schritten. Auf den Steinen lagen nochmals Quader, ein jeder drei Fu├č hoch, und die Steine verbanden die f├╝nfzig S├Ąulen zu einem steinernen Ring, der etwa hundert Schritte von einem Ende bis zum anderen ma├č. Das gesamte Bauwerk stand auf einem kleinen H├╝gel, und eine Treppe aus dem feinsten Marmor f├╝hrte hinauf. Emra folgte ihr, und eine gewaltige Ehrfurcht befiel ihn, denn das Werk hatte eine Ausstrahlung, die Emra als Magie bezeichnete. Als er die Stufen betrat, begannen diese, ein blaues Licht auszustrahlen und auf dem Steinring erschien eine goldene Schrift, die Emra jedoch nicht kannte. Nun begannen auch die Ringsteine zu leuchten, und die Nachtluft war erf├╝llt von dem blauen Licht, doch diesmal rannte Emra nicht vor der unheimlichen Erscheinung davon! Im Gegenteil, er legte sein Schwert ab, denn er f├╝hlte, da├č er es nicht mit in den Ring nehmen konnte, und ging langsam in die strahlende Mitte des Rings. Doch er war noch nicht im Zentrum angekommen, als er aus dem Glanz heraustrat und vor der seltsamsten Erscheinung stand, die je ein Zwerg gesehen hatte: Vor ihm, genau inmitten der Steine, war eine gewaltige Pyramide, die blauschwarz gl├Ąnzte und sich langsam um sich selbst drehte. Die Pyramide war jedoch nicht aus Stein, sondern durchscheinend und nicht greifbar, und doch ging von ihr eine Kraft aus, die Emra dazu zwang den letzten Schritt zu tun und in das Kraftfeld der Pyramide zu treten.

Emra wu├čte nicht, was ihn erwartete, und so war er nur wenig ├╝berrascht, sich auf einem schmalen Pfad wiederzufinden. Vor ihm lag Dunkelheit. Der Weg verlief im Nichts. Rechts und links war Dunkelheit, und Emra sp├╝rte, da├č er auf keinen Fall den Weg verlassen durfte, wenn er dieses Abenteuer ├╝berleben wollte, und so ging er langsam, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen, den Weg entlang. Doch schon kurze Zeit sp├Ąter lichtete sich die Dunkelheit und Emra fand sich in einem unbekannten Land wieder. Lange Zeit wanderte er auf dem seltsam verschlungenen Weg, der ihn bald hierhin, bald dorthin brachte. Doch wo auch immer er sich befand, alles kam ihm neu und unbekannt vor. Oft f├╝hrte ihn der Pfad durch dichtes Gestr├╝pp, durch Flu├č, Wald und Feld. Lange wanderte er in tiefen H├Âhlen und ├╝ber hohe unwegsame Gebirge. Lang war der Weg und beschwerlich, doch Emra war so leichten Fu├čes, da├č es ihm vorkam, als w├╝rde er ├╝ber dem Weg schweben, und ehe er sich versah, gelangte er in ein Land, welches seit vielen Zeitaltern kein Sterblicher mehr betreten hatte. Er sah wundervolle Wesen, den Elben ├Ąhnlich, doch waren sie noch sch├Âner anzusehen und ihre K├Ârper leuchteten silbern, und ihr Gesang war so klar und sch├Ân, wie Emra noch nie zuvor eine Melodie geh├Ârt hatte. Dann sah er eine Stadt, die pr├Ąchtiger war als das sagenhafte Gondolin - die Stadt mit den sieben Namen - sie lag an einem H├╝gel, und in ihrer Mitte stand ein wei├čer Turm, der alles ├╝berragte. Die Wege waren aus dem feinsten wei├čen Marmor, und die H├Ąuser waren mit Ziegeln aus Achat gedeckt. Alles gl├Ąnzte und funkelte, und die Bewohner der Stadt waren Handwerker, die die wundervollsten Werke vollbrachten, sie schnitten Gemmen, die sch├Âner waren, als alles, was Emra je gesehen hatte. Emra betrat eines der H├Ąuser und sogleich wurde er freundlich empfangen, wenn sich auch die Bewohner ├╝ber seinen kleinen Wuchs und seine sonderbaren Z├╝ge wunderten, hatten sie doch noch nie einen Zwerg gesehen. Noch lange danach bedauerte es Emra, da├č er nicht die klangvolle Sprache der Noldor verstand, denn ihm war inzwischen klargeworden, da├č er sich nur an einem Ort der Welt befinden konnte, einem Ort, der von den Elben Mittelerdes viele, viele Zeitalter fr├╝her verlassen worden war, und an dem jetzt nur noch die wenigen Noldor lebten, die damals Kor nicht verlassen wollten. Er war in dem Land Tol Eressa, in der Hauptstadt Kor, die in seinen Landen von den Elben Kor Tirion genannt wird und von dessen Turm noch viele Geschichten k├╝nden. Emra war gl├╝cklich wie nie zuvor, als er zusammen mit den Noldor Abendmahl hielt und eine Speise a├č, die ihn st├Ąrkte. Doch nach dem Mahl bedeutete ihm ein Elb, ihm zu folgen und Emra ging schweren Herzens von dem Haus, lie├č jedoch als kleines Geschenk seinen Ring zur├╝ck, ein wertvolles St├╝ck kunstvoller Zwergenarbeit und in Mittelerde einmalig, in Kor jedoch nur eine Kleinigkeit, verglichen mit der Kunst der Elben. Dennoch schienen sie erfreut, und der Hausherr legte ihm die Rechte auf, und Emra verbeugte sich noch im Gehen. Der Elb jedoch f├╝hrte ihn in einen kleinen Hain, in dessen Mitte sich ein Quell befand. Er zeigte auf die Oberfl├Ąche und Emra sah viele Dinge, die lange in der Vergangenheit lagen, Dinge, die nur kurze Zeit vergangen waren und Geschehnisse, von denen Emra glaubte, da├č sie in der Zukunft l├Ągen. Lange betrachtete er die Bilder, und sein Blick verdunkelte sich, denn er sah Schreckliches auf Mittelerde zukommen, und er wu├čte, da├č es seine Aufgabe war, Mittelerde davor zu bewahren.

