UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
  UE-Home → History → Online Empire 40 → Interview-├ťbersicht → IN EXTREMO-Interview last update: 12.07.2020, 17:48:54  

IN EXTREMO-Logo

IN EXTREMO-Headline

IN EXTREMO-Bandphoto 1

Gewi├č gibt es Bands, die ihr letztes Hemd f├╝r ihre Fans geben w├╝rden, doch IN EXTREMO gehen einen Schritt weiter: Sie setzen bei ihren Shows wortw├Ârtlich ihre Haut aufs Spiel!
Dokumentiert ist dies auf der neuen DVD ┬╗Am goldenen Rhein┬ź, wo man S├Ąnger Michael Rhein mit Verband am Arm erleben kann, den er sich jeden Tag mit Hilfe des Sanit├Ątspersonals am Auftrittsort erneuern lie├č, was man ebenfalls im Bonusmaterial der im K├Âlner "Palladium" aufgezeichneten DVD miterleben kann. Da├č trotz eines leicht verkokelten Frontmannes eine sehr gelungene DVD entstanden ist, kann man seit dem 15. Mai begutachten. Zus├Ątzlich befragten wir Michael zu seinem Spiel mit dem Feuer.

Das war das zweite Mal, da├č Du eine deutlich zu hautnahe Begegnung mit Eurem B├╝hnenfeuer gemacht hast!

Ja, aber beim ersten Mal war es richtig schlimm gewesen. Das passierte vor etwa zehn Jahren im Mannheimer "Capitol", und ich lag anschlie├čend wochenlang auf der Intensivstation und bekam mehrere Hautverpflanzungen. Diesmal hatte ich auch heftige Schmerzen, hab' aber die Show noch durchgezogen. Ich hatte auf alle F├Ąlle sehr gute ├ärzte gehabt, so da├č keine Narben zur├╝ckgeblieben sind. Letzten Endes hatte ich diesmal also gro├čes Gl├╝ck gehabt, so da├č wir sogar die Tour fortsetzen und die DVD aufzeichnen konnten.

Wie konnte es denn so weit kommen?

Die Tour f├╝hrte uns durch Holland, Belgien und Frankreich, wo wir einige Shows ohne Pyros gespielt hatten. Anschlie├čend spielten wir in Z├╝rich die erste Show mit der gro├čen Produktion, die auch auf der DVD zu sehen ist. Ich kann mich noch genau daran erinnern, da├č mir just in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf scho├č, da├č nun die entsprechenden Pyros kommen w├╝rden, so da├č ich mich noch ein wenig wegdrehen konnte. Letzten Endes hatte ich also Gl├╝ck im Ungl├╝ck, denn ich habe nicht die komplette Ladung abbekommen.

Durch die Ver├Ąnderungen in der Musikindustrie ist es mittlerweile ├╝blich, da├č zwischen den regul├Ąren Platten irgendwelche anderen Ver├Âffentlichungen erscheinen. Auch bei IN EXTREMO ist es seit einigen Jahren ├╝blich, da├č immer wieder Live- oder Akustikplatten, Best Of-Zusammenstellungen oder DVDs erscheinen. Wie bewertest Du solche Ver├Âffentlichungen, hinter denen ja gewi├č kein solch' kreativer Proze├č wie bei einer neuen Platte steckt?

Richtig! Zu unserer ┬╗S├Žngerkrieg Akustik Radio-Show┬ź-Ver├Âffentlichung kann ich beispielsweise sagen, da├č es eher zuf├Ąllig entstanden ist: Wir waren bei "Radio Fritz" in Potsdam-Babelsberg eingeladen, und der Moderator erw├Ąhnte eher beil├Ąufig, da├č man im Haus auch einen Raum habe, in den manchmal Bands auftreten w├╝rden. Also sagte ich spontan eher scherzhaft: "Dann la├č' uns dort doch mal spielen!", und er entgegnete: "Okay, machen wir!" Dann haben wir ein paar Monate nichts mehr voneinander geh├Ârt, doch dann rief der "Radio Fritz"-Moderator wieder bei uns an, und so kam die Sache ins Rollen. Weil die entsprechende Show eine einmalige Sache war, haben wir sie nat├╝rlich als CD/DVD-Package ver├Âffentlicht.
Die Entscheidung f├╝r die ┬╗Am goldenen Rhein┬ź-DVD war einzig und allein von uns gef├Ąllt worden, denn mit einer DVD beschlie├čt man in gewisser Weise einen Abschnitt. Unsere letzte DVD ┬╗Rauhe Spree┬ź wurde 2005 aufgenommen und liegt somit bereits fast vier Jahre zur├╝ck, so da├č wir nun also jene Sachen, die wir seither gemacht haben, zum Abschlu├č bringen. Die "S├Žngerkrieg"-Tournee wird zwar noch bis zum Sommer weitergehen, und wir werden bei vielen Festivals auftreten, doch danach ist das Kapitel ┬╗S├Žngerkrieg┬ź beendet, und wir werden zu Weihnachten eine Akustiktour spielen. Es wird die erste Tour dieser Art f├╝r uns sein, die uns durch Locations wie den "Admiralspalast" in Berlin oder das "Gewandhaus" in Leipzig f├╝hren wird. Wir werden dabei ├╝brigens im Gegensatz zu anderen Bands auf ein Orchester verzichten, denn wir sind ja gewisserma├čen selbst ein Orchester.
Aber auf jeden Fall bedeutet die DVD einen Abschnitt. 2010 wird die Band dann 15 Jahre alt, und ich denke mal, da├č wir eine neue Platte machen werden, und dann werden die Karten neu gemischt. Mal sehen, was dann passieren wird; wir lassen es auf uns zukommen.

Trotzdem ist es bei Euch noch nicht so wie bei den Rockdinosauriern, die einfach keine hochwertige neue Musik mehr schreiben k├Ânnen, und deswegen zu jeder Platte zehn Welttourneen bestreiten m├╝ssen und somit nur noch von ihrer Substanz, ihrer Vergangenheit leben. Spielen bei der Ver├Âffentlichung einer DVD also auch solche ├ťberlegungen wie Verkaufszahlen und ├Ąhnliches eine Rolle?

