UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”UNDERGROUND EMPIRE 6”-Datasheet

Contents:  "Rund um uns die Sinnflut"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  12.04.1992 (created), 21.02.2011 (revisited), 26.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 6

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Beim Titel dieses "Speaker's Corner"-Beitrags hatte ich ein kleines Wortspielspielchen inszeniert, bei dem "Sintflut" und das Wort "Sinn" miteinander verschmolzen. Thematisch hat dieser Artikel bis heute nie an Aktualität veloren, denn immer noch geht rund um uns herum der Sinn kräftig baden...

Wie schon im Vorwort angedeutet, sollte hier die Erläuterung für das Fehlen eines Ein-, Über-, Durchblick"-Artikels in dieser Ausgabe erfolgen: Der schon für die Vorgängerausgabe geplante INLINE-Artikel konnte nicht erscheinen; an dieser Stelle ließ ich schon ein paar mehr Details durchblicken als damals im Vorwort von UNDERGROUND EMPIRE 5. Doch wie damals schon angedeutet, könnte früher oder später mal noch ein "Y-Files"-Artikel draus werden. Doch zunächst wollen wir mal bei den veröffentlichten Artikeln fortschreiten, die längst keine derart heißen Kartoffeln waren...

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

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''Speaker's Corner''-Headline

