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  UE-Home → Online Empire 84 → Editorial last update: 19.09.2020, 15:48:05  

Corona. Kapitel 1.

Der Prolog ist vor├╝ber, jetzt beginnt der Hauptteil der Corona-Geschichte. Und besagter Prolog hat in den letzten Wochen unser Leben einschneidend und h├Âchstwahrscheinlich unwiderruflich ver├Ąndert. Da f├╝r uns nat├╝rlich die Musik ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, haben sich auch hier massive Auswirkungen ergeben. Bei Social Distancing und Maskenpflicht ist der Rock'n'Roll-Faktor nun mal verdammt gering.

Was ist bislang passiert, au├čer da├č wir den Festivalsommer 2020 zu Grabe tragen konnten? Viele Musiker scheinen hilflos angesichts der aktuellen Herausforderungen zu sein, doch einige reagieren durchaus kreativ auf die Krise: So hat INFINIGHT-S├Ąnger Martin Klein auf seinem YouTube-Channel eine Serie angefangen, in der er bekannte Metalsongs in Corona-Cover umfunktioniert. So gibt's dann MANOWARs ÔÇ║Carry OnÔÇ╣ mit neuem Text als Anti-Corona-Aufbauspritze oder er bastelt gemeinsam mit QUEENSR┼ŞCHE die ÔÇ║(Not) Spreading The DiseaseÔÇ╣-Anleitung. Den metallischen Ratgeber gegen Corona findet Ihr hier. Ebenfalls f├╝r gute Laune sorgen Ritchie Blackmore und Candice Night, die im Homesick-Modus und -Look aus Joan Baez' ÔÇ║Diamonds And RustÔÇ╣ mal kurzerhand ÔÇ║Vacuum And DustÔÇ╣ gemacht haben, was man hier begutachten kann. Andere Beispiele, wie man aus der Not eine Tugend machen kann, sind Bands wie SEPULTURA mit ihren "SepulQuarta"-Sendungen oder ELUVEITIE mit ihrer "Corona Talk"-Serie; quasi die metallische Entsprechung zum amerikanischen Late Show-Talker Stephen Colbert, der seit dem Corona-Shutdown seine Show kurzerhand aus dem heimischen Arbeitszimmer sendet - mit seinem Sohn als Kameramann, seiner Tochter als Visagistin und seiner Frau als Erfrischungsmixerin - und weiterhin der absolute Geheimtip f├╝r bestes Trump-Bashing ist.

Nicht ganz so originell ist das Vorgehen vieler anderer Musiker, aber generell sollte man froh sein ├╝ber jeden, der angesichts der schwierigen Situation nicht den Kopf in den Sand steckt. So hat sich gef├╝hlt so ziemlich jeder lebende Musiker mit jedem anderen lebenden Musiker in jeder theoretisch m├Âglichen F├╝nferkonfiguration zusammengefunden, um alle m├Âglichen und unm├Âglichen Coverversionen aufzunehmen. Unz├Ąhlige Musiker haben zugleich noch ge├Ąu├čert, da├č sie die Auszeit nutzen w├╝rden, um an Soloalben zu arbeiten, w├Ąhrend viele Bands darauf verwiesen haben, da├č sie an neuen Songs basteln. Somit k├Ânnte man nun bef├╝rchten, da├č wir uns fr├╝her oder sp├Ąter auf eine noch gr├Â├čere Schwemme von Ver├Âffentlichungen einstellen m├╝ssen - mal abgesehen davon, da├č viele Plattenfirmen bereits fertige Releases verschoben haben, die dann ebenfalls ├╝ber uns hereinbrechen werden. Aber viel besser ist es, wenn wir uns stattdessen in Vorfreude ├╝ben, denn schwere Zeiten haben schon immer auch au├čergew├Âhnliche kreative Energien entfesselt. Wir sollten auf alle F├Ąlle dem Internet dankbar sein, da├č es zumindest diese M├Âglichkeiten er├Âffnet, bei denen Corona nicht dazwischenpfuschen kann.

Leider sieht es in der realen Welt nicht ├╝berall rosig aus, auch wenn sich die Negativnachrichten, die mit Corona begr├╝ndet werden noch in Grenzen gehalten haben: So sind zwar mittlerweile leider auch einige Musiker an COVID-19 verstorben, aber lediglich HAMMERSCHMITT f├╝hrten bei ihrer Aufl├Âsung und PESTILENCE bei der Trennung von Drummer Septimiu Harsan Corona als einen der relevanten Faktoren an.