Uns geht es mit Sicherheit nicht nur um Verkaufszahlen. Das ist sicherlich ein sch├Âner Nebeneffekt, und wir k├Ânnen froh sein, da├č es bei uns diesbez├╝glich recht gut l├Ąuft. Aber die gesamte Plattenindustrie ist zweifelsohne im Wandel, und wer wei├č, wie es in zwei Jahren aussehen wird? Alles ist sehr schnellebig, aber wir lassen uns nicht davon irritieren, sondern machen unser Ding. Am wichtigsten ist f├╝r uns, da├č wir uns im Spiegel ansehen k├Ânnen, und Spa├č haben. Eine Plattenfirma kann uns nichts vorschrieben, denn wir haben immer ein Wort mitzureden, und es wird mit Sicherheit nichts ohne unser Einverst├Ąndnis geschehen.

Was unterscheidet Deiner Meinung nach ┬╗Am Goldenen Rhein┬ź von Eurer ersten DVD ┬╗Rauhe Spree┬ź und den Live-DVDs anderer Bands?

Ich glaube, das mu├č der Zuschauer selbst entschieden. Ich bin mit dem Sound sehr zufrieden, und es sind sch├Âne Bilder zu sehen. Aber ich kann und will niemand ┬╗Am Goldenen Rhein┬ź als "die beste DVD ├╝berhaupt" aufdr├╝cken. Das ist ├Ąhnlich wie bei einer neuen Platte: Wie oft wurden wir schon angesprochen, mal wieder eine Platte wie ┬╗Weckt die Toten!┬ź zu machen. Nein! Diese Platte haben wir doch schon gemacht! Eine Band entwickelt sich immer, und daher sieht man bei unserer neuen DVD den Stand, auf dem die Band heute ist.

Eine ├╝berraschende Antwort in einer Zeit, in der zumindest die Promomaschinerie von Plattenfirmen versucht, quasi jedes neue Produkt oder jede neue Band mit immer mehr Superlativen zu ├╝bersch├╝tten. Ein Beweis, da├č IN EXTREMO noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen!

Wir wollten einfach festhalten, wie wir heute sind, und wenn jemand Lust hat, sich das zu Hause anzusehen, dann hat er jetzt die M├Âglichkeit dazu.

IN EXTREMO-Bandphoto 2

Inwiefern ist Uwe Flade, der unter anderem f├╝r seine Arbeit mit RAMMSTEIN bekannt ist, in diesem Proze├č wichtig? Ihr habt schon des├Âfteren mit ihm zusammengearbeitet, und er hat auch bei ┬╗Am Goldenen Rhein┬ź Regie gef├╝hrt.

Uwe Flade ist ein alter Bekannter der Band: Er hat damals schon das ÔÇ║K├╝ss michÔÇ╣- und das ÔÇ║ErdbeermundÔÇ╣-Video gemacht. Interessanterweise hat er durch das ÔÇ║K├╝ss michÔÇ╣-Video den Zuschlag bekommen, um mit DEPECHE MODE zu arbeiten, wodurch wir uns nat├╝rlich auch geehrt f├╝hlten. Uwe wei├č, wie wir ticken, und er kann auch mit Kritik umgehen: Sein erster Schnitt hatte uns nicht gefallen, weil er zu hektisch war, und er hat uns zugestimmt und einen neuen Schnitt angefertigt. Das gleiche ist auch mit Produzenten, denn da wollen wir auch keinen Egotypen. Wir haben immer Leute um uns herum, mit denen wir problemlos klarkommen und zusammenarbeiten k├Ânnen.

Auf der letzten Tour seid Ihr beim "Rock Of Ages"-Festival aufgetreten. Welche Erinnerungen hast Du dran?

Ich hab' es sehr genossen, auch wenn wir ein wenig der Au├čenseiter bei dem Festival waren. Aber andererseits: Auf welchem Festival sind wir nicht Au├čenseiter? Schau Dir doch "Wacken" an: Da werden die Leute den ganzen Tag zugedr├Âhnt, und dann kommt so 'ne Band wie IN EXTREMO. Wir sorgen also ├╝berall f├╝r Abwechslung. Ich fand es beim "Rock Of Ages" beispielsweise sehr cool, TEN YEARS AFTER zu sehen, denn ich bin mit dieser Band gro├čgeworden. Ich hab' mich ├╝ber eine Stunde mit ihrem Basser Leo Lyons unterhalten, von dem ich gar nicht wu├čte, da├č er fast perfekt Deutsch spricht. Ich hab' ihn nat├╝rlich auf Englisch angesprochen, bis er mich dann nach einiger Zeit angrinste und auf Deutsch antwortete! [lacht]

Ansonsten wird das Jahr 2008 sicherlich als das bislang erfolgreichste in Eure Bandgeschichte eingehen: So ist beispielsweise das ┬╗S├Žngerkrieg┬ź-Album auf Platz 1 in die Charts eingestiegen, wof├╝r Ihr nun auch bei der diesj├Ąhrigen "Echo"-Verleihung auf den vierten Platz in der Kategorie "Rock/Alternative/Heavy Metal national" gekommen seid.

Generell konnten wir uns bei den letzten Platten ├╝ber die Chartplazierungen nicht beklagen, die allesamt bis auf Platz 3 kamen. Aber in Deutschland gilt das idiotischerweise nichts, was man schon im Sport sehen kann, wo nur der Sieger z├Ąhlt. Dabei sollte man mal ganz eindeutig sagen, da├č jede Band, die es bis in die Top 10 oder gar Top 5 schafft, einen H├Âllenrespekt verdient hat, denn man darf nicht vergessen, da├č sich im Rockbereich die Bands diesen Erfolg erspielt haben! Es hatte sich bei den Vorabmeldungen abgezeichnet, da├č ┬╗S├Žngerkrieg┬ź auf Platz 1 einsteigen k├Ânnte, aber immerhin war ja auch noch Madonna im Rennen, so da├č wir uns letzten Endes sehr gefreut hatten, als wir wirklich auf dem obersten Treppchen landeten. Aber wir sind nicht die Typen, die deswegen abheben, und wir werden uns deswegen auch nicht bei der n├Ąchsten Platte irgendwelchen Druck auferlegen. Wenn nochmal ein Charteinstieg auf der Spitzenposition klappen sollte, w├Ąre es sch├Ân, wenn nicht, wird die Welt aber auch nicht untergehen. Letzten Endes k├Ânnen wir f├╝r die ┬╗S├Žngerkrieg┬ź-Chartplazierung ohnehin nur unseren Fans dankbar sein!

Diesbez├╝glich sollte man auch nicht vergessen, da├č IN EXTREMO keine Eintagsfliege sind, die durch gl├╝ckliche Umst├Ąnde zu diesem Erfolg gekommen ist, sondern da├č Ihr jahrelang kontinuierlich darauf hingearbeitet habt.

