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Gewiß gibt es Bands, die ihr letztes Hemd für ihre Fans geben würden, doch IN EXTREMO gehen einen Schritt weiter: Sie setzen bei ihren Shows wortwörtlich ihre Haut aufs Spiel!
Dokumentiert ist dies auf der neuen DVD »Am goldenen Rhein«, wo man Sänger Michael Rhein mit Verband am Arm erleben kann, den er sich jeden Tag mit Hilfe des Sanitätspersonals am Auftrittsort erneuern ließ, was man ebenfalls im Bonusmaterial der im Kölner "Palladium" aufgezeichneten DVD miterleben kann. Daß trotz eines leicht verkokelten Frontmannes eine sehr gelungene DVD entstanden ist, kann man seit dem 15. Mai begutachten. Zusätzlich befragten wir Michael zu seinem Spiel mit dem Feuer.

Das war das zweite Mal, daß Du eine deutlich zu hautnahe Begegnung mit Eurem Bühnenfeuer gemacht hast!

Ja, aber beim ersten Mal war es richtig schlimm gewesen. Das passierte vor etwa zehn Jahren im Mannheimer "Capitol", und ich lag anschließend wochenlang auf der Intensivstation und bekam mehrere Hautverpflanzungen. Diesmal hatte ich auch heftige Schmerzen, hab' aber die Show noch durchgezogen. Ich hatte auf alle Fälle sehr gute Ärzte gehabt, so daß keine Narben zurückgeblieben sind. Letzten Endes hatte ich diesmal also großes Glück gehabt, so daß wir sogar die Tour fortsetzen und die DVD aufzeichnen konnten.

Wie konnte es denn so weit kommen?

Die Tour führte uns durch Holland, Belgien und Frankreich, wo wir einige Shows ohne Pyros gespielt hatten. Anschließend spielten wir in Zürich die erste Show mit der großen Produktion, die auch auf der DVD zu sehen ist. Ich kann mich noch genau daran erinnern, daß mir just in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf schoß, daß nun die entsprechenden Pyros kommen würden, so daß ich mich noch ein wenig wegdrehen konnte. Letzten Endes hatte ich also Glück im Unglück, denn ich habe nicht die komplette Ladung abbekommen.

Durch die Veränderungen in der Musikindustrie ist es mittlerweile üblich, daß zwischen den regulären Platten irgendwelche anderen Veröffentlichungen erscheinen. Auch bei IN EXTREMO ist es seit einigen Jahren üblich, daß immer wieder Live- oder Akustikplatten, Best Of-Zusammenstellungen oder DVDs erscheinen. Wie bewertest Du solche Veröffentlichungen, hinter denen ja gewiß kein solch' kreativer Prozeß wie bei einer neuen Platte steckt?

Richtig! Zu unserer »Sængerkrieg Akustik Radio-Show«-Veröffentlichung kann ich beispielsweise sagen, daß es eher zufällig entstanden ist: Wir waren bei "Radio Fritz" in Potsdam-Babelsberg eingeladen, und der Moderator erwähnte eher beiläufig, daß man im Haus auch einen Raum habe, in den manchmal Bands auftreten würden. Also sagte ich spontan eher scherzhaft: "Dann laß' uns dort doch mal spielen!", und er entgegnete: "Okay, machen wir!" Dann haben wir ein paar Monate nichts mehr voneinander gehört, doch dann rief der "Radio Fritz"-Moderator wieder bei uns an, und so kam die Sache ins Rollen. Weil die entsprechende Show eine einmalige Sache war, haben wir sie natürlich als CD/DVD-Package veröffentlicht.
Die Entscheidung für die »Am goldenen Rhein«-DVD war einzig und allein von uns gefällt worden, denn mit einer DVD beschließt man in gewisser Weise einen Abschnitt. Unsere letzte DVD »Rauhe Spree« wurde 2005 aufgenommen und liegt somit bereits fast vier Jahre zurück, so daß wir nun also jene Sachen, die wir seither gemacht haben, zum Abschluß bringen. Die "Sængerkrieg"-Tournee wird zwar noch bis zum Sommer weitergehen, und wir werden bei vielen Festivals auftreten, doch danach ist das Kapitel »Sængerkrieg« beendet, und wir werden zu Weihnachten eine Akustiktour spielen. Es wird die erste Tour dieser Art für uns sein, die uns durch Locations wie den "Admiralspalast" in Berlin oder das "Gewandhaus" in Leipzig führen wird. Wir werden dabei übrigens im Gegensatz zu anderen Bands auf ein Orchester verzichten, denn wir sind ja gewissermaßen selbst ein Orchester.
Aber auf jeden Fall bedeutet die DVD einen Abschnitt. 2010 wird die Band dann 15 Jahre alt, und ich denke mal, daß wir eine neue Platte machen werden, und dann werden die Karten neu gemischt. Mal sehen, was dann passieren wird; wir lassen es auf uns zukommen.

Trotzdem ist es bei Euch noch nicht so wie bei den Rockdinosauriern, die einfach keine hochwertige neue Musik mehr schreiben können, und deswegen zu jeder Platte zehn Welttourneen bestreiten müssen und somit nur noch von ihrer Substanz, ihrer Vergangenheit leben. Spielen bei der Veröffentlichung einer DVD also auch solche Überlegungen wie Verkaufszahlen und ähnliches eine Rolle?

Uns geht es mit Sicherheit nicht nur um Verkaufszahlen. Das ist sicherlich ein schöner Nebeneffekt, und wir können froh sein, daß es bei uns diesbezüglich recht gut läuft. Aber die gesamte Plattenindustrie ist zweifelsohne im Wandel, und wer weiß, wie es in zwei Jahren aussehen wird? Alles ist sehr schnellebig, aber wir lassen uns nicht davon irritieren, sondern machen unser Ding. Am wichtigsten ist für uns, daß wir uns im Spiegel ansehen können, und Spaß haben. Eine Plattenfirma kann uns nichts vorschrieben, denn wir haben immer ein Wort mitzureden, und es wird mit Sicherheit nichts ohne unser Einverständnis geschehen.

