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  UE-Home → History → Underground Empire 4 → Interview-Übersicht → GYPSY KYSS-Interview last update: 05.12.2021, 22:14:01  

”UNDERGROUND EMPIRE 4”-Datasheet

Contents:  GYPSY KYSS-Interview

Date:  05.02.1991 (created), 20.02.2010 (revisited), 09.10.2010 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 4

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Das Klischee vom Musiker, der am Hungertuch nagt, ist in diesem Fall völlig zutreffend, denn ich kann mich noch bestens an den ersten Anruf von Mike erinnern, bei dem er zum Abschluß verlegen anfragte, ob es mir denn möglich sei, ihn anzurufen, statt umgekehrt, da er in leichten Liquiditätsproblemen stecken würde. Natürlich betonte er zugleich, daß ihm das Interview wichtiger als die Kohle sei. Ich mußte ihn leider darauf hinweisen, daß mir meine Eltern dann beim Sichten der Telephonrechnung garantiert aufs Dach steigen würden, doch ich fand eine fast schon salomonische Lösung, indem ich einfach 20 Dollar eintütete, die ich Mike anschließend schickte.

Im gedruckten Heft bildete jenes Photo, auf dem die drei Musiker in der Hocke in einem Durchgang zu sehen waren, zum Abschluß. Da selbiges schon bei den Covervariationen Verwendung gefunden hat, soll an dieser Stelle stattdessen das einzige bislang noch nicht verwendete Photo zum Zug kommen. Wie man sieht handelt es sich dabei allesamt um Mittelformatphotos - was damals nahezu unbezahlbar war, einen Photographen mit einer solchen Kamera anzuheuern - doch da im Heft stets Auschnitte aus den Photos gewählt wurden, war dies nicht zu erkennen.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

GYPSY KYSS-Headline

GYPSY KYSS-Logo

Wer hätte das gedacht! In UNDERGROUND EMPIRE 1 waren sie einer von vielen, und jetzt, drei Nummern weiter, sind sie "top of the list". Verdient haben sie's allemal, wie Ihr mir sicher zustimmen werdet.
Das Interview an sich ging richtig überfallmäßig vonstatten. Für donnerstags 21 Uhr war der Termin festgesetzt und plötzlich, dienstags gleiche Zeit klingelt das Telefon, "Hello, is this Stefan Glas? Here is Mike Dickes!". Schluck - gibt's in A­me­ri­ka einen anderen Kalender, oder hatte ich's mit den Ohren als ich den Termin vereinbarte? Nein, Mike fragt nur, ob wir den Termin verschieben könnten. Dummer­wei­se ist bis Redaktionsschluß kein Termin mehr festzulegen. Kurz­ent­schlossen fordere ich ihn auf, in 30 Minuten nochmal anzurufen. Glücklicherweise hatte ich just an diesem Tag das Advance Tape zur zweiten LP erhalten und mir folglich den ganzen Tag lang reingezogen. Also, Gedanken sammeln und zu Papier bringen. Genau in dem Moment als ich den Kugelschreiber fallen ließ, klingelte auch schon wieder das Telefon. Scheiß Streß...

GYPSY KYSS-Bandphoto 1

Okay, Mike, erzähl doch noch etwas zur Tour mit ZED YAGO und Mat Sinner, die in den Medien doch etwas untergegangen ist.

Es war die erste große Tour, die wir gespielt haben, obwohl sie nicht so wahnsinnig umfangreich war. Das Problem war, daß GYPSY KYSS in diese Tour nicht reinpaßten. Wir sind stilistisch eine völlig andere Band. Außerdem glaube ich, daß Mat Sinner keine allzu große Anhängerschaft mehr hat, so daß wir nie vor besonders vielen Leuten auftraten. Trotzdem glaube ich, daß die Tour erfolgreich war und die Leute uns mochten. Auf jeden Fall haben wir eine Menge gelernt.

Damit hast Du mir die nächste Frage schon abgenommen, denn ich hielt die Bandzusammenstellung auch nicht für besonders glücklich. Was wären zum Beispiel Bands, mit denen Ihr gerne mal spielen würdet?