Letzten Endes hat uns auch niemand was geschenkt, und wir wurden oft hinter unserem R├╝cken gedisst. Durch diese Erfahrungen sind wir allerdings reifer und h├Ąrter geworden, so da├č heute vieles an uns abprallt wie am Panzer einer Schildkr├Âte - nur da├č wir nicht wie 'ne Schildkr├Âte den Kopf einziehen, sondern ihn im Gegenteil weit rausstrecken.

Auf dem Weg zu diesem Erfolg war bei Euch sicherlich die Liveschiene sehr wichtig!

Auf jeden Fall! Wir sind eine ausgesprochene Liveband und auch eine sehr visuelle Band. Wenn ich mir die DVD anschauen und meine Verrenkungen sehe, dann mu├č ich manchmal selbst lachen, weil ich mich frage, wie ich auf so eine Idee gekommen bin. So was studiere ich ja schlie├člich nicht ein, sondern das sieht jeden Tag anders aus.

Stichwort: visuelle Band. Waren solche optischen Effekte wie die Pyros von vornherein im IN EXTREMO-Masterplan verankert oder hat sich das eher zuf├Ąllig ergeben?

Es hat sich entwickelt. Ich hatte zum Beispiel schon fr├╝her, als wir noch zweit auf mittelalterlichen M├Ąrkten gespielt hatten, eine Font├Ąne auf meiner Davul, einer t├╝rkischen Trommel, gehabt und gez├╝ndet, so da├č den Zuschauern fast die Augen rausgefallen sind. Ich w├╝rde die Pyros nicht unser Markenzeichen nennen, aber sie geh├Âren zu der IN EXTREMO-Show dazu wie die Musik.

Das Thema des Quasijubil├Ąums im Jahr 2010 mit 15 Jahren IN EXTREMO plus m├Âgliche zehnte Platte hast Du schon kurz angerissen. Gibt es da schon irgendwelche Pl├Ąne?

Genau: 1995 haben wir die akustische und 1997 die Rockband gegr├╝ndet. Aber ├╝ber ein Jubil├Ąum haben wir noch nicht nachgedacht. Wir waren seit Mai letzten Jahres kontinuierlich unterwegs, woraufhin wir uns etwa zwei Monaten Ruhe geg├Ânnt hatten, bevor wir dann an der DVD gearbeitet haben. Mittlerweile stecken wir schon wieder mitten in den Vorbereitungen f├╝r die kommende Tour. Wenn man von 365 Tagen mindestens 200 mit der Band zusammen ist, finde ich es wichtig, da├č man sich mal eine Zeitlang aus dem Weg geht. Meistens rufen wir uns dann aber sp├Ątestens nach einer Woche schon wieder gegenseitig an. [lacht]

Gibt es denn schon ├ťberlegungen zur n├Ąchsten Platte?

Die Platte liegt schon komplett fertig in der Schublade!

Ehrlich? Aber Du hattest doch am Anfang gesagt...

War 'n Spa├č! [lacht schallend] Nein, es gibt wirklich noch keinerlei ├ťberlegungen dazu, au├čer, da├č wir eine Platte machen werden, da wir daf├╝r unterschrieben haben. Aber ansonsten ist es noch ein ungelegtes Ei! Wir sind keine Band, die gro├čartige Planungen anstellt, sondern wir r├╝hren gemeinsam unseren Eintopf an, und was rauskommt, ist IN EXTREMO. Die Band funktioniert auf diese Weise, was ich auch sehr gut finde. Wir sind ein r├Ąudiger, verpeilter Haufen, und das macht diese Combo aus!

IN EXTREMO-Bandphoto 3

Das hei├čt, es wird auch keine tiefgreifenden ├änderungen im Sound geben. Sind solche bei Eurer Musik ├╝berhaupt m├Âglich? Modernes Mittelalter vielleicht? Demn├Ąchst mit DJ?

So lange es IN EXTREMO geben wird, werden immer Dudels├Ącke und mittelalterliche Instrumente dabei sein, aber wir sind zugleich auch eine Rockband, die niemals ihre Wurzeln verleugnen wird. Wir werden uns weiterentwickeln, aber immer IN EXTREMO bleiben. Wir werden uns also garantiert keinen DJ oder ├Ąhnliches zulegen. Es w├Ąre also albern, ├╝ber so etwas nachzudenken.

Siehst Du diese stilistischen Grenzen, die die Mittelaltermusik vorgibt und die Ihr ja offensichtlich nicht zu sprengen gedenkt, als beengendes Korsett an?

Absolut nicht. Ich kann mich innerhalb dieser Grenzen hervorragend austoben!

IN EXTREMO sind im deutschsprachigen Raum sehr angesagt. ├ähnliches gilt ja auch f├╝r andere deutschsprachige Bands, von denen jedoch viele im Ausland mit der Sprachbarriere zu k├Ąmpfen hatten.

Bei uns ist das seltsamerweise anders. Ich war neulich auf www.tagesthemen.de, wo es unter "Kultur - Musik" eine Rubrik namens "Made in Germany" gibt, in der jene Bands aufgef├╝hrt werden, die Deutschland kulturell repr├Ąsentieren, wo wir neben RAMMSTEIN oder den SCORPIONS genannt werden. Das hat meines Erachtens durchaus seine Berechtigung, denn wenn wir beispielsweise in Ru├čland spielen, sind die Shows binnen zehn Minuten ausverkauft. Auch in Spanien oder Mexiko l├Ąuft es hammerm├Ą├čig f├╝r uns, was wir uns erspielt haben.

Die TOTEN HOSEN haben damals sogar eine englischsprachige Platte gemacht, um besagte Sprachbarriere zu durchbrechen...

Das stand bei uns nie zur Debatte, denn wir haben auf jeder Platte unterschiedliche Sprachen drauf, so da├č IN EXTREMO in dieser Hinsicht einzigartig sind. Daher w├╝rde ich es f├╝r idiotisch halten, f├╝r irgendeinen Markt ein spezielle CD zu machen. Das w├╝rde ich definitiv ablehnen! Ich glaube, wir haben auch so in Amerika die ein oder andere Platte verkauft. Wenn ich mal arrogant sein darf, dann m├Âchte ich sagen, da├č wir mit bislang weltweit insgesamt 1,1 Millionen Platten verkauft haben. Daran kannst Du Dir ausrechnen, was wir in Deutschland und was wir im Rest der Welt verkauft haben. Ich glaube sogar, da├č die Amis es lieben, wenn eine Band bei ihnen spielt, die so ist, wie sie ist, und nicht extra eine Platte mit englischen Texten macht. Diesbez├╝glich haben RAMMSTEIN Tore ge├Âffnet - das mu├č man fairerweise auch mal sagen! Zudem wollen wir ja nicht das Aush├Ąngeschild von Deutschland sein. Ich bin in Deutschland geboren, Deutschland ist meine Heimat, ich bin froh, da├č ich einen deutschen Pa├č habe, aber was hierzulande beispielsweise politisch passiert, geht mir am Arsch vorbei. Ich bin sehr dankbar daf├╝r, da├č ich durch die Musik in der Welt herumgekommen bin. Es erweitert dir unbeschreiblich den Horizont, wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst. Alle Menschen kochen nur mit Wasser! Es gibt arme S├Ącke auf dieser Welt, die ihr letztes Hemd daf├╝r hergeben, nur um die Musik zu h├Âren, was man respektieren sollte. Das sind so einige Gesichtspunkte, die mir wichtig sind.

