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”UNDERGROUND EMPIRE 4”-Datasheet

Contents:  Acrelon-"Die Sagen von Dawnia"-Kapitel

Date:  1991 (created), 11.05.2010 (revisited), 22.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 4

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Wie unschwer zu erkennen, beginnen sich die einzelnen Handlungsstränge zu verweben, was die Spannung deutlich erhöht. Schade nur, daß wir den Ausgang der Geschichte nie erfahren werden.

In optischer Hinsicht gab es eine Steigerung im Vergleich zu den vorhergehenden Ausgaben: War bis dato immer das von einem alten Programm aus Commodore 64-Tagen mit Neunnadeldrucker zurechtgetackerte "Die Sagen von Dawnia"-Logo verwendet worden, das nicht wirklich schick aussah, hatte nun Wolfgang Müller, der Reprofachmann in unserer Druckerei die Idee gehabt, daß er bei Letraset einen Bogen mit Rubbelbuchstaben vom entsprechenden Schrifttypus bestellte, aus dem wir dann mit Hilfe von Millimeterpapier das Logo zusammenrubbelten. Ja, das ist der Technik bei den Rubbellosen nicht völlig unähnlich, war damals aber für spezielle Schriften aber eine durchaus übliche Vorgehensweise, denn ein CorelDraw, bei dem eine Handvoll Schmuckschriften enthalten waren, sollte noch etwas auf sich warten lassen. Und da Letraset der Platzhirsch schlechthin in Sachen Schrift war, ließen sie sich solchen einen Bogen natürlich fürstlich bezahlen. Kann man sich in Zeiten, in den man sich ganz legal Tausende kostenlose Schriften von irgendwelchen Webseiten runterziehen kann, eigentlich gar nicht mehr vorstellen...

Supervisor:  i.V. Stefan Glas

 
 

Titel: Die Sagen von Dawnia

Acrelon

Es war dunkel im großen Saal der Burg von Acrelon. Der Wächter hatte schon lange den neuen Tag verkündet, doch noch immer stand der Fürst von Acrelon, Cramon, an dem offenen Fenster und blickte auf seine Stadt herab. Hinter ihm lag der Saal, in dem am Tage die Stadt regiert wurde, die Steuern vereinnahmt, Urteile gefällt und alle Entscheidungen getroffen wurden. Vor vielen Jahren, als es noch einen König der Menschen gegeben hatte, wurde dieser Saal auch als Thronsaal benutzt. Es war ein prachtvoller Saal, doch in der Nacht war er dunkel und kalt, kein Leben erfüllte ihn, und eine fürchterliche Stille lag wie ein Tuch auf ihm. Cramon liebte diese Stille. Er mochte es, ungestört auf Acrelon herabzusehen, die frische Nachtluft zu atmen und alleine zu sein. Er mochte die Dunkelheit, und er kannte sie gut. Vor wenigen Monaten war das noch anders gewesen. Cramon war damals ein fröhlicher Mann, zweiundvierzig Jahre und kräftig gebaut. Er war von den Bürgern geschätzt und von den anderen Ratsmitgliedern und Fürsten geachtet worden. Oft machte man ihm Geschenke, doch nie ließ er sich davon in seiner Gerechtigkeit beeinflussen. Doch das war lange her. Etwas hatte ihn verändert, etwas, wovon nur er wußte - und sein Herr - etwas, das ihm Macht verlieh, das ihn zum obersten Herren der Stadt und der ganzen Welt von Dawnia machen sollte. Es war vor vier Monaten gewesen, als der Fremde kam. Es war ein dürrer, alter Mann, gezeichnet von der Arbeit und der Last, die er zu tragen hatte. Er ging gebeugt, tiefe Falten überzogen seine ganze Haut. Er ging schwer gestützt auf seinen Stab, doch kam er nur langsam voran, denn er hatte eine Schatulle bei sich. Am Nordtor der Stadt hatte er um Einlaß gebeten. Er sei ein Bauer von draußen, vor der Stadt, und habe ein Geschenk für Fürst Cramon, sprach er. Die Wachen kannten den Alten nicht, doch er schien so schwach und dem Tode nah, daß sie ihn nahmen und zum Fürsten brachten. Cramon war überrascht, einen Fremden von draußen zu sehen, denn er hatte nie so recht glauben wollen, daß es da auch Menschen gab, die Tag und Nacht vor den Toren der Stadt leben. Ausgeliefert den Gefahren der Wildnis und des Unbekannten. Interessiert bat er damals den Mann zu sich in sein Gemach, um ungestört mit ihm reden zu können. Doch der Alte war nicht sehr gesprächig. Er trug einen dunklen Umhang, und seine Kapuze war tief in das narbige Gesicht gezogen. Nur leise sprach der Alte dann:

