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  UE-Home → History → Underground Empire 7 → Rubriken-├ťbersicht → "Die CD - ein Verbrechen an der Musik!"-''Speaker's Corner''-Artikel last update: 05.11.2020, 18:45:40  

”UNDERGROUND EMPIRE 7”-Datasheet

Contents:  "Die CD - ein Verbrechen an der Musik!"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  24.07.1994 (created), 27.06.2012 (revisited), 08.11.2016 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 7

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several earlier issues still available; find details here!

Comment:

Wie absurd klingen heute solche Parolen, die seinerzeit geschwungen wurden. Damalas, als man sogar mal Pl├Ąne ausrief, da├č f├╝r eine CD ein regul├Ąrer Preis von 50 Deutschm├Ąrker voll und ganz gerechtfertigt sei, was man mit dem damals h├Ąufig bem├╝hten Argument rechtfertigen wollte, da├č andere Kulturg├╝ter wie beispielsweise ein gebundenes Buch ebensoviel kosten w├╝rden. Die Plattenindustrie wurde seither von ihrem hohen Ro├č heruntergeholt, aber leider sollte der Sturz ins Bodenlose gehen - dank der Kostenlos-Kultur, die sich im Internet eingeb├╝rgert hat, so da├č es mittlerweile eine Partei gibt, die sich ganz deren Erhalt verschrieben hat, w├Ąhrend das sonstige politische Programm doch bestensfalls l├╝ckenhaft ist. Wenn aber niemand mehr f├╝r Musik bezahlen m├Âchte, dann ist letzten Endes die Existenz dieses gesamten Zweiges der Unterhaltungsbranche bedroht, was ├╝ber kurz oder lang hei├čen wird, da├č keine neuen ernstzunehmenden K├╝nstler mehr nachwachsen werden, die eines Tages die Massen bewegen k├Ânnen, weil es keine M├Âglichkeit mehr gibt, mit der Musik seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Aber es stellt schon eine gewisse Ironie des Schicksals dar, da├č jenes Medium, an dem sich die Plattenindustrie immens bereichern wollte, letzten Endes ihren Untergang eingel├Ąutet hat, weil man ein digitales Medium eben verlustfrei kopieren kann.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

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''Speaker's Corner''-Headline