Was unterscheidet Deiner Meinung nach »Am Goldenen Rhein« von Eurer ersten DVD »Rauhe Spree« und den Live-DVDs anderer Bands?

Ich glaube, das muß der Zuschauer selbst entschieden. Ich bin mit dem Sound sehr zufrieden, und es sind schöne Bilder zu sehen. Aber ich kann und will niemand »Am Goldenen Rhein« als "die beste DVD überhaupt" aufdrücken. Das ist ähnlich wie bei einer neuen Platte: Wie oft wurden wir schon angesprochen, mal wieder eine Platte wie »Weckt die Toten!« zu machen. Nein! Diese Platte haben wir doch schon gemacht! Eine Band entwickelt sich immer, und daher sieht man bei unserer neuen DVD den Stand, auf dem die Band heute ist.

Eine überraschende Antwort in einer Zeit, in der zumindest die Promomaschinerie von Plattenfirmen versucht, quasi jedes neue Produkt oder jede neue Band mit immer mehr Superlativen zu überschütten. Ein Beweis, daß IN EXTREMO noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen!

Wir wollten einfach festhalten, wie wir heute sind, und wenn jemand Lust hat, sich das zu Hause anzusehen, dann hat er jetzt die Möglichkeit dazu.

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Inwiefern ist Uwe Flade, der unter anderem für seine Arbeit mit RAMMSTEIN bekannt ist, in diesem Prozeß wichtig? Ihr habt schon desöfteren mit ihm zusammengearbeitet, und er hat auch bei »Am Goldenen Rhein« Regie geführt.

Uwe Flade ist ein alter Bekannter der Band: Er hat damals schon das ›Küss mich‹- und das ›Erdbeermund‹-Video gemacht. Interessanterweise hat er durch das ›Küss mich‹-Video den Zuschlag bekommen, um mit DEPECHE MODE zu arbeiten, wodurch wir uns natürlich auch geehrt fühlten. Uwe weiß, wie wir ticken, und er kann auch mit Kritik umgehen: Sein erster Schnitt hatte uns nicht gefallen, weil er zu hektisch war, und er hat uns zugestimmt und einen neuen Schnitt angefertigt. Das gleiche ist auch mit Produzenten, denn da wollen wir auch keinen Egotypen. Wir haben immer Leute um uns herum, mit denen wir problemlos klarkommen und zusammenarbeiten können.

Auf der letzten Tour seid Ihr beim "Rock Of Ages"-Festival aufgetreten. Welche Erinnerungen hast Du dran?

Ich hab' es sehr genossen, auch wenn wir ein wenig der Außenseiter bei dem Festival waren. Aber andererseits: Auf welchem Festival sind wir nicht Außenseiter? Schau Dir doch "Wacken" an: Da werden die Leute den ganzen Tag zugedröhnt, und dann kommt so 'ne Band wie IN EXTREMO. Wir sorgen also überall für Abwechslung. Ich fand es beim "Rock Of Ages" beispielsweise sehr cool, TEN YEARS AFTER zu sehen, denn ich bin mit dieser Band großgeworden. Ich hab' mich über eine Stunde mit ihrem Basser Leo Lyons unterhalten, von dem ich gar nicht wußte, daß er fast perfekt Deutsch spricht. Ich hab' ihn natürlich auf Englisch angesprochen, bis er mich dann nach einiger Zeit angrinste und auf Deutsch antwortete! [lacht]

Ansonsten wird das Jahr 2008 sicherlich als das bislang erfolgreichste in Eure Bandgeschichte eingehen: So ist beispielsweise das »Sængerkrieg«-Album auf Platz 1 in die Charts eingestiegen, wofür Ihr nun auch bei der diesjährigen "Echo"-Verleihung auf den vierten Platz in der Kategorie "Rock/Alternative/Heavy Metal national" gekommen seid.

Generell konnten wir uns bei den letzten Platten über die Chartplazierungen nicht beklagen, die allesamt bis auf Platz 3 kamen. Aber in Deutschland gilt das idiotischerweise nichts, was man schon im Sport sehen kann, wo nur der Sieger zählt. Dabei sollte man mal ganz eindeutig sagen, daß jede Band, die es bis in die Top 10 oder gar Top 5 schafft, einen Höllenrespekt verdient hat, denn man darf nicht vergessen, daß sich im Rockbereich die Bands diesen Erfolg erspielt haben! Es hatte sich bei den Vorabmeldungen abgezeichnet, daß »Sængerkrieg« auf Platz 1 einsteigen könnte, aber immerhin war ja auch noch Madonna im Rennen, so daß wir uns letzten Endes sehr gefreut hatten, als wir wirklich auf dem obersten Treppchen landeten. Aber wir sind nicht die Typen, die deswegen abheben, und wir werden uns deswegen auch nicht bei der nächsten Platte irgendwelchen Druck auferlegen. Wenn nochmal ein Charteinstieg auf der Spitzenposition klappen sollte, wäre es schön, wenn nicht, wird die Welt aber auch nicht untergehen. Letzten Endes können wir für die »Sængerkrieg«-Chartplazierung ohnehin nur unseren Fans dankbar sein!

Diesbezüglich sollte man auch nicht vergessen, daß IN EXTREMO keine Eintagsfliege sind, die durch glückliche Umstände zu diesem Erfolg gekommen ist, sondern daß Ihr jahrelang kontinuierlich darauf hingearbeitet habt.

Letzten Endes hat uns auch niemand was geschenkt, und wir wurden oft hinter unserem Rücken gedisst. Durch diese Erfahrungen sind wir allerdings reifer und härter geworden, so daß heute vieles an uns abprallt wie am Panzer einer Schildkröte - nur daß wir nicht wie 'ne Schildkröte den Kopf einziehen, sondern ihn im Gegenteil weit rausstrecken.

