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  UE-Home → History → Online Empire 22 → Editorial last update: 25.05.2019, 10:10:08  

Die Welt ist ein Klingelton!

Sie haben gelĂ€utet, Mylord? Diese Frage muß man sich immer hĂ€ufiger stellen, wenn man derzeit in einen der Werbeblöcke bei den privaten Fernsehstationen reinschlittert. Und diese Werbeblöcke sind schon lĂ€ngst so monströs und omniprĂ€sent, daß es unmöglich ist, ihnen zu entgehen - und ich mich folglich nur dem Aufruf von Dr. M.O. Bruker anschließen kann: "Kauft keine Produkte, fĂŒr die Werbung gemacht wird!"

Doch zurĂŒck zu unserem Thema, denn inmitten dieser zumeist dĂŒnnsinnigen Kurzfilmchen, die die Konsumlust anregen sollen, tauchen immer hĂ€ufiger Spots auf, die auf hippe Klingeltöne verweisen, die man sich fĂŒr's Handy herunterladen kann. Doch damit nicht genug, denn es gibt bei den verschiedensten Sendern sogar Musiksendungen, deren einziger Zweck zu sein scheint, quietschendes Futter fĂŒr Mobiltelephone zu verhökern: WĂ€hrend ein Videoclip lĂ€uft, werden LaufbĂ€nder - die den halben Bildschirm bedecken - eingeblendet, die erklĂ€ren, wie man sein Taschentelephon dazu bringen kann, beim nĂ€chsten Anruf "HĂ€nschen klein" oder eben den gerade gezeigten Song trĂ€llern zu lassen.

Daß diese Angebote genutzt werden, beweist die Tatsache, daß die meisten Majorplattenfirmen schon seit einigen Monaten mehr Klingeltöne als CD-Singles verkaufen. Zwar sollte man in einer Zeit, in der weniger als 250 verkaufte Einheiten ausreichen, um in die Top 100 der Media Control-Charts zu rutschen, eine solche Meldung nicht ĂŒberbewerten, aber zum Nachdenken sollte sie schon anregen.

NatĂŒrlich spielt dabei der weitaus gĂŒnstigere Preis fĂŒr einen Klingelton im Vergleich zu einer CD-Single eine wichtige Rolle - womit wir wieder bei der nicht zu leugnenden Tatsache wĂ€ren, die die Musikindustrie partout nicht akzeptieren will: CDs jeglicher Art sind einfach zu teuer! Aber dennoch kann man an dieser Stelle nicht ĂŒbersehen, wozu Musik mittlerweile verkommen ist: zu einem - selbstverstĂ€ndlich! - polyphonen Fiepen, dessen einzige Funktion es ist, darauf hinzuweisen, daß irgendjemand mitteilungsbedĂŒrftig ist.

Bedeutet das, daß die Generation, die Musik jeglicher Stilrichtung als Kulturgut und einen unersetzlichen Bestandteil des Lebens ansieht, endgĂŒltig vom Aussterben bedroht ist? Reicht es in Zukunft, wenn ein "Song" eine LĂ€nge von ein paar Sekunden hat, weil ein drei- und gar dreizehnminĂŒtiger Klingelton irgendwie unsinnig erscheint? Werden LED ZEPPELIN nie wieder die "Stairway To Heaven" emporsteigen können, weil das eingehende GesprĂ€ch zuvor schon angenommen wurde? Werden die BEATLES nie wieder etwas von "Yesterday" erzĂ€hlen dĂŒrfen, weil zu diesem Zeitpunkt der Handybesitzer bereits mit jemand am anderen Ende der unsichtbaren Leitung tratscht?

Dennoch scheinen nach dem altbekannten Prinzip "Alles, was Geld bringt, ist gut" manche Oberen der Musikindustrie zu glauben, daß man sich auf diese Weise aus der Krise befreien kann. Schließlich hat sich Baron MĂŒnchhausen auch am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen...

Doch Zynismus und Pessimismus beseite, denn einen Hoffnungsstreif am Horizont konnte man im Jahr 2004 beobachten: Im JULI ging der SILBERMOND auf! Zwei deutsche Nachwuchsbands, die sich handgemachter Musik verschrieben haben und gute Songs schreiben können, schafften es, sowohl Teenies als auch "reifere" Hörer in Begeisterung zu versetzen. NatĂŒrlich gab es die zugehörigen Hitsingles â€șPerfekte Welleâ€č und â€șSymphonieâ€č umgehend auch als Klingelton, doch beide Bands haben gewiß genug Substanz, um immer noch gute neue Musik zu machen, wenn die Handys und Vöglein schon lĂ€ngst ein anderes Lied zwitschern...

Hoppla, mein Handy hat gerade angefangen, Shakespeare-Verse zu rezitieren; sorry, ich muß mal rangehen. Bis zum nĂ€chsten Mal!

Bei mir piept's...

Stefan Glas

P.S.: Das covertechnische Frösteln in der aktuellen Ausgabe lehrt uns das Graphikerduo Martin Saavedra und Victor Cabo, die unter dem Namen SPINA agieren. Die beiden haben bereits fĂŒr Bands wie REQUIEM AETERNAM, DISTORTED MIND, DIVINITY oder SANATORIUM gearbeitet und stehen gerne Bands zur VerfĂŒgung, die noch ohne Coverartwork sind. Ein SPINA-Portfolio findet Ihr auf der entsprechenden Homepage.

 
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