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WITHIN TEMPTATION-Logo

Wenn man sich in die Spitzenregion des Gothic Metals vorgearbeitet hat, ist es dann sinnvoll, mittels Experimenten ein Risiko einzugehen? Oder liegt es im Gegenteil gerade an Bands wie WITHIN TEMPTATION, das Genre, das sie mitgeprägt haben, zu erneuern, indem man vermeintliche Grenzen aufbricht und für frischen Wind sorgt?

WITHIN TEMPTATION-Headline

Auf alle Fälle haben die Holländer mit ihrem fünften Studioalbum »The Unforgiving« ein tolles und zugleich mutiges Album geschaffen, das die Band in ganz neuem Licht zeigt, so daß wir Gitarrist Robert Westerholt einige Erklärungen entlocken mußten.

WITHIN TEMPTATION-Bandphoto 1

Ihr habt die Band in jeglicher Hinsicht umgekrempelt und Euch quasi neu erfunden. Warum habt Ihr Euch zu diesen Veränderungen entschlossen?

Die Zeit dafür war einfach gekommen! Wir konnten im Rückblick nach jeder Platte sagen, was wir bei den nächsten Aufnahmen verbessern wollten. Als wir uns jedoch unser 2007er Album »The Heart Of Everything« mit etwas Abstand anschauten, merkten wir, daß es da eigentlich nicht mehr gibt, das man verbessern müßte. Daher wollten wir einfach frische neue Elemente in die Musik einbauen, um auf diesem Weg eine neue Herausforderung für uns zu finden. Wir hatten also jahrelang unseren Sound perfektioniert, und nachdem wir das geschafft hatten, war es einfach an der Zeit, etwas Neues zu probieren. Es war uns allerdings sehr wichtig, daß es kein erzwungener Prozeß sein würde, sondern daß es sich ganz natürlich und ungezwungen ergeben würde. So ist es dann auch geschehen, denn wir haben nicht verkrampft nach irgendetwas gesucht. Wir haben einfach angefangen zu komponieren, und ab einem bestimmten Punkt hat sich alles quasi verselbständigt. Wir waren einfach offener gegenüber anderen Melodien oder Einflüssen, haben andere Tempi und Herangehensweisen ausprobiert, was uns sehr inspiriert hat.

Das bedeutet aber nicht, daß Ihr plötzlich mit den "alten" WITHIN TEMPTATION unzufrieden seid, oder?

Nein, auf keinen Fall! Wir sind immer noch glücklich mit jedem unserer Alben. Aber es sind mittlerweile vier Jahre seit »The Heart Of Everything« vergangen, und wir spürten einfach, das es Zeit war, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Hattet Ihr keine Angst, daß Ihr mit diesem Schritt vielleicht alte Fans verprellen könntet?

Ja und nein. Es ist klar, daß man bei Veränderungen immer das Risiko eingeht, alte Fans zu verlieren. Auf der anderen Seite will ich aber auch betonen, daß wir nicht versucht haben, nach einer anderen Band zu klingen, oder uns zu verleugnen. Das werden unsere Fans mit Sicherheit erkennen, wenn sie die neue Platte hören. Zudem denke ich, daß unsere Fans ziemlich offen sind: Sie mögen die melodischen und die harten Elemente in unserer Musik, so daß sie diese neuen und aufregenden Elemente genauso wie wir schätzen werden. Daher hatten wir nie große Bedenken wegen der Veränderungen, zumal wir selbst mit dem Resultat extrem zufrieden sind!

Wenn ich nun behaupten würde, daß sich diese Veränderung schon bei der Akustik-Livetour abzeichnete, bei der die »An Acoustic Night At The Theatre«-Platte entstanden ist, könntest Du mir dann zustimmen? Immerhin sind auf dieser Platte hauptsächlich die "normalen" Songs zu hören, also vor allem jene, bei denen Sharon nicht so operesk singt.

Nein, damit hatte es nichts zu tun. Wir hatten die Songs lediglich nach dem Gesichtspunkt ausgesucht, wie gut sie in akustischem Gewand funktionieren. Gerade diese "normalen" Songs lassen sich oftmals sehr gut mit Akustikgitarre umsetzen. Außerdem hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht den blassesten Schimmer, daß sich diese Veränderungen einstellen würden. Das stellten wir erst fest, als wir begannen, das neue Material zu komponieren.