Wie bist hat sich die Idee entwickelt, Mittelaltermusik mit Rock oder Metal zu kreuzen?

Ich hab' 1991/'92 angefangen, auf mittelalterlichen M├Ąrkten zu spielen, mit einem Duo, das sich PULLARIUS FURCILLO nannte; zun├Ąchst waren wir noch zu dritt, doch ein Kollege ist gestorben, so da├č wir zu zweit weitergemacht haben. Nach etwa vier Jahren wollte der andere Kollege zu einer anderen Band gehen, so da├č ich alleine dastand. Also habe ich verschiedene Leute gefragt, unter anderem auch Conny Fuchs, mit der ich dann IN EXTREMO gegr├╝ndet habe. Wir haben uns Flex als Mitstreiter gesucht, und als Conny von ihrem damaligen Mann schwanger wurde, so da├č sie nicht mehr weitermachen konnte, kam Dr. Pymonte hinzu. Das war die Kurzform; ich habe also schon vor IN EXTREMO etwa f├╝nf Jahre lang ├Ąhnliche Musik gemacht. Ich habe also gewu├čt, was ich da tue, und das halte ich f├╝r sehr wichtig. Dudelsackbands gibt es n├Ąmlich viele, aber nicht jeder, der einen Dudelsack halten kann, kann ihn zwangsl├Ąufig auch spielen. Ein Mittelaltermarkt bedeutet einfach, da├č man Leute unterh├Ąlt: Du spielst ein paar Lieder, spielst ein paar Standards. Irgendwann haben sich ein paar Band rauskristallisiert, wie beispielsweise CORVUS CORAX mit ihrem ┬╗Cantus Buranus┬ź, die ich richtig klasse finde. Andererseits gibt es auch Dudelsackbands, die zu viele Pilze essen, und f├╝r 50 Euro das ganze Wochenende lang bei einem Mittelaltermarkt spielen und anderen Bands die Preise versauen. Doch das sind alles Dinge, die weit weg von mir sind, denn das war gerade nur ein Zur├╝ckdenken an jene Tage, als das alles entstanden ist.

Wie kam die Idee zustande, die Mittelalterband und die Rockband zu vereinen?

Das war 'ne Kneipenidee! Ich dachte schon bei unserem ersten Song, ÔÇ║Ai vis lo lopÔÇ╣, da├č da einfach eine Gitarre drunter m├╝├čte. Weil wir diesem Song so viel zu verdanken haben, spielen wir ihn heute immer noch. Ich hab' zu DDR-Zeiten in Rock-, Punk- und Bluesbands gespielt, so da├č ich das Bindeglied zwischen der Rock- und der Mittelalterfraktion bin. Irgendwann haben Flex, Pyrmonte und ich in Berlin in einem kleinen Hinterhofstudio unsere erste Mittelalterkassette aufgenommen, die wir dann auf M├Ąrkten verkaufen wollten. Und wieder kam mir die Idee, eine Gitarre hinzuzuf├╝gen, so da├č ich meine alten Kollegen von meiner ehemaligen Band NOAH eingeladen habe mitzumachen. Mit NOAH hatten wir irgendwann ein Abschiedskonzert angesetzt, denn es ging einfach nichts mehr; zu den Konzerten kamen oft nur noch eine Handvoll Leute. Doch NOAH sollten noch einmal im "Franz"-Club in Berlin bei einer Sessionnacht auftreten, und wir trafen uns zuvor in einer Kneipe, wo ich die Idee unterbreitete, da├č wir die Rock- und die Mittelalterband kombinieren sollten. Alle stimmten zu, so da├č w├Ąhrend des NOAH-Konzertes dann die beiden Dudelsackspieler auf die B├╝hne kamen und wir eben jenes Lied gespielt haben. Das Publikum war begeistert, und das war der Startschu├č zu den heutigen IN EXTREMO.

Etwas pr├Ąziser kann man diesen Proze├č auf der IN EXTREMO-Homepage in Michaels Steckbrief nachlesen: Michael stand 1977 zum ersten Mal auf der B├╝hne: Er hatte bei einem Konzert der Eisenacher Bluesband LIEDERJAN einfach gefragt, ob er mitspielen k├Ânne. ├ähnliches passierte dann mit der Band FRACHTHOF aus Weimar und J├╝rgen Kerth, einem Bluesgitarristen aus Erfurt. 1983 gr├╝ndete Michael dann seine erste Band, die er NR. 13 taufte. 1985 tauschte man den Bassisten aus und benannte sich in EINSCHLAG um, da NR. 13 von den DDR-Organen Spielverbot erteilt bekommen hatten. 1987 wurden NOAH ins Leben gerufen, wo Michael aufgrund der bevorstehenden Einstufung unter falschem Namen auftrat. Ab 1990 zog es ihn dann immer mehr auf Mittelalterm├Ąrkte, wo er dann 1992 erstmals als Musiker in Erscheinung trat: Er spielte mit Bernd Dobbrisch (Willi von CORVUS CORAX) und Karsten Liehm (Achmed) und lernte dabei auch Teufel (Mike Paulenz), Bo und Hatz kennen. Teufel war damals gerade bei CORVUS CORAX gefeuert worden, so da├č er mit Bo und Hatz, der 1997 dann ebenfalls zu CORVUS CORAX wechseln sollte, eine neue Band namens PULLARIUS FURCILLO am Start hatte. Michael sollte bei der Band dann letztendlich Hatz als Trommler abl├Âsen. Nachdem Bo bei einem Verkehrunfall ums Leben kam, sollten Teufel und Michael dann etwa f├╝nf Jahre als Duo weitermachen, bevor Teufel dann 1995 wieder bei CORVUS CORAX einstieg und Michael sich daraufhin mit Conny Fuchs unter dem Namen IN EXTREMO zusammentat, womit wir an jenem Punkt w├Ąren, von dem ab Michael sehr ausf├╝hrlich weitererz├Ąhlt hat, so da├č wir uns also wieder dem Gespr├Ąch zuwenden k├Ânnen:

IN EXTREMO-Bandphoto 4

Allerdings entsprechen Dudelsack & Co. nicht unbedingt der Klischeevorstellung eines Trauminstrumentes, das ein Kind unbedingt lernen m├Âchte. Da w├╝rde man doch eher an Gitarre oder Schlagzeug denken. Wie kommt man als Kind dazu, mittelalterliche Instrumente zu lernen?