"Herr, Fürst Cramon von Acrelon! Das Volk liebt Euch, die Maiden verehren Euch, ein jeder Mann achtet Euch, denn Ihr seid ein Mann der Gerechtigkeit und Macht. Deshalb habe ich mich entschlossen, Euch dies zum Geschenk zu machen. Es ist alles, was ich habe, und mein Leben hängt daran. Doch ich bin alt, und mir fehlt die Kraft, es weiterhin zu besitzen. Ihr seid jedoch ein junger kräftiger Mann, der nach oben strebt und mein Geschenk sehr wohl gebrauchen kann. Nehmt es und tragt es, verehrter Fürst Cramon!"

 

Cramon war verwirrt, und nur zögernd nahm er die Schatulle entgegen und öffnete sie. Es war ein einfaches mit Eisen beschlagenes Holzkästchen, von einfacher Handwerkskunst gearbeitet und nichts wertvolles war an ihm. In dem Kästchen jedoch befand sich eine Kette, aus wertvollen Edelsteinen gefertigt, in der Mitte ein sehr großer Stein, der tief in seinem Innern zu leuchten schien und sieben schwarze Edelsteine zu jeder Seite. Die Steine waren in edlem Mithrilsilber gefaßt und wurden von einem fein gesponnenen Goldfaden zusammengehalten. Voller Staunen und Überraschung erstarrte Cramon, und lange danach erst griff er nach dem Geschenk und ließ es durch seine Finger gleiten. Die schwarzen Steine funkelten matt im Schein der Sonnem, und der große Stein erstrahlte in einem blendenden Weiß, und Cramon war von der Kunst und Schönheit entzückt.

 

Tragt es! Und ehrt seinen Künstler und alle die Euch dienen werden!" sprach darauf der Alte und ging schweren Schrittes von dannen. Seit dieser Zeit ward er nirgendwo mehr gesehen, selbst die Stadtwachen an den Toren schworen, daß er nicht die Stadt verlassen habe, doch niemand fand ihn, und Cramon war traurig, dem Alten nicht auch ein Geschenk machen zu können.

Also behielt er die Schatulle mit der Kette und immer noch unsicher, ob er dies Geschenk annehmen konnte, beriet er sich mit Fürst Rocklafor, und der überzeugte ihn, daß es als Geschenk für ihn gedacht war und er dem Alten nicht mehr Ehre erweisen könne, als die Kette zu tragen. Also nahm Fürst Cramon die Kette, und Fürst Rocklafor legte sie ihm um.

 

In demselben Augenblick ging mit Fürst Cramon die seltsame Verwandlung vor sich. Seither sah ihn niemand mehr fröhlich lachen, er lebte zurückgezogen, mied jeden Kontakt und verbrachte viele Nächte damit, aus dem Fenster der Burg zu sehen, hinaus in die tiefschwarze Nacht. Die anderen Ratsmitglieder waren zuerst nicht sonderlich besorgt, ein junger Mann brauchte hin und wieder auch Ruhe und Zeit für sich selbst. Doch Cramons Wesen hatte sich verändert: Der Frohsinn war verschwunden und hatte einem dunklen Schatten auf Cramons Gesicht Platz gemacht. Auch mit der beim Volk so beliebten Gerechtigkeit des Fürsten war es vorbei; immer häufiger traf er Entscheidungen, die den Rat bestürzten und das Volk entsetzten. Nach und nach hatte Fürst Cramon die Macht an sich gerissen, was kein Problem gewesen war. Durch seine Beliebtheit hatte schon früher die anderen Räte in den Hintergrund gedrängt und so quasi die Herrschaft übernommen. Viele der alten Ratsmitglieder waren freiwillig zurückgetreten, bei anderen mußte er ein wenig nachhelfen. Zum Schluß war nur noch er und dieser Rocklafor übrig. Rocklafor - er war früher sein Lehrer gewesen, der ihn die Gerechtigkeit und die Redekunst lehrte und ihm in allem ein Freund war. Er hatte Cramon am längsten getraut und ihn vor den Ratsmitgliedern zu schützen gesucht, die Ihn absetzen wollten, doch nun sah auch Fürst Rocklafor ein, daß Cramon sich verändert hatte, als läge ein böser Fluch auf ihm, und so stellte er ihn eines Tages zur Rede. Doch Cramon verweigerte Rocklafor die Aussprache und befahl stattdessen, ihn festzunehmen, da er ihn stürzen wolle. Doch die Wachen wollten sich weigern, den alten Fürsten in einen dunklen Kerker in den Festen der Burg zu stoßen, also griff Cramon zum Schwert und trieb seinen früheren Freund selbst in die Verliese.