WITHIN TEMPTATION zählen mit Sicherheit zu den wichtigsten Bands des Gothic-Genres. Während diese Musikart in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist, wuchs auch Euer Erfolg - und umgekehrt. Seht Ihr Euch mit der neuen Platte überhaupt noch als Gothic-Band an?

"Gothic" war eine Bezeichnung, die man uns zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach verpaßt hat, weil man jene Bands mit weiblichem Gesang, harten Gitarren und Orchestierungen einfach eine Kategorien zuweisen wollte. Für uns waren solche Bezeichnungen immer irrelevant; anfangs hatte man uns beispielsweise als Doom Metalband eingestuft. Wir hatten also nie die Absicht, einem bestimmten Genre anzugehören, sondern wir spürten einfach nur den Drang, eine gewisse Art von Musik zu machen, was sich bei diesem Album nicht geändert hat. Wir stellten uns einfach die Frage, was wir in musikalischer Hinsicht auf der Welt vermissen, was uns aber gefallen würde, so daß wir es schön fänden, genau das zu Leben zu erwecken.

Trotz all der Neuerungen in der Musik war ich sehr überrascht, daß man die neuen Songs eindeutig als WITHIN TEMPTATION-Werke identifizieren konnte.

Diesbezüglich ist es wichtig, daß wir selbst sehr große Musikliebhaber sind. Wir sehen uns in erster Linie als Metalband an, so daß die harten Gitarren einfach Pflicht sind. Wir könnten ohne sie nicht leben, aber wir können sie durchaus mal einen Song oder einen Part lang weglassen, da wir ebenso Melodien und andere Einflüsse brauchen. Dadurch erhält man viele Möglichkeiten, etwas zu kreieren, was man mag. Zudem hören wir stets neue Musik, in der wir vielleicht mal Elemente erspähen, die wir mögen, so daß wir nie kreativ stehenbleiben. Wenn wir nun neue Songs schreiben, dann gehen wir immer von dem aus, was wir selbst mögen. Natürlich haben wir unsere Einflüsse, aber sobald wir eigene Songs kreieren und dabei auf unser eigenes Gefühl vertrauen, dann werden wir auch immer in diesen Songs enthalten sein. So kommt meines Erachtens der typische WITHIN TEMPTATION-Sound zustande.

Ihr habt die neue Platte »The Unforgiving« auch produktionstechnisch moderner angepackt und habt einige Effekte benutzt, die man bei WITHIN TEMPTATION bislang noch nicht gehört hat.

Das Gefühl mag aufkommen, weil wir für mehr Abwechslung bei der Produktion gesorgt haben. Auf unseren letzten Platten hatten die Songs quasi durchgehend den gleichen Sound, in dem beispielsweise stets Orchestrierungen und harte Gitarren enthalten waren. Bei der neuen Platte haben wir zum einen drauf geachtet, daß alles den Hörer förmlich anspringt und zugleich einfach soundtechnisch facettenreicher gestaltet ist.

Was werdet Ihr entgegnen, wenn nun Vorwürfe kommen werden, daß Ihr einen Ausverkauf betreiben und Euch an den Mainstream anbiedern würdet? Solche Stimmen werden früher oder später sicher aufkommen.

Wenn das jemand behaupten würde, dann kennt er sich nicht sonderlich mit unserem Material aus. Wer uns kennt, der weiß auch, daß wir schon immer versucht haben, mit unseren Songs eine möglichst große Bandbreite abzudecken. Zudem befinden sich auf »The Unforgiving« einige der härtesten und schnellsten Songs, die wir bislang geschrieben haben. Wenn jemand behauptet, wir würden zu eingängig werden, dann würde ich das sogar als Kompliment auffassen, denn das muß bedeuten, daß wir so spannende und herausstechende Melodien gefunden haben, daß man sich ihnen nicht entziehen kann. Bei solchen Bemerkungen wären wir also garantiert nicht verletzt.

