UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
  UE-Home → History → Underground Empire 7 → Rubriken-Ãœbersicht → Special-Ãœbersicht → Why Should The Devil Have All The Good Music?-Special last update: 21.05.2018, 09:18:23  

”UNDERGROUND EMPIRE 7”-Datasheet

Contents:  Why Should The Devil Have All The Good Music?-Special

Date:  28.02.1993 (created), 08.03.2015 (revisited), 08.06.2017 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 7

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several earlier issues still available; find details here!

Comment:

Es ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden, einen Leser mit einer Story zu beauftragen. Bei dem UdSSR-Szene-Report waren wir diesbezüglich ja schon mal auf die Nase gefallen. Doch Thomas' Beitrag war so klasse ausgefallen, daß quasi keine Überarbeitung notwendig war, um ihn in die abgedruckte Form zu bringen. Er schaffte es, kompetent und kritisch "seine" Szene zu beleuchten, die Entwicklung nachzuvollziehen und schließlich die maßgeblichsten Bands vorzustellen. Daher war sein Artikel definitiv eine Bereicherung für UNDERGROUND EMPIRE 7. Danke nochmal dafür, Thomas!

Vom Design her hatte ich den etwas länglichen Titel "Why Should The Devil Have All The Good Music?" in einer Schreibschrift quer über die Anfangsseite gestellt. Dies haben wir heuer mit einer ähnlichen Schrift quasi simuliert. Ansonsten wurden bei den Bandvorstellungen die Bandnamen als Gestaltungsmittel einfach mit einem schwarzen Rahmen hinterlegt. Außerdem verteilten wir je ein Bandphoto über die drei Seiten (HOLY SOLDIER auf der ersten, TOURNIQUET auf der zweiten, BRIDE auf der dritten Seite), in die wir jeweils den Bandnamen einkopiert hatten. Dummerweise waren von den Photos nur noch im Falle von HOLY SOLDIER das Original aufzutreiben, so daß ich die anderen beiden Photos aus dem gedruckten Heft rauskopiert habe - und die einkopierten Bandnamen wieder im Photoshop wegstempeln durfte...

Supervisor:  i.V. Stefan Glas

 
 

''Why Should The Devil Have All The Good Music?''-Titel

Der White Metal wird in der Szene bekanntlich ziemlich stiefmütterlich behandelt. Also gerade deshalb eine Unterabteilung der harten Musik, die für das UNDERGROUND EMPIRE von Interesse ist. Als mir dann eines Tages Thomas Bentz, ein eifriger UNDERGROUND EMPIRE-Leser, vorschlug, einen Artikel über die White Metal-Szene zu verfassen, fiel die Entscheidung nicht besonders schwer, kräftig zu nicken. Ich übergebe ihm hiermit das Wort, in der Hoffnung, es gelingt, durch diesen Artikel einige Vorurteile gegenüber dem christlichen Metal abzubauen.

Von einem Leser für die Leser...", so oder so ähnlich könnte die Überschrift zu dem nun folgenden Artikel lauten. Was sich aber auf den ersten Blick wie eine billige Pseudo-Werbephrase anhört, erhält seinen Sinn durch die Tatsache, daß ein Fanzine wie das UNDERGROUND EMPIRE seine Existenz nur dem Idealismus von Leuten zu verdanken hat, die versuchen, ihrer Meinung nach zu Unrecht unterbewertete Musik einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ein Forum für Minderheiten zu bieten.

Tja, und genau das ist der Grund, weshalb ich, ansonsten ein "normaler" Fanzineleser, nun den Griffel schwinge, um Euch eine Randerscheinung der heutigen Metalszene näherzubringen (Danke an Stefan für die Chance dazu!). Here we are: Der White Metal Report oder "why should the devil have all the good music?".