KING'S X oder QUEENSRŸCHE wären super, aber ich glaube, daß es für GYPSY KYSS besser wäre, wenn wir unsere eigene Tour in kleinen Clubs und Hallen machen würden. Das Problem für eine Opening Band ist stets, daß die meisten Leute kommen, um den Headliner zu sehen. GYPSY KYSS sind jedoch eine sehr eigentümliche Band, so daß jemand, der wegen Mat Sinner in ein Konzert geht, wahrscheinlich unseren Stil nicht schätzen kann oder mögen wird. Wenn wir aber eine Headlinertour spielen würden, dann könnten wir hoffentlich genug Leute ziehen, die nur wegen GYPSY KYSS kommen, so daß die Gigs immer besser für uns ausgehen.

Im Dezember wart Ihr schon wieder im Studio, um die neue LP aufzunehmen, gerade mal etwas über ein Jahr nach den Aufnahmen zum Debut. Was kannst Du uns über die Aufnahmen erzählen?

Die erste Platte wurde schon im Herbst 1989 aufgenommen, aber es dauerte einige Zeit bis sie veröffentlicht wurde (Diese Zeit überstand mein Advance Tape nur mit Mühe ohne Bandsalat - Red.) Natürlich war es kosteneffektiver, zu touren und anschließend ins Studio zu gehen, da so die Reisekosten nur einmal anfielen. Die zweite Platte wird im Mai erscheinen, und ich glaube, daß es ein guter Zeitpunkt ist, so daß der Name GYPSY KYSS nicht in Vergessenheit geraten wird.

Die neue Scheibe wird »Songs From A Swirling Ocean« heißen. Ein sehr merkwürdiger Titel, den Du uns bitte mal erklären könntest!

GYPSY KYSS hat eine ganz spezielle Art, Songs zu schreiben. Wir denken anders über Musik. Es gibt einen Platz in unserem Geist, von dem wir unsere Ideen beziehen. Diesen Platz bezeichnen wir als "Swirling Ocean".

Mich hat das »When Passion Murdered Innocence«-Cover wahnsinnig beeindruckt. Wird »Songs From A Swirling Ocean« wieder eine solche faszinierende, surrealistische Aufmachung besitzen?

Das neue Cover wird wiederum surrealistisch sein, aber nicht so seltsam aussehen. Es wird etwas einfacher gestaltet sein, aber erneut ein großartiges Kunstwerk darstellen. Ich denke, daß es wichtig ist, ein wirklich gutes Cover zu haben.

Mich hat das Advance Tape zur neuen Platte total überrascht, denn die Band hat sich unglaublich verändert und weiterentwickelt seit der ersten LP. Es dominieren so oft Akustikgitarren, die von allen möglichen orchestralen Instrumenten untermalt werden. Bitte erläutere uns doch mal diese Evolution der Band.

Ich weiß eigentlich gar nicht genau, warum wir uns verändert haben. Ich denke aber, daß es keine dramatische Veränderung ist. Ich kann es eigentlich nur so erklären, daß wir während dieses Jahres bessere Musiker und Songwriter geworden sind. Zudem hören wir uns viele verschiedene Arten von Musik an. Ich zum Beispiel liebe Folkmusik, die primär mit Akustikgitarren gespielt wird. Auch auf unserer zweiten Platte sind mehr Akustikgitarren, und dennoch glaube ich, daß die Platte weitaus aggressiver ist als die erste. Es spielt keine Rolle, welches Instrument man einsetzt, es kommt darauf an, wie man es spielt. Die Art, wie wir die Akustikgitarre einsetzen, ist total anders. Sie ist vielleicht mit den aggressiven Sound der frühen Bob Dylan- oder John Denver-Gitarren zu vergleichen.

GYPSY KYSS-Bandphoto 2

Mich würde echt mal interessieren, wie Ihr ein solches Kunstwerk wie einen Eurer Songs zusammenfügt. Ich vermute mal, daß zunächst die Songs mit Gitarre, Baß und Schlagzeug ausgearbeitet werden. Wie aber arrangiert Ihr all diese anderen Instrumente hinzu?