WITHIN TEMPTATION-Singleshot: Sharon den Adel 1

Ihr habt nicht nur musikalisch Veränderungen vorgenommen: Neben einem neuen Logo habt Ihr auch erstmals ein Konzeptalbum kreiert, dessen Story auf einem Comic basiert, der von Steven O'Connell ("BloodRayne", "Dark 48") ersonnen und von Romano Molenaar ("Witchblade", "Darkness", "X-Men") gezeichnet wurde. Kannst Du uns bitte einen Eindruck von der Story vermitteln, um die sich »The Unforgiving« dreht und die auch im Comic erzählt wird!

Ein mächtiges Medium, die Mother Maiden, rekrutiert verlorene Seelen für ihre Geisterarmee, deren Aufgabe es ist, das Böse in allen erdenklichen Formen zu bekämpfen. Und wer wäre besser geeignet, Serienkiller zu jagen als Mörder? Sie sammelt ihre Diener unter außergewöhnlich reumütigen Seelen: solche, die keine kaltblütigen Killer waren, sondern solche, die zwar ein Leben genommen haben, es nun aber ihre Sünden zutiefst bereuen. Schuld kann eine sehr machtvolle Motivation sein, die Aussicht auf Erlösung eine noch größere. Sie tragen also alle für etwas, das sie im Leben getan haben, eine ganz besondere Schuld mit sich herum. Mother Maiden bietet ihnen also eine Möglichkeit "etwas richtig zu machen, was falsch ist", indem sie ihnen Missionen und Einsätze überträgt, bei denen sie das Böse bekämpfe sollen, um Buße für ihre begangenen Sünden zu tun.
»The Unforgiving« ist unser erstes Konzeptalbum. Der Comic besteht aus einem Prequel, den man kostenlos von unserer Homepage runterladen kann, und 6 Episoden, die jeweils mit zwei Monaten Abstand im Laufe diesen Jahres veröffentlicht werden.

Ergo: Wir haben es hier mit einer weiteren Sache, die man bisher von WITHIN TEMPTATION nicht erwartet hätte. Warum mußten die Veränderungen so allumfassend sein?

Wir hatten schon immer die Idee, irgendwann mal ein Konzeptalbum zu machen. Zudem haben wir schon in der Vergangenheit immer wieder Texte geschrieben, die auf Büchern oder Filmen basierten, so daß es eigentlich einen logischen Schritt bedeutete, ein Album auf einer Story aufzubauen, die noch unveröffentlicht ist. Das macht die Sache sehr aufregend, weil sich alles in einer ganz neuen Dimension abspielt. Für unser neues Album war dieser Moment einfach gekommen, was verschiedene Gründe hat. Zum einen wollten wir in musikalischer Hinsicht, etwas neues ausprobieren. Zudem hatten wir diesmal bei der Produktion quasi alle Fäden in unseren eigenen Händen, so daß wir Entscheidungen treffen konnten, über die wir uns vielleicht früher hätten müssen Gedanken machen, ob sie denn auch von den Produktionspartnern akzeptiert werden. Außerdem sollte man bedenken, daß mittlerweile einfach eine neue Zeit angebrochen ist: Es gibt diese ganzen Videokanäle wie YouTube, die uns neue Möglichkeiten eröffnen, um unsere Musik zu verbreiten; zugleich kann man heutzutage einen Comic auf einem iPad lesen, kann sich aber immer noch die gedruckte Version kaufen. Also haben wir diese Kurzfilme gedreht, um der Geschichte eine zusätzliche Tiefe zu verleihen. Somit paßt dieser Schritt, den wir gemacht haben, auch in unsere heutige Zeit hinein.

Also wollt Ihr die visuelle Seite mehr betonen?

Ja und nein. Eigentlich ist es eine Kombination von beidem. Früher hattest Du das riesige Cover einer Vinylplatte, das Du Dir stunden- oder tagelang anschauen konntest. Heute eröffnen YouTube & Co. neue Möglichkeiten, die wir mittels des Comics und der Kurzfilme ausschöpfen möchten. Diese neuen Medien geben den Leuten ganz andere Möglichkeiten, Musik zu erleben: Man braucht nicht mehr den Fernseher anzuschalten, um Musikvideos zu sehen, sondern man schaut sie sich einfach im Internet an. Die Zeiten als MTV in dieser Hinsicht mehr oder minder ein Monopolist war, sind längst vorbei.