Auf dem Weg zu diesem Erfolg war bei Euch sicherlich die Liveschiene sehr wichtig!

Auf jeden Fall! Wir sind eine ausgesprochene Liveband und auch eine sehr visuelle Band. Wenn ich mir die DVD anschauen und meine Verrenkungen sehe, dann muß ich manchmal selbst lachen, weil ich mich frage, wie ich auf so eine Idee gekommen bin. So was studiere ich ja schließlich nicht ein, sondern das sieht jeden Tag anders aus.

Stichwort: visuelle Band. Waren solche optischen Effekte wie die Pyros von vornherein im IN EXTREMO-Masterplan verankert oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Es hat sich entwickelt. Ich hatte zum Beispiel schon früher, als wir noch zweit auf mittelalterlichen Märkten gespielt hatten, eine Fontäne auf meiner Davul, einer türkischen Trommel, gehabt und gezündet, so daß den Zuschauern fast die Augen rausgefallen sind. Ich würde die Pyros nicht unser Markenzeichen nennen, aber sie gehören zu der IN EXTREMO-Show dazu wie die Musik.

Das Thema des Quasijubiläums im Jahr 2010 mit 15 Jahren IN EXTREMO plus mögliche zehnte Platte hast Du schon kurz angerissen. Gibt es da schon irgendwelche Pläne?

Genau: 1995 haben wir die akustische und 1997 die Rockband gegründet. Aber über ein Jubiläum haben wir noch nicht nachgedacht. Wir waren seit Mai letzten Jahres kontinuierlich unterwegs, woraufhin wir uns etwa zwei Monaten Ruhe gegönnt hatten, bevor wir dann an der DVD gearbeitet haben. Mittlerweile stecken wir schon wieder mitten in den Vorbereitungen für die kommende Tour. Wenn man von 365 Tagen mindestens 200 mit der Band zusammen ist, finde ich es wichtig, daß man sich mal eine Zeitlang aus dem Weg geht. Meistens rufen wir uns dann aber spätestens nach einer Woche schon wieder gegenseitig an. [lacht]

Gibt es denn schon Überlegungen zur nächsten Platte?

Die Platte liegt schon komplett fertig in der Schublade!

Ehrlich? Aber Du hattest doch am Anfang gesagt...

War 'n Spaß! [lacht schallend] Nein, es gibt wirklich noch keinerlei Überlegungen dazu, außer, daß wir eine Platte machen werden, da wir dafür unterschrieben haben. Aber ansonsten ist es noch ein ungelegtes Ei! Wir sind keine Band, die großartige Planungen anstellt, sondern wir rühren gemeinsam unseren Eintopf an, und was rauskommt, ist IN EXTREMO. Die Band funktioniert auf diese Weise, was ich auch sehr gut finde. Wir sind ein räudiger, verpeilter Haufen, und das macht diese Combo aus!

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Das heißt, es wird auch keine tiefgreifenden Änderungen im Sound geben. Sind solche bei Eurer Musik überhaupt möglich? Modernes Mittelalter vielleicht? Demnächst mit DJ?

So lange es IN EXTREMO geben wird, werden immer Dudelsäcke und mittelalterliche Instrumente dabei sein, aber wir sind zugleich auch eine Rockband, die niemals ihre Wurzeln verleugnen wird. Wir werden uns weiterentwickeln, aber immer IN EXTREMO bleiben. Wir werden uns also garantiert keinen DJ oder ähnliches zulegen. Es wäre also albern, über so etwas nachzudenken.

Siehst Du diese stilistischen Grenzen, die die Mittelaltermusik vorgibt und die Ihr ja offensichtlich nicht zu sprengen gedenkt, als beengendes Korsett an?

Absolut nicht. Ich kann mich innerhalb dieser Grenzen hervorragend austoben!

IN EXTREMO sind im deutschsprachigen Raum sehr angesagt. Ähnliches gilt ja auch für andere deutschsprachige Bands, von denen jedoch viele im Ausland mit der Sprachbarriere zu kämpfen hatten.

Bei uns ist das seltsamerweise anders. Ich war neulich auf www.tagesthemen.de, wo es unter "Kultur - Musik" eine Rubrik namens "Made in Germany" gibt, in der jene Bands aufgeführt werden, die Deutschland kulturell repräsentieren, wo wir neben RAMMSTEIN oder den SCORPIONS genannt werden. Das hat meines Erachtens durchaus seine Berechtigung, denn wenn wir beispielsweise in Rußland spielen, sind die Shows binnen zehn Minuten ausverkauft. Auch in Spanien oder Mexiko läuft es hammermäßig für uns, was wir uns erspielt haben.

Die TOTEN HOSEN haben damals sogar eine englischsprachige Platte gemacht, um besagte Sprachbarriere zu durchbrechen...

Das stand bei uns nie zur Debatte, denn wir haben auf jeder Platte unterschiedliche Sprachen drauf, so daß IN EXTREMO in dieser Hinsicht einzigartig sind. Daher würde ich es für idiotisch halten, für irgendeinen Markt ein spezielle CD zu machen. Das würde ich definitiv ablehnen! Ich glaube, wir haben auch so in Amerika die ein oder andere Platte verkauft. Wenn ich mal arrogant sein darf, dann möchte ich sagen, daß wir mit bislang weltweit insgesamt 1,1 Millionen Platten verkauft haben. Daran kannst Du Dir ausrechnen, was wir in Deutschland und was wir im Rest der Welt verkauft haben. Ich glaube sogar, daß die Amis es lieben, wenn eine Band bei ihnen spielt, die so ist, wie sie ist, und nicht extra eine Platte mit englischen Texten macht. Diesbezüglich haben RAMMSTEIN Tore geöffnet - das muß man fairerweise auch mal sagen! Zudem wollen wir ja nicht das Aushängeschild von Deutschland sein. Ich bin in Deutschland geboren, Deutschland ist meine Heimat, ich bin froh, daß ich einen deutschen Paß habe, aber was hierzulande beispielsweise politisch passiert, geht mir am Arsch vorbei. Ich bin sehr dankbar dafür, daß ich durch die Musik in der Welt herumgekommen bin. Es erweitert dir unbeschreiblich den Horizont, wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst. Alle Menschen kochen nur mit Wasser! Es gibt arme Säcke auf dieser Welt, die ihr letztes Hemd dafür hergeben, nur um die Musik zu hören, was man respektieren sollte. Das sind so einige Gesichtspunkte, die mir wichtig sind.

