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In »The Cross & The Crucible« haben die Schotten PALLAS ein Album ver­öffent­licht, das ein kreatives Highlight des Progressive Rock-Sektor dar­stellt. Da die Band zudem auf eine bewegte Vergangenheit zurückschauen kann, hatte Sänger Alan Reed eine Menge zu erzählen bis nach etwa einer halben Stunde sein zweijähriger Sohn ins Spiel kam, der darauf bestand, daß sein Daddy nun mit ihm spielt anstatt mit dem komischen Ding in seiner Hand zu sprechen.

Laß uns das Spielchen doch mal rumdrehen: Wenn Du die Chance hättest, die Band PALLAS zu interviewen, was würdest Du fragen?

Ich glaube, ich würde fragen, warum es so lange gedauert hat, bis sie alles auf die Reihe bekommen haben.

Und wie würde die Antwort lauten?

Die Antwort ist sehr schwierig und nicht einfach zu verstehen für jemand, der nicht dabei war. Wir hatten früher einige Fehler gemacht und es hat uns Jahre gekostet, uns zu finden und alle Schwierigkeiten auszuräumen. Jetzt da uns dies gelungen ist können wir uns endlich wieder auf die Musik konzentrieren.
Wir hatten zwischen 1983 und '85 die beiden Alben »The Sentinel« und »The Wedge« gemacht und waren nicht glücklich darüber, wie unsere damalige Plattenfirma EMI uns behandelte. Wir spürten, daß sie einfach nicht an uns glaubten und nicht verstanden, was uns als Band wichtig war. Daher beschlossen wir, daß wir nichts mehr mit EMI am Hut haben wollten. Wir arbeiteten daraufhin an unserem nächsten Studioalbum, das »Voice In The Dark« hätte heißen sollen und hielten Ausschau nach einem neuen Plattenvertrag. Wir waren auch kurz davor, einen Deal mit einem anderen Majorlabel abzuschließen, doch letztendlich zerschlug sich alles. Irgendwann waren wir an dem Punkt, daß uns das Geld ausging und wir nur diverse Demos, aber keinen Deal vorweisen konnten. Wir waren also gezwungen, andere Möglichkeiten zu finden, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich verließ damals die Band und zog nach London, während der Rest der Band in Aberdeen blieb. Jeder schlug sich also auf seine Weise durch, aber wir blieben über die Jahre immer in Kontakt. Die anderen haben in dieser Zeit mehrfach ohne großen Erfolg versucht, die Band wieder auf die Beine zu stellen. Eines Tages riefen sie mich jedoch an und sagten, daß sie die Rechte an den alten Alben von EMI zurückerwerben wollten. Ihre Idee sah so aus, daß sie die alten Platten auf CD wiederveröffentlichen wollten, um mit dem dabei verdienten Geld ein neues Album zu finanzieren und sie fragten mich, ob ich mich beteiligen wolle. Ich war froh, wieder bei PALLAS mitmischen zu können. Das war etwa 1992 oder '93 und wir spielten damals einige Gigs in Holland, bei denen es uns bewußt wurde, daß wir keinesfalls als eine Revival-Band enden wollten, die sich nur auf den Lorbeeren ihrer Vergangenheit ausruht. Wir wollten den Leuten neues Material anbieten. Doch die Verwirklichung dieser Idee dauerte länger als erwartet: Wir haben in den Neunzigern genügend Material aufgenommen, um drei Alben zu füllen, aber irgendwie waren wir nie zufrieden mit dem Resultat. Wir hatten damals einen Keyboarder, den ich in London kennengelernt hatte, der nebenher viele andere Projekte laufen hatte, so daß die Zusammenarbeit sehr schwierig war. Eines Tages trafen wir wieder auf unseren alten Keyboarder Ronnie Brown, der sich entschloß, wieder bei PALLAS einzusteigen. Sie riefen mich in London an, um gemeinsam weiterzuarbeiten und ich stimmte zu, ein letztes Mal einen Versuch zu wagen. Es war unglaublich, denn die alte Magie war zurück: Ich war nur übers Wochenende gekommen und wir schrieben innerhalb dieser beiden Tage zwei Songs. Ab diesem Moment begannen wir die Arbeiten für unser '99er Album »Beat The Drum«, die etwa 18 Monate in Anspruch nahmen. Seither haben wir konsequent weitergearbeitet, so daß unser neues Album »The Cross & The Crucible« mittlerweile in den Läden steht.

Dennoch werden sich viele Menschen fragen, warum man in Eurem Alter noch Musik macht.