 

Nun war er der König von Acrelon. Er hatte sich eine eigene Armee aufgebaut und die schlich Tag und Nacht durch die Stadt, um die vielen Gesetze und Verbote zu überwachen, die König Cramon erlassen hatte. Wer es wagte, sich gegen ihn zu stellen, bezahlte mit dem Tod - oder schlimmer noch, mit der Brandmarkung und der Verbannung!

Erst heute hatte er das letzte Mitglied des Clans der Rocklafors verbannt. Hatte diese Tochter des Fürsten Rocklafor, Ila, ihn doch beschuldigt, ihren Vater umgebracht zu haben. Ein hämisches Lächeln verzerrte sein Gesicht: Nein: Die Rocklafors lebten! Eingemauert in den Festen der Burg.

Ja, die Stadt war gereinigt, und alles gehorchte auf seinen Befehl oder ertrug seine Herrschaft. Nur ein einziger Mann war noch auf freiem Fuß, der ihm vielleicht gefährlich werden konnte: Der Mann von Ila Rocklafor - oder Lothion, wie sie ja nach ihrer Heirat mit diesem Garth hieß. Doch die Stunden seiner Freiheit waren gezählt. Gleich am Morgen würde er seinen Soldaten den Befehl geben, ihn festzunehmen. War er doch der Mann einer Hexe, die ihn, Fürst Cramon von Acrelon, beleidigt und eines Verbrechens beschuldigt hatte. Bestimmt hatte sie auch ihren Mann verhext und bestimmt würde auch er ihn beschuldigen wollen, Ilas Eltern umgebracht zu haben. Doch morgen früh ist dem ein Ende gesetzt, und die gesamte Stadt dient allein Fürst Cramon oder widersetzt sich zumindest seinen Befehlen nicht.

Doch auch er war nur Diener, denn einer befehligte auch ihm, einer der viel zu lange Zeit geschwiegen hatte. Es war die Stimme des Bösen, die zu ihm sprach. Er war ihr immer verbunden und konnte immer seinen Meister hören, der aus der Dunkelheit sprach, die Cramon Tag und Nacht umfing. Er würde nicht im Wege sein, wenn der Meister kam, um auf der Welt von Dawnia seine Herrschaft aufzubauen; er wird erkennen Freund und Feind, und ich werde zu den Freunden gehören, zu den Wegbereitern seiner Herrschaft!

Nur zaghaft erhob sich die Sonne über die Hänge der Berge und erhellte den neuen Tag.

 

Die rotglühende Sonne verschwand langsam hinter der prächtig erbauten Festung von Acrelon. Ein lauer Abend kündigte sich an, und die große Menschenmenge, die sich versammelt hatte, um die Brandmarkung der Hexe mitzuerleben, löste sich langsam in kleine Grüppchen auf, die schwatzend nach Hause strebten. Viele schwarzgekleidete Soldaten beobachteten das Volk, das nun ruhig den kreisrunden Marktplatz verließ, der direkt unterhalb der eigentlichen Festung, dem Schloß und Regierungssitz von Acrelon, lag.

Auch Garth Lothion lenkte seine Schritte in Richtung seines kleinen Hauses, das er nun allein bewohnen mußte, da seine Frau soeben von dem Volk gebrandmarkt und verbannt worden war. Langsam erwachte er aus seinem Trancezustand, in den er sich hineingesteigert hatte. Es hatte eigentlich alles ganz harmlos angefangen:

