UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
  UE-Home → History → Online Empire 28 → Editorial last update: 02.07.2017, 09:33:50  

MySpace - the final frontier?

F├╝r reichlich Verbl├╝ffung sorgte f├╝r mich in den letzten Wochen nicht nur die Tatsache, wie gut sich die Deutsche Fu├čballnationalmannschaft bei der WM schl├Ągt, sondern welch' unglaublicher Hype um MySpace mittlerweile auch auf dieser Seite des Ozeans ausgebrochen ist. Seit Ende 2005/Anfang 2006 scheint sich jeder pl├Âtzlich berufen zu f├╝hlen, dorthin zu gehen, wo schon l├Ąngst jeder andere gewesen ist...

MySpace hat zweifelsohne eine erstaunliche Entwicklung genommen: Von der Grundidee her eigentlich eine Flirt- und Bagger-Community wurde aus MySpace wurde verdammt schnell eine Menge mehr. Jeder, wirklich jeder - von Privatpersonen, ├╝ber Musiker, Bands bis hin zu Plattenfirmen - legte urpl├Âtzlich Wert darauf, in dieser Community vertreten zu sein. Das ging teilweise sogar soweit, da├č manche Bands ihre eigene Homepage stillgelegt haben und die URL gleich auf ihre MySpace-Seite umgeleitet haben. Als dann noch Nachrichten - Legenden oder nicht - die Runde machten, da├č es bei Amerikas Plattenfirmen A&Rs g├Ąbe, die ausschlie├člich von MySpace-Seite zu MySpace-Seite h├╝pfen w├╝rden, um ihre neuen Signings zu finden oder da├č gar eine Newcomer-Band von einer Plattenfirma einzig und allein abgelehnt worden sein soll, weil sie nicht auf MySpace vertreten waren - frei nach dem Motto "Superprofessionelle eigene Homepage? Geschenkt! Eine poplige MySpace-Seite mu├č es sein!" - griff das Fieber langsam aber sicher auch auf Europa ├╝ber. Manchmal k├Ânnte man fast meinen, eine MySpace-Seite w├╝rde einer europ├Ąischen Band eher helfen, Amerika zu erobern, als endlose Clubtourneen. Verkehrte Welt, ├Ąh verkehrter Cyberspace...

Sicher bringt MySpace den Vorteil mit sich, da├č die gesamte "Infrastruktur" kostenlos im Package mitgeliefert wird: Ein Player, den man nur noch mit den eigenen Songs zu f├╝ttern braucht, ist ebenso vorhanden, wie die M├Âglichkeit, Videos zu pr├Ąsentieren, die aufgrund der Datenmengen auf der eigenen Homepage eine Menge kostenspieligen Traffic verursachen w├╝rden. Doch dieses Feature wird derzeit eher selten genutzt, stattdessen hat sich f├╝r diese Belange mittlerweile ein kr├Ąftiger Run in Richtung YouTube herauskristallisiert. Da├č man sich bei MySpace dar├╝ber hinaus noch nicht mal mit den rudiment├Ąrsten Grundlagen des Webdesigns zu besch├Ąftigen braucht, oder jemand anheuern mu├č, der diesen Job ├╝bernimmt und daf├╝r ein gewisses Sal├Ąr verlangen wird, kommt noch hinzu. Und das alles kostet nur ein Anmeldung.

So weit, so gut. Die Nachteile wird man indes auch umgehend feststellen, wenn man sich mal ein paar MySpace-Seiten angeschaut hat: Sie sehen alle gleich (besch...) aus. Von Individualit├Ąt keine Spur. Eigene Visionen, mit deren Hilfe man sich von anderen Bands unterscheiden m├Âchte, die gewisserma├čen ein eigener digitaler Fingerabdruck sind, was vielen Bandsites durchaus gelingt, ebenfalls Fehlanzeige. Und da├č man zur Kontaktaufnahme mit MySpace-Mitgliedern das krude MySpace-Messageformular benutzen mu├č, kommt erschwerend zu, da standardm├Ą├čig das Publizieren einer E-Mail-Adresse auf einer MySpace-Pr├Ąsenz nicht vorgesehen ist, so da├č man dies nicht auf den gewohnten Weg mittels des heimischen Mailers tun kann.