Ich h├Âre sie emp├Ârt aufschreien. Die CD, das Wunderwerk der Technik, der entz├╝ckende Silberling, das vollendete Klangerlebnis - ein Verbrechen an der Musik??? Und ich behaupte trotzdem "JA!", so da├č ich keine Wahl habe, diese meine vielleicht etwas unpopul├Ąre Meinung deutlich darzulegen.
Wie war es fr├╝her? Es gab das Vinyl, eine runde Scheibe, 30 Zentimeter Durchmesser, ein kleines Loch in der Mitte, die Dicke je nach Pre├čqualit├Ąt zwischen Pfannkuchen und Kanaldeckel variierend. In mattem Schwarz schimmernd, eigentlich recht umst├Ąndlich zu hantieren, sollte sie dennoch wie ein rohes Ei behandelt werden, mit den H├Ąnden und Fingern nur dezent am Rand ber├╝hrt werden, nur flach liegend oder senkrecht stehend gelagert werden, keiner direkten Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden und nie irgendwelche Gegenst├Ąnde au├čer einem extraweichen Antistatiktuch in die N├Ąhe der Oberfl├Ąche kommen gelassen werden, sonst gab es Kratzer oder Fingerabdr├╝cke beziehungsweise das Ding wellte sich wie jener Salat am Abend, der Mittags doch noch taufrisch gewesen war, und all' dies reduzierte das Klangerlebnis doch erheblich.
Heute? Die CD mit ihren bescheidenen zw├Âlf Zentimetern Durchmesser, aber daf├╝r einem gr├Â├čeren Loch in ihrem Zentrum. Silbrig in allen Regenbogenfarben glitzernd ganz so wie die Kugeln am Christbaum - ein Hauch von Glamour? Easy in die Hand zu nehmen, und man mu├č schon ziemlich brutal vorgehen, um auf dem Silberling einen Defekt zu verursachen. Hat der Player das Teil erst mal geschluckt, kann man per Knopfdruck einen bestimmten Song gezielt ansteuern oder sich gleich die gew├╝nschte Songreihenfolge zusammenprogrammieren - ohne das l├Ąstige Hantieren mit dem Tonarm des Plattenspielers. An Fernbedienung oder "Shuffle/Random"-Funktion war bei dem Nadelteil ohnehin nicht zu denken. Ein CD-Wechsler f├╝r Schallplatten? Da├č ich nicht lache! Also - bringt doch tausende Vorteile, diese CD, und warum bleibt dieser Idiot trotzdem bei seiner Meinung, da├č die CD ein kriminelles Delikt auf ihrem Gewissen hat?
Das Problem liegt woanders, an einer Stelle, wo es jeder ganz deutlich sp├╝rt: bei der Kohle. Kam fr├╝her eine Platte raus, so hatte man manchmal das Gl├╝ck, schon f├╝r 16,95 DM f├╝ndig zu werden, meist jedoch zumindest f├╝r 18,90 DM, und nur ganz selten mu├čte mehr als diesen grasgr├╝nen Schein lockermachen. Allerh├Âchstens in den L├Ąden, die es sich schon immer wert waren, etwas teurer zu sein oder wenn eine Plattenfirma ihren "Topact" mit Verkaufsgarantie in petto hatte, dann waren mal 24,95 DM angesagt. Die CD dagegen wurde mal gleich zum Preis von 26,90 DM eingef├╝hrt, durchlief bislang aber noch nicht die Karriere wie der Taschenrechner, der in seiner ersten Version in den 70er Jahren ├╝ber tausend Mark kostete und die Ma├če eines mittleren K├╝chtisches hatte, w├Ąhrend man heute mit einen zehnmal so leistungsf├Ąhigen Teil im Briefmarkenformat als Werbegeschenk geradezu totgeschmissen wird. Das Format der CD ist ja okay, aber stattdessen kletterte der Preis f├╝r die Musikkonserve langsam aber beschaulich in immer schmerzvollere Regionen und Preise knapp unter 40,- DM f├╝r eine absolut "normale" CD sind heute keine Seltenheit mehr. Der Preis liegt also bei mindestens 150 Prozent bis zu mehr als 200 Prozent dessen, was eine Schallplatte gekostet hatte. Warum aber? Ist das Material so viel teurer? Die Pre├čkosten grenzenlos? Und die Plastikbox? Die kostet ja auch Geld! Mitnichten! Der Herstellungspreis f├╝r eine CD liegt um minimale Pfennigsbetr├Ąge ├╝ber dem f├╝r eine LP. Zudem hat der Silberling f├╝r die Industrie sicherlich noch den Vorteil, da├č er beim Verschicken an die einzelnen L├Ąden nicht so viel Sorgfalt bedarf; statt einer Frisbee-kompatiblen Papph├╝lle mit zehn Platten kann man zehn CDs zu einem handlichen Quader verschn├╝ren. Ist man vielleicht so nobel und gibt das nicht unerhebliche Plus dem K├╝nstlers oder stiftet es gar dem Waisenhaus? Bl├Âdsinn! Pecunia non olet, und so beh├Ąlt man es einfach. Gigantische Entwicklungskosten? Sollte es sie gegeben haben, so hat man sie schon l├Ąngst mit links wieder reingeholt. Man hat also ein neues Medium erfunden und damit die Gewinne betr├Ąchtlich gesteigert, ohne auch nur einen Finger daf├╝r krumm machen zu m├╝ssen, so da├č man sich zurecht zufrieden auf die Schulter klopfen kann.
