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Corona. Kapitel 1.

Der Prolog ist vorüber, jetzt beginnt der Hauptteil der Corona-Geschichte. Und besagter Prolog hat in den letzten Wochen unser Leben einschneidend und höchstwahrscheinlich unwiderruflich verändert. Da für uns natürlich die Musik ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, haben sich auch hier massive Auswirkungen ergeben. Bei Social Distancing und Maskenpflicht ist der Rock'n'Roll-Faktor nun mal verdammt gering.

Was ist bislang passiert, außer daß wir den Festivalsommer 2020 zu Grabe tragen konnten? Viele Musiker scheinen hilflos angesichts der aktuellen Herausforderungen zu sein, doch einige reagieren durchaus kreativ auf die Krise: So hat INFINIGHT-Sänger Martin Klein auf seinem YouTube-Channel eine Serie angefangen, in der er bekannte Metalsongs in Corona-Cover umfunktioniert. So gibt's dann MANOWARs ›Carry On‹ mit neuem Text als Anti-Corona-Aufbauspritze oder er bastelt gemeinsam mit QUEENSRŸCHE die ›(Not) Spreading The Disease‹-Anleitung. Den metallischen Ratgeber gegen Corona findet Ihr hier. Ebenfalls für gute Laune sorgen Ritchie Blackmore und Candice Night, die im Homesick-Modus und -Look aus Joan Baez' ›Diamonds And Rust‹ mal kurzerhand ›Vacuum And Dust‹ gemacht haben, was man hier begutachten kann. Andere Beispiele, wie man aus der Not eine Tugend machen kann, sind Bands wie SEPULTURA mit ihren "SepulQuarta"-Sendungen oder ELUVEITIE mit ihrer "Corona Talk"-Serie; quasi die metallische Entsprechung zum amerikanischen Late Show-Talker Stephen Colbert, der seit dem Corona-Shutdown seine Show kurzerhand aus dem heimischen Arbeitszimmer sendet - mit seinem Sohn als Kameramann, seiner Tochter als Visagistin und seiner Frau als Erfrischungsmixerin - und weiterhin der absolute Geheimtip für bestes Trump-Bashing ist.

Nicht ganz so originell ist das Vorgehen vieler anderer Musiker, aber generell sollte man froh sein über jeden, der angesichts der schwierigen Situation nicht den Kopf in den Sand steckt. So hat sich gefühlt so ziemlich jeder lebende Musiker mit jedem anderen lebenden Musiker in jeder theoretisch möglichen Fünferkonfiguration zusammengefunden, um alle möglichen und unmöglichen Coverversionen aufzunehmen. Unzählige Musiker haben zugleich noch geäußert, daß sie die Auszeit nutzen würden, um an Soloalben zu arbeiten, während viele Bands darauf verwiesen haben, daß sie an neuen Songs basteln. Somit könnte man nun befürchten, daß wir uns früher oder später auf eine noch größere Schwemme von Veröffentlichungen einstellen müssen - mal abgesehen davon, daß viele Plattenfirmen bereits fertige Releases verschoben haben, die dann ebenfalls über uns hereinbrechen werden. Aber viel besser ist es, wenn wir uns stattdessen in Vorfreude üben, denn schwere Zeiten haben schon immer auch außergewöhnliche kreative Energien entfesselt. Wir sollten auf alle Fälle dem Internet dankbar sein, daß es zumindest diese Möglichkeiten eröffnet, bei denen Corona nicht dazwischenpfuschen kann.

Leider sieht es in der realen Welt nicht überall rosig aus, auch wenn sich die Negativnachrichten, die mit Corona begründet werden noch in Grenzen gehalten haben: So sind zwar mittlerweile leider auch einige Musiker an COVID-19 verstorben, aber lediglich HAMMERSCHMITT führten bei ihrer Auflösung und PESTILENCE bei der Trennung von Drummer Septimiu Harsan Corona als einen der relevanten Faktoren an.