Ilas Vater war ein angesehener Fürst im Rat der Stadt gewesen, der sich in letzter Zeit immer mehr aufgelöst hatte, da dieser Fürst Cramon sich als Führungsperson durchgesetzt hatte. Zunächst nahm niemand daran Anstoß, denn Cramon war beliebt bei Volk und Herrschern und viele der anderen Fürsten unterstützten ihn, doch plötzlich verschwand ein Fürst nach dem anderen aus der Regierung, viele zogen sich zurück, andere verschwanden ganz aus der Stadt. Niemand weiß, wo sie heute sind. Garth war das auch egal, und er hätte sich nicht darum gekümmert, wenn nicht Ilas Vater auch einer dieser Fürsten gewesen wäre. Dieser Fürst Rocklafor war einer der letzten, die noch zusammen mit Cramon regierten, doch eines Tages verschwand auch Rocklafor. Niemand wußte wohin. Cramon sagte, er wäre morgens nicht zum Rat gekommen, doch Ila wußte, daß er zur Burg gegangen war. Seit jenem Tag war Noclaf Rocklafor verschwunden, und Ila war überzeugt, daß Cramon ihn umgebracht hatte, um sich den Weg zum König zu ebnen - und er hatte es geschafft. Cramon war König, und niemand war da, der ihn daran hinderte, Gesetze zu erlassen, die das Volk erpreßten und die Würde der Menschen verachteten. Und so beschloß Ila, Cramon öffentlich anzuklagen, für seine Taten und seine Gesetze.

Nur wenige Stunden später fand sie sich auf dem Marktplatz wieder, geschlagen, gefesselt, die Kleider zerrissen. Voller Angst aber auch voller Entschlossenheit hatte sie ihn angesehen, als sie das Mal auf die Stirn gebrannt bekam. Ila hatte vor Schmerz aufgeschrieen, doch die Menge schrie noch lauter:

"Hexe, Hexe, raus aus unserer Stadt! Hexe, Hexe!"

Man zerrte sie vom Platz, schlug sie, riß ihr die Kleider vom Leib und trieb sie vor die Tore der Stadt, die mit einem dumpfen Knall zufuhren und Ila der Wildnis preisgaben. Die Menge strömte wieder zum Platz zurück und feierte ausgelassen. Auf der Stadtmauer jedoch stand die Schwester Ilas, die sie nie gekannt hatte, und warf Ila ein Sack mit Kleidern, einem Messer und ein wenig Nahrung zu, um dann wieder unter dem Volk zu verschwinden. Ihre Zeit würde kommen - jetzt war es nicht an der Zeit aufzufallen!

Auf dem Platz war inzwischen Dunkelheit, und Garth' Gesicht wurde nur von einer Fackel erhellt, die einsam brannte. Die Tränen konnte niemand sehen, doch sie brannten sich tief in sein Herz, und nie vergaß er den Schmerz, den er empfand, als ihn Ilas Blick traf, als sie gebrandmarkt wurde. Auch er wollte schreien, doch er war wie versteinert gewesen, und noch immer konnte er es nicht begreifen, was geschehen war. Diese Nacht lag Garth wach und weinte bitterlich.

Die Nachricht von Ilas Verbannung sprach sich sehr schnell herum. Viele Ohren in der Stadt, an der hohen Stadtmauer, aber auch vor den Toren von Acrelon hörten diese Geschichte über die Verbannung der Tochter von Noclaf Rocklafor, dem verschwundenen Fürsten. Viele freuten sich darüber, daß mal wieder ein Mädchen als Hexe entlarvt worden war, vielen tat Ila aber auch sehr leid: Ila war immer ein offenes, freundliches Wesen mit vielen Freundinnen gewesen, und diese Mädchen hielten noch immer zu ihr. Einige Wesen jedoch, die in Acrelon völlig unbekannt waren, waren sehr bestürzt über das Ereignis, packten so schnell als möglich ihre Bündel und machten sich noch in der selben Nacht auf den Weg nach Acrelon, um zu retten, was zu retten war.

Sie waren jedoch nicht die einzigen, die in der Nacht unterwegs waren: Drei dunkle Gestalten schritten lautlos durch den Wald nördlich der Stadt und würden in kurzer Zeit die Tore Acrelons erreichen.

 

Für die Torwächter war es eine ruhige Nacht. Die Bürger der Stadt schliefen fest, und die Sterne strahlten auf die friedvolle Stadt hernieder. Die vier Wächter hätten schwören können, daß niemand die Stadt betreten oder verlassen hatte. Doch sie waren im Unrecht. Gleich fünf Gestalten, in dunkle Umhänge gekleidet, überkletterten die hohe Stadtmauer, schlichen dicht an den Hauswänden durch die dunkelsten Gassen, vorbei an ahnungslosen Wachen, um einem Stadtbewohner einen Besuch zu machen, mit dem er mit Sicherheit nicht gerechnet hatte.