Ich muß ehrlich zugeben, daß ich selbst nie damit gerechnet hätte, daß ich so lange Musik machen würde. Aber ich konnte die Musik einfach nie aufgeben. Irgendetwas hat mich dazu getrieben, immer weiter zu machen. Und mit der aktuellen Konstellation von PALLAS habe ich das Gefühl, daß wir wieder eine junge Band sind. Damals bei EMI gab es so viel Busineßmüll, den wir haßten und es wurde unglaublich viel Druck auf uns ausgeübt, der uns den Spaß am Musikmachen verdorben hat. Heute können wir ohne jegliche Einflüsse von außen unsere Musik machen und müssen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, was unsere Plattenfirma, unser Manager oder die Magazine darüber denken werden. Wir machen unsere Musik so, wie sie uns gefällt. Es war ein ganz besonderer Tag, als wir »Beat The Drum« nach dieser langen Durststreck fertigstellten. Wir wußten damals zwar noch nicht, ob sich eine Plattenfirma dafür interessieren würde oder ob wir einen Vertrieb finden würden. Aber das war uns völlig gleichgültig: Es war nur wichtig, daß das Album fertig war!

Wie könnt Ihr damit umgehen, daß Ihr in den Achtzigern über 100.000 Alben verkaufen konntet und heute auf einem sehr viel niedrigeren Level arbeiten müßt?

Natürlich war es früher großartig, vor mehreren Tausend Zuschauern zu spielen, aber zu unseren heutigen Konzerten kommen immer noch 400 bis 500 Leute. Das sind genügend, um amtlich Krach zu machen und die Bühnen sind groß genug, so daß es immer noch sehr viel Spaß macht, live zu spielen. Auf der einen Seite ist der Markt für uns deutlich kleiner geworden, aber andererseits sind dank der technischen Weiterentwicklung die Produktionskosten deutlich gesunken. Richtig, wir haben 100.000 Einheiten von »The Wedge« abgesetzt, aber andererseits waren die Studiokosten damals so immens hoch, daß fast nichts für uns hängenblieb. »The Cross & The Crucible« konnten wir viel kostengünstiger produzieren, so daß es nicht notwendig ist, so viele Scheiben zu verkaufen und wir trotzdem Geld haben, um weitermachen zu können. Wir brauchen uns heute nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, ob wir unsere Rechnungen bezahlen können oder ob man uns unsere Wohnungen unter dem Hintern wegpfänden wird. In den Achtzigern waren solche Probleme jedoch sehr wohl vorhanden.

Was denkst Du über die aktuelle Progressive Rock-Szene? Du warst lange Zeit aktiv in dieser Szene, hast Dich dann zurückgezogen und bist nun zurückgekommen.

Um ehrlich zu sein habe ich mich nach meinem Ausstieg bei PALLAS völlig von der Progressive-Szene ferngehalten. Aber als ich zurückkam war ich überrascht, daß Bands wie PENDRAGON oder IQ immer noch aktiv waren und wie viele Bands nun dem Progressive Rock zusprachen. Andererseits hat mich enttäuscht, daß zu viele Bands damit zufrieden waren, wie die alten GENESIS zu klingen. Für meinen Geschmack wurde zu wenig experimentiert und nur wenige Bands schienen sich um einen eigenen Sound zu bemühen. Zwar schien es so, daß viele Bands sich von Jazz, Fusion oder komplexeren Bands wie KING CRIMSON oder GENTLE GIANT beeinflussen ließen, aber auch sie konnten mich nicht wirklich überzeugen: Für mich wirkte es immer so, als wollten sie mit ihrer Musik beweisen, welch' tolle Musiker sie sind anstatt das Publikum emotional anzusprechen. Als Musiker bin ich von der technischen Seite dieser Musik beeindruckt, aber als Mensch läßt sie mich kalt. Es scheint so, als sei die Progressive-Szene ausschließlich auf sich selbst fixiert. Es macht jedoch eine gute Band aus, daß ihr Blick offen ist für fremde Einflüsse, die sie in der eigenen Musik verarbeiten können, um so einen einzigartigen Stil zu kreieren. Musiker zu sein bedeutet stets auf einer Reise zu sein: Wenn du nicht experimentierst wirst du dich nicht vorwärtsbewegen. Und wenn du dich nicht vorwärtsbewegt stirbst du!

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Auf »The Cross & The Crucible« habt Ihr Euch ein sehr schweres Thema vorgenommen: Den Widerspruch zwischen den großartigen Leistungen, die der Mensch vollbringt, während er zugleich viele grauenhafte Dinge tut. Das klingt doch sehr nach einem Standardthema des Progressive Rocks.