Wird sich dieses Konzept auch auf die Liveshow auswirken?

Das war ein weiterer Hintergedanke, den wir hatten, denn es verbergen sich darin eine Menge Möglichkeiten, um die Liveshow aufzupeppen. Wie schon bei unserer Theatertour, als wir mit 3D-Effekten gearbeitet hatten, arbeiten wir nun an Neuerungen, die unsere Bühnenshow noch aufregender gestalten werden.

Apropos Bühnenshow: Ich kann mich noch entsinnen, daß mir ein holländischer Kollege beim "Dynamo"-Festival 2002 erzählt hatte, daß man in Eurer Heimat frotzeln würde, daß WITHIN TEMPTATION "Disney World on Metal" sei; er bezog sich dabei auf Eure Bühnenshow mit dem aufblasbaren Dornenwald als Kulisse und den Konfettikanonen. Habt Ihr Euch damals über diese Beschreibung geärgert?

Wir haben solche Kommentare hin und wieder gehört, aber eigentlich überwogen die positiven Stimmen. Letzten Endes kann man immer etwas finden, an dem man rummeckern kann, aber immerhin haben wir zumindest Aufmerksamkeit erhalten und sind in Erinnerung geblieben.

Wie verläuft eigentlich heute das Touring bei WITHIN TEMPTATION im Gegensatz zu früher? Immerhin habt Ihr mittlerweile Sprößlinge, und bei Sharon und Dir hat sich vor einiger Zeit ungeplanterweise das dritte Kind angekündigt, weshalb Ihr die Tour verschoben habt. Die ganzen Knirpse könnt Ihr schlecht einfach einpacken, oder fährt Eurem Tourbus ein WITHIN TEMPTATION-Kindergartenbus hinterher?

Glücklicherweise hat sich in dieser Hinsicht auch die Technik weiterentwickelt. Wir haben alle natürlich unsere Notebooks dabei und gehen online, um mit unseren Freunden und Familien zu Hause in Kontakt zu bleiben. Natürlich bedeutet die Tatsache, daß mehrere von den WITHIN TEMPTATION-Musikern heute auch Eltern sind, daß man eine Tourplanung klüger anpacken und die nötigen längeren Pausen einplanen muß.

Anneke von THE GATHERING hatte vor Jahren während ihrer ersten Schwangerschaft in einem Interview wirklich überlegt, daß sie eventuell mit ihrem Freund und ihrem Kind in einem gesonderten Gefährt hinter der Tourgesellschaft herfährt. Mittlerweile wissen wir allerdings, daß diese familiäre Situation maßgeblich dazu beigetragen hat, daß Anneke letzten Endes bei THE GATHERING ausgestiegen ist. Bei Euch ist es ja noch schlimmer, denn im Falle von Dir und Sharon tingeln sogar beide Elternteile durch die Weltgeschichte, während die Kinder zu Hause sind. Wie kommt Ihr mit dieser Situation klar?

Nun ja, bei uns wäre es von den ganz grundlegenden Überlegungen, daß es einfach undenkbar ist, kleine Kinder in ein Tourleben einzubinden, gar nicht möglich, daß wir die Kinder auf Tour mitnehmen, denn unsere älteste Tochter geht schon zur Schule. Es ist sehr wichtig, daß man große Unterstützung seitens der Familie hat, und daß man oft genug auch zu Hause ist. Natürlich muß man da sehr genau beobachten, daß die Kinder mit der Situation klarkommen, und alles entsprechend planen. Das ist etwas, auf das wir größtes Augenmerk halten.

Daß Ihr diese Situation gut schaukeln könnt, sieht man daran, daß Ihr neulich sogar eine Show gespielt habt, bei der Sharons Bauch unübersehbar war.

Ja, mittlerweile wäre das zwar nicht mehr möglich, aber damals konnte Sharon noch problemlos auftreten.

