UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
  UE-Home → History → Underground Empire 6 → Rubriken-√úbersicht → "Rund um uns die Sinnflut"-''Speaker's Corner''-Artikel last update: 05.11.2020, 18:45:40  

”UNDERGROUND EMPIRE 6”-Datasheet

Contents:  "Rund um uns die Sinnflut"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  12.04.1992 (created), 21.02.2011 (revisited), 20.02.2017 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 6

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Beim Titel dieses "Speaker's Corner"-Beitrags hatte ich ein kleines Wortspielspielchen inszeniert, bei dem "Sintflut" und das Wort "Sinn" miteinander verschmolzen. Thematisch hat dieser Artikel bis heute nie an Aktualität veloren, denn immer noch geht rund um uns herum der Sinn kräftig baden...

Wie schon im Vorwort angedeutet, sollte hier die Erl√§uterung f√ľr das Fehlen eines Ein-, √úber-, Durchblick"-Artikels in dieser Ausgabe erfolgen: Der schon f√ľr die Vorg√§ngerausgabe geplante INLINE-Artikel konnte nicht erscheinen; an dieser Stelle lie√ü ich schon ein paar mehr Details durchblicken als damals im Vorwort von UNDERGROUND EMPIRE 5. Doch wie damals schon angedeutet, k√∂nnte fr√ľher oder sp√§ter mal noch ein "Y-Files"-Artikel draus werden. Doch zun√§chst wollen wir mal bei den ver√∂ffentlichten Artikeln fortschreiten, die l√§ngst keine derart hei√üen Kartoffeln waren...