Es sollen mitnichten alttestamentliche Themen sein, die uns im "Speaker's Corner" beschäftigen, sondern dieser Titel bezieht sich ganz klar auf die aktuelle Lage in der Metalszene. Sinnflutartige Zustände sind es, die die Plattenfirmen derzeit Monat für Monat in den Plattenläden aufkommen lassen. Es wird veröffentlicht auf Teufel komm raus, so daß es selbst unmöglich ist, sich wenigstens einen groben Überblick zu verschaffen. Zudem ist zu bemerken, daß die Szene bipolarisiert ist. Diese Veröffentlichungsschwemme bezieht sich nämlich primär auf zwei Hauptsektoren der härteren Musik.
Der erste, den ich nennen will, ist die softere Ecke. Hier wird schon seit eh und je alles, was gestylte Mähnen und viele bunte Tücher hat und gerade die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Schmollmundziehen bestanden hat oder aber gerade das "Nasty Boy"-Diplom verliehen bekommen hat, auf den Markt geschmissen, in der Hoffnung, es könnte ja mal wieder ein Kassenfüller á la GUNS N' ROSES oder CINDERELLA herausspringen. Daß etwa 98 Prozent dieser Versuche im großen Flop enden und nur den Fan verarschen, ignoriert man, denn nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit muß irgendwann mal ein Act dabei sein, der alle Verluste der Welt in einem Tag wieder einspielen wird - hofft man zumindest...
Viel extremer ist es allerdings auf dem Death Metal-Sektor zu beobachten. Allem vorweg kommen da die Sampler, welche zum Großteil so überflüssig sind wie ein Regenschirm in der Sahara. Doch auch mit Bands wird derzeit um sich geschmissen, daß es ein wahres Elend ist! Wer soll denn den ganzen Müll kaufen, der da jeden Monat in den Plattenläden statt auf irgendwelchen Müllkippen aufgetürmt wird? Da man recht sicher behaupten kann, daß die große Masse der Death Metal-Fanatiker noch im Schulalter sind, kann man sich an drei Fingern abzählen, wieviele Platten die sich zulegen können. Dennoch muß die Rechung aufgehen und selbst der größte Schrott sich zumindest so gut verkaufen, daß die Kosten plus ein bißchen dabei wieder herausspringen. Wenn die Bands dann wenigstens noch gut wären, so wollte ich dagegen ja nichts sagen, aber nein, 90 Prozent der Bands klingen identisch und langweilig, werden mit einer 08/15-Blitzproduktion abgespeist, kriegen ein geschmackloses Cover aufgedrückt und werden in die Fluten geschmissen. Es ist allerdings gewiß nur noch eine Frage der Zeit, bis niemand mehr diese gleichförmige Leier ertragen kann, und dann wird der Death Metal schneller von der Bildfläche verschwinden als er aufgetaucht ist. Eine Promille der heute existierenden Bands wird übrigbleiben, der Rest wurde auf dem Altar der Geldgier geopfert.
Allmählich wird auch die Grungewelle, der Kniefall vor allem, was aus Seattle kommt beziehungsweise wenigstens Seattle mal auf der Landkarte angetippt hat, allmählich sehr dubios, denn die Veröffentlichungszahlen aus dieser Ecke verhalten sich wie der Verlauf einer Parabel. Einziges Problem ist die Tatsache, daß ersten Bands, die hier veröffentlicht wurden, noch wirklich eigenständige Musik bieten konnten, während die neuzeitlichen Wellenreiter nur noch irgendwelche grungetypischen Elemente zusammenklauen und meinen, damit schon so etwas wie Existenzberechtigung erlangt zu haben. Daß die Musik dabei die Wirkung eines Schluck Wassers entfaltet, versteht sich von selbst. Man muß schon nach Wochen aus der Wüste des totalen Musikentzugs kommen, um dann an der Oase der Musik auch mal mit so etwas zufrieden zu sein. Wenn man aber erst wieder zu Hause ist, wird das Wasser höchstens noch zum Zähneputzen verwendet, während zum Durstlöschen viel feinere Sachen zur Verfügung stehen.
Das Fatale dabei ist nicht die Tatsache, daß dadurch so viele Platten auf uns einstürzen, denn schließlich hat man die Möglichkeit, sich vorher anhand der Meinung verschiedener Magazine kundig zu machen, sich die Scheibe im Laden selbst anzuhören und dann zu entscheiden. Einem Hype kann man nämlich am allerdeutlichsten eine Absage erteilen, wenn man ihn im Laden stehen läßt! Dazu kann ich Euch nur ermuntern - seid kritisch und laßt Euch nicht von jedem einen Bären aufbinden, kontrolliert, bevor Ihr kauft! Nein, wirklich schlimm ist die Tatsache, daß talentierte Bands, die gute Ansätze zeigen, schlicht verheizt werden und nie die Chance erhalten, sich zu ihrer vollen Blütenpracht zu entfalten. Stattdessen werden sie vorschnell auf den Markt geschmissen, floppen kräftig durch und landen im Rundordner.
