UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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Ausgeflogen!

Früher war alles besser - das sagen zumindest die Ewiggestrigen und zumindest in einer Hinsicht haben sie recht: Früher gab es nämlich noch Flyer!

Flyer? Nie gehört? Also, liebe Kinder, gebt fein acht: Flyer - im deutschen Sprachkreis gelegentlich auch "Flugis" (als Kurzform für "Flugblätter"; doch dieser Begriff hat eher eine politische Note) genannt - waren früher ein äußerst wichtiges Szeneinstrument. In der frühen Szene waren sie sogar das Nachrichtenmedium schlechthin: Die Neuigkeiten über Konzerte oder neue Veröffentlichungen wurden grundsätzlich mittels Flyern kundgetan. Selbige fanden ihre Verbreitung über die üblichen Kanäle vom Stammclub um die Ecke, wo die Flyer ausgelegt wurden, bis hin zum weltweiten Tapetradernetz. Teilweise druckten auch Fanzines Flyer ab oder legten sie zumindest ihren Ausgaben bei.

Nein, nein! Flyer haben nichts mit den "Werbebroschüren" zu tun, die man Euch bei Festivals zusteckt oder die aus den Päckchen flattern, mit denen Euch der Mailorder Eures Vertrauens mit neuem Futter versorgt. Das ist schnöder Kommerz! Flyer waren Kunst. Nur allzu gerne erinnere ich mich an die Flyer, die seinerzeit aus der Bay Area eintrafen, wo die legendären Konzerte stattfanden, an denen der europäische Fan nie teilnehmen konnte: Mit viel Liebe zum Detail ließ der Macher seinen jeweiligen designerischen Fähigkeiten freien Lauf, um darauf hinzuweisen, welche neuen Geheimtips ein paar Tage später einen Club zum Glühen bringen würden. Diese Flyer, die oft erst nach Monaten eintrafen, gaben einem das Gefühl, das Flair jenes unerreichbaren Abends für einen Moment zu erhaschen.

Außerdem waren Flyer eine verdammt gute Methode, neue Bands zu entdecken, und man mußte kein willenloses Linkhüpfen bei MySpace oder YouTube (der neue Hype nach MySpace; komischerweise hat noch niemand eine Möglichkeit gefunden, auch Flickr auf "musikalische Weise" in das Netz der boomenden Portale einzubinden...) praktizieren.

Auch das UNDERGROUND EMPIRE beteiligte sich natürlich am lustigen Flyerspiel, das jeweils auf die neue Ausgabe aufmerksam machen sollte - bis hin zu einem ganz speziellen Exemplar, das für UNDERGROUND EMPIRE 7 werben sollte: Gerade frisch der Druckerpresse entsprungen sollte zeitgleich der UE-Computer abrauchen, so daß der Flyer noch schnell auf der Rückseite mit dem Hinweis versehen wurde, daß sich die Veröffentlichung "ein wenig" verzögern würde. Das das letztendliche Erscheinungsdatum dann nochmal einige Monate später lag, ist eine ganz andere, durchaus UE-typische Geschichte...

Flyer sind, nein waren Zeitdokumente der etwas anderen Art. Völlig zeitlos war indes der letzte UNDERGROUND EMPIRE-Flyer, der sich allgemeinen Informationen rund um das Magazin verschrieben hatte und sogar - professionell, professionell... - farbig gedruckt wurde. Eigentlich ist es nahezu unmöglich, daß Ihr nicht mal so ein Teil in die Hand bekommen habt, denn es wurden seinerzeit über 100.000 Exemplare davon quer über den ganzen Planeten verstreut.

Wie Ihr seht - auch wir haben uns schon vor vielen Jahren aus dem Flyer-Spiel verabschiedet. Es herrscht heute einfach das Problem, daß man die wenigen "echten" Flyer, die noch kursieren, einfach nicht mehr an den Mann kriegt - oder wann habt Ihr den letzten "normalen" Brief geschrieben, dem Ihr ein solches Stückchen Papier hättet beilegen können? Eben! Und meines Wissens hat man noch keine Methode gefunden, eine E-Mail gewissermaßen zur Brieftaube umzufunktionieren und ihr einen analogen Papierschnippsel mit auf den Weg zu geben... Und wenn man Flyer digitalisiert ist erst recht jeglicher Flair weg, und man begibt sich in gefährliche Nähe von jenen Subjekten, die mir tagtäglich, den Schniedel und die Titten zugleich vergrößern wollen und auch garantiert kein Geld dafür haben wollen, sondern mir stattdessen einen namhaften Betrag vom Konto des verstorbenen Präsidenten von Tibanabuktu gegen eine kleine Aufwandsentschädigung schenken wollen und noch drei Packungen Ciagra und Vialis als Begrüßungsgeschenk im größten Onlinekasino der Welt drauflegen, weil ich gerade eine Grußkarte von einer ewiggeilen, russischen Singlefrau, die aber auch richtig gut kochen kann und sich noch viel besser bügeln läßt, bekommen habe, die so gelangweilt ist und mir Bilder zeigen will, sofern ich umgehend auf den untenstehenden Link klicke und dort meine Bankdaten angebe, weil ansonsten mein PayPal-Konto gesperrt wird, ich dann aber als Belohnung für meine erhöhte Intelligenz ein kostenloses Diplom von der Universität Hinterdödligen als letzte Mahnung gewinnen werde, mit der ich dann tagelang pimpern kann wie ein Kanarienvogel im Sturzflug, der auf seine Original-Replica-Rolex starrt, damit er ja nicht den richtigem Moment verpaßt, um für mich an der Börse diese eine Aktie zu ersteigern, die morgen abgehen wird wie Valium in der Familienpackung und ich das angehängte Programm bedenkenlos installieren kann, da es schon auf Viren geprüft wurde, so daß ich dann meine Tintenpatronen refillen kann und anschließend ein viel größeres Spermavolumen habe, so daß sie mich mehr als jede andere Abfüllanlage lieben wird und... Ach, macht Euch doch alle vom Acker, Ihr..., Ihr..., Ihr...

In mancher Hinsicht war früher doch einiges besser. Und nicht nur der Flyer wegen...

Flapp-flapp

Stefan Glas

P.S.: Als Coverkünstler für die aktuelle Ausgabe konnten wir Derek Gores gewinnen, der schon für KAMELOT, DARK MOOR, AXXIS, NOSTRADAMEUS, VAN HALEN, PINK FLOYD, GRATEFUL DEAD oder ROLLING STONES gearbeitet hat. Auf Dereks Homepage oder seiner Metal/Fantasy-Seite findet Ihr viele Beispiele seiner Arbeit, die deutlich machen, welch vielseitiger Künstler Derek ist, der sich mit Hilfe ganz unterschiedlicher Stile ausdrücken kann. Kein Wunder, daß er auch außerhalb des Musikbusiness heißbegehrt ist und schon für Firmen wie LUCASFILM, WRANGLER oder NIKE gearbeitet hat.

 
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