Bevor sich der ein oder andere bereits jetzt vorzeitig ausklinkt, weil er etwaige Bekehrungsversuche meinerseits erwartet - Entwarnung! Zwar halte ich es für essentiell, sich mit den Lyrics dieser Gruppen auseinanderzusetzen, aber wer keinen Bock darauf hat, kann sie ja für sich und sein Leben als nicht relevant betrachten (wäre allerdings schade drum...).

Okay, vorher noch kurz zu meiner Person, damit Ihr mich und meinen Musikgeschmack besser einschätzen könnt: Ich heiße Thomas, bin 23 Jahre alt und zur Zeit nach dem Zivildienst Ferienjobber im Krankenhaus, höre Metal seit acht Jahren, querbeet von Hard Rock bis Thrash, bevorzugt US-Power Metal á la VIRGIN STEELE, VICIOUS RUMORS oder SAVATAGE und Konsorten, also das, was man gemeinhin als qualitativ hochwertige Bangermucke bezeichnet.

Angefangen hat das Ganze eigentlich so um 1970, als ein blonder, langhaariger Musiker namens Larry Norman auf die Idee kam, seine christliche Grundüberzeugung mit zeitgenössischer Musik, sprich Rock'n'Roll, zu verbinden. Auf seinen Ausspruch "Jesus is the rock and he rolled my blues away" bezieht sich seither praktisch jede Band mit "frommen" Texten, vom Soft-Pop bis hin zum Metal.

Die erste Band, die christliche Standpunkte mit wirklich harten Riffs und schweren Rhythmen verband, war die RESURRECTION BAND (heute REZ BAND) aus Chicago, die übrigens vor kurzem eine starke Live-Doppel-CD zum 20-jährigen Jubiläum veröffentlichte. Es folgten TROUBLE, die auf ihren ersten drei LPs bei METAL BLADE RECORDS (»Psalm 9«, »The Skull«, »Run To The Light«) noch ganz stratzfromm daherkamen, auch wenn sie dies heute in Interviews so gerne bestreiten!

Tja, und 1984 enterte die bekannteste, umstrittenste und kommerziell mit Abstand erfolgreichste Christenrock-Formation die Bühne der Musikwelt. Der Begriff vom "White Metal" im Gegensatz zu den damals angesagten Okkultbands wie MERCYFUL FATE und VENOM ward geboren. Die STRYPER'sche Symbiose von frommen Texten, publicityträchtigem Image und qualitativ hochwertigem Hard Rock wurde fortan zum Markenzeichen für eine ganze Kategorie von Bands, und die Szene hat es bis heute noch nicht ganz geschafft, sich vom Klischee-Bild des phrasendreschenden und bibelschwingenden Pretty Face-Kommerzrockers loszulösen. Der Fakt, daß außer STRYPER, BARREN CROSS und BELIEVER mit wenigen Ausnahmen fast alle White Metal-Bands nur auf christlichen Indie-Labels in "God's Own Country" erschienen und bis auf den heutigen Tag erscheinen, ist der größte Hemmschuh für solche Bands, auch hierzulande einen größeren Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Merke: Christian Metal war noch nie das große Geschäft! Das latente Rebellionspotential der zumeist pubertierenden Metalkonsumenten läßt sich nun mal mit positiven, moralischen Texten für die rein kommerziell orientierten Plattenfirmen ungleich schwerer in klingende Münze verwandeln als Produkte mit dem "Explicit Lyrics"-Klebi. Dennoch haben es etliche Bands auch ohne großartige Labelunterstützung geschafft, vom eng begrenzten christlichen Untergrund an die Oberfläche zu gelangen. Erwähnenswert sind hier vor allem PETRA, BLOODGOOD, WHITECROSS, WHITEHEART oder auch SACRED WARRIOR.