Aus Interesse! Es gibt ja immer Sonderkinder... [lacht] Ernsthaft: Gl├╝cklicherweise gibt es nicht nur Kinder, die vorm PC versauern, sondern der eine interessiert sich f├╝r Sport, der andere f├╝r Musik und so weiter. Wir kriegen pro Woche Hunderte Mails, in denen nach Anleitungen zum Dudelsackbau gefragt wird oder ├Ąhnliches. Ich finde es klasse, da├č wir so etwas ins Leben gerufen haben. Letzten Endes k├Ânnen wir allerdings leider keinen Bauplan rausgeben, da wir unsere Instrumente frei Schnauze bauen.
Wie man dazu kommt? Das mu├čt Du wohl jeden einzelnen selbst fragen. Nat├╝rlich waren diese Mittelalterm├Ąrkte gerade zu DDR-Zeiten typische Auffangbecken f├╝r sozial Schwache, die sich auf diesem Terrain bewegten, um ihre Freiheit nicht aufgeben zu m├╝ssen. Und wie man zum Dudelsack kommt? Ein Instrument kann einen v├Âllig in seinen Bann ziehen, so da├č man solch ein sehr spezielles Instrument einfach liebt - oder eben sofort wegl├Ąuft.

In Promobl├Ąttchen werdet Ihr oft als die Erfinder dieses Stils dargestellt. Seht Ihr Euch selbst auch so, oder handelt es dabei nur um die ├╝bliche Sch├Ânschreiberei von Marketingfachm├Ąnnern und -frauen?

Es gibt einige Bands, denen man so etwas zuschreiben k├Ânnte. CORVUS CORAX beispielsweise, die es auch schon ein paar Jahre l├Ąnger als uns gibt, bei denen ich eine Zeitlang mitgespielt habe und mit denen ich beispielsweise bei den Kaltenberger Ritterspielen aufgetreten bin. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt, was ich fairerweise sagen mu├č. Es gab auch im damaligen Westdeutschland ├Ąhnliche Formationen, wie beispielsweise KRAMER ZUNFT UND KURTZWEYL. Oder es gab Roman Streisand, der aus der N├Ąhe von Berlin stammte und heute noch aktiv ist. Das war ein sehr umtriebiger Typ, der schon zu DDR-Zeiten Dudels├Ącke baute und spielte. Der Erfinder dieses Stil? Wir haben diese Musik salonf├Ąhig gemacht - so w├╝rde ich es formulieren. Aber erfunden hat in dieser ganzen Branche niemand auch nur das kleinste Bi├čchen. Ernsthaft! Auch die heute namhaften Bands haben nichts erfunden. Alle haben sich 20 Jahre lang auf dem ÔÇ║Pal├ĄstinaliedÔÇ╣ oder sonstigen Standards ausgeruht. Niemand kann sich wirklich als Erfinder ansehen, auch IN EXTREMO nicht. Wir haben diese Musik salonf├Ąhig gemacht und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Diesbez├╝glich fallen mir zwei Bands ein, die einen wichtigen Einflu├č gehabt haben k├Ânnten: zum einen OUGENWEIDE...

Hab' ich vergessen zu erw├Ąhnen! Alle Mittelalterbands m├╝├čten sich eigentlich bei OUGENWEIDE bedanken, denn sie waren wirklich die ersten, die solche Musik gemacht haben. Wie oft habe ich auf Mittelalterm├Ąrkten erlebt, da├č andere Bands original Spr├╝che von deren Platten auswendig gelernt und runtergeleihert haben! Bei unserer "Best Of"-CD, ┬╗Kein Blick zur├╝ck┬ź von 2006, gab es eine Bonus-CD, auf der uns andere K├╝nstler, unter anderem SILBERMOND, METALLICA oder G├Âtz Alsmann, gecovert haben. Damals habe ich Olaf Casalich von OUGENWEIDE angerufen, ob er ein St├╝ck von uns covern w├╝rde, und er sagte, da├č es ihm eine Ehre sei. Doch OUGENWEIDE haben mehr als nur ein Cover aufgenommen: Es gibt die ÔÇ║Merseburger Zauberspr├╝cheÔÇ╣, die alle original aufgeschrieben sind, so da├č es da eigentlich nichts zu covern gibt. Von den ÔÇ║Merseburger Zauberspr├╝chen IÔÇ╣ gibt es die Melodie von "Eiris sazun idisi", die OUGENWEIDE heute noch auf Mittelalterm├Ąrkten spielen, doch selbige stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern es ist eine Eigenkomposition von OUGENWEIDE von Mitte der Siebziger Jahre. Wir als IN EXTREMO waren die einzigen, die eine eigene Melodie dazu komponiert haben, und OUGENWEIDE haben unser Lied dadurch gecovert, womit sie uns einen unglaublichen Respekt gezollt haben. Wenn eine Band ├╝berhaupt von sich behaupten kann, da├č sie diese Musik erfunden haben, dann sind es OUGENWEIDE! Und ich kenne keine Mittelalterband, die etwa in jener Periode angefangen hat wie wir, die nicht irgendetwas von OUGENWEIDE geklaut hat.

Die andere Band w├Ąren DES GEYERS SCHWARZER HAUFEN, die bekanntlich Ritchie Blackmore zu seinem BLACKMORE'S NIGHT-Projekt inspiriert haben.

Ich kenne Albert Dannenmann von DES GEYERS SCHWARZER HAUFEN sehr gut. Gute Typen, gute Musik, aber OUGENWEIDE kamen fr├╝her. Zum Thema Ritchie Blackmore kann ich allerdings nur sagen: Schuster bleib' bei deinen Leisten... Ich respektiere, da├č er sein Ding durchzieht. Allerdings habe ich ihn bei DEEP PURPLE geliebt, w├Ąhrend BLACKMORE'S NIGHT wirklich nicht mein Ding ist.