Warum beginnt eigentlich auf Eurer Homepage die WITHIN TEMPTATION-Timeline erst im Jahr 2000? Ich meine, mich entsinnen zu können, daß ich Euch 1997 zusammen mit ORPHANAGE im Vorprogramm der grauenhaften TOTENMOND gesehen habe. Erliege ich da gerade einer Täuschung, oder wollt Ihr die frühere Bandphase ein wenig unter den Teppich kehren? Immerhin wurde ja im Jahr 2000 mit »Mother Earth« vor allem in stilistischer Hinsicht ein neues Kapitel für die Band aufgeschlagen.

Oh, ich vermute mal, daß das damit zusammenhängt, daß unsere Webseite momentan im Umbau ist, und daß die zuständigen Leute an diesem Punkt noch nicht fertig sind. Aber danke für den Hinweis. Ich werde es an unser Webteam weitergeben.

WITHIN TEMPTATION-Singleshot: Sharon den Adel 2

Dann laß uns doch noch etwas weiter zurückgehen: Welche Erinnerungen sind für Dich mit dem Namen THE CIRCLE verknüpft?

Sehr gute Erinnerungen. Es waren unsere Schritte, und wir waren uns absolut nicht bewußt, auf welchem Level wir uns in Wirklichkeit bewegten, denn wir waren damals nicht sonderlich gut. Aber wir hatten schon eine Vorstellung von der Musik, die wir machen wollten, was sicherlich nicht schlecht war. Aber die Art und Weise, wie wir es umgesetzt haben, ließ doch zu wünschen übrig. Es war einfach eine Lern- und Experimentierphase. Alles war neu und magisch damals, so daß ich mich trotz der offensichtlichen Mängel gerne daran zurückerinnere.

Ist es eigentlich richtig, daß WITHIN TEMPTATION zunächst unter dem Namen THE PORTAL an den Start gingen?

Es war einer der Namen, die wir damals kurzfristig hatten, aber der erste offizielle Name lautete THE CIRCLE.

Laß' mich diesbezüglich nochmal nachhaken. Die Version der Geschichte, die mir bekannt ist lautet folgendermaßen: Du hast 1992 zusammen mit Ernst van der Loo THE CIRCLE gegründet, doch Du hast die Band 1995 wegen kreativer Differenzen während der Aufnahmen zum ersten Album verlassen. Daher hat der Rest der Band den Namen in VOYAGE geändert und »Embrace« unter diesem Bandnamen veröffentlicht, wobei Deine Position von Patrick Harreman übernommen worden war. Allerdings lösten sich VOYAGE schon recht bald nach dem Erscheinen von »Embrace« auf. In der Zwischenzeit hast Du zusammen mit Sharon und Deinem Bruder Martijn eine neue Band namens THE PORTAL, gegründet, so daß dann Deine ehemaligen THE CIRCLE-Kollegen Michiel Papenhove (g) und Jeroen van Veen (b) sich Euch zusammen mit Eurem ersten Drummer Richard Willemse anschlossen. Daraufhin wurde der Bandname in WITHIN TEMPTATION geändert. Ist das korrekt? Du hast gerade eben gesagt, daß Du THE CIRCLE als den ursprünglichen Bandnamen von WITHIN TEMPTATION ansiehst, nicht aber als zwei voneinander getrennte Bands.

Das ist absolut richtig. THE CIRCLE war in der Tat unser erster Name, und ich denke immer noch, daß er der beste war. [lacht]

Okay, dann will ich Dich natürlich nicht von Deiner Version abbringen, oder eine Diskussion um eine im Grunde belanglose Frage vom Zaun brechen. Warum hast Du damals THE CIRCLE verlassen? Immerhin hast Du dann mit einigen THE CIRCLE/VOYAGE-Jungs bei WITHIN TEMPTATION weitergemacht, so daß ihr wohl keine persönlichen Konflikte miteinander hattet.

Das ist schon verdammt lange her, so daß ich mich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern kann, aber ich weiß noch, daß ich rausgeworfen wurde. Es gibt aber etwas aus diesen Tagen, für das ich sehr dankbar bin: Ich wurde dazu gebracht, mich weiterzuentwickeln und einen Rückschlag wegzustecken.

War es damals nicht seltsam, daß Deine ehemaligen Bandkollegen einige von Deinen Songs unter einem anderen Bandnamen veröffentlichten?

Natürlich - und daher ist es auch nicht die schönste Phase meiner musikalischen Karriere.