Es war noch vor Tagesanbruch, als Garth durch ein dumpfes Pochen an der Tür aus seiner Trauer gerissen wurde. Schnell wusch er die Tränen aus seinem Gesicht und öffnete, immer noch im Nachtgewand, die Tür. Ein Mensch, ein riesiger Mensch, bestimmt sieben Fuß hoch, eingehüllt in ein tiefblaues Gewand, stand davor. In seiner rechten Hand, die zwar knochig schien, aber dennoch von einer großen Kraft beseelt war, trug der Fremde einen Stab. Eigentlich war es vielmehr eine lange Wurzel, die dem Mann als Stütze diente. Doch der Mann schien keine Stütze zu brauchen, er war ganz offensichtlich sehr kräftig und hatte eine Ausstrahlung die Garth die Sprache verschlug.

"Was ist Euer Begehr?" brachte er nach einigem Schlucken hervor, und er versuchte, so höflich wie möglich zu sein. Doch der Fremde antwortete nicht gleich, sondern maß Garth mit tiefgrünen Augen von Kopf bis Fuß, so daß es ihm unter dem Blick ganz unbehaglich wurde.

"Du bist Garth Lothion!" stellte der Fremde fest.

"So ist es - doch wie ist Euer werter Name?" fragte Garth rasch zurück, um sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen. Woher kannte der Riese ihn? Er hatte diesen Fremden noch nie in der Stadt gesehen, und als Waffenschmied kannte er so ziemlich jeden Mann in Acrelon. Doch der Unbekannte gewährte Garth keine Antwort. Er stellte ihm sogar noch eine Frage:

"Wo ist Ila Rocklafor?"

"Ich weiß es nicht", brachte Garth hervor, verwundert über den Fremdling, der hier scheinbar jeden kannte, und vom Schmerz der Erinnerung an Ila getroffen. "Verbannt! Draußen vor der Stadt! Im Wald? Irgendwo da draußen! Allein..." Tränen schimmerten in Garth' Augen.

"Diese Narren!" fauchte der Fremde, machte auf dem Absatz kehrt und verschmolz nach wenigen Schritten mit den Schatten der engen Straße.

Verwirrt sah Garth der merkwürdigen Gestalt nach. 'Es gibt schon merkwürdige Sachen. Mitten in der Nacht kommt schon jemand, der nach dem Aufenthaltsort von Ila fragt, uns Narren schimpft und dann mir nichts, dir nichts verschwindet. Es würde mich interessieren, wie er es geschafft hat, sich so gut in den Schatten zu verbergen. Schon auf der anderen Straßenseite konnte ich den Kerl einfach nicht mehr sehen! Seltsam.'

Garth schlurfte wieder in die Küche zurück, um sich endlich anzuziehen, als es, nun schon zum zweiten Mal in dieser Nacht klopfte. Mit einem mißfälligen Brummen, wandte sich Garth wieder der Tür zu und dachte:

'Wenn das nochmal der Riese von vorhin ist, werde ich ihm gehörig die Meinung sagen! Narr! Ha!'

Schon einige wohlgewählte Worte auf der Zunge, riß Garth die Tür auf und erstarrte. Es war nicht der Riese. Im Gegenteil, ein ziemlich dickes Männchen von maximal vier Fuß Höhe stand davor. Hätte es keinen Bart getragen, und wäre es nicht so kräftig gewesen, hätte man glauben können, ein kleiner Junge wollte Garth einen Streich spielen, doch dem war nicht so. Es war kein Streich, und der Junge war auch nicht jung; für menschliche Maßstäbe war er sogar ziemlich alt. Sein Gesicht war rund, doch seine Züge scharf geschnitten. Die flinken schwarzen Augen musterten Garth ziemlich genau, und er kam sich ziemlich dumm vor, da er nun schon zum zweiten Mal angesehen wurde, als wäre er einer der sagenhaften Druiden!

"Was willst Du, Kleiner?", fragte Garth nun weniger höflich.

"Ein kleines Gespräch, werter Herr Lothion, wenn es Euch nichts ausmacht. Doch erlaubt, daß ich mich zuerst vorstelle: Mein unbedeutender Name ist Forin! Ich möchte nicht unhöflich sein, doch ich habe einen langen, schwierigen Weg hinter mir, und so erlaube ich mir die Frage, ob es wohl möglich sei, unsere kleine Unterhaltung bei einem Krug Bier in Eurem Haus zu führen?" sprach der kleine Mann in einer klaren aber tiefen Stimme.

"Tretet ein, Meister Forin, und nehmt dort in der Küche Platz. Aus besonderen Gründen muß ich selbst für unser leibliches Wohl sorgen. Ich bitte daher, mich einen Moment zu entschuldigen."