"Ich bin doch so klein und schwach!" erkannte Emra und wandte sich ab. Der Elb war inzwischen gegangen. Traurig ging er den Weg zur├╝ck, der ihn zu dem Hain gef├╝hrt hatte und kam an dem Haus vorbei, in dem er noch vor kurzem froh gespeist hatte. Schon wand er seinen Schritt wieder dem Pfad zu, ├╝ber den er hierher gefunden hatte, als ihn der Elb aufhielt, der Emra vorher in dem Haus bewirtet hatte. Er trug Emras Ring an seiner rechten Hand k├╝├čte ihn und ├╝berreichte Emra ein Schwert, das in einer kunstvoll verzierten Scheide steckte, die ├╝ber und ├╝ber mit Runen beschriftet war. Emra verbeugte sich vor dem Elben und nahm dankbar das Geschenk an.

"Gorthing", sprach der Elb und Emra wu├čte, da├č dies der Name des Schwertes sein sollte. Emra wollte sich noch das Schwert ansehen, doch ehe er sich versah, war er wieder allein und so heftete er Gorthing an seinen G├╝rtel und ging wieder so wie er gekommen war, doch der Weg schien ihm nun seltsam ver├Ąndert, f├╝hrte er nun schnurgerade nach Westen und schon nach kurzer Zeit war Emra wieder von der vollkommenen Dunkelheit umgeben, die nur durch das staubige Braun des Weges unterbrochen wurde. Als sich jedoch die Dunkelheit zu lichten begann, war Emra nur noch wenige Schritte von der Burg der W├Ąchter entfernt.

 

Das Klappern der Teller im Gastraum, die ein gutes Fr├╝hst├╝ck versprachen, weckten Emra. Er streckte sich im Bett und stand auf. Da das Zimmer kein Fenster hatte, war es noch dunkel, und Emra griff nach den Schwefelh├Âlzern und der Kerze, um Licht zu machen. Erst jetzt merkte Emra, da├č er noch sein Kettenhemd trug, obwohl er sich genau daran erinnerte wie er es gestern Abend ├╝ber den Schemel geh├Ąngt hatte. Und langsam wich die Dunkelheit aus seinem Kopf, und er erinnerte sich an seinen Traum, der ihn in das sagenhafte Kor Tirion gef├╝hrt hatte, ein jeder Schritt war ihm noch bewu├čt. Die Bilder aus dem See des Schicksals, wie Emra ihn von nun an nannte, erf├╝llten sich vor seinen Augen mit Leben, und Emra griff an seine Seite um zu sehen, ob er noch das Schwert der Elben trug, dem Beweis f├╝r seine Reise ins Reich der Valar! Und tats├Ąchlich, das Schwert hing in seiner schwarzen Scheide, die herrlich mit Gold und edlen Steinen verziert war. Langsam und voller Stolz zog Emra die Klinge und fand, da├č sie aus Kristall bestand. Sie war vollkommen durchsichtig und als Emra ├╝ber ihre Kanten griff, waren sie vollkommen stumpf. Emra war entt├Ąuscht, es war scheinbar ein Zierschwert und nicht f├╝r den Kampf bestimmt, und doch lie├č ihn die Klinge nicht in Ruhe, denn tief in dem Kristall gl├╝hte eine blaue Flamme, ruhig und gleichm├Ą├čig brannte sie, gerade als ob sie schliefe.