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

''Speaker's Corner''-Logo 1 ''Speaker's Corner''-Logo 2

''Speaker's Corner''-Headline

Es sollen mitnichten alttestamentliche Themen sein, die uns im "Speaker's Corner" besch√§ftigen, sondern dieser Titel bezieht sich ganz klar auf die aktuelle Lage in der Metalszene. Sinnflutartige Zust√§nde sind es, die die Plattenfirmen derzeit Monat f√ľr Monat in den Plattenl√§den aufkommen lassen. Es wird ver√∂ffentlicht auf Teufel komm raus, so da√ü es selbst unm√∂glich ist, sich wenigstens einen groben √úberblick zu verschaffen. Zudem ist zu bemerken, da√ü die Szene bipolarisiert ist. Diese Ver√∂ffentlichungsschwemme bezieht sich n√§mlich prim√§r auf zwei Hauptsektoren der h√§rteren Musik.
Der erste, den ich nennen will, ist die softere Ecke. Hier wird schon seit eh und je alles, was gestylte M√§hnen und viele bunte T√ľcher hat und gerade die Qualifikation f√ľr die Weltmeisterschaft im Schmollmundziehen bestanden hat oder aber gerade das "Nasty Boy"-Diplom verliehen bekommen hat, auf den Markt geschmissen, in der Hoffnung, es k√∂nnte ja mal wieder ein Kassenf√ľller √° la GUNS N' ROSES oder CINDERELLA herausspringen. Da√ü etwa 98 Prozent dieser Versuche im gro√üen Flop enden und nur den Fan verarschen, ignoriert man, denn nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit mu√ü irgendwann mal ein Act dabei sein, der alle Verluste der Welt in einem Tag wieder einspielen wird - hofft man zumindest...
Viel extremer ist es allerdings auf dem Death Metal-Sektor zu beobachten. Allem vorweg kommen da die Sampler, welche zum Gro√üteil so √ľberfl√ľssig sind wie ein Regenschirm in der Sahara. Doch auch mit Bands wird derzeit um sich geschmissen, da√ü es ein wahres Elend ist! Wer soll denn den ganzen M√ľll kaufen, der da jeden Monat in den Plattenl√§den statt auf irgendwelchen M√ľllkippen aufget√ľrmt wird? Da man recht sicher behaupten kann, da√ü die gro√üe Masse der Death Metal-Fanatiker noch im Schulalter sind, kann man sich an drei Fingern abz√§hlen, wieviele Platten die sich zulegen k√∂nnen. Dennoch mu√ü die Rechung aufgehen und selbst der gr√∂√üte Schrott sich zumindest so gut verkaufen, da√ü die Kosten plus ein bi√üchen dabei wieder herausspringen. Wenn die Bands dann wenigstens noch gut w√§ren, so wollte ich dagegen ja nichts sagen, aber nein, 90 Prozent der Bands klingen identisch und langweilig, werden mit einer 08/15-Blitzproduktion abgespeist, kriegen ein geschmackloses Cover aufgedr√ľckt und werden in die Fluten geschmissen. Es ist allerdings gewi√ü nur noch eine Frage der Zeit, bis niemand mehr diese gleichf√∂rmige Leier ertragen kann, und dann wird der Death Metal schneller von der Bildfl√§che verschwinden als er aufgetaucht ist. Eine Promille der heute existierenden Bands wird √ľbrigbleiben, der Rest wurde auf dem Altar der Geldgier geopfert.
Allm√§hlich wird auch die Grungewelle, der Kniefall vor allem, was aus Seattle kommt beziehungsweise wenigstens Seattle mal auf der Landkarte angetippt hat, allm√§hlich sehr dubios, denn die Ver√∂ffentlichungszahlen aus dieser Ecke verhalten sich wie der Verlauf einer Parabel. Einziges Problem ist die Tatsache, da√ü ersten Bands, die hier ver√∂ffentlicht wurden, noch wirklich eigenst√§ndige Musik bieten konnten, w√§hrend die neuzeitlichen Wellenreiter nur noch irgendwelche grungetypischen Elemente zusammenklauen und meinen, damit schon so etwas wie Existenzberechtigung erlangt zu haben. Da√ü die Musik dabei die Wirkung eines Schluck Wassers entfaltet, versteht sich von selbst. Man mu√ü schon nach Wochen aus der W√ľste des totalen Musikentzugs kommen, um dann an der Oase der Musik auch mal mit so etwas zufrieden zu sein. Wenn man aber erst wieder zu Hause ist, wird das Wasser h√∂chstens noch zum Z√§hneputzen verwendet, w√§hrend zum Durstl√∂schen viel feinere Sachen zur Verf√ľgung stehen.