Der Fremde nickte wohlwollend und Garth verschwand im Nebenraum, zog sich ein Gewand an, holte Bier und richtete darauf in der Küche ein kleines, aber kräftiges Frühstück. Dann eilte er, wieder zu dem freundlichen Gast zu kommen. Dieser saß inzwischen bequem am Tisch in der Eßecke und sein graubrauner Umhang hing auf dem Stuhl neben ihm. Garth stellte das Mahl auf den Tisch und sagte:

"Greift zu, Herr Forin, und seid mein Gast. Fühlt Euch wie zu Hause! Auch ich habe noch nichts gegessen, und so werde ich mir erlauben, mit Euch zusammen zu frühstücken."

Er hob seinen Krug und trank einen kräftigen Schluck. Auf dem rauhen Gesicht des Fremden erstrahlte ein freundliches Lachen, und ohne weitere Worte verspeiste er das ihm angebotene Frühstück. Danach erhob auch er seinen Krug, murmelte eine Worte in einer rauhen, kehligen Sprache, die Garth völlig fremd war, und trank in einem Zug aus. Forin hatte den überraschten Ausdruck bemerkt, den Garth machte, als er die Worte hörte und erklärte:

"Die Worte, die ich eben sprach, heißen übersetzt: Möge die Fahrt, die wir antreten, unter einem guten Stern stehen!"

Nun war Garth noch verwirrter als vorher und so fragte er:

"Welche Fahrt meint Ihr? Und wer geht auf Reisen?"

"Ihr!", meinte Forin, "und ich! Und zwei, drei Gefährten!"

"Ich? Wie kommt Ihr darauf, daß ich die Stadt verlassen will? Und wohin? Und was red' ich überhaupt, warum sollte ich fortgehen wollen?" rief Garth nun verärgert. Doch Forin antwortete nicht gleich.

"Cramon hat Eure Frau verbannt! Ist Euch denn nicht klar, was für ein Unglück das ist? Nein, wahrscheinlich glaubt Ihr, sie war eine ganz normale Frau gewesen. Aber bei den Schwertern, sie war keine normale Frau, sie war Ila, oder Eâlaf, wie wir sie nennen. Wenn ein Wesen auf ganz Dawnia es nicht verdient hat, verbannt zu werden, da ist das Eâlaf!"

Garth war sehr verwundert über die Worte Forins und fragte zaghaft:

"Wer seid Ihr, und was seid Ihr, daß Ihr solche Worte sprecht?"

Da stand Forin auf und ein reich verziertes Schwert blinkte in der aufgehenden Sonne, die die ersten Strahlen durch das Fenster warf.

"Ich bin Forin, Sohn des Andulin und ein Freund des Emra, dem Rangerlord der Ranger von weißen Stein, der der Sohn von Emura Balidor ist. Ich bin Forin, der Abgesandte der Zwerge, die Emra und mich in Euer Land sandten, als wir erfuhren, daß Eâlaf verbannt wurde. Ich bin Forin, der sich mit den Abgesandten der Völker hier bei Euch treffen soll, um auf Sagamir zu warten, der unsere Gruppe leiten wird!"

Bei dieser Rede erstrahlte Forin förmlich, und eine würdevolle, königliche Aura umgab ihn, und wahrlich, Forin stammte aus königlichem Geblüt, denn als das alte Herrschergeschlecht ausgestorben war, wurde Emafur König der Zwerge, dessen Sohn Emdulin II. wiederum Andurin zum Sohn hatte. Dieser trug damals den Namen "Der Kahle", denn er trug keinen Bart. Andurins Nachkomme war jedoch Andulin, Forins Vater!

Garth starrte den Zwerg entsetzt und ehrfürchtig an und wußte gar nicht, wie er sich zu verhalten hatte, doch Forin setzte sich wieder und sein majestätischer Ausdruck ging ein wenig verloren. Garth brachte ihm noch einen Krug Bier, und Forin nahm einen kräftigen Schluck. Mit einem gewinnenden Lächeln meinte dann der Zwerg:

"Garth, Ihr solltet mit uns nach Ila suchen! Denn sie ist nicht die Tochter von Noclaf Rocklafor, sie ist ja nicht mal ein Mensch, auch wenn Euch das zu glauben schwerfällt - und sie ist überaus wichtig für Dawnia. Ich bitte Euch, bewaffnet Euch und folgt mir, Sagamir und den anderen Gefährten. Gemeinsam werden wir Ila finden und sie vor der Wildnis und den Schergen des Todes bewahren."