In diesem Zusammenhang an Plattenbosse zu appellieren wäre etwa so sinnvoll, wie wenn ich meiner Zimmertür die Relativitätstheorie erklären würde, denn diese Leute sind nichts anderes als Rechenmaschinen, die interessiert, daß am Schluß unterm Strich schwarze, möglichst hohe Zahlen erscheinen. Andererseits - wer will es ihnen verübeln, schließlich läuft unsere ganze beschissene Gesellschaft nach diesem Prinzip ab.
Ich will mich hier an alle Bands, die sich noch im Underground befinden, wenden. Zum ersten sei gesagt, daß aufgrund all dieser Faktoren das Musikbusiness zum Roulettespiel geworden ist, und man wirklich nichts, aber auch gar nichts mehr voraussagen kann. Ihr könnt noch so gut sein und trotzdem kann es sein, daß Euch die Labels von der ersten bis zur letzten Minute die kalte Schulter zeigen. Deshalb muß ich sagen, daß es nur noch einen legitimen Grund geben kann, eine Band zu gründen, nämlich die unbändige Begeisterung für die Musik. Wer anfängt Musik zu machen, um (kommerziell) erfolgreich zu sein, ist schlicht ein Fantast und Dummkopf!
Wer hier für Underground-Bands die Möglichkeit anbietet, schon recht schnell zu einer Platte zu kommen, sind die sogenannte Verlagsfirmen wie beispielsweise INLINE MUSIC oder ART AUDIO, um mal nur zwei Namen stellvertretend für die vielen anderen zu nennen. Da diese Firmen gerade im Underground tätig sind, wollte ich Euch mit Hilfe einer Story anhand von INLINE MUSIC mal versuchen zu zeigen, was diese Firmen zu leisten imstande sind. Ich hatte auch schon ein hochinteressantes umfangreiches Interview, bei dem viele Hintergründe und Details rüberkamen, für "Ein-, Über-, Durchblick" in dieser Ausgabe gemacht und verschiedene Bands, die schon mit INLINE gearbeitet haben, angeschrieben und um ihre Erfahrungen gebeten. Die Story war eigentlich fix und fertig, als ich in letzter Minute einen Anruf vom Geschäftsführer von INLINE erhielt, auf dessen Wunsch, die Story zurückgestellt wurde.
Doch nun weiter im Text. Wer das UNDERGROUND EMPIRE durchgeblättert hat, sieht die Massen an Demos, die derzeit rausgehauen werden. Leider aber sind viel zu viele zwar nicht schlecht, aber im Endergebnis einfach zu durchschnittlich, um einen Kauf zu rechtfertigen, zumal es genügend überzeugende Demos gibt. Wenn Ihr wirklich ernsthaft Musik machen wollt, dann wartet, wartet ab, probt, bis Ihr ein Level erreicht habt, mit dem Ihr wirklich an die Öffentlichkeit herantreten könnt. Es muß dabei keine 64-Spur-Aufnahme mit 8-Farbcover und vergoldeter Kassette sein! Die Musik muß stimmen, und jeder Fanzineschreiber, der Musik wirklich liebt, wird dies honorieren. Andererseits sollte auch Sound und Aufmachung en gewisses Limit nicht unterschreiten, denn bei einem Müllsound kann man Eure Fähigkeiten nicht raushören und mit einem zusammengekritzelten Cover steht Ihr schon von Anfang an in schlechtem Licht. Es gibt immer Möglichkeiten bei diesen Punkten, ohne sich finanziell ins Unglück zu stürzen. Wenn man sich Zeit nimmt, kann man auch im Proberaum auf einem 4-Spur-Gerät einen akzeptablen Sound erreichen wie es beispielsweise XERXES bewiesen haben; es gibt genügend kleine Studios, in denen man für wenig Geld schon recht gute Ergebnisse erzielen kann; fragt bei befreundeten und erfahrernen Bands nach, ob sie Euch nicht etwas helfen könnten; dies wären einige wenige Möglichkeiten, wie man die klangliche Seite eines Demos eventuell recht einfach auf ein höheres Level bringen kann. Fürs Cover ist es fast noch einfacher, denn mittlerweile gibt es so viele PCs in Deutschland, daß da sicher jeder jemand kennt, der einem einen ordentlichen Ausdruck fürs Inlet fabrizieren kann. Fürs Motiv an sich ist