Das Fatale dabei ist nicht die Tatsache, da√ü dadurch so viele Platten auf uns einst√ľrzen, denn schlie√ülich hat man die M√∂glichkeit, sich vorher anhand der Meinung verschiedener Magazine kundig zu machen, sich die Scheibe im Laden selbst anzuh√∂ren und dann zu entscheiden. Einem Hype kann man n√§mlich am allerdeutlichsten eine Absage erteilen, wenn man ihn im Laden stehen l√§√üt! Dazu kann ich Euch nur ermuntern - seid kritisch und la√üt Euch nicht von jedem einen B√§ren aufbinden, kontrolliert, bevor Ihr kauft! Nein, wirklich schlimm ist die Tatsache, da√ü talentierte Bands, die gute Ans√§tze zeigen, schlicht verheizt werden und nie die Chance erhalten, sich zu ihrer vollen Bl√ľtenpracht zu entfalten. Stattdessen werden sie vorschnell auf den Markt geschmissen, floppen kr√§ftig durch und landen im Rundordner.
In diesem Zusammenhang an Plattenbosse zu appellieren w√§re etwa so sinnvoll, wie wenn ich meiner Zimmert√ľr die Relativit√§tstheorie erkl√§ren w√ľrde, denn diese Leute sind nichts anderes als Rechenmaschinen, die interessiert, da√ü am Schlu√ü unterm Strich schwarze, m√∂glichst hohe Zahlen erscheinen. Andererseits - wer will es ihnen ver√ľbeln, schlie√ülich l√§uft unsere ganze beschissene Gesellschaft nach diesem Prinzip ab.
Ich will mich hier an alle Bands, die sich noch im Underground befinden, wenden. Zum ersten sei gesagt, da√ü aufgrund all dieser Faktoren das Musikbusiness zum Roulettespiel geworden ist, und man wirklich nichts, aber auch gar nichts mehr voraussagen kann. Ihr k√∂nnt noch so gut sein und trotzdem kann es sein, da√ü Euch die Labels von der ersten bis zur letzten Minute die kalte Schulter zeigen. Deshalb mu√ü ich sagen, da√ü es nur noch einen legitimen Grund geben kann, eine Band zu gr√ľnden, n√§mlich die unb√§ndige Begeisterung f√ľr die Musik. Wer anf√§ngt Musik zu machen, um (kommerziell) erfolgreich zu sein, ist schlicht ein Fantast und Dummkopf!
Wer hier f√ľr Underground-Bands die M√∂glichkeit anbietet, schon recht schnell zu einer Platte zu kommen, sind die sogenannte Verlagsfirmen wie beispielsweise INLINE MUSIC oder ART AUDIO, um mal nur zwei Namen stellvertretend f√ľr die vielen anderen zu nennen. Da diese Firmen gerade im Underground t√§tig sind, wollte ich Euch mit Hilfe einer Story anhand von INLINE MUSIC mal versuchen zu zeigen, was diese Firmen zu leisten imstande sind. Ich hatte auch schon ein hochinteressantes umfangreiches Interview, bei dem viele Hintergr√ľnde und Details r√ľberkamen, f√ľr "Ein-, √úber-, Durchblick" in dieser Ausgabe gemacht und verschiedene Bands, die schon mit INLINE gearbeitet haben, angeschrieben und um ihre Erfahrungen gebeten. Die Story war eigentlich fix und fertig, als ich in letzter Minute einen Anruf vom Gesch√§ftsf√ľhrer von INLINE erhielt, auf dessen Wunsch, die Story zur√ľckgestellt wurde.
Doch nun weiter im Text. Wer das UNDERGROUND EMPIRE durchgebl√§ttert hat, sieht die Massen an Demos, die derzeit rausgehauen werden. Leider aber sind viel zu viele zwar nicht schlecht, aber im Endergebnis einfach zu durchschnittlich, um einen Kauf zu rechtfertigen, zumal es gen√ľgend √ľberzeugende Demos gibt. Wenn Ihr wirklich ernsthaft Musik machen wollt, dann wartet, wartet ab, probt, bis Ihr ein Level erreicht habt, mit dem Ihr wirklich an die √Ėffentlichkeit herantreten k√∂nnt. Es mu√ü dabei keine 64-Spur-Aufnahme mit 8-Farbcover und vergoldeter Kassette sein! Die Musik mu√ü stimmen, und jeder Fanzineschreiber, der Musik wirklich liebt, wird dies honorieren. Andererseits sollte auch Sound und Aufmachung en gewisses Limit nicht unterschreiten, denn bei einem M√ľllsound kann man Eure F√§higkeiten nicht raush√∂ren und mit einem zusammengekritzelten Cover steht Ihr schon von Anfang an in schlechtem Licht. Es gibt immer M√∂glichkeiten bei diesen Punkten, ohne sich finanziell ins Ungl√ľck zu st√ľrzen. Wenn man sich Zeit nimmt, kann man auch im Proberaum auf einem 4-Spur-Ger√§t einen akzeptablen Sound erreichen wie es beispielsweise XERXES bewiesen haben; es gibt gen√ľgend kleine Studios, in denen man f√ľr wenig Geld schon recht gute Ergebnisse erzielen kann; fragt bei befreundeten und erfahrernen Bands nach, ob sie Euch nicht etwas helfen k√∂nnten; dies w√§ren einige wenige M√∂glichkeiten, wie man die klangliche Seite eines Demos eventuell recht einfach auf ein h√∂heres Level bringen kann. F√ľrs Cover ist es fast noch einfacher, denn mittlerweile gibt es so viele PCs in Deutschland, da√ü da sicher jeder jemand kennt, der einem einen ordentlichen Ausdruck f√ľrs Inlet