"Gorthing", sprach Emra, "mein Schwert, in Ehren halten werde ich Dich; diene mir treu, und wir werden beide Ruhm erlangen.┬ź Es war eine alte Formel, mit der die Zwerge ihren Waffen die Treue schworen, und die Zwerge waren bekannt daf├╝r, sich nie freiwillig von ihren Waffen zu trennen, wenn sie diesen Schwur gesprochen hatten.

Gerade wollte Emra den Kristall wieder in die Scheide zur├╝ckstecken, als die Flamme gr├Â├čer wurde, und und das Schwert zu leuchten begann.

"Gorthing, nennst Du mich, und Gorthing bin ich, der Unterdr├╝cker des B├Âsen und der Feind Saurons. Treue hast Du mir geschworen, und treu werde ich sein. Bei den Valar, solange ich bei Dir bin, soll kein Schaden Dir entstehen! Nie werde ich Dich verletzen, doch Tod bringe ich Deinen Feinden, denn ich bin Gorthing!"

Emra h├Ątte vor Schreck fast den Kristall fallengelassen, als diese Worte vernahm - sein Schwert hatte zu ihm gesprochen, es hatte ihm Treue geschworen und Emra wu├čte nun, da├č dieses Schwert todbringender sein w├╝rde als jeglicher Stahl, der in Mittelerde geschmiedet wurde.

Erst jetzt bemerkte Emra die Gestalt, die lautlos in sein Zimmer geschlichen war und nun vor Emra stand. Der Mann war gro├č, doch er ging so geb├╝ckt, da├č er Emra nur wenig ├╝berragte. Er trug einen weiten tiefblauen Umhang und einen ebensolchen spitz zulaufenden Hut. Doch das merkw├╝rdigste an ihm war der gewaltige Bart, der tiefschwarz bis auf den Boden hing. Klein und geduckt stand der Alte auf einen Stab gest├╝tzt da und unter der tiefgezogenen Hutkrempe entdeckte Emra tiefgraue Augen, die ihm vorkamen, als w├Ąre hinter ihnen die Tiefe der Zeit selbst. Doch bevor Emra sich auch nur von seinem Schreck erholt hatte, sprach der Alte in einer wohlklingenden freundlichen Stimme:

"Az Mjald Tremn! - Die Sonne scheine immer auf Deinen Weg, Du Besch├╝tzer von Mittelerde!"

Emra betrachtete den Besucher und fand, da├č er scheinbar v├Âllig unbewaffnet war. Kein Metall und keine R├╝stung war zu sehen, nur eine knorrige Wurzel, die dem Alten als St├╝tze zu dienen schien. Er war also in friedlicher Absicht gekommen, dachte Emra, und der freundliche Blick des Mannes best├Ątigten dies.

"Seid auch Ihr gegr├╝├čt, werter Fremder. Was ist Euer Begehr, es mu├č wichtig sein, wenn Ihr so unangemeldet hier erscheint. In der Tat, ich kenne Euch nicht, doch sehe ich, da├č Ihr als Mensch die Sprache der alten Elben sehr gut kennt und sie zu benutzen wi├čt. Wer also seid Ihr, da├č Ihr so geheimes Wissen Euer Eigen nennt?", sagte Emra, und der Mann antwortete ihm sofort:

"Wisse, ich bin Euch bekannt, auch wenn Ihr nicht glaubt, mich zu kennen. Ja, Ihr selbst habt mich hierher gebracht, in die Welt von Mittelerde, in der ich meinen Weg zu gehen habe. Mein Weg jedoch wird sich nicht selten mit dem Euren kreuzen. Ich komme von weit her. Viele, viele Wochen und Monate aus dem Westen. Dort lebte ich lange Zeit mit gl├╝cklicheren Wesen doch bin ich keiner von Ihnen. Auch meine Wiege stand in Mittelerde. Tats├Ąchlich wurde ich nicht weit von hier geboren, an einem Ort, den ich unter dem Namen Echnogart kenne, den Ihr aber Hodru nennt. Ja, ich bin Ithyn Luin, der Blaue, wie man mich genannt hatte, als ich vor Zeiten in Eurer Welt weilte!"