Ich denke, daß es notwendig ist, zu unserer aufwendigen Musik textlich einen Gegenpol zu finden, so daß Graham und ich diese Idee entwickelt haben. Es ist schwer, tiefgreifende Texte über das tagtägliche Leben zu schreiben: Auf »Beat The Drum« gibt es den Song namens ›Insomniac‹, der sich um einen Menschen dreht, der Internet-süchtig ist. Aber auch dabei handelt es sich um einen fiktionalen Text. Ich habe versucht, Liebeslieber oder fröhliche Texte zu schreiben und habe versagt. Es hat nie gut geklungen und ich habe mich nie gut dabei gefühlt, sie zu singen. "I love you and you love me, isn't life wonderful" gehört einfach zu einem dreiminütigen Popsong, der im Radio geträllert wird. Das Leben ist komplizierter: Es ist nicht schwarz-weiß, sondern besteht aus unendlich vielen Grautönen und manchmal ist es ein wenig düster.

Kann ich daraus schlußfolgern, daß Du ein etwas düsterer, schwermütiger Mensch bist?

Oh ja! Ich sitze hier, starre mit leerem Blick auf die Wand und vor mir liegt schon eine Zyankalikapsel...

Das heißt also, daß ich morgen diese Story an die Yellow Press verkaufen kann: "Das letzte Interview mit Alan Reed von PALLAS!"

Absolut! Dann stellt sich lediglich die Frage, ob die SUN und ihre Kollegen wirklich Interesse an mir hätten... Spaß beiseite: Wir sind sehr ausgeglichene Menschen, aber wir nutzen die Texte, um düsteren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Mich hat schon immer interessiert, ob die Band sich damals eigentlich "Palace" nennen wollte, aber die richtige Schreibweise nicht kannte oder ob die griechische Göttin Pallas Athene die Namenspatronin ist.

Es ist tatsächlich Pallas Athene, die Göttin des Krieges, des Weisheit und der Handarbeit. Ich war damals zwar noch nicht in der Band, aber ich kann Dir genau erzählen, was passiert ist: Als die Band 1974 gegründet wurde hatte man sich für den Namen RAINBOW entschieden. Kurz danach wählte jedoch Ritchie Blackmore diesen Namen für seine neue Band, so daß die Jungs damals nach einer Alternative suchten. Sie nahmen einen Hut und warfen kleine Zettel mit den Vorschlägen hinein und auf dem Zettel, der gezogen wurde, standen "Pallas".

Als ich den Titel Eurer letzten Platte »Beat The Drum« sah mußte ich an RUNRIG denken, die einen Song mit gleichem Namen haben. RUNRIG kommen ebenso wie PALLAS aus Schottland und betonen ihre Herkunft immer sehr deutlich – ohne daß es einen rechtsradikalen Beigeschmack hätte. Was ist so besonders an Schottland?

Wenn ich im Ausland unterwegs bin irritiert mich immer, wenn ich als Engländer angesehen werde. Ich habe kein Problem damit, ein Brite zu sein, aber ich bin kein Engländer, sondern ich bin Schotte. Ich bin froh, daß wir endlich unser eigenes Parlament haben, weil ich davon überzeugt bin, daß die spezifischen Probleme von Schottland besser von Edinburgh aus gehandhabt werden können als von London aus. Ich bin mir sicher, daß wir Schotten viel einfacher mit der europäischen Idee umgehen können als die Engländer: Wir waren schon immer ein Teil von etwas Größerem, während die Engländer Probleme damit haben, daß sie sich in eine größere Einheit eingliedern sollen.

Schlußfrage: PALLAS haben uns in den Achtziger zwei Alben gegeben, um anschließend zu verschwinden. Jetzt haben wir wieder zwei Alben von euch bekommen. Werdet Ihr Euch folglich jetzt wieder aus dem Staub machen?

Mit Sicherheit nicht. Wie ich schon zu Beginn gesagt habe: Wir haben endlich alle unsere Angelegenheiten geregelt, so daß uns nichts mehr aufhalten kann. Als nächstes stehen ein paar Konzerte in Deutschland an und anschließend werden wir uns auf das neue Album konzentrieren. Bislang haben wir zwar noch keine neuen Songs geschrieben, aber wir werden spätestens gegen Jahresende damit anfangen!

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

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PALLAS – News vom 28.06.2010
andere Projekte des beteiligten Musikers Alan Reed:
Alan Reed – News vom 28.06.2010
STRANGERS ON A TRAIN – The Key - Part II: "The Labyrinth" (Rundling-Review von 1994)
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