fabrizieren kann. F√ľrs Motiv an sich ist nat√ľrlich Fantasie, Flexibilit√§t und auch etwas Gl√ľck n√∂tig. Schaut Euch um, h√∂rt Euch um und schon werden sich irgendwelche M√∂glichkeiten auftun! Wer etwas erreichen will, der mu√ü sich auch zu helfen wissen, sonst kann er sich gleich vergessen, auch wenn das sehr hart klingt! Mit einem Schrottdemo ist niemand gedient, am allerwenigsten Euch selbst!!! Deshalb ist es am wichtigsten, da√ü Ihr Euch Zeit la√üt, und erst wenn die Songs ausgereift sind und wirklich sitzen, dann k√∂nnt Ihr sie auch aufnehmen. Nat√ľrlich bezieht sich das nur auf offizielle Demos, die Ihr zu verkaufen beabsichtigt, an Presse oder gar Plattenfirmen schicken wollt.
Wenn Ihr dann eines Tages wirklich mal so weit seid, da√ü eine Plattenfirma, o.√§. Interesse an Euch √§u√üert, dann geht kritisch mit Euch selbst um und fragt Euch tausendmal, ob Ihr wirklich schon f√ľr eine Platte reif seid. Denn wenn Ihr erst mal unterschrieben hat, wird Euch die Maschinerie der B√ľrokratie mitrei√üen, ob Ihr wollt oder nicht. Habt auch mal den Mut, Euch einzugestehen, da√ü Ihr noch nicht fit genug seid. Schlie√ülich sollt Ihr kein Beitrag zu der am Anfang des Artikels geschilderten Flut werden, sondern sollt eigene Akzente setzen k√∂nnen. Au√üerdem gibt es n√§mlich nichts Schlimmeres f√ľr eine Band, als wenn sie nach Ver√∂ffentlichung kein richtiges Interesse erh√§lt und von der Plattenfirma gekickt wird. Wer erst mal das Brandzeichen "LOSER" auf der Stirn tr√§gt, dem wird nie wieder eine Chance gegeben werden. Wenn Ihr allerdings mal "Nein, wir wollen noch warten. Wir sind noch nicht bereit", gesagt habt, seid Ihr f√ľr die Plattenfirmen noch lange nicht gestorben, sondern Euer Name ist mal ein Begriff und wird beim n√§chsten mit gr√∂√ütem Interesse gelesen werden. Dann erhaltet Ihr vielleicht mal wieder eine Chance und bringt bessere Voraussetzungen mit. Da√ü dies dann wirklich passieren wird, kann Euch niemand versprechen, denn das wi√üt Ihr selbst, wieviel Gl√ľck im Zusammenhang mit diesem Thema im Spiel ist. Allerdings ist die Wahl des richtigen Zeitpunkt so emminent wichtig, da√ü Ihr Euch wirklich sehr gut √ľberlegen m√ľ√üt, wie Ihr vorgehen wolllt.
Wenn Ihr Euch entschlie√üt, auf ein Angebot einer Company einzugehen, dann seid so vorsichtig wie nur m√∂glich. Auch wenn Ihr noch so viel Honig ums Maul geschmiert kriegt, noch so viele Versprechungen gemacht kriegt und man Euch das Handbuch "Rockstar in drei Tagen leicht gemacht" zehnmal vorbetet wird, seid kritisch und verla√üt Euch auf nichts! Mit diesen Metoden versucht man Euch zu k√∂dern und unvorsichtig zu machen. Im Endergebnis gilt immer nur das, was schwarz auf wei√ü im Vertrag steht, und alle sch√∂nen Spr√ľche sind Schall und Rauch. Es gibt schon zu viele Bands, die sich mit der Vertragsunterzeichnung selbst abgeschossen haben. Daher nehmt jeden Vertrag vor dem Unterzeichnen immer, und wenn er noch so banal und ohne irgendwelche gro√üe Konsequenzen zu sein scheint, zu einem Anwalt. Jedoch nicht einem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt, sondern einem, der sich in der Materie wirklich auskennt, der mit dem Musikbusiness seinen Lebensunterhalt verdient. Nur jemand mit seinem Blick wird wirklich jeden Winkelzug erkennen, mit dem man versuchen k√∂nnte, Euch zu fesseln. Ich will keineswegs sagen, da√ü bei den Plattenfirmen nur Schwerverbrecher und Massenm√∂rder arbeiten, aber mit einem gesunden Mi√ütrauen signalisiert Ihr, da√ü Ihr bereit seid, ernsthaft zu arbeiten, aber auch wi√üt, was Ihr wollt.
Ich will hier keineswegs schwarzmalen, sondern das Geschriebene ist eine realistische, wenn auch knallharte Schilderung der Tatsachen. Ich will niemand den Mut nehmen, sondern hoffe, da√ü sich der ein oder andere bei dem Artikel seine Gedanken macht und nicht Hals √ľber Kopf in sein Ungl√ľck st√ľrzt. Abgesehen davon w√ľnsche ich jeder Band das allerbeste und viel Erfolg, aber auf dem Weg dorthin liegen einige Klippen, und ich hoffe, vielleicht dem ein oder anderen etwas das Bewu√ütsein gesch√§rft zu haben, so da√ü er nicht frontal in diese Klippen hineincrasht!


Stefan Glas

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