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"Night Of The Prog V"-Festival

St. Goarshausen, Loreley-Freilichtbühne

03.-04.09.2010

Nachdem im letzten Jahr aus logistischen und zeitlichen Gründen unsere "Night Of The Prog"-Teilnahme nicht geklappt hatte, sollte anno 2010 das UE-Prog-Geschwader wieder auf der Loreley einfallen, wo sich 2.500 Zuschauer eingefunden hatten, um hochklassigen Progressive-Tönen zu lauschen.

Da sich die Suche nach der in einem Tal gut versteckten Unterkunft als verdammt knifflig erweist, soll meinereiner GALAHAD nur während des Einparkens mitbekommen, was sehr schade ist, denn die Töne, die da herüberströmen machen schnell Lust auf mehr - und zwar nicht nur auf eine akustische Ferndosis, sondern darauf, das Ganze auch mal direkt in Augenschein zu nehmen.

ARS NOVA-Liveshot

Zudem sollen die britischen Neo-Progger schon mal die Nerven beruhigen, was bei ARS NOVA unter Umständen notwendig gewesen wäre - vor allem wenn man an frühere Exkurse ins Chaotische oder Abstecher zu Yoko Ono-ähnlichen Gesangsfoltern denkt. Doch die derzeitige Inkarnation von ARS NOVA, bei der auf dem jetzige Eurotrip Gitarrist Satoshi Handa fehlt, gibt sich ganz instrumental und läßt auch allzu extreme Vorstöße beiseite. Natürlich ist es ein sehr spezielles Klangerlebnis, wenn das Keyboard als tragendes Instrument nur von Baß und Schlagzeug gestützt wird, so daß ARS NOVA in jeglicher Hinsicht die exotischste Band des Festivals sind. Doch das generelle Problem, mit dem alle Instrumentalbands kämpfen müssen, trifft auch bei ARS NOVA zu: Sofern die Truppe nicht in der absoluten Weltspitze musiziert, stellt sich spätestens nach einer halben Stunde ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, der sehr schnell in Langweile münden kann. Zwar sollen ARS NOVA nie nervig werden, doch gegen Ende der Show fehlt einfach ein wenig das spannende Element. Dennoch sind etwaige Befürchtungen, die sich im Vorfeld eingestellt hatten, umsonst. Apropos exotisch: Während Bandchefin Keiko Kumagai bei ihren einheimischen Konzerten outfittechnisch eher ein wenig wie eine Lack- und Leder-Peitschenlady anmutet, präsentiert sie sich hier ebenso wie ihre Kollegin am Baß in einen Kimono gekleidet. Die Prog-Geisha bedankt sich nach jedem Song artig in gebrochenem Englisch mit einer Verbeugung, doch abgesehen von dieser Drehung gen Publikum ist auf der Bühne keine nennenswerte Bewegung zu verzeichnen, da auch Bassistin Shinko "Panky" Shibata allenfalls ein Trippelschrittchen nach vorne zu ihren Effektpedalen macht.

THREE FRIENDS-Liveshot

Anschließend soll die Bühne etwas voller werden, denn entgegen des Eindrucks, den der Bandname THREE FRIENDS erwecken mag, handelt es sich bei der Combo nicht um ein Trio, sondern es treten sogar sechs Musiker auf. Für Insider reicht es, das Stichwort "GENTLE GIANT" zu nennen, denn diese Combo hatte 1973 ein Album namens »Three Friends« veröffentlicht, so daß sich die damalige Besetzung nun unter diesem Namen zusammengefunden hat, um alte GENTLE GIANT-Songs zu spielen. Daher hat man sich lobenswerterweise auch entschlossen, einige GENTLE GIANT-Songs zu spielen, die die Combo früher nie live gespielt hatte. Musikalisch ist das Gebotene hochklassig und sehr abwechslungsreich, da von extrem ruhigen Passagen bis zu der fast als Funk-Jazz zu bezeichnenden Schlußnummer eine große Palette abgedeckt wird, doch leider treten auch THREE FRIENDS den Beweis an, daß viele Prog-Bands zwar über ausgezeichnete Musiker verfügen, doch einfach ein ausgeprägtes Problem in Sachen Bühnencharisma haben.