Nicht gerade wertvoll sind auch meist die Botschaften, die andere MySpaceler auf den Seiten ihrer Communitykumpel hinterlassen: "Thanks For The Add" ist da im Gro├čteil der F├Ąlle zu lesen. Das hat keineswegs etwas mit Anzeigenschaltungen zu tun, sondern bedeutet im MySpace-Fachchinesisch, da├č das Communitymitglied A das Communitymitglied B in seine Buddyliste, die Liste seiner virtuellen Freunde, aufgenommen hat - und man sich nun gegenseitig Dankesbotschaften f├╝r "The Add" zuraunen kann oder sich lieber gleich mit aufwendig gestalteten und mindestens genauso nervigen, animierten Bildchen begl├╝cken darf, deren Botschaft glasklar ist: "Thanks For The Add"...

Besonders zweifelhaft ist diese "Add"-Dankesflut angesichts jener Erfahrungen zu sehen, die einer meiner Bekannten nach seinem Beitritt zur spacigen Community gemacht hat: Anfangs w├Ąhlte er genau aus, wem er die "add"-Ehre zuteil werden lie├č, doch binnen weniger Tage war die Flut der "Add"-Anfragen mannshoch, so da├č er kapitulierte und einfach alle Bewerber automatisch "add"en lie├č. "Thanks For The Auto-Add"...

Anyway - der MySpace-Boom ist ungebrochen, hat sich verselbst├Ąndigt und wird wohl auch nicht so schnell gebrochen werden - was man auch nicht als sonderlich tragisch ansehen sollte, denn den Untergang der westlichen Zivilisation wird MySpace bestimmt nicht herbeif├╝hren. Ob es die westliche Zivilisation im allgemeinen oder die Metalszene im speziellen indes einen ernsthaften Schritt weiterbringen wird, darf jedoch ebenso bezweifelt werden. Aber immerhin bringt MySpace einen Vorteil f├╝r neu aus der Taufe gehobene Projekte, die mittels MySpace sehr schnell eine Internetpr├Ąsenz aus dem Boden stampfen k├Ânnen, w├Ąhrend eine eigene Internetsite doch immer ein paar planerische ├ťberlegungen und gewisse Fertigkeiten bei der Umsetzung erfordert - selbst wenn man die Homepage mit der coolen HTML-Exportfunktion von Microsoft Word erstellt...

├ťbrigens: Eine UNDERGROUND EMPIRE-MySpace-Seite ist derzeit nicht geplant. Wir wollen die Eroberung des metallischen Weltraums mit unserem selbstgebauten Raumschiff Enterprise betreiben. Au├čerdem habe ich Angst vor den vielen "Add"s und "Add"innen, die im MySpace lauern.

Echt abgespaced!

Stefan Glas

P.S.: F├╝r das aktuelle Coverartwork konnten wir Jan "├ľrkki" Yrlund gewinnen, der eine wahrlich schillernde Person in der Szene ist: So ist der Finne schon seit Ende der Achtziger als Musiker aktiv - Bandnamen wie PRESTIGE, LACRIMOSA, ANCIENT RITES, IMPERIA oder ganz aktuell SATYRIAN sollten als Visitenkarte ausreichen. Jedoch ist Jan auch ein talentierter K├╝nstler, der neben seinen eigenen Projekten schon unz├Ąhlige Bands wie EVERON, LET ME DREAM, KORPIKLAANI, BLINDSTARE, EVEMASTER oder T├ŁR mit Covern versorgt hat. Auf seiner "Darkgrove"-Seite k├Ânnt Ihr Euch ausf├╝hrlich ├╝ber Jans Schaffen informieren.

 
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