Ithyn Luin, es war ein gewaltiger Name, den der Fremde f├╝r sich beanspruchte. Vor Zeiten sandten die G├Âtter Menschen in die Welt, um die Elben, die Menschen und alle V├Âlkern, die guten Willens waren, zu unterst├╝tzen. Diese Menschen bildeten einen Orden. In langen, geheimen Sitzungen erlernten sie die K├╝nste der Magie, sie lernten, mit Blitzen und Feuerwerk umzugehen, sie studierten die Sprachen und Gepflogenheiten der V├Âlker, allen voran die der Elben, sie mischten sich in die Politik der K├Ânige und brachten die Pl├Ąne einfacher Hobbits durcheinander. Einige von ihnen sind im letzten Krieg der V├Âlker sehr ber├╝hmt geworden, obwohl sie auch schon zuvor t├Ątig waren. Der Vorsteher und Leiter des Ordens war Saruman gewesen, doch er verfiel dem B├Âsen. Ein anderes Mitglied des Ordens tat sich aber zu jener Zeit hervor, und dies nicht nur durch seine Feuerwerke und die herrlich bunten Rauchringe, die er so wunderbar zu blasen verstand, vor allem durch seine Beteiligung an der gef├Ąhrlichen Mission, die zur Vernichtung der Ringgeister f├╝hrte und Sauron einen schweren Schlag versetze. Dessen Name war Mithrandir, doch im Auenland wurde er nur Gandalf genannt, und ich sage Euch, ihm gefiel dieser Name auch besser! Doch der Orden bestand nicht nur aus diesen beiden Istari - weitere Magier besch├Ąftigten sich mit den geheimen K├╝nsten. Einige von ihnen waren bereits verstorben, neue hinzugekommen, doch ihre Hilfe wurde viele Jahre nicht ben├Âtigt. Doch nun pl├Âtzlich stand einer der ersten Istari - Ithyn Luin, der Blaue, wie er genannt wurde, - hier vor Emra, und es schien Emra nichts Gutes zu verhei├čen! Istari waren m├Ąchtige Wesen, starke Freunde, seltsam und geheimnisvoll, unergr├╝ndliche und unberechenbare Leute, die zum Feind haben, eine gro├če Gefahr war. Der Zorn der Istari war sehr ber├╝hmt und nicht weniger gef├╝rchtet.

All dies wu├čte Emra. Und doch kam es ihm vor, als w├╝├čte er nichts. Jahrelang hatte er ein recht normales Zwergenleben gef├╝hrt. Er war K├Ąmpfer und Ranger geworden, und bald erwies er sich als f├Ąhig, die besten Truppen der Zwerge zu f├╝hren: die Ranger vom wei├čen Stein! Mit Magie, wie sie Istari benutzen, hatte er nie viel im Sinn gehabt, doch nun schien es, als lie├če ihn diese Magie nicht mehr los. Sogar in seinen Tr├Ąumen verfolgt sie ihn, und kurz darauf steht ein leibhaftiger Istari vor ihm.

Lange Sekunden verstrichen, w├Ąhrend Emra ├╝ber diesen Namen gr├╝belte. Er wu├čte, da├č irgendeine Macht ihn ausgew├Ąhlt hatte. Zuerst die Erscheinung am Pa├č, die seltsamen Tr├Ąume, die ihn in Burg der Magier f├╝hrten und in seltsame L├Ąnder, in denen noch die sagenhaften Elbenschmiede lebten. Und nun steht doch tats├Ąchlich ein Zauberer vor ihm und nannte ihn Besch├╝tzer von Mittelerde, was eine hohe Auszeichnung, wenn nicht sogar vollkommener Unsinn, war!

"Nun?", fragte Emra, dem im Moment nichts passendes einfiel, so ├╝berrumpelt kam er sich vor.

