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  UE-Home → History → Online Empire 26 → Editorial last update: 02.07.2017, 09:33:50  

Ehrlich bescheuert!?

Ist derjenige, der brav in den Laden geht, um eine CD zu erwerben, wirklich ein Vollidiot? Zumindest scheint diese Ansicht in den Chefetagen mancher Plattenfirmen vorzuherrschen. Anders l├Ą├čt sich die "Gro├čtat", die sich die Firma SONY BMG neulich geleistet hat, wohl nicht erkl├Ąren.

Es ist mittlerweile fast sechs Jahre her, da├č wir den ersten Artikel zum Thema Kopierschutz gebracht hatten. Der Anla├č war damals der erstmalige Einsatz des "Cactus Data Shield"-Kopierschutzes. Ihm sind seither unz├Ąhlige andere Kopierschutzma├čnahmen gefolgt, die allesamt zwei Dinge gemeinsam hatten: F├╝r den K├Ąufer waren sie ein ├ärgernis und f├╝r Byte-T├╝ftler ein nettes Hacking-├ťbungsgel├Ąnde. Ergo: Kurze Zeit sp├Ąter war der Kopierschutz keiner mehr, aber die ehrlichen K├Ąufer hatten nach wie vor eine Un-CD im Schrank stehen.

Daher wollte man auf Industrieseite wohl h├Ąrtere Geschosse auffahren und war offensichtlich gewillt, jedem selbsternannten Technik-Messias Glauben zu schenken, dessen Versprechungen gro├č genug waren. Doch der erhoffte Segen sollte ausbleiben...

Die komplette Geschichte k├Ânnte fast einem Hitchcock-Drehbuch entstammen: Am 31. Oktober ver├Âffentlichte Mark Russinovich, der in der Computer-Welt als ein Papst f├╝r Sicherheitsfragen rund um Windows angesehen wird, eine Studie, die innerhalb k├╝rzester Zeit ungeahnte Wellen schlug. Russinovich hatte zuf├Ąllig mittels der Van Zant-CD ┬╗Get Right With The Man┬ź entdeckt, da├č SONY BMG einen Kopierschutz auf die CD gepackt hatte, der ungefragt ein sogenanntes "Rootkit" installiert, sobald man die CD in den PC einlegt. Es w├╝rde an dieser Stelle zu weit f├╝hren, die technischen Einzelheiten darzulegen, aber allgemeinert gesprochen, ├Âffnet ein solches Rootkit - ├Ąhnlich wie es W├╝rmer oder Backdoorviren tun - T├╝r und Tor zu dem betreffenden PC. Ein Hacker, der also etwas von dieser Sicherheitsl├╝cke wei├č, kann auf diesem Weg ungehindert eindringen. Wen w├╝rde es wundern, da├č nur wenige Tage sp├Ąter das erste Hackertool lokalisiert wurde, das genau zu diesem Zweck programmiert wurde... Da├č es dar├╝ber hinaus aufgrund des Kopierschutzes gelegentlich zu Systemabst├╝rzen mit m├Âglichem Datenverlust kam, scheint an dieser Stelle nur eine Randnotiz zu sein.

Nach Ver├Âffentlichung dieser Studie verteidigte SONY BMG zun├Ąchst noch vehement ihr vermeintliches Wunder der Technik und k├╝ndigte an, den Kopierschutz auch auf dem europ├Ąischen Markt einzusetzen. Man lie├č sich noch nicht einmal davon beeindrucken, da├č eine Kapazit├Ąt wie Russinovich zu dem Schlu├č kam, da├č der XCP betitelte Kopierschutz sehr unsauber programmiert sei und offensichtlich jemand am Werke gewesen sei, dem schlicht das notwendige Hintergrundwissen fehlte, um sich an die Programmierung einer solchen Software herantrauen zu d├╝rfen.

