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”UNDERGROUND EMPIRE 4”-Datasheet

Contents:  "Textklischees"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  03.03.1991 (created), 20.04.2010 (revisited), 08.11.2016 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 4

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Ich vermute mal, da├č der Hauptausl├Âser f├╝r diesen "Speaker's Corner" die damals immer st├Ąrker werdende Death Metal-Welle war, denn deren Protagonisten kannten au├čer Horror, Gore und Satan kaum andere Themen. Au├čerdem war ich schon immer ein leidenschaftlicher Hasser von platten Liebestexten gewesen, so da├č ich mir in dieser Form einfach mal Luft machen mu├čte.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

''Speaker's Corner''-Logo 1 ''Speaker's Corner''-Logo 2

''Speaker's Corner''-Headline

Ein Stichwort, das man in letzter Zeit immer ├Âfter zur Beschreibung der Texte der verschiedensten Heavy-Bands verwenden mu├č, lautet "Klischee". Es mag traurig sein, da├č angesichts unendlich vieler interessanter Themen, die beim Texten als Grundlage dienen k├Ânnen, so viele Bands dennoch immer wieder auf alte abgelutschte Themen zur├╝ckgreifen und zum eintausendersten Mal durchkauen, aber es ist leider eine Tatsache, die des "Speaker's Corner" w├╝rdig ist. Ob diese Bands Angst haben, mit anders gepr├Ągten Texten zu sehr aus der Reihe zu tanzen und sich so eventuell Chancen auf unseren uniform gepr├Ągten Markt zu versauen, wei├č ich nicht. Auf jeden Fall ist es eine Tatsache, die es zu analysieren gilt.
Beispiele f├╝r diese langweilige Texterei gibt es in jeder Stilrichtung des Metals. Sehr auff├Ąllig ist dies auf jeden Fall in der Kommerz/Hard Rock-Szene. Hier kann man schon fast blind davon ausgehen, da├č sich die neuen Ver├Âffentlichungen, gleich ob von etablierten Bands oder Newcomern, spiegelbildlich und einheitlich mit Liebe in allen ihren Entwicklungstufen - Liebe auf den ersten Blick, erstes Rendezvous, Herzschmerz, Trennungspein, feuchte H├Ąnde und volle Hosen et cetera, beziehungsweise sonstigen Spielchen zu Arterhaltung und -vermehrung besch├Ąftigen. Nur keine kontroversen oder kritischen Aussagen, alles sch├Ân sauber, steril und Plastik, Jungs!
Dagegen gibt es dann aber noch diejenigen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ihre wohlgesitteten Mitmenschen zutiefst zu schocken. Jedoch wirkt auch ihr Gebaren so aufgesetzt und krampfhaft, da├č es eigentlich nur paranoide Moralh├╝ter (einige Exemplare dieser Gattung haben sich unter dem Namen P.M.R.C. zusammengeschlossen) ernstnehmen k├Ânnen und die Produkte dieser b├Âsen Jungs mit lieblichen Warnaufklebern versehen. Nun, da├č man daraus eine verkaufsf├Ârdernde Masche gestrickt hat, ist ja wohl nur recht und billig. Warum soll man aus den verkn├Âcherten Strukturen unserer Gesellschaft nicht Profit schlagen? Das ├Ąndert allerdings nichts an der Tatsache, da├č die Texte dieser Truppen zutiefst l├Ącherlich sind und in Sachen Originalit├Ąt saftige null Punkte absahnen.
Aber auch etliche Produzenten des eher "normalen" Heavy Metals dr├╝cken sich oft nicht besonders viel Schmalz aus den Hirnwindungen, wenn sie ihre Lyrics erdichten. Ich denke, da├č es sich inzwischen in dieser Beziehung etwas gebessert hat, aber besonders fr├╝her war in diesen Bereichen das "Bang Your Head"- beziehungsweise "Chains And Leather"-Syndrom sehr weit verbreitet. Aber auch heute gibt es da einige, die auf solche Sachen unheimlich Bock haben. Allen voran mu├č man da wohl JUDAS PRIEST nennen, bei denen nach ├╝ber f├╝nfzehnj├Ąhrigem Bestehen ein gehaltvoller Text schon fast als Sensation zu werten ist, w├Ąhrend das "metal monster" in praktisch jedem Text zu Hause ist.