Wie bist hat sich die Idee entwickelt, Mittelaltermusik mit Rock oder Metal zu kreuzen?

Ich hab' 1991/'92 angefangen, auf mittelalterlichen Märkten zu spielen, mit einem Duo, das sich PULLARIUS FURCILLO nannte; zunächst waren wir noch zu dritt, doch ein Kollege ist gestorben, so daß wir zu zweit weitergemacht haben. Nach etwa vier Jahren wollte der andere Kollege zu einer anderen Band gehen, so daß ich alleine dastand. Also habe ich verschiedene Leute gefragt, unter anderem auch Conny Fuchs, mit der ich dann IN EXTREMO gegründet habe. Wir haben uns Flex als Mitstreiter gesucht, und als Conny von ihrem damaligen Mann schwanger wurde, so daß sie nicht mehr weitermachen konnte, kam Dr. Pymonte hinzu. Das war die Kurzform; ich habe also schon vor IN EXTREMO etwa fünf Jahre lang ähnliche Musik gemacht. Ich habe also gewußt, was ich da tue, und das halte ich für sehr wichtig. Dudelsackbands gibt es nämlich viele, aber nicht jeder, der einen Dudelsack halten kann, kann ihn zwangsläufig auch spielen. Ein Mittelaltermarkt bedeutet einfach, daß man Leute unterhält: Du spielst ein paar Lieder, spielst ein paar Standards. Irgendwann haben sich ein paar Band rauskristallisiert, wie beispielsweise CORVUS CORAX mit ihrem »Cantus Buranus«, die ich richtig klasse finde. Andererseits gibt es auch Dudelsackbands, die zu viele Pilze essen, und für 50 Euro das ganze Wochenende lang bei einem Mittelaltermarkt spielen und anderen Bands die Preise versauen. Doch das sind alles Dinge, die weit weg von mir sind, denn das war gerade nur ein Zurückdenken an jene Tage, als das alles entstanden ist.

Wie kam die Idee zustande, die Mittelalterband und die Rockband zu vereinen?

Das war 'ne Kneipenidee! Ich dachte schon bei unserem ersten Song, ›Ai vis lo lop‹, daß da einfach eine Gitarre drunter müßte. Weil wir diesem Song so viel zu verdanken haben, spielen wir ihn heute immer noch. Ich hab' zu DDR-Zeiten in Rock-, Punk- und Bluesbands gespielt, so daß ich das Bindeglied zwischen der Rock- und der Mittelalterfraktion bin. Irgendwann haben Flex, Pyrmonte und ich in Berlin in einem kleinen Hinterhofstudio unsere erste Mittelalterkassette aufgenommen, die wir dann auf Märkten verkaufen wollten. Und wieder kam mir die Idee, eine Gitarre hinzuzufügen, so daß ich meine alten Kollegen von meiner ehemaligen Band NOAH eingeladen habe mitzumachen. Mit NOAH hatten wir irgendwann ein Abschiedskonzert angesetzt, denn es ging einfach nichts mehr; zu den Konzerten kamen oft nur noch eine Handvoll Leute. Doch NOAH sollten noch einmal im "Franz"-Club in Berlin bei einer Sessionnacht auftreten, und wir trafen uns zuvor in einer Kneipe, wo ich die Idee unterbreitete, daß wir die Rock- und die Mittelalterband kombinieren sollten. Alle stimmten zu, so daß während des NOAH-Konzertes dann die beiden Dudelsackspieler auf die Bühne kamen und wir eben jenes Lied gespielt haben. Das Publikum war begeistert, und das war der Startschuß zu den heutigen IN EXTREMO.

Etwas präziser kann man diesen Prozeß auf der IN EXTREMO-Homepage in Michaels Steckbrief nachlesen: Michael stand 1977 zum ersten Mal auf der Bühne: Er hatte bei einem Konzert der Eisenacher Bluesband LIEDERJAN einfach gefragt, ob er mitspielen könne. Ähnliches passierte dann mit der Band FRACHTHOF aus Weimar und Jürgen Kerth, einem Bluesgitarristen aus Erfurt. 1983 gründete Michael dann seine erste Band, die er NR. 13 taufte. 1985 tauschte man den Bassisten aus und benannte sich in EINSCHLAG um, da NR. 13 von den DDR-Organen Spielverbot erteilt bekommen hatten. 1987 wurden NOAH ins Leben gerufen, wo Michael aufgrund der bevorstehenden Einstufung unter falschem Namen auftrat. Ab 1990 zog es ihn dann immer mehr auf Mittelaltermärkte, wo er dann 1992 erstmals als Musiker in Erscheinung trat: Er spielte mit Bernd Dobbrisch (Willi von CORVUS CORAX) und Karsten Liehm (Achmed) und lernte dabei auch Teufel (Mike Paulenz), Bo und Hatz kennen. Teufel war damals gerade bei CORVUS CORAX gefeuert worden, so daß er mit Bo und Hatz, der 1997 dann ebenfalls zu CORVUS CORAX wechseln sollte, eine neue Band namens PULLARIUS FURCILLO am Start hatte. Michael sollte bei der Band dann letztendlich Hatz als Trommler ablösen. Nachdem Bo bei einem Verkehrunfall ums Leben kam, sollten Teufel und Michael dann etwa fünf Jahre als Duo weitermachen, bevor Teufel dann 1995 wieder bei CORVUS CORAX einstieg und Michael sich daraufhin mit Conny Fuchs unter dem Namen IN EXTREMO zusammentat, womit wir an jenem Punkt wären, von dem ab Michael sehr ausführlich weitererzählt hat, so daß wir uns also wieder dem Gespräch zuwenden können:

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Allerdings entsprechen Dudelsack & Co. nicht unbedingt der Klischeevorstellung eines Trauminstrumentes, das ein Kind unbedingt lernen möchte. Da würde man doch eher an Gitarre oder Schlagzeug denken. Wie kommt man als Kind dazu, mittelalterliche Instrumente zu lernen?