Erst als ein weltweiter Sturm der Entr├╝stung losbrach, begann SONY BMG heftig zur├╝ckzurudern und bot einen Patch an, der den Kopierschutz vom Computer entfernt - aber es zugleich auch unm├Âglich machte, die CDs mit XCP-Kopierschutz weiterhin auf dem PC abzuspielen. Dieser Patch wurde offensichtlich jedoch so schnell zusammengestoppelt, da├č er Systemabst├╝rze verursachte und ungefragt Verbindung zu den SONY BMG-Servern aufnahm - was irgendwie an die Geschichte vom Bock erinnert, der zum au├čerirdischen G├Ąrtner gemacht wurde, und nun nach Hause telephonieren wollte...

Derart in die Ecke gedr├Ąngt, erkl├Ąrten sich SONY BMG bereit, die XCP-CDs gegen solche ohne Kopierschutz umzutauschen. Da diese nat├╝rlich erst gepre├čt werden mu├čten, kam die europ├Ąische Presse zum Jahresende in den Genu├č, bei einigen aktuellen SONY BMG-Produkten mit Dual Discs bemustert zu werden, die aus technischen Gr├╝nden nicht mit Kopierschutz versehen werden k├Ânnen...

Doch auch dies ist noch nicht das Ende der Geschichte, denn kurze Zeit sp├Ąter sollte ein neuer MICROSOFT-Sicherheitspatch das von XCP installierte Rootkit als b├Âsartige Software einstufen. Das rief im Staate New York sogar den Staatsanwalt auf den Plan, der kurzerhand seine H├Ąscher in die Plattenl├Ąden ausschickte, um alle CDs mit XCP zu beschlagnahmen.

Mitte Dezember, also sechs Wochen nach Beginn dieser unkopierbaren Aff├Ąre, sollte von technischer Seite her der Schlu├čpunkt gesetzt werden: MICROSOFT ver├Âffentlichte ein Tool, das zuverl├Ąssig und endg├╝ltig das XCP-Rootkit von den infizierten Rechnern entfernte.

Doch f├╝r SONY BMG ist dies gewi├č noch nicht das Ende des Alptraums: Nicht nur, da├č man - mal wieder - Millionen Dollar f├╝r die Entwicklung eines "todsicheren" Kopierschutzes zum Fenster rausgeschmissen hatte, dar├╝ber hinaus hat man sich selbst einen PR-GAU eingebrockt, der wohl eine ├Ąhnliche Gr├Â├čenordnung annehmen d├╝rfte wie seinerzeit der Skandal um die Erd├Âlbohrinsel "Brent Spa" f├╝r SHELL.

Bleibt zu hoffen, da├č man in Reihen der Plattenbosse wenigstens etwas aus diesem Reinfall gelernt hat - auch wenn die Erfahrungen aus der Vergangenheit eher in eine andere Richtung deuten.

Keine Frage: Illegales Downloading und organisiertes Schwarzbrennen im gro├čen Stil sind ein ernstes Problem f├╝r die Musikindustrie; aber zugleich ist die "mp3-Kultur" auch eine willkommene Ausrede f├╝r eigene Kapitalfehler, die man in den letzten Jahren begangen hat. Doch dar├╝ber k├Ânnte man endlos weiterphilosophieren - ganz so wie wir es in besagtem Artikel getan hatten.

Es ist aber genauso klar, da├č Kopierschutztechniken nicht der richtige Weg sein k├Ânnen. Die L├Âsung kann nun mal nicht lauten, die Ehrlichen, die Ihr Geld in Musik investieren wollen, f├╝r dumm zu verkaufen, indem man ihnen Un-CDs - bestenfalls technisch minderwertigen Schrott, schlimmstenfalls gemeingef├Ąhrliche Sabotagewerkzeuge - andreht!

Es bleibt dabei: Copy-protection kills music!

Stefan Glas

P.S.: Unser Dank f├╝r das aktuelle Coverartwork geht an Chris "Saiyan" Kallias, der beispielsweise schon f├╝r Acts wie STEEL PROPHET, MANTICORA, Hubi Meisel, ANGE oder NIGHTSHADE den Pinsel geschwungen hat. Weitere Arbeiten von Chris k├Ânnt Ihr auf seiner Homepage bewundern.

 
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