Gibt es eigentlich bei der Mittelaltermusik schon das ultimative ÔÇ║Smoke On The WaterÔÇ╣-Riff, den absoluten ÔÇ║Stairway To HeavenÔÇ╣-Klassiker? Was w├╝rdest Du als die Meilensteine der Mittelaltermusik ansehen?

Na ja, wahrscheinlich das ÔÇ║Pal├ĄstinaliedÔÇ╣ oder ÔÇ║Stella splendensÔÇ╣. Jeder, der sich mit dieser Musikart besch├Ąftigt und mit seinem Instrument anf├Ąngt, hat genau darauf zur├╝ckgegriffen.

Warum hat die Mittelaltermusik den Sprung von den Marktpl├Ątzen in die Charts geschafft?

Wenn ich dabei von unserer Band ausgehe, war es zum Beispiel sehr wichtig, da├č wir zusammengehalten haben, obwohl wir H├Âhen und Tiefen erlebt haben. Wir standen 2003 kurz vor dem Ruin, weil wir von einem Plattenlabel um fast eine halbe Million betrogen worden waren - da kann man heute dr├╝ber reden, ohne Namen zu nennen. Wir waren quasi am Ende, doch wir haben zusammengehalten und uns den Arsch abgespielt. Wir haben so viele Federn lassen m├╝ssen, von denen ich aber keine missen m├Âchte. Wir sind r├Ąudige alte Stra├čenk├Âter, die sich nicht unterkriegen lassen. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt, und wir werden sicherlich wieder Fehler machen, was v├Âllig normal ist. Und die ganzen Mainstreamvorw├╝rfe, die aufgekommen sind, ber├╝hren uns nicht im geringsten.

Diesbez├╝glich ist meines Erachtens entscheidend, ob sich eine Band verbiegt, um Erfolg zu haben, oder ob eine Band ihr Ding durchzieht und damit irgendwann erfolgreich wird.

Kompromisse mu├č man sein ganzes Leben lang machen. Wichtig ist, da├č man noch in den Spiegel schauen kann, und das k├Ânnen wir zu jeder Tages- und Nachtzeit! Man mu├č zusammenhalten, sein Ego zur├╝ckstellen und darf nicht aufgeben. Das ist eine sehr wichtige Entwicklung, die bei diesen ganzen Schnellschu├čbands nicht gegeben ist. Au├čerdem sollte man auch mal einen Rat annehmen. Wenn ich heute eine jungen Band einen Rat geben kann, dann lautet er: Bevor Ihr etwas unterschreibt, lest Euch alles 30-mal durch, nicht dreimal, und nehmt Euch vor allem einen Anwalt!

IN EXTREMO-Bandphoto 5

Ein Puzzlesteinchen auf dem Weg zum Erfolg bei IN EXTREMO war sicherlich, da├č Ihr in dem Computerspiel "Gothic" aufgetaucht seid. Wie kam das 2001 zustande?

Die "Gothic"-Macher waren ein Trio, das auch "Moorhuhn" erfunden hatte, und einer von ihnen, Tom Putzki, war ein Fan von uns und hat uns nach einem Konzert einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Also sind wir hingefahren und haben uns diesen Spezialanzug angezogen - von dem es ├╝brigens nur ein Modell gab, so da├č es f├╝r Pymonte nicht ganz so einfach war, sich reinzuquetschen. [lacht] Da gibt es beispielsweise eine Feuerspuckszene von einer Frau, bei der man in Wirklichkeit meine Bewegungen sieht. Letztendlich ist also alles zuf├Ąllig entstanden, und dabei kommen meist die besten Sachen zustande!

Bei der Mittelaltermusik sind Traditionals sehr wichtig, oder aber Texte, die in Lateinisch oder irgendwelchen ├Ąlteren Entwicklungsstufen der deutschen Sprache verfa├čt sind.

Das z├Ąhlt auch zu unseren Wurzeln, die ich zuvor erw├Ąhnt hatte, die wir nicht verleugnen und auf die wir immer wieder zur├╝ckgreifen werden. Allerdings sind wir beispielsweise auch den umgekehrten Weg gegangen wie bei ÔÇ║LiamÔÇ╣ oder ÔÇ║En esta nocheÔÇ╣, die urspr├╝nglich auf Deutsch waren und die wir ├╝bersetzen lie├čen. Bei ÔÇ║LiamÔÇ╣ geschah das ├╝brigens ├╝bers Telephon mit Hilfe der Mutter von Rea Garvey von REAMONN, was echt sehr interessant war. [lacht] Rea hatte bei dem Song auch mitgesungen, wo dann einige Stimmen laut wurden: "Wie k├Ânnt Ihr nur mit dem Typ was machen?" Rea hat sieben Jahre lang auf der Stra├če mit seiner Gitarre Stra├čenmusik gemacht! Davor kann ich nur den Hut ziehen! Er hat mit Sicherheit keinen MARSHALL-Verst├Ąrker zu Weihnachten geschenkt bekommen... Ob man seine Musik mag oder nicht, ist ein ganz anderes Thema, aber vor so einem Mann mu├č man Respekt haben. ├ähnliches mu├čten wir uns anh├Âren, weil wir mit Thomas D. von den FANTASTISCHEN VIER gearbeitet haben. "Wie k├Ânnt Ihr nur mit einem Rapper..." Hey, der Mann hat uns einen derartigen Respekt gezollt! Oder G├Âtz Alsmann! Das ist ein Ritterschlag, da├č so jemand ein St├╝ck von uns gecovert hat! Das finde ich klasse! Vor so etwas sollte man Respekt haben und diesen Respekt auch erwidern. Wir stehen mittlerweile richtig fett ├╝ber solchen Anfeindungen dr├╝ber! Ich kenne auch andere Seiten von mir, so da├č ich sehr dankbar bin, da├č ich diesen Weg erfahren durfte und daraus gelernt habe.

Themenwechsel: Was ist faul im Staate Mittelaltermucke? Es ist bekannt, da├č sich einige der wichtigsten Bands, SVBWAY TO SALLY, CORVUS CORAX und IN EXTREMO, nicht sonderlich m├Âgen. Es gab fr├╝her auch mal heftige Anfeindungen von Teufel von CORVUS CORAX und TANZWUT gegen Deine Person. Es scheint sich mittlerweile alles etwas beruhigt zu haben, aber dennoch: Was ist oder war da los?