Ebenso mu├č man zu jeder Zeit feststellen, da├č im Bereich der Thrasht├Âne die Klischees, die sich um das Thema "Gewalt" drehen, sehr beliebt sind. Am allerschlimmsten ist dies jedoch beim Death Metal, wo aber auch wirklich fast jede Band, den gleichen Mist verzapft und nur irgendwelche satanischen Messages unters Volk wirft. Ein gutes Beispiel hierzu sind NOCTURNUS, die mit ┬╗The Key┬ź bewiesen haben, da├č sie musikalisch die interessanteste Death Metal-Band sind, aber textlich einen R├╝ckschritt ins tiefste Mittelalter unternehmen und irgendwo in der N├Ąhe bei VENOM anzusiedeln sind - allerdings mit dem kleinen Unterschied, da├č VENOM damals zu den ersten geh├Ârten, die solche Texte publizierten. Das verhilft ihnen zwar zu keinem Bonus in Sachen Intelligenz, aber zumindest konnte man ihnen noch etwas Originalit├Ąt zuschreiben. Zum Gl├╝ck gibt es da noch eine Death Metal-Band wie ATROCITY, die sich offensichtlich wirklich Gedanken um ein Konzept und ihre Texte machen, aber keinen Bock haben, irgendwelche d├╝mmlichen Phrasen von irgendwelchen eventuell ├Ąhnlich gearteten Vorg├Ąngern nachzuleiern.
Ach ja, gutes Stichwort! Da gab es n├Ąmlich fr├╝her mal ein Ph├Ąnomen, da├č besonders diverse deutsche Bands, die auf VENOM-Spuren lustwandelten, um die Sache nicht unn├Âtig zu komplizieren, einfach ganze Textpassagen ihrer Lieblinge ├╝bernahmen. Dieses Stadium haben wir allerdings mittlerweile ├╝berwunden und jeder versucht in etwa, seinen eigenen textlichen Mist zu produzieren - und es dann eventuell sogar noch Selbstverwirklichung zu nennen.
Klaro ist das Gegenargument, "Man kann bei Thrash nicht von Schmetterlingen auf einer Blumenwiese singen", sicherlich berechtigt, allerdings gibt es zwischen den Standardfaseleien und besagter Blumenwiese noch eine ganze Menge mehr, zu dem man seine Meinung in Textform ├Ąu├čern kann. Und das gilt f├╝r jede stilistische F├Ąrbung der harten Musik.
Ziemlich auff├Ąllig ist auch die Tatsache, da├č viele extreme Thrash-Bands und Death Metal-Bands einen regelrechten Wettbewerb veranstalten, wer denn den kompliziertesten Titel zusammenwurschtelt. Soll wohl gebildet klingen, ist aber auch nix anderes als ein kleines dummes Klischee. Dazu gibt es eine interessante Story am Rande, die ich aus recht sicherer Quelle erfuhr. Sie betrifft die Art des Textschreibens von SODOM zu fr├╝heren Zeiten. So schrieb man zu einem Song die Texte zun├Ąchst auf deutsch und suchte sich dann per W├Ârterbuch die kompliziertest-klingenden englischen W├Ârter raus, die aneinandergereiht in etwa dem Klang des deutschen Satzes ├Ąhnelten und eventuell sogar noch zu der Musik passen, ungeachtet der Tatsache, ob das nun einen Sinn ergeben w├╝rde oder nicht. Ob das vielleicht nur eine b├Âse Zunge gesagt hat und wie SODOM das Texten heute praktizieren, ist mir leider nicht bekannt.