Was sind die Konsequenzen dieser Entwicklung? Da├č die Musik und die entsprechenden Bands dabei auf der Strecke bleiben. Einfache Rechung: Wer fr├╝her einen Hunnie f├╝r neue Platten investierte, kriegte daf├╝r mindestens f├╝nf Platten; heute mu├č er schon versch├Ąrft feilschen, wenn er wenigstens drei CDs mit nach Hause nehmen will. Die Leidtragenden dabei werden sicher nicht METALLICA sein. Die Verk├Ąufe ihrer n├Ąchsten Scheibe sind jetzt schon sicher, selbst wenn sie noch schlechter ausfallen sollte als das aktuelle Teil. Auch AEROSMITH m├╝ssen dar├╝ber kaum weinen, denn auch ihre Kohlen sind nahezu hundertprozentig auf ihrem Konto. Die unbekannten Bands, die Newcomer d├╝rfen in die R├Âhre schauen, weil f├╝r sie nur noch wenig Bares ├╝brigbleibt. Otto-Normal-CD-K├Ąufer grast mit seinem Budget nat├╝rlich erst mal die ganzen vermeindlichen Topacts ab und wird schon bald merken, da├č Ebbe ist und so gar nicht in die Versuchung kommen, mal ein Experiment ins Ungewisse zu wagen. Also bleibt man sch├Ân im lauwarmen Fahrwasser, wo man sich unter so vielen Mitschwimmer sicher und geborgen f├╝hlt. Da├č die neue Scheibe von Newcomer x das schlappe S├╝ppchen vom allm├Ąhlich immer g├Ąhniger werdenden Megastar y um L├Ąngen ├╝berbietet, wird man also nie feststellen und mit dem Glauben, da├č y doch immer noch die Kings sind, gl├╝cklich werden, weil man nie die Chance hatte herauszufinden, da├č man ganz locker auf dem Holzweg gewesen war. Also darf der Newcomer gl├╝cklich sein, wenn seine Verkaufszahlen gerade so in den vierstelligen Bereich schwappen, und daher werden Labels immer vorsichtiger, unbekannten Acts einen Deal zu geben, gleich wie gut sie sind beziehungsweise sie werden viel fr├╝hzeitiger wieder auf die Stra├če gebeten. Wie soll da eine Weiterentwicklung m├Âglich sein, Aufsteiger und neue Sensationen geboren werden, au├čer wenn ein Major seine Kohle in eine vermeindliche "neue Killertruppe" investiert und ihn solange pusht, bis entweder jeder kotzt oder sich endlich deren CD kauft. Nur, glaubt Ihr im Ernst 1983/'84 h├Ątte sich irgendein Major einer verpickelten Kindertruppe namens METALLICA angenommen und erkannt, wie g├Âttlich spontan und ungez├╝gelt sie damals waren, um mit ihnen ┬╗Kill 'em All┬ź zu produzieren? Nee! Ist es heute also ├╝berhaupt noch m├Âglich, da├č sich eine solche Karriere anbahnt, wie in obigem Fall, oder werden die meisten gleich mal zu Beginn abgew├╝rgt? DREAM THEATER ist sicher ein mutmachendes Beispiel, aber man sollte nicht vergessen, da├č sich die Jungs schon 1989 ihr erstes Denkmal setzten, bevor sie zu einer Pause gezwungen wurden, und mal ganz abgesehen davon sind DREAM THEATER eine echte Ausnahmeerscheinung, wie man sie im Jahrzehnt nur einmal findet! Man wird es in einigen Jahren sehen, ob die Musikszenen noch so kreativ ist, wie sie das in den letzten Jahren durchaus war.
Und es h├Ątte sollen ja noch sch├Âner kommen sollen! Der Fuffie f├╝r den Silberling, das sei das einzig wahre Ziel verk├╝ndete die Industrie gro├čspurig, schlie├člich w├╝rde man f├╝r ein "gutes Buch" ja auch so viel bezahlen. Klar, schlie├člich kauft sich jeder Teenager jeden Monat achtmal "Faust" in der Lederedition, und schlie├člich schr├Âpft jeder seinen Lohnscheck, nur um sich seine t├Ąglich taufrische Ausgabe der Bibel zu sichern. Abgesehen davon - ich habe mir schon eine Menge B├╝cher gekauft, mit jeglichem Seitenumfang, in jeglicher Aufmachung, wurde aber noch nie um 50,- DM geschr├Âpft. Zum Gl├╝ck ist es nicht so weit gekommen, auch weil damals alle Welt Sturm lief, was die entsprechenden Subjekte aber nicht davon abgebracht hat, die Preispolitik eben etwas schleichender, aber doch best├Ąndig in Richtung auf den kleinen Braunen zusteuern zu lassen.
