UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”UNDERGROUND EMPIRE 2”-Datasheet

Contents:  CYCRA-Interview

Date:  1989/'90 (created), 18.03.2009 (revisited), 22.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 2

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several later issues still available; find details here!

Comment:

Leider sollte es bei CYCRA zu dem lang und breit in diesem Interview thematisierten möglichen Album nicht kommen, was sehr schade ist, da die Musik der Band unbestritten super war. Stattdessen traten CYCRA mehr oder minder sang- und klanglos von der Bildfläche ab. Doch dieses Schicksal sollte bekanntlich mehr als nur eine Band treffen...

Außerdem hätte meinereiner seinerzeit statt des etwas blödsinnigen Schlußworts, in dem eigentlich keinerlei neue Erkenntnis aufgebracht wurde, lieber erwähnen können, daß die Standardfrage bezüglich der Vorgänge in Osteuropa im Falle von CYCRA fehlte, da dieses Interview schon Ende 1989 - und somit sehr früh in der Entstehungsphase von UNDERGROUND EMPIRE 2 - geführt wurde, so daß zu diesem Zeitpunkt die Idee, abschließend alle Bands mit der gleichen Frage zu konfrontieren noch nicht im Raum gestanden hatte.

 

P.S.: Natürlich war es bei der Onlineversion Ehrensache, daß wir den Gag mit den Orang-Utans, die sich diesmal sogar anschauen dürfen, reproduzieren würden!

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

CYCRA-Design 1 CYCRA-Logo CYCRA-Design 2

CYCRA-Headline

CYCRA-Liveshot

Es gibt also wirklich noch unentdeckte Talente auf dieser Welt. Als ich im Pro­gramm­zettel des "Schwimmbad"-Clubs Heidelberg vor dem Namen DEATHROW die fünf Buchstaben C, Y, C, R und A entdeckte, fiel es mir wieder wie Schuppen von den Augen und ich wußte wieder ein neues Exemplar dieser Gattung, das ich zum Interviewopfer machen konnte. "Richtig, die gibt's auch noch", dachte ich und schon waren mir auch etliche Fragen eingefallen. Einem Interview stand also fast nichts mehr im Weg.
Da wahrscheinlich die Wenigsten unter Euch, irgendeine Vorbildung zu dem Thema CYCRA haben, will ich vorausschicken, daß es sich bei CYCRA um ein Trio aus Frankenthal handelt, das ziemlich komplizierten Metal spielt. Ihr letztjähriges Demo fiel mir nur per Zufall in die Hände, obwohl ich beide Vorgänger hatte. Dieser Zufall gewann um so mehr an Wert, als ich ziemlich bald die Qualitäten der Aufnahme erkannte.
Es war dann auch erfreulich, daß das Interview zu einem wirklich bemerkenswerten wurde. Denn, statt Standard-Bla-Bla und nichtssagenden Phrasen waren außer­ge­wöhn­liche und offene Worte angesagt. Diese stammten hauptsächlich von Gitarrist und Sänger Eddie, während sich Stockschwinger Snadges etwas zurückhielt und hauptsächlich für die Würze in Form von genialen trockenen Kommentaren zuständig war.

Mir sagt der Name "Cycra" rein gar nichts. Erläutere ihn doch bitte mal!

Eddie: Das soll so sein. Wir hatten viele Probleme mit unserem alten Namen VISCID VISCERA (was soviel wie "klebrige Eingeweide" bedeutet - Red.). Viele Leute haben das total mißverstanden und glaubten, wir würden irgendwelche Schlachtungen auf der Bühne veranstalten. Daher haben wir uns einen Fantasienamen ausgedacht, der lediglich den Sinn hat, daß er der Name der Band ist.

Warum habt Ihr Euer Demo bislang noch fast nicht verbreitet?

Eddie: Das Demo war eigentlich nur für die engsten Fans gedacht, weil die uns immer wieder angesprochen haben, und für Konzertveranstalter, damit sie wissen, welche Musik wir machen. Wir sind der Meinung, daß ein Demo, welches man größer vertreiben will, noch besser sein muß, obwohl wir schon einen gewissen Standard erreicht haben, der zwar weit über den von manchen anderen Bands hinausgeht, uns aber immer noch nicht genügt.

Dann stellt sich mir die Frage, inwieweit Ihr professionelle Ambitionen habt.

Eddie: Das ist ein heißes Thema. Wir haben sehr schlechte Erfahrungen auf dem Profisektor gemacht. Wir sind zweimal beinahe bei Plattenfirmen untergekommen, und wir haben uns die Finger verbrannt. Wir wollen eben in erster Linie Musik machen und nicht uns vermarkten lassen. Wir wollen auch nicht bei einer Plattenfirma landen, die nur Geld an uns verdienen will und denen unsere Musik egal ist. Für uns ist es nicht das Wichtigste, eine Platte herauszubringen. Wir warten bis wir ein gutes Angebot kriegen und wir einen gewissen Standard erreicht haben.