Ihr hattet von Anfang an eine recht große Fluktuation in Sachen Schlagzeuger: Der erste WITHIN TEMPTATION-Drummer Richard Willemse hatte noch nicht mal die Chance, mit Euch aufzunehmen, sondern Euer Demo wurde von Dennis Leeflang, der heute beispielsweise für Lita Ford trommelt, eingespielt.

Exakt - unser einziges offizielles Demo wurde in der Tat von Dennis eingespielt.

...der anschließend aber schon wieder von Ivar de Graaf abgelöst wurde, der dann auf den ersten beiden WITHIN TEMPTATION-Platten zu hören ist, wobei die dazwischenliegende »The Dance«-EP von Ciro Palma eingespielt wurde. Im letzten Jahr verabschiedete sich Euer langjähriger Schlagzeuger Stephen van Haestregt, so daß »The Unforgiving« von einem Studioschlagzeuger eingespielt wurde, während Ihr mittlerweile Mike Coolen als Euren neuen Drummer vorgestellt habt. Oder anders formuliert: Ihr hattet auf einen Zeitraum von 15 Jahren gesehen ein recht stabiles Line-up, allerdings auf dem Drumhocker ging es sehr munter zu! Seid Ihr eine Band, die statt unter der "lead singer disease" unter der "drummer disease" leidet?

Nun, ich glaube, daß wir nicht die einzige Band sind, die mit der "drummer disease" zu kämpfen hat. [lacht] Ernsthaft - ich denke, daß es durchaus normal für eine Band ist, die so lange dabei ist wie wir, daß sich der ein oder andere Besetzungswechsel nicht vermeiden läßt. Eine Band besteht aus verschiedenen Individuen, und die Entwicklung einen Band geht nicht immer Hand in Hand mit der Entwicklung der einzelnen Mitglieder. Wenn jeder sich einer solchen Tatsache bewußt ist, offen damit umgeht und - ganz wichtig! - alle Beteiligten respektvoll miteinander umgehen, dann kann ein solcher Besetzungswechsel durchaus gut für Band als auch für den Musiker, der sie verläßt, sein.

2001 stieg Jelle Bakker, der zumindest in Underground-Zirkeln für seine Arbeit mit FROZEN SUN und DONOR recht bekannt ist, bei WITHIN TEMPTATION ein. Warum hat es damals nicht funktioniert, so daß er die Band nach recht kurzer Zeit schon wieder verlassen mußte?

Es kann vorkommen, daß sich mit der Zeit herausstellt, daß jemand in musikalischer Hinsicht nicht exakt das verkörpert, was man sich eigentlich vorgestellt hatte. Das bedeutet nicht, daß Jelle kein guter Musiker gewesen wäre, aber sein Stil war letzten Endes nicht das, was wir eigentlich gesucht hatten.

Wie schwer war es eigentlich, als sich Dein Bruder aus gesundheitlichen Gründen 2001 bei WITHIN TEMPTATION zurückziehen mußte.

Es war enorm schwer, aber letzten Endes war es damals die einzige Entscheidung, die er treffen konnte, was die Sache ein wenig einfacher gemacht hat.

Um so erfreulicher ist es, daß er mittlerweile mit DELAIN wieder erstklassige Musik macht! Doch zurück zu weiteren Vorkommnissen in der Geschcihte von WITHIN TEMPTATION: Vor der Veröffentlichung von »The Heart Of Everything« sickerte beispielsweise durch, daß auf der Platte ein Song namens ›Frozen‹ stehen würde. Daher ging monatelang das Gerücht durchs Internet, daß Ihr den gleichnamigen alten THE CIRCLE-Song, den VOYAGE damals auch für »Embrace« aufgenommen hatten, nochmal neue eingespielt hättet. Als die Platte dann erschien, konnte man natürlich umgehend feststellen, daß es sich um zwei völlig verschiedene Songs handelt. Kannst Du Dich eigentlich noch daran erinnern, und was dachtet Ihr damals über das, was ich jetzt mal salopp die "Frozen-Affäre" nennen möchte?