Garth, der nun vollends überzeugt war, daß Forin nicht seine Ila meinen konnte und daß hier nur ein großes Mißverständnis vorlag, seufzte erleichtert auf und begann, Forin zu erklären, daß Ila sehr wohl die Tochter von Noclaf Rocklafor sei, geboren am siebenundsiebzigsten Tag des Midjahres 546 der Zeitrechnung nach dem Krieg von Frau Emalinde Rocklafor. Sie war damals - für jeden sichtbar - schwanger gewesen, und sie gebar ein Kind, das sie bei der Taufzeremonie Ila nannte. Und diese Ila, seine verstoßene Frau, war daher genau wie ihre Eltern ein Mensch. Wenn überhaupt etwas geheimnisvolles an Ilas Geburt war, dann war das der plötzliche Tod Emalindes, die nur wenige Tage nach der Geburt starb. Doch seit der Geburt Ilas war sie bettlägerig gewesen, und viele Mütter starben im Kindbett. Wenig später nahm dann Noclaf Malusa zur Frau, mit der er bis zu seinem Verschwinden zusammengelebt hat. Ila wußte nicht, daß Malusa nicht ihre leibliche Mutter war, denn sie sorgte sich um Ila wie um ein eigenes Kind, und Ila liebte sie dafür. Garth jedoch hatte dies alles von seinem Vater erfahren.

Forin hörte Garth interessiert zu, und doch war er nicht zu überzeugen! Im Gegenteil, er begann nun seinerseits, Garth zu überzeugen:

"Wohl glaubt Ihr, was Ihr soeben gesagt habt, und wahrlich, es hat den Anschein, als sei dies alles so passiert! Doch ein guter Freund, der ehrenwerte Meister Emilorn, ein Kundiger in der Wissenschaft der Heilung, der, wie Ihr wißt, bei Ilas Geburt anwesend war" - Roff nickte zustimmend - "berichtete mir die merkwürdige Begebenheit, wie ich sie nun Euch berichten werde:

Frau Emalinde war hochschwanger und nur noch wenige Tage von ihrer Niederkunft entfernt, als unerwartet ein großer, alter Mann kam, ihr ein neugeborenes Kind brachte und sie bat, es als ihr eigenes anzunehmen. Zurecht sagte der Fremde, daß es niemand wundern würde, wenn sie zwei Kinder gebäre. Emalinde sah das Kind, und es war so voller Liebreiz, daß sie es vom ersten Augenblick an so liebte wie ihr eigenes, das nur wenige Tage später das Licht von Dawnia erblickte. Noch an diesem Tage fand die Zeremonie der Namensgebung statt und Emalinde nannte das Kind Ila, wie es ihr von dem alten Mann aufgetragen worden war. Niemand merkte damals, daß Emalindes eigenes Kind noch nicht geboren war, da sie kränkelnd im Bett lag. Bei der Geburt ihres eigenen Kindes Dahliah jedoch starb sie. Dahliah wurde von Emilorn zu Pflegeeltern gebracht, die sich um sie kümmerten. Im Gegensatz zu Ila wußte Dahliah jedoch von den Begebenheiten und von Ihrer Herkunft, und sie war es auch, die Ila den Beutel zuwarf, der sie hoffentlich mit dem nötigsten versorgt, bis wir sie finden. Ila lebt noch, und sie darf nicht sterben, und wir haben die Aufgabe sie zu retten. Dahliah hat schnell reagiert und Sagamir und mich informiert und so werden wir noch heute aufbrechen, Ila zu suchen."

Nun sah Garth ein, daß Forin recht haben könne, doch noch immer war ihm unklar, was denn an Ila so besonderes sei, daß Wesen aus ganz Dawnia, an deren Existenz Garth nicht einmal geglaubt hatte, nach ihr suchen wollen.

Forin erklärte:

"Ila ist eine Elbin! Sie ist jedoch nicht irgendeine Elbin, sie ist die Tochter von Famalar und Regun, den Herrschern des Elbenvolkes. Ila wurde von ihnen in Sicherheit gebracht, da vor zwanzig Jahren etwa zu ersten Mal wieder Orks in der Nähe des Elbenforstes gesehen wurden und sich das Böse zuerst wieder regte. Ila wird einst das Szepter tragen und die Insignien der Macht erhalten, doch zunächst müssen die Mächte des Bösen besiegt werden, die ihre Schatten wieder auf Dawnia werfen. Ausgerechnet jetzt übernimmt ein gewalttätiger Herrscher die sonst so ruhige und friedliche Stadt Acrelon und verbannt die Erbin der Elben! Wir müssen Ila finden und sie vor jeder Gefahr bewahren!"