Aus Interesse! Es gibt ja immer Sonderkinder... [lacht] Ernsthaft: Glücklicherweise gibt es nicht nur Kinder, die vorm PC versauern, sondern der eine interessiert sich für Sport, der andere für Musik und so weiter. Wir kriegen pro Woche Hunderte Mails, in denen nach Anleitungen zum Dudelsackbau gefragt wird oder ähnliches. Ich finde es klasse, daß wir so etwas ins Leben gerufen haben. Letzten Endes können wir allerdings leider keinen Bauplan rausgeben, da wir unsere Instrumente frei Schnauze bauen.
Wie man dazu kommt? Das mußt Du wohl jeden einzelnen selbst fragen. Natürlich waren diese Mittelaltermärkte gerade zu DDR-Zeiten typische Auffangbecken für sozial Schwache, die sich auf diesem Terrain bewegten, um ihre Freiheit nicht aufgeben zu müssen. Und wie man zum Dudelsack kommt? Ein Instrument kann einen völlig in seinen Bann ziehen, so daß man solch ein sehr spezielles Instrument einfach liebt - oder eben sofort wegläuft.

In Promoblättchen werdet Ihr oft als die Erfinder dieses Stils dargestellt. Seht Ihr Euch selbst auch so, oder handelt es dabei nur um die übliche Schönschreiberei von Marketingfachmännern und -frauen?

Es gibt einige Bands, denen man so etwas zuschreiben könnte. CORVUS CORAX beispielsweise, die es auch schon ein paar Jahre länger als uns gibt, bei denen ich eine Zeitlang mitgespielt habe und mit denen ich beispielsweise bei den Kaltenberger Ritterspielen aufgetreten bin. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt, was ich fairerweise sagen muß. Es gab auch im damaligen Westdeutschland ähnliche Formationen, wie beispielsweise KRAMER ZUNFT UND KURTZWEYL. Oder es gab Roman Streisand, der aus der Nähe von Berlin stammte und heute noch aktiv ist. Das war ein sehr umtriebiger Typ, der schon zu DDR-Zeiten Dudelsäcke baute und spielte. Der Erfinder dieses Stil? Wir haben diese Musik salonfähig gemacht - so würde ich es formulieren. Aber erfunden hat in dieser ganzen Branche niemand auch nur das kleinste Bißchen. Ernsthaft! Auch die heute namhaften Bands haben nichts erfunden. Alle haben sich 20 Jahre lang auf dem ›Palästinalied‹ oder sonstigen Standards ausgeruht. Niemand kann sich wirklich als Erfinder ansehen, auch IN EXTREMO nicht. Wir haben diese Musik salonfähig gemacht und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Diesbezüglich fallen mir zwei Bands ein, die einen wichtigen Einfluß gehabt haben könnten: zum einen OUGENWEIDE...

Hab' ich vergessen zu erwähnen! Alle Mittelalterbands müßten sich eigentlich bei OUGENWEIDE bedanken, denn sie waren wirklich die ersten, die solche Musik gemacht haben. Wie oft habe ich auf Mittelaltermärkten erlebt, daß andere Bands original Sprüche von deren Platten auswendig gelernt und runtergeleihert haben! Bei unserer "Best Of"-CD, »Kein Blick zurück« von 2006, gab es eine Bonus-CD, auf der uns andere Künstler, unter anderem SILBERMOND, METALLICA oder Götz Alsmann, gecovert haben. Damals habe ich Olaf Casalich von OUGENWEIDE angerufen, ob er ein Stück von uns covern würde, und er sagte, daß es ihm eine Ehre sei. Doch OUGENWEIDE haben mehr als nur ein Cover aufgenommen: Es gibt die ›Merseburger Zaubersprüche‹, die alle original aufgeschrieben sind, so daß es da eigentlich nichts zu covern gibt. Von den ›Merseburger Zaubersprüchen I‹ gibt es die Melodie von "Eiris sazun idisi", die OUGENWEIDE heute noch auf Mittelaltermärkten spielen, doch selbige stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern es ist eine Eigenkomposition von OUGENWEIDE von Mitte der Siebziger Jahre. Wir als IN EXTREMO waren die einzigen, die eine eigene Melodie dazu komponiert haben, und OUGENWEIDE haben unser Lied dadurch gecovert, womit sie uns einen unglaublichen Respekt gezollt haben. Wenn eine Band überhaupt von sich behaupten kann, daß sie diese Musik erfunden haben, dann sind es OUGENWEIDE! Und ich kenne keine Mittelalterband, die etwa in jener Periode angefangen hat wie wir, die nicht irgendetwas von OUGENWEIDE geklaut hat.

Die andere Band wären DES GEYERS SCHWARZER HAUFEN, die bekanntlich Ritchie Blackmore zu seinem BLACKMORE'S NIGHT-Projekt inspiriert haben.

Ich kenne Albert Dannenmann von DES GEYERS SCHWARZER HAUFEN sehr gut. Gute Typen, gute Musik, aber OUGENWEIDE kamen früher. Zum Thema Ritchie Blackmore kann ich allerdings nur sagen: Schuster bleib' bei deinen Leisten... Ich respektiere, daß er sein Ding durchzieht. Allerdings habe ich ihn bei DEEP PURPLE geliebt, während BLACKMORE'S NIGHT wirklich nicht mein Ding ist.