Um ehrlich zu sein, hatte ich von diesen Gerüchten absolut nicht mitgekriegt. Ansonsten hätten wir natürlich problemlos Stellung beziehen und erklären können, daß wir keineswegs einen alten Song erneut aufnehmen.

Habt Ihr Euch eigentlich jemand mit dem Gedanken getragen, THE CIRCLE-Songs neu aufzunehmen, um sie beispielsweise als Bonusmaterial zu verwenden?

Nein, das THE CIRCLE-Material ist etwas ganz Besonderes für uns, weil es unsere ersten Schritte verkörpert, aber wir denken, daß es auch so bleiben soll. In musikalischer Hinsicht hat es einfach nichts mehr mit unserem heutigen Standard zu tun.

Wie steht es eigentlich um die alten Aufnahmen? »Mother Earth« wurde ja von BMG neu aufgelegt, aber wie verhält es sich mit dem '97er Erstling »Enter« und der nachfolgenden »The Dance«-EP? Sind sie heute noch erhältlich? Werden sie immer noch von Eurem damaligen Label DSFA RECORDS gepreßt oder wurden sie mal wiederveröffentlicht?

Unlängst haben wir die Rechte an diesen Aufnahmen zurückbekommen, so daß sie eines Tages wiederveröffentlicht werden, ich habe aber keine Ahnung, wann das der Fall sein wird.

Was passierte eigentlich damals bei Eurem Wechsel von DSFA RECORDS zur BMG? Ich war damals etwas verwirrt, daß etwa ein anderthalb Jahr nach der DSFA-Veröffentlichung von »Mother Earth« erschien plötzlich via G.U.N, die als des BMG-Konzerns in Deutschland für Euch zuständig waren, die CD nochmal - allerdings in abgespeckter Version: Bei der DSFA-Version gab es eine Bonus-CD, was sie heute zu einem begehrten Sammlerobjekt macht, die bei der Neuauflage fehlte. Normalerweise ist es aber genau umgekehrt, nämlich daß spätere Auflagen mit zusätzlichem Material aufgefettet werden, um das Interesse der Käufer zu wecken.

DFSA war ein kleines holländisches Label, doch sie hatten »Mother Earth« in einem kleinen Rahmen auch international veröffentlicht. G.U.N wollten einfach nicht, daß man die beiden Versionen verwechseln kann, so daß sie eine deutliche Abgrenzung wollten.

Ist es okay, wenn ich Dich und Sharon zum Abschluß als modernes Märchenpaar bezeichne? Immerhin habt Ihr zusammen eine Band gegründet, die sich seither sehr gut entwickelt hat, so daß Ihr heute zu den ganz, ganz wenigen Musikern zählt, die mit ihrer Kunst ihre Familie ernähren können. Klingt eigentlich wie ein Traum, der wahrgeworden ist!

Ein Märchenpaar sind wir definitiv nicht. Das würde bedeuten, daß unser Leben perfekt wäre, ohne jegliche Probleme und Sorgen, aber das ist kilometerweit von der Wahrheit entfernt. In unserem Privatleben haben wir die gleichen Auseinandersetzungen, mit denen jeder auch sonst kämpfen muß. Ob wir uns glücklich schätzen, daß wir Musik, Filme und Comics machen können und zudem ein erfülltes Familienleben haben? Auf jeden Fall! Es wäre sicherlich falsch, sich darüber zu beschweren, aber ein Satz, den ich mal in einem Buch gelesen habe, bleibt immer gültig: "Nichts ist jemals völlig einfach!"

WITHIN TEMPTATION-Bandphoto 2

Mit diesen Worten verabschiedet sich Robert, der sich bei unserem Gespräch nicht nur als auskunftsfreudiger Gesprächspartner erwiesen hat, der sehr gut sich und seine Kreationen darzustellen wußte, sondern auch als äußerst sympathischer und bodenständiger Mensch. Dabei hätte er eigentlich allen Grund für einen Höhenflug gehabt, denn mit »The Unforgiving« hat die Band nicht nur ein weiteres Mal ein exzellentes Album geschaffen, sondern zudem ein Werk, das kurze Zeit später weltweit bis in die Spitzenregionen der Charts vordringen sollte. Das Risiko, das die Band eingegangen ist, sollte sich also schnell auszahlen.