"Ich verstehe Euch und Eure ├ťberraschung, werter Emra! Auch ich glaubte meine Jahre woanders verbringen zu k├Ânnen, doch das B├Âse in unserer Welt ist noch nicht besiegt. Sauron verlor die letzte Schlacht und sein Meisterring ging f├╝r immer verloren. Die anderen Ringe jedoch waren ├Ąlter als der Eine. Ihre Macht war gut, und sie besteht bis zum heutigen Tag. Das war ein Punkt, in dem sich damals alle irrten. Die Macht der Ringe erlosch nicht durch die Zerst├Ârung des Einen. Doch die Bewohner von Dawnia machten einen weiteren Fehler! Sie glaubten an die endg├╝ltige Vernichtung des schwarzen Herrschers. Doch Sauron wurde nur die Mittel entzogen, der Geist des B├Âsen Valar lebt weiter. Und er ist m├Ąchtiger als je zuvor. Wieder hat er sich Diener geschaffen, die das Land bedrohen, Orks, Balrogs, Drachen und viele Wesen mehr! Ja, seine Macht ist so gewaltig wie nie! Selbst ich kann mir kaum vorstellen, wie ein paar kleine Sterbliche dieser Gewalt widerstehen k├Ânnen! Doch noch gibt es freie und mutige Zwerge, m├Ąchtige Elben, w├╝tende Menschen aus Acrelon und den St├Ądten im Norden, noch gibt es das lustige Volk der Hobbits, und noch immer gibt es einige wenige aus unserem Orden. Wir sind alt und vergessen - doch noch immer gibt es uns! Gestern ist die Tochter der Elbenk├Ânige aus der Stadt der Menschen verbannt worden, und nun ist es an uns, zu verhindern, da├č sie Orks in die H├Ąnde f├Ąllt. R├╝stet Euch, wir werden sofort aufbrechen, um uns mit anderen Freunden zu treffen, die alle dem B├Âsen die Stirn bieten wollen!" Ithyn sprach leise aber eindringlich, und Emra wagte nicht, an der Wahrheit der Worte zu zweifeln. Tats├Ąchlich hatte auch er bemerkt, da├č sich wieder mehr Orks in den dunklen W├Ąldern herumtrieben und da├č die Bergp├Ąsse immer unsicherer wurden. Es regte sich etwas im Land und Emra z├Âgerte nicht, dem Zauberer zu folgen. Alles w├╝rde er zur Verteidigung des Landes seiner V├Ąter geben.

"So la├čt uns gehen!", sprach er darauf, schnallte sich noch seinen G├╝rtel um, der genau wie seine M├╝tze tiefblau schimmerte. Er heftete sich Gorthing daran und folgte der blauen Gestalt des Zauberers, der sich f├╝r sein Alter ├╝berraschend schnell bewegte.

Sie gingen rasch die schmale Treppe hinunter, huschten vorbei an der T├╝r, die in die K├╝chenr├Ąume f├╝hrte, wo gerade das Fr├╝hst├╝ck f├╝r die G├Ąste zubereitet wurde, und verlie├čen die Burg der W├Ąchter durch den hinteren Eingang. Emra wollte gleich weiter in Richtung Hodru-Pa├č eilen, doch der Druide hielt ihn zur├╝ck. Wortlos zeigte er auf Gumnion, der ruhig im Tor stand und der Pracht des aufgehenden Sonnenschiffs zusah. Er hatte die beiden dunklen Gestalten noch nicht bemerkt, die nun hinter seinem R├╝cken vorbei zu den Stallungen und weiter zu den Wiesen dahinter wollten. Doch das Wiehern eines unruhigen Pferdes vereitelte die Aktion. Gerade war Ithyn Luin in den St├Ąllen verschwunden, als der st├Ąmmige Zwerg sich umdrehte und Emra mitten auf dem Hof erblickte.

"Wohin so eilig?", rief Gumnion, und Emra wu├čte sofort, da├č er den erfahrenen K├Ąmpfer nicht umgehen oder ihm ausweichen konnte, also entschlo├č er sich, ihn einzuweihen.

"Werter Gumnion, gut da├č ich Euch treffe. Es geht um unser Gespr├Ąch von gestern Abend. Ich hatte recht. Das Leuchten im Pa├č war wirklich magischer Natur, und die Dinge stehen schlecht um die Welt von Dawnia. Sauron wurde im gro├čen Ringkrieg nicht get├Âtet. Sein Geist lebte weiter, und er r├╝stet sich zu einem weiteren Kampf. Wie das alles zusammenh├Ąngt, und woher ich das nun so schnell wei├č, kann ich Euch nicht erkl├Ąren, denn ich bin sehr in Eile. Gumnion! Ich bitte Euch, seid wachsamer als je zuvor und r├╝stet Euch und Eure Truppen f├╝r einen Kampf, zu dem es hoffentlich nie kommen wird. Sobald ich weitere Informationen habe, werde ich es Euch wissen lassen." Emra war kaum fertig, als er auch schon in den flachen Anbau der Burg verschwand, um ihn auf der anderen Seite wieder zu verlassen und dem Magier zu folgen.