TWELFTH NIGHT-Liveshot

Das ist bei TWELFTH NIGHT absolut nicht der Fall, denn sie sind in Sachen Stageacting mit Abstand die beste Band des ersten Tages, was hauptsächlich auf Sänger Andy Sears zurückzuführen ist, der nicht nur sehr extrovertiert ist, sondern auch sehr ausdrucksstark rüberkommt. Allerdings sind auch die anderen Musiker deutlich agiler als die reinrassige Equipe der Standfußballer, die man bis dato erleben mußte. Die Shakespeare-Progger (Ihr wißt schon: "Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort!" - aus "Was ihr wollt" alias "Twelfth Night", der Komödie von 1601 von Vater William S.) haben leider viele technische Probleme, wofür man sich mehrfach entschuldigt und was dazu führt, daß man den ein oder anderen Song aus der Setlist werfen muß. Dennoch - tolle Show, die gnadenlos Spaß gemacht hat!

PALLAS-Liveshot

Die Headliner PALLAS haben das, was sonst wahrscheinlich als Backdrop fungiert, auf der Treppe vor der Bühne ausgelegt, was ein sehr nettes Bild ergibt. Die Schotten bestreiten beim NOTP eine der erste Shows mit ihrem neuen Sänger Paul Mackie, was natürlich das prinzipielle Problem ergibt, daß eine "25th Anniversary Show" für das Debut »The Sentinel« ohne die Originalstimme schwierig ist - was wohl auch dazu führt, daß PALLAS das Werk nicht am Stück, sondern in Häppchen spielen. Der Neuling gibt glücklicherweise ein gutes Bild ab und paßt auch stimmlich, jedoch wird sich so schnell nichts daran ändern, daß man bei den PALLAS-Songs einfach die Stimme von Alan Reed erwartet. Mit einer guten Bühnenpräsenz unterstreicht die Band, daß sie ein würdiger Headliner beim fünften "Night Of The Prog" sind. Dem werden sicherlich alle Progger zustimmen, wenngleich Otto-Normal-Verbraucher den Namen der Band gewiß noch nie gehört hat.

Wettertechnisch ist das NOTP definitiv das perfekte Festival in dieser Saison, was nicht nur daran liegt, daß kein einziger Tropfen Regen fällt. Zudem ist es nämlich über Tag herrlich sonnig, wird aber nicht zu heiß, und auch wenn es am Abend kühler wird, braucht man nicht zu frieren. In Kombination mit der tollen Loreley-Location ist das "Night Of The Prog" also das Wohlfühlfestival schlechthin!

MOONGARDEN-Liveshot

Huch! SABATON! Nein - die schwedischen Kampfpanzer haben sich nicht in der Festivaltür geirrt, sondern es sind sehr wohl die Italiener MOONGARDEN, die als Opener am zweiten NOTP-Tag auflaufen. Aber ehrlich, Männer: Prog in Tarnhosen ist optisch doch seeehr ungewöhnlich... Anyway - musikalisch kann die Band auf ganzer Länge überzeugen und geht als härteste Band des Festivals über die Linie - was man allerdings nicht überbewerten sollte, denn anno 2010 hatte man beim NOTP leider komplett auf metallische Prog-Kapellen verzichtet. Erfreulicherweise haben schon MOONGARDEN eine Spielzeit von mehr als einer Stunde, so daß man den gewissermaßen gut getarnten, ab und zu gefiedelten Symphonic-Prog ausgiebig genießen kann. Denn: Zusätzlich zu den Beinkleider holt Sänger Simone Baldini Tosi zwischenzeitlich auch immer wieder seine Geige hervor, ein schönes Stück mit einer ornamentartigen Einlegearbeit in Form einer Blume.