Das gr├Â├čte Problem ist, da├č solche Texte einfach total einschr├Ąnkend wirken. Wenn man einmal von Klischees eingefangen ist, wird man bald feststellen, wie wenig sie hergeben und wie erdr├╝ckend sie wirken. Und gerade das ist schade, denn in den Songtexten hat doch derjenige, der normalerweise nur der stumme Bewohner unserer Welt darstellt, die M├Âglichkeit, seine Ansichten zu jedem nur erdenklichen Thema zu ├Ąu├čern. Er ist nicht mehr zum Konsument abgestempelt, sondern kann sich mal aktiv am Gang der Welt beteiligen. Dabei bin ich nat├╝rlich nicht so blau├Ąugig zu glauben, da├č man mit dem Text eines Liedes die Welt verbessern kann. Nein, es wird sicher deswegen keinen gro├čen Knall geben und alles wird gut sein, aber dennoch sind die Songtexte Chancen, ├╝ber pers├Ânliche Anliegen zu sprechen, wie auch immer sie geartet sein m├Âgen. Warum um alles in der Welt sollte man eine solche Chance zu einem St├╝ck Selbstverwirklichung einfach wegschmei├čen?
Man kann zwar feststellen, da├č sich in dieser Beziehung w├Ąhrend der letzten Jahre einiges ge├Ąndert hat und da├č etliche Bands beginnen, das Gehirn einzuschalten, aber es liegt noch vieles im Argen.
Als besonders interessant empfinde ich die Tatsache, da├č bei vielen Bands hochwertige Musik mit intelligenten Texten einhergehen. Oder habt Ihr etwa schon mal geh├Ârt, da├č QUEENSR┼ŞCHE ├╝bers Headbangen geschrieben haben oder da├č PSYCHOTIC WALTZ textlich von den Frauen ihrer Tr├Ąume geschw├Ąrmt haben? Es scheint also, da├č nicht nur das Komponieren eine Frage von Talent und Inspiration, sondern, da├č auch die Gabe des hochwertigen Texten ganz eng an diese F├Ąhigkeiten gekoppelt ist.
Irgendwie ist dies aber auch leicht zu begr├╝nden. Stellt Euch vor, Ihr h├Ârt ein wirklich geniales Lied und nach mehrmaligem Anh├Âren, wird Euch bewu├čt, da├č der Text nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Klischees und leeren Phrasen ist. Ich wei├č nicht, wie Ihr reagieren w├╝rdet, aber f├╝r mich h├Ątte das Lied einen Teil seines Reizes eingeb├╝├čt. Stellt Euch doch einfach mal bildlich vor, DREAM THEATER w├╝rden zu ÔÇ║A Fortune In LiesÔÇ╣ einen Text ├╝bers Saufen, mit Kraftausdr├╝cken gespickt, von sich geben. Glaubt Ihr, da├č das Lied immer noch diese unbeschreibliche Ausstrahlung h├Ątte?
Mein Anliegen an die Bands w├Ąre, da├č sie sich beim Texten einfach mal ein paar mehr Gedanken machen sollten, denn schlie├člich gibt es Tausende interessante Themen, die sich auch super textlich umsetzen lassen. Ein phantasievoller Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht, wird an jeder Ecke massig Inspirationen finden, die irgendwelche abgelutschten Klischeethemen sofort ins Abseits treten lassen!
Wobei ich hier aber nicht nur an sozialkritische Texte denke, denn gerade diese Manie, die manche Hardcorebands an den Tag legen, da├č sie nur sozialkritisch bis zum Erbrechen schreiben, wirkt einfach auch aufgesetzt und irgendwie wenig objektiv. Nein, Phantasie ist gefragt, und man kann im Wort die Welt erobern.
Ich m├Âchte hier keinesfalls etwas verallgemeinern, denn es gibt gen├╝gend Bands, die sich wirklich um gute und originelle Texte bem├╝hen. Doch so viele Gegenbeispiele es geben mag, so man mu├č dennoch feststellen, da├č viel zu viele Bands beim Songwriting soviel Hirn und Sprachbegabung verwenden, wie eine mittelm├Ą├čig intelligente und durchschnittlich linguistisch gebildete gemeine Stubenfliege.


Stefan Glas

"Speaker's Corner" im ├ťberblick:
"Speaker's Corner" – UNDERGROUND EMPIRE 1-"Speaker's Corner"-Artikel
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