Doch in anderen Bereichen sieht es weitaus prekärer aus: So zeigen die Musiker durch die oben aufgeführten Aktionen, daß sie sich zumindest in irgendeiner Weise mit der aktuellen Situation arrangieren können, doch für die Crewmitglieder dieser Bands sieht es verdammt trostlos aus. Diese Jungs und Mädels, die sonst immer hinter den Kulissen arbeiten und ohne die auf dem Livesektor überhaupt nichts laufen würde, sitzen nun schon monatelang auf dem Trockenen und Alternativen sind kaum in Sicht. Wie lange sie noch durchhalten können, ist ebenso unklar wie man sich fragen muß, wie lange viele kleine Clubs den Überlebenskampf noch fortführen können. Ähnliches gilt auch für Printmagazine, die durch Corona ebenfalls vor neue, teilweise existenzbedrohende Herausforderungen gestellt werden.

Erfreulicherweise sind manche Solidaritätsshirts geschaffen worden, um beispielsweise Crewmitglieder zumindest ein wenig unter die Arme zu greifen. Oder Bandcamp hat schon an einigen Tagen auf ihren Anteil bei Verkäufen verzichtet, so daß das Geld komplett bei den Bands ankommt - und bei Bandcamp-Verkäufen reden wir großteils über kleine bis mittelgroße Bands, die sich nicht mit Rücklagen durch fette Gagen aus Prä-Corona-Zeiten über Wasser halten können.

Doch läßt besagtes "Kapitel 1" auch einige Lichtblicke zu? Na ja, zumindest haben einige Künstler wie beispielsweise Doro erste "Drive-in-Konzerte" gespielt. Die Idee sorgt nicht bei jedem Musiker für Beifall, aber ganz gleich wie man dieses "Autokino meets Metal"-Konzept auch finden mag, es steht genau für das, was wir jetzt brauchen: Ideen! Kreativität, um Corona zu trotzen, ohne dem Virus ein leichtes Spiel zu machen, um sich ausbreiten zu können.

Außerdem wird es nun zu den ersten Social Distancing-Konzerten kommen wie DESTRUCTION es am kommenden Wochenende, also dem 4. Juli, in Prattelns altehrwürdigem "Z7" inszenieren werden. Man darf gespannt sein, wie das ablaufen wird, denn mir fehlt derzeit etwas die Phantasie, wie dieses Konzept effektiv und sicher umgesetzt werden soll. Eine Frontrow mit einzelnen Gattern wie die Startboxen beim Pferderennen, die einen Abstand von 1 Meter 50 gewährleisten? Ansonsten alle anderthalb Meter Wellenbrecher mit ähnlichen Einrichtungen? Und zwischendrin ein freier Platz für den Moshpit, bei dem man sein persönliches Zeitfenster für den Zugang vorab beantragen muß - und alle Mosher werden in einen 75-Zentimeter-Umfang-Michelin-Männchen-Anzug gesteckt, so daß die Abstandsregeln eingehalten werden können. Man wird sehen...

Anyway - wenn ein US-Politiker, der für seinen Machterhalt auch nicht davor zurückschreckt, das Leben seiner potentiellen Wähler aufs Spiel zu setzen, in Tulsa vor (geplanten) 20.000 Teilnehmern eine Wahlkampfveranstaltung abhält, dann können wir auch wieder zu Konzerten gehen...

Aber Zynismus beiseite, denn er nutzt in der aktuellen Situation nicht wirklich. Vielmehr müssen wir standhaft und vernünftig bleiben, so daß wir das beste aus der aktuellen Situation machen können.

Metal killt Corona again!

Stefan Glas

P.S.: Nach dem sehr harmonischen und ästhetischen Artwork der letzten Ausgabe haben wir heuer von Daniel Shai ein weitaus streitlustigeres Motiv erhalten, denn im Verlaufe des Kapitels 1 wollen wir gemeinsam mit unserer Coverlady ausziehen, um alle Coronaviren ins Inferno zu schicken... Wer mehr von Daniels großartigen Sci-Fi- und Cyberpunk-Werken sehen möchte, kann sich auf seiner "Artist Station"-Seite stundenlang umsehen.

 
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