Doch in anderen Bereichen sieht es weitaus prek├Ąrer aus: So zeigen die Musiker durch die oben aufgef├╝hrten Aktionen, da├č sie sich zumindest in irgendeiner Weise mit der aktuellen Situation arrangieren k├Ânnen, doch f├╝r die Crewmitglieder dieser Bands sieht es verdammt trostlos aus. Diese Jungs und M├Ądels, die sonst immer hinter den Kulissen arbeiten und ohne die auf dem Livesektor ├╝berhaupt nichts laufen w├╝rde, sitzen nun schon monatelang auf dem Trockenen und Alternativen sind kaum in Sicht. Wie lange sie noch durchhalten k├Ânnen, ist ebenso unklar wie man sich fragen mu├č, wie lange viele kleine Clubs den ├ťberlebenskampf noch fortf├╝hren k├Ânnen. ├ähnliches gilt auch f├╝r Printmagazine, die durch Corona ebenfalls vor neue, teilweise existenzbedrohende Herausforderungen gestellt werden.

Erfreulicherweise sind manche Solidarit├Ątsshirts geschaffen worden, um beispielsweise Crewmitglieder zumindest ein wenig unter die Arme zu greifen. Oder Bandcamp hat schon an einigen Tagen auf ihren Anteil bei Verk├Ąufen verzichtet, so da├č das Geld komplett bei den Bands ankommt - und bei Bandcamp-Verk├Ąufen reden wir gro├čteils ├╝ber kleine bis mittelgro├če Bands, die sich nicht mit R├╝cklagen durch fette Gagen aus Pr├Ą-Corona-Zeiten ├╝ber Wasser halten k├Ânnen.

Doch l├Ą├čt besagtes "Kapitel 1" auch einige Lichtblicke zu? Na ja, zumindest haben einige K├╝nstler wie beispielsweise Doro erste "Drive-in-Konzerte" gespielt. Die Idee sorgt nicht bei jedem Musiker f├╝r Beifall, aber ganz gleich wie man dieses "Autokino meets Metal"-Konzept auch finden mag, es steht genau f├╝r das, was wir jetzt brauchen: Ideen! Kreativit├Ąt, um Corona zu trotzen, ohne dem Virus ein leichtes Spiel zu machen, um sich ausbreiten zu k├Ânnen.

Au├čerdem wird es nun zu den ersten Social Distancing-Konzerten kommen wie DESTRUCTION es am kommenden Wochenende, also dem 4. Juli, in Prattelns altehrw├╝rdigem "Z7" inszenieren werden. Man darf gespannt sein, wie das ablaufen wird, denn mir fehlt derzeit etwas die Phantasie, wie dieses Konzept effektiv und sicher umgesetzt werden soll. Eine Frontrow mit einzelnen Gattern wie die Startboxen beim Pferderennen, die einen Abstand von 1 Meter 50 gew├Ąhrleisten? Ansonsten alle anderthalb Meter Wellenbrecher mit ├Ąhnlichen Einrichtungen? Und zwischendrin ein freier Platz f├╝r den Moshpit, bei dem man sein pers├Ânliches Zeitfenster f├╝r den Zugang vorab beantragen mu├č - und alle Mosher werden in einen 75-Zentimeter-Umfang-Michelin-M├Ąnnchen-Anzug gesteckt, so da├č die Abstandsregeln eingehalten werden k├Ânnen. Man wird sehen...

Anyway - wenn ein US-Politiker, der f├╝r seinen Machterhalt auch nicht davor zur├╝ckschreckt, das Leben seiner potentiellen W├Ąhler aufs Spiel zu setzen, in Tulsa vor (geplanten) 20.000 Teilnehmern eine Wahlkampfveranstaltung abh├Ąlt, dann k├Ânnen wir auch wieder zu Konzerten gehen...

Aber Zynismus beiseite, denn er nutzt in der aktuellen Situation nicht wirklich. Vielmehr m├╝ssen wir standhaft und vern├╝nftig bleiben, so da├č wir das beste aus der aktuellen Situation machen k├Ânnen.

Metal killt Corona again!

Stefan Glas

P.S.: Nach dem sehr harmonischen und ├Ąstetischen Artwork der letzten Ausgabe haben wir heuer von Daniel Shai ein weitaus streitlustigeres Motiv erhalten, denn im Verlaufe des Kapitels 1 wollen wir gemeinsam mit unserer Coverlady ausziehen, um alle Coronaviren ins Inferno zu schicken... Wer mehr von Daniels gro├čartigen Sci-Fi- und Cyberpunk-Werken sehen m├Âchte, kann sich auf seiner "Artist Station"-Seite stundenlang umsehen.

 
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