"Wie sollen wir das tun? Nach Acrelon kann sie nicht mehr zurück; sie ist verbannt, und es wäre Wahnsinn sie hierherzubringen!"

"Ihr habt recht, wir werden versuchen, Ila zu den Zwergen oder zu den Menschen im Bergland zu bringen. Doch nun packt Euer Bündel und begleitet unsere Mission! Vergeßt nicht ein Schwert mitzunehmen, denn nicht überall ist man seines Weges sicher!"

Garth war sich zwar immer noch nicht im klaren, wie er helfen konnte, Ila zu finden, doch seine Entscheidung war längst gefallen: Er würde alles unternehmen, seine Frau wiederzufinden, und wenn er damit auch mit Zwergen in die unbekannte Wildnis vor der Stadt gehen mußte. Er richtete also schnell einen warmen Umhang, zog ein grünes Gewand an, wählte sein bestes Schwert und steckte einige Wurfmesser ein. Bepackt mit einem Beutel, in den er einen Schinken und ein Brot gewickelt hatte, stand er kurze Zeit später in der Küche, bereit, Abenteuern ins Auge zu sehen und just in diesem Moment heulte draußen ein Hund auf! Forin spitzte sofort die Ohren ging zur Tür und öffnete leise. Eingehüllt in dunkle Umhänge kamen dann zwei Leute herein. Doch dieses Mal wunderte er sich nicht mehr. Schnell stellte Forin die beiden vor:

"Werter Garth, dies sind zwei unserer Gefährten! Die eine werdet Ihr vielleicht kennen, es ist Dahliah!"

Und wirklich, als sie ihre Kapuze vom Kopf zog, erkannte Garth sie, denn sie war eine Freundin von Ila gewesen!

"Willkommen, Dahliah!", begrüßte er sie.

"...und dies ist der Vertreter des kleinen Volkes, Will Brandybock aus dem Auenland!"

'Ein Hobbit!', dachte Garth und sah verwundert auf den kleinen Kerl, der sich gerade verbeugte und sprach:

"Es ist mir eine Ehre, Euch auf dem Abenteuer begleiten zu dürfen, werter Herr Lothion!"

"Seid auch Ihr willkommen in meinem Haus, Herr Brandy..."

"Nennt mich Will, Herr Lothion!" fiel ihm der Kleine ins Wort.

Garth lachte froh und nicht zuletzt aus Verwunderung über die großen Füße des Hobbit, die keine Schuhe trugen. Sie waren dicht mit Haaren bewachsen und Garth vermutete völlig zu recht, daß bei den Hobbits Schuhe überflüssig waren. Überhaupt war Will seltsam bekleidet: braune Hosen, ein gelbes Hemd und darüber ein seltsamer Mantel, dessen Farbe Garth gar nicht bestimmen konnte. Auf jeden Fall paßte alles irgendwie nicht zusammen und sah lustig aus.

Doch was Will und Dahliah zu berichten hatten, war nicht lustig, Forin war im Gegenteil sehr gesorgt und mahnte zur Eile.

Der Hobbit hatte auf seinem Weg Orks bemerkt, die das Wappen der Stadtwache auf ihren Mänteln trugen. Garth bestätigte schnell, daß in Acrelon noch nie Orks gewesen wären und schon gar nicht in der Stadtwache. Alles hatte den Anschein, als sei Fürst Cramon ein Bündnis mit den Mächten des Bösen eingegangen und die Orks gehorchten seinem Befehl. Das bedeutete für die Menschen ein schlimme Entwicklung, vor allem jedoch für die nächsten Verwandten von Ila. Die Zeit wurde knapp, und Garth schwebte in höchster Gefahr, und so brachen die Gefährten auf und verließen das Haus durch die Hintertür, die durch die Schmiede ins Freie führte. Gerade waren sie in der nächsten Gasse verschwunden, als ein königlicher Trupp Orks die Tür von Garth Haus aufbrach und vor Wut aufheulten, als sie das Haus verlassen vorfanden. Garth lief ein eisiger Schauer über den Rücken, und seine Rechte ruhte auf dem Griff seines Schwertes! Kurze Zeit später überkletterten sie unbemerkt die Stadtmauer und verschwanden im Nebel, der über den Feldern lag.

Ende des vierten Kapitels
to be continued...


Heinz-Günter Weber

"Die Sagen von Dawnia" im Überblick:
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 1-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 2-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 3-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 4-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 5-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
"Die Sagen von Dawnia" – UNDERGROUND EMPIRE 7-"Die Sagen von Dawnia"-Artikel
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