SOLSTICE [GB, Milton Keynes]-Liveshot

Doch bei MOONGARDEN fungiert die Geige als reines Effektinstrument, die ab und zu leichte Spitzen setzen darf, während sie bei der nachfolgenden Band SOLSTICE ein wichtiges Element im Gesamtkonzept darstellt, da die Combo einen Verschnitt aus Prog und Celtic Folk offeriert, was für Abwechslung sorgt und dank des Grooves, den die Songs haben, auch eine gewisse Tanzbarkeit mit sich bringt. Die Combo aus der britischen Stadt Milton Keynes, wo übrigens auch das Formel 1-Team Red Bull Racing seinen Sitz hat, ist nicht nur musikalisch sehr farbenfroh, wofür hauptsächlich die beiden Damen zuständig sind: Sängerin Emma Brown trägt ein buntes Kleid und hüpft barfuß über die Bretter..., äh den Betonboden. Ihre geigende Kollegin Jenny Newman hat sich indes zumindest eine dezente Fußbedeckung gegönnt, sorgt mit ihrem kräftig lilafarbenen Kleid allerdings auch für einen ordentlichen Farbklecks - ein guter Kontrast zu den nachfolgenden, mehrheitlich schwarz gekleideten Herren. Gegen Ende ihres Sets kündigen SOLSTICE einen laaangen Song mit viiielen Soloparts an - O-Ton: "wie es sich für Prog eben gehört" - bei dem man dann während des Keyboardsolos auf John Carpenters "Halloween"-Filmmusik über das Thema von "Kampfstern Galactica" zur "Simpsons"-Titelmelodie umschwenkt, was für eine Portion Erheiterung sorgt. Oft wird dem Prog nachgesagt, daß alles zu verkopft und bierernst sei, wozu SOLSTICE nun also einen guten Gegenbeweis antreten.

SYLVAN-Liveshot

Die Hamburger SYLVAN dürfen nach ihren beiden Gastspielen bei den ersten beiden "Night Of The Prog"-Festivals schon zum dritten Mal auf der Loreley gastieren - und lassen sich natürlich nicht lumpen, sondern spielen einen sehr starken, intensiven Gig. Dennoch kann man über das generelle Problem an diesem Nachmittag nicht hinwegsehen: In SYLVAN und GAZPACHO folgen zwei sehr ruhige Bands aufeinander, von denen jede rund zwei Stunden Spielzeit hat. Da hätte eine Prog-Metal-Band dazwischen die Sache deutlich aufgefrischt!

GAZPACHO [N]-Liveshot

Die bereits angesprochenen GAZPACHO, die auch schon zum dritten Mal beim NOTP aufspielen und im letzten Jahr gar als Headliner fungiert und eine DVD mitgeschnitten hatten, nutzen die Zeit dahingehend aus, ihr neues Album »Missa Atropos« komplett vorzustellen. Selbiges sollte einen Tag später für Fanclubmitglieder erhältlich sein, während der offizielle Release erst am 26. November erfolgen wird. Apropos neu: Neben dem neuen Drummer Lars Erik Asp, den wir von der Metalband GROUND ZERO SYSTEM her kennen, sind die Norweger mit einem Aushilfsgitarrist angereist, während sich der angestammte Gitarrist Jon-Arne Vilbo derzeit um sein am 6. August erstgeborenes Töchterchen kümmert. Bei dem Gast, den GAZPACHO-Sänger Jan Henrik Ohme gleich zu Beginn der Show namentlich vorstellt, handelt es sich um SIRENIA-Klampfer Michael Krumins handelt, wie man nach etwas Recherche auf der Homepage der Band im Nachhinein herausfinden kann. Doch auch schon vor Ort kann man locker Wetten darauf abschließen, daß dieser temporäre Helfershelfer ein Metaller sein muß - nicht nur seine monströse Matte, sondern auch sein Stageacting sind ein deutliches Indiz dafür. Doch dies tut der Show sehr gut, denn GAZPACHO sind in Sachen Stageacting ähnlich wie ihre Musik - nämlich extrem introvertiert. Musikalisch stellt die Combo auf der Loreley natürlich wie immer eine Ausnahmeerscheinung dar.