Gibt es eigentlich bei der Mittelaltermusik schon das ultimative ›Smoke On The Water‹-Riff, den absoluten ›Stairway To Heaven‹-Klassiker? Was würdest Du als die Meilensteine der Mittelaltermusik ansehen?

Na ja, wahrscheinlich das ›Palästinalied‹ oder ›Stella splendens‹. Jeder, der sich mit dieser Musikart beschäftigt und mit seinem Instrument anfängt, hat genau darauf zurückgegriffen.

Warum hat die Mittelaltermusik den Sprung von den Marktplätzen in die Charts geschafft?

Wenn ich dabei von unserer Band ausgehe, war es zum Beispiel sehr wichtig, daß wir zusammengehalten haben, obwohl wir Höhen und Tiefen erlebt haben. Wir standen 2003 kurz vor dem Ruin, weil wir von einem Plattenlabel um fast eine halbe Million betrogen worden waren - da kann man heute drüber reden, ohne Namen zu nennen. Wir waren quasi am Ende, doch wir haben zusammengehalten und uns den Arsch abgespielt. Wir haben so viele Federn lassen müssen, von denen ich aber keine missen möchte. Wir sind räudige alte Straßenköter, die sich nicht unterkriegen lassen. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt, und wir werden sicherlich wieder Fehler machen, was völlig normal ist. Und die ganzen Mainstreamvorwürfe, die aufgekommen sind, berühren uns nicht im geringsten.

Diesbezüglich ist meines Erachtens entscheidend, ob sich eine Band verbiegt, um Erfolg zu haben, oder ob eine Band ihr Ding durchzieht und damit irgendwann erfolgreich wird.

Kompromisse muß man sein ganzes Leben lang machen. Wichtig ist, daß man noch in den Spiegel schauen kann, und das können wir zu jeder Tages- und Nachtzeit! Man muß zusammenhalten, sein Ego zurückstellen und darf nicht aufgeben. Das ist eine sehr wichtige Entwicklung, die bei diesen ganzen Schnellschußbands nicht gegeben ist. Außerdem sollte man auch mal einen Rat annehmen. Wenn ich heute eine jungen Band einen Rat geben kann, dann lautet er: Bevor Ihr etwas unterschreibt, lest Euch alles 30-mal durch, nicht dreimal, und nehmt Euch vor allem einen Anwalt!

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Ein Puzzlesteinchen auf dem Weg zum Erfolg bei IN EXTREMO war sicherlich, daß Ihr in dem Computerspiel "Gothic" aufgetaucht seid. Wie kam das 2001 zustande?

Die "Gothic"-Macher waren ein Trio, das auch "Moorhuhn" erfunden hatte, und einer von ihnen, Tom Putzki, war ein Fan von uns und hat uns nach einem Konzert einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Also sind wir hingefahren und haben uns diesen Spezialanzug angezogen - von dem es übrigens nur ein Modell gab, so daß es für Pymonte nicht ganz so einfach war, sich reinzuquetschen. [lacht] Da gibt es beispielsweise eine Feuerspuckszene von einer Frau, bei der man in Wirklichkeit meine Bewegungen sieht. Letztendlich ist also alles zufällig entstanden, und dabei kommen meist die besten Sachen zustande!

Bei der Mittelaltermusik sind Traditionals sehr wichtig, oder aber Texte, die in Lateinisch oder irgendwelchen älteren Entwicklungsstufen der deutschen Sprache verfaßt sind.

Das zählt auch zu unseren Wurzeln, die ich zuvor erwähnt hatte, die wir nicht verleugnen und auf die wir immer wieder zurückgreifen werden. Allerdings sind wir beispielsweise auch den umgekehrten Weg gegangen wie bei ›Liam‹ oder ›En esta noche‹, die ursprünglich auf Deutsch waren und die wir übersetzen ließen. Bei ›Liam‹ geschah das übrigens übers Telephon mit Hilfe der Mutter von Rea Garvey von REAMONN, was echt sehr interessant war. [lacht] Rea hatte bei dem Song auch mitgesungen, wo dann einige Stimmen laut wurden: "Wie könnt Ihr nur mit dem Typ was machen?" Rea hat sieben Jahre lang auf der Straße mit seiner Gitarre Straßenmusik gemacht! Davor kann ich nur den Hut ziehen! Er hat mit Sicherheit keinen MARSHALL-Verstärker zu Weihnachten geschenkt bekommen... Ob man seine Musik mag oder nicht, ist ein ganz anderes Thema, aber vor so einem Mann muß man Respekt haben. Ähnliches mußten wir uns anhören, weil wir mit Thomas D. von den FANTASTISCHEN VIER gearbeitet haben. "Wie könnt Ihr nur mit einem Rapper..." Hey, der Mann hat uns einen derartigen Respekt gezollt! Oder Götz Alsmann! Das ist ein Ritterschlag, daß so jemand ein Stück von uns gecovert hat! Das finde ich klasse! Vor so etwas sollte man Respekt haben und diesen Respekt auch erwidern. Wir stehen mittlerweile richtig fett über solchen Anfeindungen drüber! Ich kenne auch andere Seiten von mir, so daß ich sehr dankbar bin, daß ich diesen Weg erfahren durfte und daraus gelernt habe.

Themenwechsel: Was ist faul im Staate Mittelaltermucke? Es ist bekannt, daß sich einige der wichtigsten Bands, SVBWAY TO SALLY, CORVUS CORAX und IN EXTREMO, nicht sonderlich mögen. Es gab früher auch mal heftige Anfeindungen von Teufel von CORVUS CORAX und TANZWUT gegen Deine Person. Es scheint sich mittlerweile alles etwas beruhigt zu haben, aber dennoch: Was ist oder war da los?

