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  UE-Home → History → Online Empire 5 → Rubriken-Übersicht → LAST DESCENDANTS-''Remember''-Artikel last update: 08.10.2020, 20:46:40  

Titel: Remember
Dekolinie

LAST DESCENDANTS-Logo

So kann's gehen - ein superbes Debutdemo und die Platte wird ein (relativer) Flop. Der Fall LAST DESCENDANTS ist ein gutes praktisches Beispiel für die Phrase "Dumm gelaufen".

1981 gründet ein amerikanischer Jüngling mit lockigem Haar namens Gary Morton im Alter von sechszehn Jahren die Formation AFTERSHOCK. In den ersten fünf Jahren ist man zunächst damit beschäftigt, ein stabiles Line-up sowie einen eigenen Stil zu formen. Darüberhinaus pickt man den Titel der Ei­gen­kom­po­si­tion ›Last Descendants‹ und firmiert fortan unter diesem Namen. (Zu dieser Entstehungsgeschichte gibt es noch eine "alternative" Version, die Ihr im "Extra-Info" unserer LAST DESCENDANTS-Story aus UNDERGROUND EMPIRE 7 findet, die ich mittlerweile etwas schlüssiger finde, als die hier vorgestellte. - Red.)

LAST DESCENDANTS-Bandphoto

Wir schreiben das Jahr 1986, als die gesamte Metalwelt ob eines unglaublichen Demos den Atem anhält. »W.W. III« nennt sich die Kassette, die US-Metal der Spitzenklasse enthält, dessen Riffing so außergewöhnlich, fein strukturiert und knochentrocken ist, daß man mutmaßen darf, daß hier einer der Ursprünge des Progressive Metal liegt. Diese sensationelle Saitenarbeit gepaart mit einem glasklaren, druckvollem Gesang und einer massakerverdächtigen Rhythmusarbeit ergeben eine Band, um die sich prompt mehrere Labels prügeln. Den Zuschlag erhält das deutsche AAARRG-Label, das von MEKONG DELTA-Basser Ralph Hubert ins Leben gerufen wurde und der sofort das hohe technische Niveau der Band erkennt.

Kurz bevor man nach Europa übersetzt, um das Debutalbum unter der Leitung des Labelbosses einzuspielen, können LAST DESCENDANTS ihr Line-up komplettieren: Man hat Supersänger Kenneth Ueda vor die Tür gesetzt und durch James Waits, der vor Jahren schon einmal Sänger der Band gewesen war, ersetzt. Den größten Fehler in der Karriere der Band kommentiert Gary wiefolgt: "...die Vocals sind für unsere Begriffe nicht so besonders, daher haben wir uns von unserem Sänger getrennt und suchen momentan nach einem geeigneten." [Quelle: SHOCK POWER Nr. 13, S. 7] Außerdem bringen LAST DESCENDANTS ein neues 2-Song-Tape mit, das einen Vorgeschmack auf die Platte geben soll. Gulp, dieser Vorabklops rutscht nur schwer kaudalwärts. Kein Zweifel: Der neue, alte Sänger würde sich mit großer Wahrscheinlichkeit zum Zünglein an der Waage entwickeln. Sein Gesang ist viel zu ungehobelt, ausdruckslos, "proletenhaft", um zu der Musik von LAST DESCENDANTS zu passen.

Doch damit nicht genug: LAST DESCENDANTS haben eine gewisse Vorwarnung für ihre Fans parat. Noch während die Studioarbeiten für »One Nation Under God« in vollem Gange sind, schließen sich die fünf Amis dem "Easter-Mosh"-Troß an und touren mit TANKARD und DRIFTER durch die deutschen Lande (Bei einem dieser Konzerte entstand das Photo auf dem Gary Morton so 'ne hübsche Schnute zieht. Leider waren LAST DESCENDANTS während ihrer ganzen Karriere sehr geizig in Bezug auf Promophotos, so daß wir auf diesen alten Liveschuß zurückgegriffen haben). Bei diesen Gigs muß man feststellen, daß James Waits zum einen ein schwacher Frontmann ist und zudem optisch nicht in die Band paßt. Viel wichtiger ist jedoch, daß er offenkundig einfach nicht singen, geschweige denn einen Ton halten kann. Die Anwesenden versuchen sich zwar mit Sätzen wie "Hat einen schlechten Abend erwischt" oder "Dank der modernen Studiotechnik klingt sogar die Piepsstimme von Stephanie von Monaco ganz okay" zu beruhigen, aber da ist nachwievor die unumstößliche Offenbarung des zweiten Demos, die der neuen Stimme kein gutes Zeugnis ausstellt.

LAST DESCENDANTS-Einzelshot: Gary Morton

Es bleibt eines der größten ungelösten Metal-Rätsel, warum James Waits Sänger von LAST DESCENDANTS wurde, aber nichtsdestotrotz ist er auf der Scheibe »One Nation Under God« zu hören und reduziert den Reiz der instrumental hochklassigen Songs in drastischem Maße. Eine weitere Enttäuschung müssen die Kenner der Band hinnehmen: Kein Song vom »W.W. III«-Demo steht auf der Platte. Vielleicht war es jedoch besser, daß diese Klassiker vor dem neuen Organ bewahrt wurden. So ist »One Nation Under God« zwar eine brauchbare Scheibe, aber...

Nahezu zwangsläufig wird es anschließend still um LAST DESCENDANTS und die zweite Scheibe »The Big Picture«, die man bereits während des ersten Studioaufenthaltes angekündigt hat, erscheint nie. Es scheint, als hätte man das Testament gemacht. 1993 erscheint völlig unverhofft ein neues Demo, der wahrscheinlich endgültig Letzte Abkömmling seiner Art, und gibt Anlaß zu einem erneuten Trauerschub: Die vier neuen Tracks ›Turn Out The Lights‹, ›Kill Or Be Killed‹, ›Take It Or Leave It‹ und ›Silently Sleeping‹ können locker mit dem Material von »W.W. III« konkurrieren, besitzen die gleiche Unbeschwertheit, die gleichen göttlichen Riffs und sind vor allem erstklassig gesungen. Wie das??? Kein Geringerer als Gitarrist und Bandgründer Gary Morton durfte die Songs einsingen. Wenn ich bedenke, wie einfach das oben ausführlich beschriebene Problem zu umschiffen gewesen wäre, kriege ich einen hysterischen Lachanfall...


Stefan Glas

Photo: Stefan Glas [Photo 2]


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