Wir haben uns da eigentlich immer rausgehalten. Als TANZWUT den Text von ÔÇ║ExkrementoÔÇ╣ verfa├čt hatten, w├Ąren wir bescheuert gewesen, wenn wir das erwidert h├Ątten. Ich m├Âchte das unter der Kategorie "albern" abstempeln. Ich k├Ânnte mir vorstellen, da├č Eifersucht dahintergesteckt hat. Wir stehen da dr├╝ber, und zwar nicht nur weil wir die zehnfache St├╝ckzahl an Platten verkaufen. Selbst wenn dem nicht so w├Ąre, k├Ânnten wir dr├╝berstehen.
Ich g├Ânne beiden Bands, die Du eben genannt hast, den Erfolg, weil sie genauso lange und genauso hart wie wir gearbeitet haben, und es demzufolge verdient haben. Deswegen m├╝ssen diese Leute nicht meine besten Freunde sein - zumal ich ohnehin nur den ein oder anderen Musiker von ihnen kenne. Auf alle F├Ąlle werden wir uns auch weiterhin raushalten!

Du hast ja auch ganz offen gesagt, da├č Du in Deiner Zeit bei CORVUS CORAX viel gelernt hast. Zudem gibt es gewisse Quellen, die behaupten, da├č Teufel mal eine Zeitlang bei IN EXTREMO war. Ist das korrekt?

Das ist nicht wahr, aber ich habe vier oder f├╝nf Jahre lang mit ihn ein Duo gehabt. (Genauer gesagt, handelt es sich um eben jenes Duo PULLARIUS FURCILLO, das Michael zuvor erw├Ąhnt hatte - Red.)

Du wei├čt, da├č im Internet gerne irgendwelche Ger├╝chte als Wahrheiten zementiert werden, obwohl sie reiner Bl├Âdsinn sind. Deshalb wollte ich die Gelegenheit ergreifen, Dich dazu zu befragen.

Ich habe Mike schon lange nicht mehr gesehen - ich nenne ihn immer Mike, da sein richtiger Name Mike Paulenz lautet. Zum letzten Mal habe ich ihn bei einer Beerdigung im letzten Jahr getroffen, wo wir uns sehr entspannt unterhalten haben. Ich habe mich gefreut, ihn wiederzusehen, und ich hatte den Eindruck, da├č es umgekehrt genauso war. Was musikalisch bei anderen Bands passiert, habe ich nicht auf dem Schirm, da ich genug mit unseren eigenen Sachen zu tun habe. Selbstverst├Ąndlich schauen wir erst recht nicht auf das, was andere Bands tun, um dann eventuell etwas ├Ąhnliches zu machen. Aber wie gesagt, ich habe die ┬╗Cantus Buranus┬ź-CD von CORVUS CORAX einmal geh├Ârt, und ich wei├č, wieviel Arbeit dahintersteckt, so da├č ich enormen Respekt davor habe.

Der Vorstellung der fahrenden Spielleute aus dem Mittelalter, die ihr ganzes Leben lang durch die Welt gezogen sind, um mit ihrer Musik ihr t├Ągliches Brot zu erspielen, kommen IN EXTREMO schon recht nahe, denn Ihr seid in der Tat nahezu permanent auf Tour.

Wir sind moderne Spielleute, und genauso wollen wir es; das ist unser Leben. Wir sind ein umtriebiges Volk! Der IN EXTREMO-Haufen pa├čt zusammen wie ein Arsch auf den Eimer.

Es gibt auch keine Pl├Ąne, das Touring zur├╝ckzuschrauben? Schlie├člich wird jeder mal ├Ąlter, und es gibt bestimmt etwas bequemeres als eine Koje in einem Tourbus...

Ich hab' Zeiten erlebt, da mu├čte ich mit meinem Schlafsack in einer Kneipe unterm Billardtisch pennen. Solange das Kreuz noch mitmacht, kann ich eigentlich ├╝berall gut schlafen. Nat├╝rlich haben wir mittlerweile auch Busse, die recht bequem sind, denn schlie├člich ist es dein Zuhause f├╝r etliche Wochen. Und diesen Luxus leisten wir uns auch f├╝r die Band und unsere Crew.

H├Ąttest Du denn auch im Mittelalter diesen Lebensweg des fahrenden Spielmannes gew├Ąhlt? Im R├╝ckblick neigt man durchaus dazu, Dinge zu romantisieren. So werde ich bei vielen Viking Metal-Bands das Gef├╝hl nie los, da├č sie nicht den blassesten Schimmer davon haben, wie die Menschen, deren Zeit sie zu besingen glauben, wirklich gelebt haben. Auch beim fahrenden Spielmann darf man nicht vergessen, da├č er letzten Endes ein Au├čenseiter der Gesellschaft war, der von der Hand in den Mund lebte. Ich denke, da├č so jemand tagt├Ąglich einen knallharten ├ťberlebenskampf zu f├╝hren hatte.

Aber manchmal haben sie auch die Olle von Wirt abgekriegt... [lacht] Nein, dieser historischen Tatsachen bin ich mir sehr wohl bewu├čt. Ich m├Âchte nicht zu jenen Zeiten gelebt haben, denn dann w├Ąre ich jetzt l├Ąngst schon tot! Es war n├Ąmlich eigentlich eine menschenverachtende Epoche, in der ein Leben nichts gez├Ąhlt hat. Was mich an dieser Zeit interessiert, ist die Musik. Man darf aber den Blick f├╝r die Realit├Ąt nicht verlieren. Es gab da mal einen Typen auf den Mittelalterm├Ąrkten, der seine Rolle als Ritter mit Leib und Seele verk├Ârpert hat, aber irgendwann zwischen gestern und heute nicht mehr unterscheiden konnte und in voller Kreuzrittermontur nach Israel gereist ist. Wie bescheuert ist das denn!? Oder ich kannte einen, der mit seinem Moped vor die Kneipe gefahren ist und es angebunden hat wie ein Pferd. Irgendwo h├Ârt's dann einfach auf...

IN EXTREMO-Bandphoto 6

Welche anderen Arten von Musik h├Ârst Du au├čerdem gerne? Du bist beispielsweise ein gro├čer Fan von FILTER, eine Band, die man f├╝r Dich vielleicht eher als untypisch ansehen w├╝rde.