Ich kreiere meine Songs auf der Akustikgitarre und schreibe dann einen Text dazu. Manchmal existiert aber auch der Text als erstes. Diese ganz einfache Version des Songs bringe ich in die Probe mit, und wir arbeiten den Song gemeinsam auf die effektvollste Weise aus. Bei jedem Song hat man gewisse Ideen, welchen Sound der Song auf der Platte haben soll. ›Colors Can Stain‹ war in der Originalversion auf einer Harmonika gespielt, aber ich hatte die Idee, eine Violine zu verwenden. So nahmen wir im Studio einen Violinisten, der uns den Song eingespielt hat. Wir versuchen immer, das zu tun, was für den Song das beste ist.

Wovon läßt sich ein Mike Dickes eigentlich beim Songwriting inspirieren?

Ich glaube, es gibt nur eine Inspiration - it's a crazy thing called life! Für mich bedeutet Songwriting keine Arbeit, sondern ich tue es einfach. Ich verarbeite meine Ideen und Probleme. Ich nehme meine Inspirationen von allem, was ich sehe oder lese, etc. Wenn ich zum Beispiel in einen Raum mit vielen Menschen käme, dann würde ich mich nicht sofort in ein Gespräch mit jemand verwickeln, sondern würde mich in eine Ecke stellen und die Leute beobachten. Du kannst daraus so viel lernen. Dadurch bekomme ich die meisten meiner Songideen - nur durchs Beobachten.

Glaubst Du nicht, daß die Fans auf der neuen LP einen straighten Rocksong wie ›What I Feel‹ oder einen Ohrwurm wie ›Hung By A Thread‹ vermissen werden?

Ich glaube nicht, denn beispielsweise ›I'm A Man‹ ist ein sehr gradliniger Rocksong. Oder ›What's Mine Is What I Want‹ enthält überhaupt keine Akustikgitarren, sondern ist ziemlich heavy. Wir spielen einfach die Musik, die wir zur Zeit spielen wollen. Das nächste Album wird vielleicht wieder völlig anders werden.

Welches Publikum versucht Ihr eigentlich, mit Eurer Musik anzusprechen?

Ich glaube, es sind Leute, die gute Texte zu schätzen wissen und die einen offenen Geist haben. Es gibt Leute, die Thrash kaufen, nur weil es Thrash ist, obwohl sie wissen, daß die Bands alle gleich klingen, aussehen, sprechen, etc. Ich finde das langweilig. Ich ziele mit meiner Musik auf keine spezielle Altersgruppe, sondern ich hoffe, daß GYPSY KYSS alle möglichen Hörergruppen ansprechen können. Gute Musik ist gute Musik, und ich mag jede Art von Musik, solange sie wirklich ist und eine wahre Leidenschaft dahintersteckt.

Die neuen Songs gehen teilweise doch recht stark in die Rockrichtung. Glaubst Du, daß Ihr mit der passenden Singleauskopplung eventuell Hitchancen hättet?

Ich glaube, daß es Songs auf der Platte gibt, die durchaus radiogeeignet sind. Das Problem ist aber, daß die wenigsten Radioleute Songs spielen wollen, die länger als vier Minuten sind. Wir haben aber außer ›Welcome To My World‹ keine Songs, die unter vier Minuten sind.

GYPSY KYSS-Bandphoto 3

Mich haben die Texte von »When Passion Murdered Innocence« sehr gefesselt. Welche Themen werdet Ihr auf »Songs From A Swirling Ocean« ansprechen?

Ich habe nie eine besondere Message. Ich will kein Prediger sein! Ich hoffe, daß die Leute die Texte lesen und meinen Standpunkt verstehen können. Sie müssen selbstverständlich meiner Meinung nicht zustimmen.

Besetzungswechsel sind etwas Alltägliches im Musikbusiness. Nicht jedoch bei GYPSY KYSS! Warum?

Ich weiß nicht! Wir sind eine kämpfende, neue Band. Es ist ein hartes Business, in dem Du viele Nachteile in Kauf nehmen mußt, aber im Endergebnis kommt es immer auf die Frage an, ob man für die Musik leben will. Wir haben uns gemeinsam entschieden, daß wir das wollen, weil wir Musik lieben.

Warum habt Ihr eigentlich bei RISING SUN unterschrieben, die damals ein total neues Label waren und für Euch am anderen Ende der Welt saßen?