natürlich Fantasie, Flexibilität und auch etwas Glück nötig. Schaut Euch um, hört Euch um und schon werden sich irgendwelche Möglichkeiten auftun! Wer etwas erreichen will, der muß sich auch zu helfen wissen, sonst kann er sich gleich vergessen, auch wenn das sehr hart klingt! Mit einem Schrottdemo ist niemand gedient, am allerwenigsten Euch selbst!!! Deshalb ist es am wichtigsten, daß Ihr Euch Zeit laßt, und erst wenn die Songs ausgereift sind und wirklich sitzen, dann könnt Ihr sie auch aufnehmen. Natürlich bezieht sich das nur auf offizielle Demos, die Ihr zu verkaufen beabsichtigt, an Presse oder gar Plattenfirmen schicken wollt.
Wenn Ihr dann eines Tages wirklich mal so weit seid, daß eine Plattenfirma, o.ä. Interesse an Euch äußert, dann geht kritisch mit Euch selbst um und fragt Euch tausendmal, ob Ihr wirklich schon für eine Platte reif seid. Denn wenn Ihr erst mal unterschrieben hat, wird Euch die Maschinerie der Bürokratie mitreißen, ob Ihr wollt oder nicht. Habt auch mal den Mut, Euch einzugestehen, daß Ihr noch nicht fit genug seid. Schließlich sollt Ihr kein Beitrag zu der am Anfang des Artikels geschilderten Flut werden, sondern sollt eigene Akzente setzen können. Außerdem gibt es nämlich nichts Schlimmeres für eine Band, als wenn sie nach Veröffentlichung kein richtiges Interesse erhält und von der Plattenfirma gekickt wird. Wer erst mal das Brandzeichen "LOSER" auf der Stirn trägt, dem wird nie wieder eine Chance gegeben werden. Wenn Ihr allerdings mal "Nein, wir wollen noch warten. Wir sind noch nicht bereit", gesagt habt, seid Ihr für die Plattenfirmen noch lange nicht gestorben, sondern Euer Name ist mal ein Begriff und wird beim nächsten mit größtem Interesse gelesen werden. Dann erhaltet Ihr vielleicht mal wieder eine Chance und bringt bessere Voraussetzungen mit. Daß dies dann wirklich passieren wird, kann Euch niemand versprechen, denn das wißt Ihr selbst, wieviel Glück im Zusammenhang mit diesem Thema im Spiel ist. Allerdings ist die Wahl des richtigen Zeitpunkt so emminent wichtig, daß Ihr Euch wirklich sehr gut überlegen müßt, wie Ihr vorgehen wolllt.
Wenn Ihr Euch entschließt, auf ein Angebot einer Company einzugehen, dann seid so vorsichtig wie nur möglich. Auch wenn Ihr noch so viel Honig ums Maul geschmiert kriegt, noch so viele Versprechungen gemacht kriegt und man Euch das Handbuch "Rockstar in drei Tagen leicht gemacht" zehnmal vorbetet wird, seid kritisch und verlaßt Euch auf nichts! Mit diesen Metoden versucht man Euch zu ködern und unvorsichtig zu machen. Im Endergebnis gilt immer nur das, was schwarz auf weiß im Vertrag steht, und alle schönen Sprüche sind Schall und Rauch. Es gibt schon zu viele Bands, die sich mit der Vertragsunterzeichnung selbst abgeschossen haben. Daher nehmt jeden Vertrag vor dem Unterzeichnen immer, und wenn er noch so banal und ohne irgendwelche große Konsequenzen zu sein scheint, zu einem Anwalt. Jedoch nicht einem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt, sondern einem, der sich in der Materie wirklich auskennt, der mit dem Musikbusiness seinen Lebensunterhalt verdient. Nur jemand mit seinem Blick wird wirklich jeden Winkelzug erkennen, mit dem man versuchen könnte, Euch zu fesseln. Ich will keineswegs sagen, daß bei den Plattenfirmen nur Schwerverbrecher und Massenmörder arbeiten, aber mit einem gesunden Mißtrauen signalisiert Ihr, daß Ihr bereit seid, ernsthaft zu arbeiten, aber auch wißt, was Ihr wollt.
Ich will hier keineswegs schwarzmalen, sondern das Geschriebene ist eine realistische, wenn auch knallharte Schilderung der Tatsachen. Ich will niemand den Mut nehmen, sondern hoffe, daß sich der ein oder andere bei dem Artikel seine Gedanken macht und nicht Hals über Kopf in sein Unglück stürzt. Abgesehen davon wünsche ich jeder Band das allerbeste und viel Erfolg, aber auf dem Weg dorthin liegen einige Klippen, und ich hoffe, vielleicht dem ein oder anderen etwas das Bewußtsein geschärft zu haben, so daß er nicht frontal in diese Klippen hineincrasht!


Stefan Glas

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