Wir haben uns da eigentlich immer rausgehalten. Als TANZWUT den Text von ›Exkremento‹ verfaßt hatten, wären wir bescheuert gewesen, wenn wir das erwidert hätten. Ich möchte das unter der Kategorie "albern" abstempeln. Ich könnte mir vorstellen, daß Eifersucht dahintergesteckt hat. Wir stehen da drüber, und zwar nicht nur weil wir die zehnfache Stückzahl an Platten verkaufen. Selbst wenn dem nicht so wäre, könnten wir drüberstehen.
Ich gönne beiden Bands, die Du eben genannt hast, den Erfolg, weil sie genauso lange und genauso hart wie wir gearbeitet haben, und es demzufolge verdient haben. Deswegen müssen diese Leute nicht meine besten Freunde sein - zumal ich ohnehin nur den ein oder anderen Musiker von ihnen kenne. Auf alle Fälle werden wir uns auch weiterhin raushalten!

Du hast ja auch ganz offen gesagt, daß Du in Deiner Zeit bei CORVUS CORAX viel gelernt hast. Zudem gibt es gewisse Quellen, die behaupten, daß Teufel mal eine Zeitlang bei IN EXTREMO war. Ist das korrekt?

Das ist nicht wahr, aber ich habe vier oder fünf Jahre lang mit ihn ein Duo gehabt. (Genauer gesagt, handelt es sich um eben jenes Duo PULLARIUS FURCILLO, das Michael zuvor erwähnt hatte - Red.)

Du weißt, daß im Internet gerne irgendwelche Gerüchte als Wahrheiten zementiert werden, obwohl sie reiner Blödsinn sind. Deshalb wollte ich die Gelegenheit ergreifen, Dich dazu zu befragen.

Ich habe Mike schon lange nicht mehr gesehen - ich nenne ihn immer Mike, da sein richtiger Name Mike Paulenz lautet. Zum letzten Mal habe ich ihn bei einer Beerdigung im letzten Jahr getroffen, wo wir uns sehr entspannt unterhalten haben. Ich habe mich gefreut, ihn wiederzusehen, und ich hatte den Eindruck, daß es umgekehrt genauso war. Was musikalisch bei anderen Bands passiert, habe ich nicht auf dem Schirm, da ich genug mit unseren eigenen Sachen zu tun habe. Selbstverständlich schauen wir erst recht nicht auf das, was andere Bands tun, um dann eventuell etwas ähnliches zu machen. Aber wie gesagt, ich habe die »Cantus Buranus«-CD von CORVUS CORAX einmal gehört, und ich weiß, wieviel Arbeit dahintersteckt, so daß ich enormen Respekt davor habe.

Der Vorstellung der fahrenden Spielleute aus dem Mittelalter, die ihr ganzes Leben lang durch die Welt gezogen sind, um mit ihrer Musik ihr tägliches Brot zu erspielen, kommen IN EXTREMO schon recht nahe, denn Ihr seid in der Tat nahezu permanent auf Tour.

Wir sind moderne Spielleute, und genauso wollen wir es; das ist unser Leben. Wir sind ein umtriebiges Volk! Der IN EXTREMO-Haufen paßt zusammen wie ein Arsch auf den Eimer.

Es gibt auch keine Pläne, das Touring zurückzuschrauben? Schließlich wird jeder mal älter, und es gibt bestimmt etwas bequemeres als eine Koje in einem Tourbus...

Ich hab' Zeiten erlebt, da mußte ich mit meinem Schlafsack in einer Kneipe unterm Billardtisch pennen. Solange das Kreuz noch mitmacht, kann ich eigentlich überall gut schlafen. Natürlich haben wir mittlerweile auch Busse, die recht bequem sind, denn schließlich ist es dein Zuhause für etliche Wochen. Und diesen Luxus leisten wir uns auch für die Band und unsere Crew.

Hättest Du denn auch im Mittelalter diesen Lebensweg des fahrenden Spielmannes gewählt? Im Rückblick neigt man durchaus dazu, Dinge zu romantisieren. So werde ich bei vielen Viking Metal-Bands das Gefühl nie los, daß sie nicht den blassesten Schimmer davon haben, wie die Menschen, deren Zeit sie zu besingen glauben, wirklich gelebt haben. Auch beim fahrenden Spielmann darf man nicht vergessen, daß er letzten Endes ein Außenseiter der Gesellschaft war, der von der Hand in den Mund lebte. Ich denke, daß so jemand tagtäglich einen knallharten Überlebenskampf zu führen hatte.

Aber manchmal haben sie auch die Olle von Wirt abgekriegt... [lacht] Nein, dieser historischen Tatsachen bin ich mir sehr wohl bewußt. Ich möchte nicht zu jenen Zeiten gelebt haben, denn dann wäre ich jetzt längst schon tot! Es war nämlich eigentlich eine menschenverachtende Epoche, in der ein Leben nichts gezählt hat. Was mich an dieser Zeit interessiert, ist die Musik. Man darf aber den Blick für die Realität nicht verlieren. Es gab da mal einen Typen auf den Mittelaltermärkten, der seine Rolle als Ritter mit Leib und Seele verkörpert hat, aber irgendwann zwischen gestern und heute nicht mehr unterscheiden konnte und in voller Kreuzrittermontur nach Israel gereist ist. Wie bescheuert ist das denn!? Oder ich kannte einen, der mit seinem Moped vor die Kneipe gefahren ist und es angebunden hat wie ein Pferd. Irgendwo hört's dann einfach auf...

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Welche anderen Arten von Musik hörst Du außerdem gerne? Du bist beispielsweise ein großer Fan von FILTER, eine Band, die man für Dich vielleicht eher als untypisch ansehen würde.