Die Antwort der "Kleinen" kam recht bald beispielsweise in Form der "Ich zahl' nicht mehr"-Aktion von SPV oder INTERPOOL, einer Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Indies mit dem Ziel, CDs unter 30,- DM anzubieten. Eigentlich eine l├Âbliche Aktion. Bedenkt man jedoch, da├č man damit pro Scheibli immer noch mehr verdient als zu Vinylzeiten und vielleicht den ein oder anderen K├Ąufer dazu bringt, verst├Ąrkt in Richtung der g├╝nstigeren Silberlinge zu schielen, und somit den eigenen Umsatz steigert, ist das eine Rechnung, auf die man sich ruhig mal einlassen kann, zumal man dadurch zus├Ątzlich den eigenen Ruf mit etwas leuchtenderer Farbe versehen kann.
Weitere Argumente werden von denen angef├╝hrt, die sich auch heute noch dem Vinyl verbunden f├╝hlen. Sie drehen sich zum einen um's Cover. Mag einerseits eher unerheblich sein, weil es prim├Ąr um die Musik geht, wenn ich mir aber beispielsweise RUSHs ┬╗Hold Your Fire┬ź anschaue, so kriege ich bei der Platte wegen der genialen ausdrucksvollen Schlichtheit dieses Designs eine G├Ąnsehaut. Bei der CD mu├č ich mich eher fragen, was eigentlich dieser Fliegenschi├č auf dem roten Hintergrund zu suchen hat. Eher als Gesichtspunkt der hoffnungslosen Nostalgiker zu sehen ist die Aussage, da├č sie sich die Musik ihrer guten, alten Platten ohne das Knistern und Backgroundrauschen ├╝berhaupt nicht vorstellen k├Ânnten, so ist es aber zweifelsohne richtig ist, da├č die CD steril klingt und zu keiner Zeit die lebendige Dynamik des Vinyls erzeugen kann.
Klar, auch ich kaufe CDs. Hocherfreut habe ich die beiden METAL BLADE'schen Doppelpacks der alten FATES WARNING-Alben entgegengenommen, so da├č meine Platten nun definitiv nie wieder von der Nadel gequ├Ąlt werden m├╝ssen. Ebenso hab' ich mir ┬╗Passions┬ź von MOON OF STEEL in Form der optisch ├╝belkeitserregenden ┬╗Spaghetti Rock┬ź-CD zugelegt, so da├č meine wertvolle, rare Originalplatte nie wieder laufen mu├č. Aber bislang habe ich mich fast immer geweigert, f├╝r eine CD mehr als 30,- DM zu zahlen, auch wenn der Verzicht in Einzelf├Ąllen wehgetan hat, aber genauso haben die wenigen Griffe ├╝ber diese Schallmauer ein mistiges Gef├╝hl ausgel├Âst. Anfangs war noch die Alternative da, einfach weiterhin das Vinyl zu kaufen und die CD stehenzulassen. Damit ist nun auch Sense, denn entweder erscheinen neue Releases erst gar nicht als Platte oder aber es handelt sich dann um irgendwelche Specials als Picture Disc oder in farbigem Vinyl, so da├č man von Herstellerseite glaubt, die Lizenz erworben zu haben, auch f├╝r das Vinyl mindestens 25,- Mark zu verlangen.
Was kann man also tun? Eigentlich bleibt nur eine Mischung aus Verzicht und Boykott, zu der auch ich mich durchgerungen habe, auch wenn das Feeling dabei nicht so toll ist. Irgendwann gibt's das Teil im Sonderangebot oder als Second Hand-Version. Zur Not gebe ich mich auch mal mit der Kassettenkopie von einem Freund zufrieden. Ich wei├č nur, da├č ich sicher niemals der immer weiter nach oben gedrehten Preisschraube beugen werden, um irgendwelchen Industriebossen den siebten Mercedes 500 oder das zweite Ferienhaus auf Palmira zu finanzieren, w├Ąhrend die eigentlichen "Arbeiter", die Musiker weiterhin in ihrem verfallenen 1ZKB rumvegetieren und sich krampfhaft ├╝berlegen, was sie verkaufen k├Ânnten, um die n├Ąchste Proberaummiete zu bezahlen. Und wenn es denn gar nicht mehr anders geht - ich bin mir sicher, da├č bei jedem durchschnittlichen Fan zu Hause mittlerweile gen├╝gend Musik steht, da├č es Jahre dauern w├╝rde, bis man sich mit jedem einzelnen St├╝ck mal intensiv auseinandergesetzt hat. Andere haben eine andere Antwort gefunden, indem sie sich mit Freunden zusammengetan haben und sich abwechselnd reihum eine CD kaufen und diese den anderen aufnehmen - zumeist auf DAT (= kein Qualit├Ątsverlust).
Ich sehe in dem Silberling ein echtes Problemkind, das zwar vordergr├╝ndig soooo viele Vorteile bringt, aber bei genauerer Betrachtung ein Spiegel unserer besch... Welt ist, der der Kunst, der Musik, ihrer Entwicklung sowie ihrem Genu├č Schaden zuf├╝gt. Das stimmt mich traurig und zornig, denn meine Lebensphilosophie ist in hohem Ma├če mit Musik verbunden, und ich mag es nicht, wenn mir jemand in meinem Kram rumpfuscht! Auf jeden Fall wundert es mich kaum, da├č es mittlerweile in vielen Gro├čst├Ądten wieder L├Ąden gibt, die ausschlie├člich mit Platten handeln und wahrlich nicht schlecht frequentiert werden.


Stefan Glas

"Speaker's Corner" im ├ťberblick:
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