Im Grunde, weil der Plattenvertrag sehr fair war. Im Laufe des letzten Jahres habe ich gelernt, wie wichtig es ist, daß man ein Label hat, das einem richtig pusht und daß man einen guten Vertrieb hat. Ich kann mich über RISING SUN nicht beschweren. Das einzige, was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, daß es unsere Platte noch nicht in anderen Teilen der Welt gibt, was aber sehr wichtig für den Erfolg einer Band ist.

Das leitet direkt über zu meiner nächsten Frage. Die deutsche Presse hat großteils sehr positiv auf Euch reagiert, wie war das eigentlich beispielsweise in Amerika?

Da die Platte dort noch nicht veröffentlicht ist, hatten wir nur Reviews in einigen Fanzines, die alle sehr gut waren. Ansonsten werden wir hier aber nicht besonders beachtet.

Wie war eigentlich die Resonanz seitens der Fans? Ihr habt doch sicher auf der Tour mit einigen gesprochen.

Meistens waren sie gut. Es war echt cool, als wir sahen, daß sogar einige bei den Konzerten waren, die die Texte mitsangen. Wir hoffen natürlich immer, daß die Leute uns mögen, und soweit sind wir recht zufrieden, da die Reaktionen positiv sind.

Mich würde mal interessieren, was Ihr neben der Band macht!

Wir haben alle Teilzeitjobs, nur ich habe momentan keinen Job. Ich verbringe meine Zeit momentan mit Lesen und Songs schreiben. Nach der Arbeit proben wir immer. Es ist sehr hart, aber wir haben einen Platz zum Schlafen und etwas zu essen, und wir wollen für die Musik leben.

Diesen Satz habt Ihr bestimmt schon tausendmal gelesen, und auch ich habe ihn sicher schon einige Male benutzt, aber mir war es noch nie so ernst, wie in diesem Fall - unterstützt diese Wahnsinnsband, so wie wir es tun, indem wir sie zu unserer Coverstory gemacht haben. GYPSY KYSS sind eine Band für die Innovation ein Anliegen und nicht ein Werbespruch ist. Eine Band, die neue Horizonte für die Musik auftun kann. Hört Euch intensiv die neue LP an, und Ihr werdet in der Musik von GYPSY KYSS ertrinken!

http://myspace.com/gypsykyss

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

GYPSY KYSS im Überblick:
GYPSY KYSS – Gypsy Kyss (Rundling-Review von 1990)
GYPSY KYSS – When Passion Murdered Innocence (Rundling-Review von 1990)
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 1-Interview
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 2-"Demoklassiker"-Artikel
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 4-Interview
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 7-Special
GYPSY KYSS – METAL HAMMER 17-18/90-Special
GYPSY KYSS – METAL HAMMER 10/91-"Living Underground"-Artikel
GYPSY KYSS – News vom 15.10.1991
Soundcheck: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« im "Soundcheck Metal Hammer 15-16/90" auf Platz 16
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Colors Can Stain« in "Playboylist Underground Empire 5" auf Platz 2 von Holger Andrae
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Groovy Soup« in "Cavelist Metal Hammer 07/92" auf Platz C von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Gypsy Kyss« in "Playlist Metal Hammer/Crash 10/90" auf Platz 1 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Rain In Adams Town« in "Cavelist Metal Hammer 01/92" auf Platz C von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Songs From A Swirling Ocean« in "Jahrescharts Metal Hammer 1991" auf Platz 7 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« in "Jahrescharts Metal Hammer 1990" auf Platz 8 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« in "Playlist Metal Hammer 15-16/90" auf Platz 3 von Stefan Glas
siehe auch: GYPSY KYSS auf dem Cover von UNDERGROUND EMPIRE 4
andere Projekte des beteiligten Musikers Michael Dickes:
DAYS OF THE DOVE – News vom 17.06.2008
Michael Dickes – Loose Ends (Do It Yourself-Review von 1998)
Michael Dickes – Thirty-Five (Rundling-Review von 2002)
Michael Dickes – Uneven Alley (Rundling-Review von 1994)
Michael Dickes – UNDERGROUND EMPIRE 7-Special
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