Gumnion hingegen war total ├╝berrascht von der Rede Emras, doch als ein erfahrener Truppenf├╝hrer sah er sofort, da├č dieser junge Ranger jedes Wort ernstmeinte, und so beschlo├č er, zumindest wachsam zu sein und seine Leute ein wenig zu mobilisieren.

In Gedanken versunken, die sich alle um den gro├čen Ringkrieg drehten, wandte Gumnion sich langsam dem Wirtsraum und einem guten Fr├╝hst├╝ck zu.

Derweil war Emra schon ein gutes St├╝ck auf den Wiesen im Hinterland gelaufen, doch von dem alten Mann war keine Spur zu entdecken. Aufmerksam suchte Emra nach F├Ąhrten, doch nicht das geringste war zu sehen. Verwundert sah Emra sich um und fragte sich, ob sich Ithyn Luin in Luft aufl├Âsen konnte, und tats├Ąchlich schien es so zu sein. Emra sah ein, da├č es sinnlos war, in irgendeine Richtung zu laufen, er w├╝rde den Alten nie finden oder gar einholen, denn trotz der enormen Kondition der Zwerge war dieser Mensch schneller und seine Schritte ma├čen zwei der seinen. Also wandte sich Emra wieder der Burg zu, um sich nochmals mit Gumnion zu besprechen, doch er kam nur wenige Schritte weit, als sich pl├Âtzlich ein Rauschen in der Luft erhob, das wie von Fl├╝geln eines gewaltigen Vogels klang. Erschrocken sah der Zwerg nach oben und fiel vor ├ťberraschung fast der L├Ąnge nach hin. Ithyn Luin, der Magier, war wiedergekommen - auf einem Fabeltier, das Emra nur aus uralten Geschichten kannte und an die nicht einmal mehr seine Vorfahren geglaubt hatten; die blaue Gestalt des Druiden sa├č auf einem wei├čen Pferd mit Fl├╝geln, einem Pegasus.

Emra war v├Âllig au├čerstande irgendetwas zu tun, geschweige denn, zu sagen, so ├╝berw├Ąltigt war er von der grazilen Sch├Ânheit und der scheuen Anmut des Pferdes, das gerade wenige Schritte von ihm auf der Erde landete und mit angelegten Fl├╝geln auf Emra zulief.

"Kommt, Emra!", lachte der Magier, und mit einer schnellen Bewegung beugte er sich zu dem Zwerg hinab und hob ihn mit einer Hand hinter sich auf den R├╝cken des Pferdes, so als ob Emra ein Grashalm w├Ąre. Geblendet von der Sch├Ânheit des Tieres und der gewaltigen und unvermuteten Kraft des blauen Reiters, klammerte sich Emra schnell an Ithyn Luin fest, um nicht von Pferd zu fallen, als dieses - scheinbar m├╝helos - die Fl├╝gel ausbreitete und sich nach wenigen Schritten schnell in die L├╝fte erhob.

Kurze Zeit sp├Ąter waren Ithyn Luin und Emra schon ├╝ber den Waldh├Ąngen, die die s├╝dliche Abgrenzung zum Hodru-Pa├č bildeten. Erst jetzt wagte der Zwerg einmal kurz, die Augen zu ├Âffnen, doch nach einem kurzen Blick nach unten bereute er dies schnell. Krampfhaft schlo├č er die Augen und suchte nach einem festen Halt, bis er zuf├Ąllig sein Kristallschwert Gorthing ber├╝hrte und er pl├Âtzlich neuen Mut fa├čte und sogar fast ├╝berm├╝tig mal hierhin und dorthin sah. Hin und wieder erkannte er einen markanten Punkt in der Landschaft, die von oben so friedlich und still aussah, und erkannte, da├č sie sich mit gro├čer Geschwindigkeit in s├╝dwestlicher Richtung bewegten; dorthin, wo die Stadt der Menschen, Acrelon, lag.

Ende des f├╝nften Kapitels
to be continued...


Heinz-G├╝nter Weber

"Die Sagen von Dawnia" im ├ťberblick:
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