MARILLION-Liveshot

Während das "Night Of The Prog" auf den Headliner des zweiten Tages zusteuert, muß man leider an der Planung dieses Tages etwas Kritik üben: Sicherlich ist es bei progressiver Musik zuträglich, wenn die Bands eine lange Spielzeit eingeräumt bekommen, doch diese sollte dann eben auch genutzt werden, was heuer leider nicht der Fall ist. Zwischen den letzten drei Bands ist nämlich zweimal eine Umbaupause von 45 Minuten zu verzeichnen, was deutlich zu lange ist - schließlich sind wir hier ja nicht bei MANOWAR, die solche Egomanen-Spielchen brauchen... Diesbezüglich sollte man zukünftig wieder straffen und eher einen ähnlichen Ablauf wie in den Jahren anpeilen. In der vergeudeten Zeit, in der auch nicht unbedingt hektische Umbauarbeiten liefen, hätte noch locker eine weitere Band spielen können.
Kaum haben MARILLION die Bühne betreten, haben sie im Handumdrehen das komplette Auditorium mit ihrer speziellen Magie umfangen. Oder anders formuliert: Wer sich heuer noch Fish bei MARILLION zurückwünscht, der hat wirklich nicht den Durchblick gepachtet. Denn der Ex-Frontmann kann als Solokünstler rundum begeistern, und MARILLION haben sich mit Steve Hogarth schon längst eine ganz neue, völlig eigene Welt geschaffen, in dem selbst das weltberühmte ›Kayleigh‹ keinen Platz mehr hat. Ja, beide Parteien haben sich gar derart in unterschiedliche Richtungen entwickelt, daß es fraglich ist, ob sie überhaupt nochmal miteinander zusammenarbeiten könnten. Steve Hogarth präsentiert sich ganz anders aber nicht weniger erstklassig als Fish: Als Mischung aus Pfau und Papagei "führt" er die Band, zeigt sich sehr extrovertiert, aber nicht überzogen und glänzt durch gute Interaktion mit dem Publikum. Da stört auch nicht, daß die Show ansonsten nur sehr verhalten abläuft und Steve Rotherey es beispielsweise bei Ausflügen zu seinem Effektgerät beläßt, denn Bühnencharisma trägt bei MARILLION den Nachnamen Hogarth. Einziger Wermutstropfen einer prachtvollen Show ist die Tatsache, daß kein Song von »This Strange Engine« zum Zuge kommt, was zeigt, daß wohl selbst die Band nicht erkannt hat, welches Meisterwerk sie damals verwirklicht hatte.

THE ENID-Liveshot

Bei THE ENID rührt die lange Umbaupause in der Tat von einigen Unwegsamkeiten im Bezug auf die Technik her, was sogar beim geplanten Startschuß einen Abbruch zur Folge hat. Doch Robert John Godfrey, Bandgründer und großer alter Mann bei THE ENID, löst diese Situation ganz galant: "Wir hatten einige technische Probleme beim Umbau und dachten, daß wir sie alle behoben hätten. Dem ist aber leider nicht so, also spiele ich so lange einfach ein bißchen für Euch." Auch nach diesem "überbrückenden" Pianostück stellen THE ENID einen tollen Abschluß für das Festival dar, weil sie einfach anders sind. Das liegt nicht nur an der Altersdynamik der Band, bei der man meinen könnte, daß zwei Großväter mit ihrem Sohn und ihren beiden Enkeln Musik machen, sondern vor allem an den außergewöhnlichen Klängen von THE ENID, die zwischen Filmmusik, PINK FLOYD-mäßigen Soundlandschaften und geistlicher Musik liegen. Erstaunlich, daß diese, bereits 1975 gegründete Band hier ihren ersten Auftritt auf dem europäischen Festland absolviert.

Außer den erwähnten Aspekten gab es wieder keine nennenswerten Kritikpunkte beim "Night Of The Prog", das ein herrlich entspanntes Event darstellte; lediglich der Fährbetreiber hat ob seiner mangelnden Flexibilität keinen Applaus verdient: So stellte man wie jeden Tag den Fährbetrieb um 23 Uhr ein, obwohl man auf der Loreley noch einige Dutzend Fahrzeuge als sichere Kunden wußte, die sich stattdessen nun am Rhein bis zur nächsten Brücke bei Koblenz beziehungsweise Mainz entlangschlängeln durften. Leider ist das Rheingau nachts längst nicht so sehenswert wie bei Tage.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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