Warum, glaubt Ihr, seid Ihr bislang noch nicht sehr bekannt?

Eddie: Wir waren von Anfang an eine Band, die nicht unbedingt bekannt werden wollte, sondern ihre Musik machen wollte. Daher sind wir wohl nicht so bekanntgeworden, weil wir nicht spielen, was die Leute hören wollen, sondern was uns Spaß macht. Allerdings sind uns die Leute, denen die Musik gefällt, treugeblieben. Das sind zwar nicht viele, aber es gibt sie.

Snadges: Ich hab sogar welche im Duisburger Zoo gesehen. Halle A, wenn man reinkommt, gleich links. Die haben so ein rotes Fell. Die bangen am besten ab, weil sie lange Haare am ganzen Körper haben. [tierisches Gelächter]

Ihr habt inzwischen schon drei Demos ...

Snadges: Drei? [er zählt nach] Ach ja, richtig, drei mäßige. Wir haben uns zwar jedes Mal gesteigert, aber es war nie so, wie wir es uns vorgestellt haben. Der Grundgedanke eines Demos war nie gewesen, daß man es verkauft. Der moderene Markt hat das erst daraus gemacht. Bands, die nicht fähig sind, eine Platte zu machen, nehmen ein Demo auf und verkaufen das. Dazu haben wir uns bei »Age Of Anxiety« leider auch verleiten lassen, aber es war scheiße und wir werden das nicht wieder machen.

Moment mal, schließlich gibt es auch noch Bands, die sehr gut sind, aber keinen Plattenvertrag kriegen können. Was sollen die dann Deiner Meinung nach machen?

Snadges: Gut, die können dann schon ein vernünftiges Demo machen. Aber ich habe es selbst erfahren, da ich lange unseren ganzen Postkram und Verwaltung erledigt habe, daß es total sinnlos ist, weil man es als Band allein nicht schaffen kann. Wenn Du aber mal eine vernünftige Organisation oder einen Manager hinter Dir stehen hast, dann sollte man ein Demo machen, um ordentliche Gigs zu machen und so einen Vertrag zu bekommen und schließlich eine richtige Platte zu machen. Ich würde aber auf keinen Fall mehr solche Demos, wie wir sie bisher gemacht haben, verkaufen.

Eddie: Was aber auf keinen Fall heißen soll, daß jemand, der unbedingt ein Demo von uns will, weil ihm unser Konzert gefallen hat, keins kriegt. Die kriegen auf alle Fälle eins. Wir werden es aber nicht mehr so machen, wie bei »Age Of Anxiety«, das wir groß mit Anzeigen und allem möglichen gestartet hatten und praktisch als Ersatz für eine Platte verkaufen wollten.

CYCRA-Liveshot: Eddie

Warum habt Ihr ›Donovans Brain‹ zweimal aufgenommen?

Eddie: Wir haben das Lied total abgeändert. Es hat einen neuen Mittelteil und Schluß und der Gesang ist zur Hälfte verändert. Es ist eine neue Version, bei der wir nur eine gewisse Grundidee, Grundstimmung übernommen haben. Wir wollen damit zeigen, daß wir unsere eigenen Songs nicht einfach nachspielen, sondern auch verändern. Wir haben die Songs weiterentwickelt. So haben wir zum Beispiel heute Abend auch zwei Songs anders gespielt als sie auf dem Demo stehen. Schließlich geht es uns um die Songs und nicht ums Demo.

Warum heißt das Lied ›Possible Side-Effect: Death‹, während das Demo den Titel ›Possible Side-Effect: Deaf« trägt?

Eddie: Das ist nichts weiter als eine Wortspielerei.

Snadges: In Wirklichkeit liegt das daran, daß ich mich auf dem Computer vertippt hatte.

Dennoch könnte man hinter dem Titel ein Klischee nach dem Motto "Play it loud till you're deaf" vermuten!

Eddie: Nein, das ist schlicht und einfach Selbstverarschung!

Euer Demo ist fast 40 Minuten lang. Dennoch befinden sich keine Durchhänger darauf.

Eddie: Das liegt daran, daß wir wir jeden Song für sich entwickeln. Erst wenn wir mit einem Song zufrieden sind, gehen wir an den nächsten.

In diesem Moment meldet sich ein Proberaumkollege von CYCRA und erläutert diesen Punkt aus seiner Sicht.

Ich verfolge die Entwicklung von CYCRA auch ein bißchen mit und ich muß sagen, daß die Songs über Jahre organisch gewachsen sind. Daher sind die Songs sehr ausgereift, da ständig an ihnen gearbeitet wird.