Ich bin überhaupt nicht engstirnig, sondern höre mir Musik querbeet an. Ich höre gerne Weltmusik, ich mag Blues, ich bin Reggae-Liebhaber, was sich kaum jemand vorstellen kann. Aber der Reggae gehört in der Tat zu meinen musikalischen Wurzeln. Die DOORS, LED ZEPPELIN, FOO FIGHTERS oder auch MOTÖRHEAD zählen zu meinen Lieblingsbands. Ich bin da sehr weitläufig interessiert, was ich auch wichtig finde. Was ich allerdings nicht ab kann, sind irgendwelche Leute, die sich auf der Bühne Blut in die Fresse schmieren, denn es gibt so viel Elend auf der Welt. Wenn diese Typen das mal sehen würden, dann wären das Blut und der Sensenmann bestimmt sofort gestrichen. Wenn jemand auf so was steht, dann kann er es von mir aus haben, aber ich brauche so etwas nicht und finde es einfach nur bescheuert.

Hast Du jemals drüber nachgedacht, solche musikalischen Vorlieben, die nicht unbedingt zu IN EXTREMO passen, mal mittels eines Soloprojektes auszuleben?

Daran habe ich eigentlich noch keine Gedanken verschwendet. Wenn ich wirklich mal ein Soloprojekt starten würde, dann würde es wohl in die Chansonrichtung gehen, denn ich bin ein absoluter Chansonfreak. Aber das würde ich lediglich aus Spaß an der Freude für mich persönlich machen, mit zwei, drei guten Musikern, von denen vielleicht auch jemand von IN EXTREMO dabeisein könnte. Aber das ist ganz, ganz weit weg, und es handelt sich im Moment allenfalls um ein kleines Gedankenspielchen.
Ich habe gerade einen Gastauftritt für Jeff Martin, ehemals THE TEA PARTY, absolviert. Er lebt mittlerweile in Irland und war im letzten Jahr ein paar Tage mit uns auf Tour. Der Mann war immer ein Hero von uns, und es war total klasse, ihn dabeizuhaben. Er hat eine neue Band namens THE ARMADA - da kann man ruhig mal ein bißchen Werbung dafür machen - und die Platte ist wirklich hammermäßig geworden. Als er erfahren hatte, daß ich früher im Bluesbereich tätig war, hatte er mich gefragt, ob ich Mundharmonika auf seiner Platte spielen wolle, was natürlich eine Ehre für mich war. Also bin ich zu ihm nach Irland gefahren und wäre im Endergebnis am liebsten noch ein paar Tage länger geblieben, um mit ihm Musik zu machen, weil es so viel Spaß gemacht hat; leider war es zeitlich aber nicht möglich. Ich habe auch mal als Gastmusiker bei EXILIA mitgemacht. Solche Dinge suche ich mir immer sehr genau aus, und lege einfach Wert darauf, daß es mir Spaß macht, und würde auch niemals Geld dafür nehmen. Genauso müssen unsere Vorbands nie etwas bezahlen. Ich finde ein solches Verhalten, wenn die Headliner sich dafür bezahlen lassen, kleinere Bands mit auf Tour zu nehmen, beschämend!

Was macht ein Michael Rhein eigentlich, wenn IN EXTREMO gerade mal eine Ruhepause einlegen?

Ich bin zur Hälfte Kroate und lebe mittlerweile drei bis vier Monate im Jahr in Kroatien. Das mache ich schon seit einigen Jahren und bin dort - ob Du's nun glaubst oder nicht - Fischer. Mein bester Freund ist Kroate, und er ist Fischer von Beruf. Er hat einen riesengroßen Fischkutter, und wir sind dann meistens drei, vier Tage auf dem Meer zum Fischen unterwegs. Ich lebe da in einem ganz kleinen Dorf, in dem ich völlig integriert bin. Ich kann beispielsweise nachts um 4 Uhr, wenn wir vom Schiff runterkommen und unser Kühlschrank leer ist, völlig ungeniert bei die Nachbarn in die Küche gehen und mir ein Brot machen. Ja, dort hat's mich hinverschlagen, was aber nicht heißt, daß ich ewig so leben möchte, aber momentan bedeutet es für mich eine Zeit, in der ich richtig durchatmen kann und von der ich jede Minute genieße.

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Zum Schluß möchte ich noch auf Eure Künstlernamen eingehen...

Das sind eigentlich keine Künstlernamen, sondern Spitznamen, die man früher auf den Mittelaltermärkten bekommen hat. Diese Spitznamen haben sich einfach eingebürgert, was aber nicht heißt, daß mich jemand in der Band mit "Das letzte Einhorn" anredet. Der Name stammt aus jener Zeit, als ich T-Shirt verkauft habe mit Klaus Kinski drauf, auf denen oben "Das letzte Einhorn" stand. Das war die Zeit, als ich gar nichts hatte, als ich im Kaufhaus Essen geklaut habe, weil ich Hunger hatte, oder Benzin geklaut habe, um von a nach b zu kommen. Ich war damals völlig abgebrannt, konnte meine Miete nicht mehr bezahlen, und dann kam mir die Idee zu diesen T-Shirts, die weggingen wie warme Semmeln, was mir den Arsch gerettet hat. Daher habe ich diesen Spitznamen bekommen. Ich habe mir den Namen bestimmt nicht selbst gegeben, denn ich bin ja nicht bescheuert und nenne mich "Das letzte Einhorn"! Wie albern ist das denn!?

http://www.inextremo.de/

inextremoband@googlemail.com

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Erik Weiss [Photo 1], Olaf Heine [Photo 4], Stefan Glas [Rest]

IN EXTREMO im Überblick:
IN EXTREMO – Sünder ohne Zügel (Rundling-Review von 2002)
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 16-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 20-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 24-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 40-Interview
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 41-"Eye 2 I"-Artikel: »Am goldenen Rhein«
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 51-"Metal Paper"-Artikel: »Wir werden niemals knien - Die Geschichte einer unnormalen Band«
IN EXTREMO – News vom 22.02.2009
IN EXTREMO – News vom 12.06.2010
IN EXTREMO – News vom 23.03.2012
IN EXTREMO – News vom 19.05.2021
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