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”UNDERGROUND EMPIRE 4”-Datasheet

Contents:  "Textklischees"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  03.03.1991 (created), 20.04.2010 (revisited), 26.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 4

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Ich vermute mal, daß der Hauptauslöser für diesen "Speaker's Corner" die damals immer stärker werdende Death Metal-Welle war, denn deren Protagonisten kannten außer Horror, Gore und Satan kaum andere Themen. Außerdem war ich schon immer ein leidenschaftlicher Hasser von platten Liebestexten gewesen, so daß ich mir in dieser Form einfach mal Luft machen mußte.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

''Speaker's Corner''-Logo 1 ''Speaker's Corner''-Logo 2

''Speaker's Corner''-Headline

Ein Stichwort, das man in letzter Zeit immer öfter zur Beschreibung der Texte der verschiedensten Heavy-Bands verwenden muß, lautet "Klischee". Es mag traurig sein, daß angesichts unendlich vieler interessanter Themen, die beim Texten als Grundlage dienen können, so viele Bands dennoch immer wieder auf alte abgelutschte Themen zurückgreifen und zum eintausendersten Mal durchkauen, aber es ist leider eine Tatsache, die des "Speaker's Corner" würdig ist. Ob diese Bands Angst haben, mit anders geprägten Texten zu sehr aus der Reihe zu tanzen und sich so eventuell Chancen auf unseren uniform geprägten Markt zu versauen, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es eine Tatsache, die es zu analysieren gilt.
Beispiele für diese langweilige Texterei gibt es in jeder Stilrichtung des Metals. Sehr auffällig ist dies auf jeden Fall in der Kommerz/Hard Rock-Szene. Hier kann man schon fast blind davon ausgehen, daß sich die neuen Veröffentlichungen, gleich ob von etablierten Bands oder Newcomern, spiegelbildlich und einheitlich mit Liebe in allen ihren Entwicklungstufen - Liebe auf den ersten Blick, erstes Rendezvous, Herzschmerz, Trennungspein, feuchte Hände und volle Hosen et cetera, beziehungsweise sonstigen Spielchen zu Arterhaltung und -vermehrung beschäftigen. Nur keine kontroversen oder kritischen Aussagen, alles schön sauber, steril und Plastik, Jungs!
Dagegen gibt es dann aber noch diejenigen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre wohlgesitteten Mitmenschen zutiefst zu schocken. Jedoch wirkt auch ihr Gebaren so aufgesetzt und krampfhaft, daß es eigentlich nur paranoide Moralhüter (einige Exemplare dieser Gattung haben sich unter dem Namen P.M.R.C. zusammengeschlossen) ernstnehmen können und die Produkte dieser bösen Jungs mit lieblichen Warnaufklebern versehen. Nun, daß man daraus eine verkaufsfördernde Masche gestrickt hat, ist ja wohl nur recht und billig. Warum soll man aus den verknöcherten Strukturen unserer Gesellschaft nicht Profit schlagen? Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, daß die Texte dieser Truppen zutiefst lächerlich sind und in Sachen Originalität saftige null Punkte absahnen.
Aber auch etliche Produzenten des eher "normalen" Heavy Metals drücken sich oft nicht besonders viel Schmalz aus den Hirnwindungen, wenn sie ihre Lyrics erdichten. Ich denke, daß es sich inzwischen in dieser Beziehung etwas gebessert hat, aber besonders früher war in diesen Bereichen das "Bang Your Head"- beziehungsweise "Chains And Leather"-Syndrom sehr weit verbreitet. Aber auch heute gibt es da einige, die auf solche Sachen unheimlich Bock haben. Allen voran muß man da wohl JUDAS PRIEST nennen, bei denen nach über fünfzehnjährigem Bestehen ein gehaltvoller Text schon fast als Sensation zu werten ist, während das "metal monster" in praktisch jedem Text zu Hause ist.
Ebenso muß man zu jeder Zeit feststellen, daß im Bereich der Thrashtöne die Klischees, die sich um das Thema "Gewalt" drehen, sehr beliebt sind. Am allerschlimmsten ist dies jedoch beim Death Metal, wo aber auch wirklich fast jede Band, den gleichen Mist verzapft und nur irgendwelche satanischen Messages unters Volk wirft. Ein gutes Beispiel hierzu sind NOCTURNUS, die mit »The Key« bewiesen haben, daß sie musikalisch die interessanteste Death Metal-Band sind, aber textlich einen Rückschritt ins tiefste Mittelalter unternehmen und irgendwo in der Nähe bei VENOM anzusiedeln sind - allerdings mit dem kleinen Unterschied, daß VENOM damals zu den ersten gehörten, die solche Texte publizierten. Das verhilft ihnen zwar zu keinem Bonus in Sachen Intelligenz, aber zumindest konnte man ihnen noch etwas Originalität zuschreiben. Zum Glück gibt es da noch eine Death Metal-Band wie ATROCITY, die sich offensichtlich wirklich Gedanken um ein Konzept und ihre Texte machen, aber keinen Bock haben, irgendwelche dümmlichen Phrasen von irgendwelchen eventuell ähnlich gearteten Vorgängern nachzuleiern.