http://www.within-temptation.com/

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: William Rutten [Photo 1 & 4], Jan Andraschko [Photo 2 & 3]

WITHIN TEMPTATION im Überblick:
WITHIN TEMPTATION – Enter (Rundling-Review von 1997)
WITHIN TEMPTATION – Hydra (Rundling-Review von 2014)
WITHIN TEMPTATION – Mother Earth (Re-Release-Review von 2003)
WITHIN TEMPTATION – The Dance (Rundling-Review von 2000)
WITHIN TEMPTATION – HEAVY, ODER WAS!? 65-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 12-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 14-"Eye 2 I"-Artikel: »Mother Earth Tour«
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 16-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 24-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 34-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 48-Interview
WITHIN TEMPTATION – ONLINE EMPIRE 49-"Living Underground"-Artikel
WITHIN TEMPTATION – News vom 11.01.2002
WITHIN TEMPTATION – News vom 13.06.2002
WITHIN TEMPTATION – News vom 18.02.2008
WITHIN TEMPTATION – News vom 30.03.2010
WITHIN TEMPTATION – News vom 29.11.2010
WITHIN TEMPTATION – News vom 01.02.2011
WITHIN TEMPTATION – News vom 22.02.2011
WITHIN TEMPTATION – News vom 01.04.2011
WITHIN TEMPTATION – News vom 03.05.2011
WITHIN TEMPTATION – News vom 21.09.2011
Soundcheck: WITHIN TEMPTATION-Album »Mother Earth« im "Soundcheck Heavy, oder was!? 57" auf Platz 17
Playlist: WITHIN TEMPTATION-Album »The Unforgiving« in "Jahrescharts 2011" auf Platz 3 von Stefan Glas
Playlist: WITHIN TEMPTATION-Liveshow Neu-Isenburg, Hugenottenhalle 25.11.2011 in "Jahrescharts 2011" auf Platz 4 von Stefan Glas
siehe auch: Musik von WITHIN TEMPTATION in einer Episode der ersten Staffel der TV-Serie "The Vampire Diaries"
andere Projekte des beteiligten Musikers Mike Coolen:
MAIDEN UNITED – ONLINE EMPIRE 56-"Living Underground"-Artikel
andere Projekte des beteiligten Musikers Sharon den Adel:
Timo Tolkki's AVALON – News vom 26.02.2013
AVANTASIA – Ghostlights (Rundling-Review von 2016)
AVANTASIA – The Metal Opera (Rundling-Review von 2001)
Soundcheck: AVANTASIA-Album »The Metal Opera Pt. II« im "Soundcheck Heavy, oder was!? 65" auf Platz 1
Soundcheck: AVANTASIA-Album »The Metal Opera« im "Soundcheck Heavy, oder was!? 55" auf Platz 3
AYREON – Into The Electric Castle (Re-Release-Review von 2005)
MY INDIGO – News vom 10.11.2017
Armin van Buuren feat. Sharon den Adel – News vom 10.11.2008
andere Projekte des beteiligten Musikers Ruud Jolie:
AGUA DE ANNIQUE – News vom 30.03.2010
FOR ALL WE KNOW (NL) – For All We Know (Do It Yourself-Review von 2011)
FOR ALL WE KNOW (NL) – ONLINE EMPIRE 49-"Known'n'new"-Artikel
FOR ALL WE KNOW (NL) – News vom 04.01.2011
LEAGUE OF LIGHTS – News vom 12.03.2011
MAIDEN UNITED – ONLINE EMPIRE 56-"Living Underground"-Artikel
DAMIAN WILSON BAND – News vom 24.03.2009
siehe auch: Ruud Jolie & Mark Zonder & Farrah West & Richard West gründen neue, noch unbenannte Band
andere Projekte des beteiligten Musikers Martijn Spierenburg:
VOYAGE (NL) – Embrace (Rundling-Review von 1995)
andere Projekte des beteiligten Musikers Jeroen van Veen:
VOYAGE (NL) – Embrace (Rundling-Review von 1995)
andere Projekte des beteiligten Musikers Robert Westerholt:
AYREON – Into The Electric Castle (Re-Release-Review von 2005)
© 1989-2022 Underground Empire


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