Snadges: Dadurch haben wir den Vorteil, daß wir die 15 bis 20 Songs, die wir bisher geschrieben haben, alle bedenkenlos live spielen können. Das heißt, wir setzen uns vor einem Gig hin und überlegen uns, welche fünf oder sechs Lieder wir spielen wollen.

Eddie: Wenn bei einer anderen Band einem Gitarristen ein Riff einfällt, das so ähnlich klingt, wie das Riff in einem älteren Lied, dann machen sie trotzdem einen neuen Song daraus. Wenn sich die Ähnlichkeit nicht abweisen läßt, dann bauen wir jedoch dieses Riff in den alten Song ein, so daß wir zwar nur einen Song haben, hinter dem wir aber total stehen und der völlig überarbeitet ist. Wobei wir aber nicht krampfhaft neue Riffs in alte Songs reinquetschen wollen. Nur wenn ich mir selbst eingestehen muß, daß es kein neuer Song ist, sondern nur eine Weiterentwicklung eines alten, dann baue ich die neue Idee in das alte Lied ein. Andernfalls weiß ich, daß die Zeit für einen neuen Song gekommen ist.

Wenn Ihr so viel an Eueren alten Songs rumwerkelt, wie sieht es dann mit neuen Stücken aus?

Eddie: Seit der Veröffentlichung unseres letzten Demos haben wir genau drei Songs gemacht. In nächster Zeit haben wir fürs Songwriting mehr Luft, wobei das aber nicht heißt, daß wir uns hinsetzen und schnell ein paar Songs zusammenschrauben. Die Ideen zu den Liedern existieren schon lange und müssen nur noch gründlich verbunden werden. Wie gründlich wir arbeiten, das siehst man eben vor allem daran, daß wir es fertiggebracht haben, in einem halben Jahr nur drei Lieder zu schreiben. Hinter diesen stehen wir jedoch total, genauso wie hinter allen anderen. Ich würde jederzeit wegen jedem einzelnen auftreten. Wenn wir also irgendwo spielen würden und nur einen Songs bringen dürften, könnte ich jeden unserer Songs auswählen.

Wann werdet Ihr dann wieder ein Demo aufnehmen? Ich meine also ein Demo gemäß Euerer Definition, das nur für Veranstalter, Freunde etc. gedacht ist.

Eddie: So ein Demo werden wir auf jeden Fall wieder aufnehmen, denn das ist der eigentliche Sinn eines Demos. Das Wort kommt schließlich von "Demonstration". Wir werden dann aber auf keinen Fall Anzeigen beispielsweise im METAL HAMMER oder auch in Deinem Blatt aufgeben, weil sich das nicht auszahlt ...

[Und da verkündete der Interviewer mit einem breiten Grinsen auf den Lippen:] Vor allem in unserem Heft wird es sich nicht auszahlen.

Eddie: Ich mache aber trotzdem lieber etwas, beispielsweise ein Interview, mit einem kleinen Magazin wie Deinem, als wie mit einem großen, die dann nur Schwachsinn fragen. Wir haben erst letztens ein Interview zugeschickt bekommen, in dem wir nur gefragt wurden, was wir von Groupies halten und so weiter. Wir haben das Interview auch überhaupt nicht beantwortet.

Oh, danke, jetzt hast Du mich an meine wichtigste Frage erinnert, die ich fast vergessen hätte:
WAS HALTET IHR VON GROUPIES..?

...womit das Ende dieses Interview im allgemeinen Gelächter unterging.
Wie unschwer zu erkennen, war besonders Eddie im Verlauf des Interviews sehr redefreudig, so daß ich eigentlich gar nicht wußte, wo ich kürzen konnte, ohne den Sinn des Interviews auszuhöhlen. Es gibt ja viele Bands, denen man das Wort aus der Nase ziehen muß. CYCRA jedoch bilden das absolute Pendant zu diesem Fall. Da­durch wird die Bearbeitung eines Interviews ungleich schwerer, weil das ge­regel­te Schema des Frage-Antwort-Spiels ständig durchbrochen wird, man dann aber trotzdem irgendwie alles unter einen Hut bringen muß. Andererseits enthält ein solches Gespräch viel mehr Substanz, da es sich nicht auf Aussagen beschränkt, die ohnehin von vorneherein vorausberechenbar sind.
CYCRA fahren also nicht nur als Musiker eine abstrakte, schwerer zu begreifende Schiene, sondern machen auch von diesen Eigenschaften als Interviewpartner Gebrauch. Wenn Ihr mit der Band Kontakt aufnehmen wollt, dann schreibt an folgende Adresse:

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Stefan Glas

CYCRA im Überblick:
CYCRA – UNDERGROUND EMPIRE 2-Interview
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