Ich bin ├╝berhaupt nicht engstirnig, sondern h├Âre mir Musik querbeet an. Ich h├Âre gerne Weltmusik, ich mag Blues, ich bin Reggae-Liebhaber, was sich kaum jemand vorstellen kann. Aber der Reggae geh├Ârt in der Tat zu meinen musikalischen Wurzeln. Die DOORS, LED ZEPPELIN, FOO FIGHTERS oder auch MOT├ľRHEAD z├Ąhlen zu meinen Lieblingsbands. Ich bin da sehr weitl├Ąufig interessiert, was ich auch wichtig finde. Was ich allerdings nicht ab kann, sind irgendwelche Leute, die sich auf der B├╝hne Blut in die Fresse schmieren, denn es gibt so viel Elend auf der Welt. Wenn diese Typen das mal sehen w├╝rden, dann w├Ąren das Blut und der Sensenmann bestimmt sofort gestrichen. Wenn jemand auf so was steht, dann kann er es von mir aus haben, aber ich brauche so etwas nicht und finde es einfach nur bescheuert.

Hast Du jemals dr├╝ber nachgedacht, solche musikalischen Vorlieben, die nicht unbedingt zu IN EXTREMO passen, mal mittels eines Soloprojektes auszuleben?

Daran habe ich eigentlich noch keine Gedanken verschwendet. Wenn ich wirklich mal ein Soloprojekt starten w├╝rde, dann w├╝rde es wohl in die Chansonrichtung gehen, denn ich bin ein absoluter Chansonfreak. Aber das w├╝rde ich lediglich aus Spa├č an der Freude f├╝r mich pers├Ânlich machen, mit zwei, drei guten Musikern, von denen vielleicht auch jemand von IN EXTREMO dabeisein k├Ânnte. Aber das ist ganz, ganz weit weg, und es handelt sich im Moment allenfalls um ein kleines Gedankenspielchen.
Ich habe gerade einen Gastauftritt f├╝r Jeff Martin, ehemals THE TEA PARTY, absolviert. Er lebt mittlerweile in Irland und war im letzten Jahr ein paar Tage mit uns auf Tour. Der Mann war immer ein Hero von uns, und es war total klasse, ihn dabeizuhaben. Er hat eine neue Band namens THE ARMADA - da kann man ruhig mal ein bi├čchen Werbung daf├╝r machen - und die Platte ist wirklich hammerm├Ą├čig geworden. Als er erfahren hatte, da├č ich fr├╝her im Bluesbereich t├Ątig war, hatte er mich gefragt, ob ich Mundharmonika auf seiner Platte spielen wolle, was nat├╝rlich eine Ehre f├╝r mich war. Also bin ich zu ihm nach Irland gefahren und w├Ąre im Endergebnis am liebsten noch ein paar Tage l├Ąnger geblieben, um mit ihm Musik zu machen, weil es so viel Spa├č gemacht hat; leider war es zeitlich aber nicht m├Âglich. Ich habe auch mal als Gastmusiker bei EXILIA mitgemacht. Solche Dinge suche ich mir immer sehr genau aus, und lege einfach Wert darauf, da├č es mir Spa├č macht, und w├╝rde auch niemals Geld daf├╝r nehmen. Genauso m├╝ssen unsere Vorbands nie etwas bezahlen. Ich finde ein solches Verhalten, wenn die Headliner sich daf├╝r bezahlen lassen, kleinere Bands mit auf Tour zu nehmen, besch├Ąmend!

Was macht ein Michael Rhein eigentlich, wenn IN EXTREMO gerade mal eine Ruhepause einlegen?

Ich bin zur H├Ąlfte Kroate und lebe mittlerweile drei bis vier Monate im Jahr in Kroatien. Das mache ich schon seit einigen Jahren und bin dort - ob Du's nun glaubst oder nicht - Fischer. Mein bester Freund ist Kroate, und er ist Fischer von Beruf. Er hat einen riesengro├čen Fischkutter, und wir sind dann meistens drei, vier Tage auf dem Meer zum Fischen unterwegs. Ich lebe da in einem ganz kleinen Dorf, in dem ich v├Âllig integriert bin. Ich kann beispielsweise nachts um 4 Uhr, wenn wir vom Schiff runterkommen und unser K├╝hlschrank leer ist, v├Âllig ungeniert bei die Nachbarn in die K├╝che gehen und mir ein Brot machen. Ja, dort hat's mich hinverschlagen, was aber nicht hei├čt, da├č ich ewig so leben m├Âchte, aber momentan bedeutet es f├╝r mich eine Zeit, in der ich richtig durchatmen kann und von der ich jede Minute genie├če.

IN EXTREMO-Logo

Zum Schlu├č m├Âchte ich noch auf Eure K├╝nstlernamen eingehen...

Das sind eigentlich keine K├╝nstlernamen, sondern Spitznamen, die man fr├╝her auf den Mittelalterm├Ąrkten bekommen hat. Diese Spitznamen haben sich einfach eingeb├╝rgert, was aber nicht hei├čt, da├č mich jemand in der Band mit "Das letzte Einhorn" anredet. Der Name stammt aus jener Zeit, als ich T-Shirt verkauft habe mit Klaus Kinski drauf, auf denen oben "Das letzte Einhorn" stand. Das war die Zeit, als ich gar nichts hatte, als ich im Kaufhaus Essen geklaut habe, weil ich Hunger hatte, oder Benzin geklaut habe, um von a nach b zu kommen. Ich war damals v├Âllig abgebrannt, konnte meine Miete nicht mehr bezahlen, und dann kam mir die Idee zu diesen T-Shirts, die weggingen wie warme Semmeln, was mir den Arsch gerettet hat. Daher habe ich diesen Spitznamen bekommen. Ich habe mir den Namen bestimmt nicht selbst gegeben, denn ich bin ja nicht bescheuert und nenne mich "Das letzte Einhorn"! Wie albern ist das denn!?

http://www.inextremo.de/

inextremoband@googlemail.com

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Erik Weiss [Photo 1], Olaf Heine [Photo 4], Stefan Glas [Rest]

IN EXTREMO im ├ťberblick:
IN EXTREMO – S├╝nder ohne Z├╝gel (Rundling)
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 16-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 20-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 24-"Living Underground"-Artikel
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 40-Interview
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 41-"Eye 2 I"-Artikel: ┬╗Am goldenen Rhein┬ź
IN EXTREMO – ONLINE EMPIRE 51-"Metal Paper"-Artikel: ┬╗Wir werden niemals knien - Die Geschichte einer unnormalen Band┬ź
IN EXTREMO – News vom 22.02.2009
IN EXTREMO – News vom 12.06.2010
IN EXTREMO – News vom 23.03.2012
┬ę 1989-2020 Underground Empire


Mithilfe bei der Altpapierverwertung? Die letzten gedruckten UNDERGROUND EMPIRE-Exemplare! Infos:
Button: hier