Ach ja, gutes Stichwort! Da gab es nämlich früher mal ein Phänomen, daß besonders diverse deutsche Bands, die auf VENOM-Spuren lustwandelten, um die Sache nicht unnötig zu komplizieren, einfach ganze Textpassagen ihrer Lieblinge übernahmen. Dieses Stadium haben wir allerdings mittlerweile überwunden und jeder versucht in etwa, seinen eigenen textlichen Mist zu produzieren - und es dann eventuell sogar noch Selbstverwirklichung zu nennen.
Klaro ist das Gegenargument, "Man kann bei Thrash nicht von Schmetterlingen auf einer Blumenwiese singen", sicherlich berechtigt, allerdings gibt es zwischen den Standardfaseleien und besagter Blumenwiese noch eine ganze Menge mehr, zu dem man seine Meinung in Textform äußern kann. Und das gilt für jede stilistische Färbung der harten Musik.
Ziemlich auffällig ist auch die Tatsache, daß viele extreme Thrash-Bands und Death Metal-Bands einen regelrechten Wettbewerb veranstalten, wer denn den kompliziertesten Titel zusammenwurschtelt. Soll wohl gebildet klingen, ist aber auch nix anderes als ein kleines dummes Klischee. Dazu gibt es eine interessante Story am Rande, die ich aus recht sicherer Quelle erfuhr. Sie betrifft die Art des Textschreibens von SODOM zu früheren Zeiten. So schrieb man zu einem Song die Texte zunächst auf deutsch und suchte sich dann per Wörterbuch die kompliziertest-klingenden englischen Wörter raus, die aneinandergereiht in etwa dem Klang des deutschen Satzes ähnelten und eventuell sogar noch zu der Musik passen, ungeachtet der Tatsache, ob das nun einen Sinn ergeben würde oder nicht. Ob das vielleicht nur eine böse Zunge gesagt hat und wie SODOM das Texten heute praktizieren, ist mir leider nicht bekannt.
Das größte Problem ist, daß solche Texte einfach total einschränkend wirken. Wenn man einmal von Klischees eingefangen ist, wird man bald feststellen, wie wenig sie hergeben und wie erdrückend sie wirken. Und gerade das ist schade, denn in den Songtexten hat doch derjenige, der normalerweise nur der stumme Bewohner unserer Welt darstellt, die Möglichkeit, seine Ansichten zu jedem nur erdenklichen Thema zu äußern. Er ist nicht mehr zum Konsument abgestempelt, sondern kann sich mal aktiv am Gang der Welt beteiligen. Dabei bin ich natürlich nicht so blauäugig zu glauben, daß man mit dem Text eines Liedes die Welt verbessern kann. Nein, es wird sicher deswegen keinen großen Knall geben und alles wird gut sein, aber dennoch sind die Songtexte Chancen, über persönliche Anliegen zu sprechen, wie auch immer sie geartet sein mögen. Warum um alles in der Welt sollte man eine solche Chance zu einem Stück Selbstverwirklichung einfach wegschmeißen?
Man kann zwar feststellen, daß sich in dieser Beziehung während der letzten Jahre einiges geändert hat und daß etliche Bands beginnen, das Gehirn einzuschalten, aber es liegt noch vieles im Argen.
Als besonders interessant empfinde ich die Tatsache, daß bei vielen Bands hochwertige Musik mit intelligenten Texten einhergehen. Oder habt Ihr etwa schon mal gehört, daß QUEENSRŸCHE übers Headbangen geschrieben haben oder daß PSYCHOTIC WALTZ textlich von den Frauen ihrer Träume geschwärmt haben? Es scheint also, daß nicht nur das Komponieren eine Frage von Talent und Inspiration, sondern, daß auch die Gabe des hochwertigen Texten ganz eng an diese Fähigkeiten gekoppelt ist.
Irgendwie ist dies aber auch leicht zu begründen. Stellt Euch vor, Ihr hört ein wirklich geniales Lied und nach mehrmaligem Anhören, wird Euch bewußt, daß der Text nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Klischees und leeren Phrasen ist. Ich weiß nicht, wie Ihr reagieren würdet, aber für mich hätte das Lied einen Teil seines Reizes eingebüßt. Stellt Euch doch einfach mal bildlich vor, DREAM THEATER würden zu ›A Fortune In Lies‹ einen Text übers Saufen, mit Kraftausdrücken gespickt, von sich geben. Glaubt Ihr, daß das Lied immer noch diese unbeschreibliche Ausstrahlung hätte?
Mein Anliegen an die Bands wäre, daß sie sich beim Texten einfach mal ein paar mehr Gedanken machen sollten, denn schließlich gibt es Tausende interessante Themen, die sich auch super textlich umsetzen lassen. Ein phantasievoller Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht, wird an jeder Ecke massig Inspirationen finden, die irgendwelche abgelutschten Klischeethemen sofort ins Abseits treten lassen!
Wobei ich hier aber nicht nur an sozialkritische Texte denke, denn gerade diese Manie, die manche Hardcorebands an den Tag legen, daß sie nur sozialkritisch bis zum Erbrechen schreiben, wirkt einfach auch aufgesetzt und irgendwie wenig objektiv. Nein, Phantasie ist gefragt, und man kann im Wort die Welt erobern.
Ich möchte hier keinesfalls etwas verallgemeinern, denn es gibt genügend Bands, die sich wirklich um gute und originelle Texte bemühen. Doch so viele Gegenbeispiele es geben mag, so man muß dennoch feststellen, daß viel zu viele Bands beim Songwriting soviel Hirn und Sprachbegabung verwenden, wie eine mittelmäßig intelligente und durchschnittlich linguistisch gebildete gemeine Stubenfliege.


Stefan Glas

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