Hierzulande hat das gesamte Movement mit nur drei offiziellen Veröffentlichungen (CREED »Sign Of Victory«, BLOODY CROSS »Coming Again« und THE PREACHERS »Way To Paradise«) nur geringe Spuren hinterlassen. Und auch talentierte Underground-Bands wie CHRYZTYNE aus Karlsruhe (das Debut der Band findet Ihr bei den Plattenbesprechungen - Stefan Glas) muß man schon mit der Lupe suchen. Mit ein wesentlicher Grund hierfür dürfte sicherlich das im Vergleich zu den USA hier in Europa wesentlich schwächer in der Gesellschaft verankerte puritanische Christentum sein. Daneben gibt es vor allem in Amiland auch noch eine ganze Latte von Bands, deren Mitglieder entschiedene Christen sind und/oder die sich mit biblischen Themen befassen, jedoch nicht einfach in die White Metal-Schublade gesteckt werden wollen: Dazu gehören zum Beispiel GIANT, KING'S X, EXTREME, GALACTIC COWBOYS, INCUBUS, SOLITUDE AETURNUS, MASSACRE, die Schweden COUNT RAVEN oder die deutschen Progressivos SECRECY aus Bremen.

Damit an dieser Stelle nicht der Eindruck entsteht, hier würde nur das Hohelied auf "Heavenly Metal" gesungen; natürlich gibt es auch Kritikpunkte, die dem unbedarften Hörer bitter aufstoßen dürften. Vor allem was die textliche Seite anbelangt, erging sich die Szene hauptsächlich in ihren Anfangstagen im hemmungslosen Rezitieren von Bibelstellen und frommen Phrasen wie "Rock For The King". Daß der durchschnittliche Konsument damit nicht allzu viel anzufangen weiß, liegt auf der Hand. Erfreulicherweise gibt es in den letzten Jahren einen Trend hin zu kritischen, gesellschaftlich relevanten Themen wie Abtreibung, Tierversuche oder Werteverfall, nicht ohne Lösungsansätze (alle natürlich aus einer christlichen Sicht der Dinge) anzubieten. Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist das weitgehende Fehlen von musikalischen Innovationen. So hinkte die Szene musikalischen Trends wie Death Metal, Grunge Rock oder auch Doom (Ausnahme: TROUBLE) immer nur hinterher, anstatt selbst Akzente zu setzen. So gibt es zur Zeit beispielsweise nur eine "reine" Death Metal-Band mit Plattenveröffentlichungen (MORTIFICATION aus Australien)! Was das wahrscheinlich nächste große Dingens, Industrial Metal á la MINISTRY oder YOUNG GODS, betrifft, scheint die Szene mit Bands wie MORTAL, UNDER MIDNIGHT oder CIRCLE OF DUST allerdings eher up-to-date zu sein, was für die Zukunft hoffen läßt.

Sodele, nachfolgend möchte ich Euch nun einige der besten White Metal-Bands vorstellen. Da die christlichen Szene in der Zwischenzeit viele Bands beheimatet, kann dies jedoch nur ein relativ grober Überblick über die "herausragenden" Bands sein und erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Hauptaugenmerk liegt auf den etwas härteren Gruppen (logo!):

SACRED WARRIOR

Gehen wir gleich mit der ersten Band in die Vollen: Laßt Euch vom Klischeenamen nicht täuschen! SACRED WARRIOR aus Chicago haben das Kunststück geschafft, innerhalb von vier Jahren vier Platten auf konstant hohem Qualitätslevel zu veröffentlichen. Dominierte auf dem Debut »Rebellion« noch stampfender NWoBHM-Metal, so entwickelte sich die Band mit den beiden Nachfolgewerken und der aktuellen '91er »Obsessions« hin zum progressiv angehauchten, jedoch jederzeit nachvollziehbaren Power Metal zwischen old QUEENSRŸCHE und FATES WARNING. Geprägt durch den Supergesang von Rey Parra und der filigranen Gitarrenarbeit, sowie Tier Tony Velasquez an den Drums, bieten SACRED WARRIOR alles, was das Herz des qualitätsbewußten Fans erfreut. Einziger Schwachpunkt der Band ist die Produktion ihrer letzten beiden Scheiben. Mit einem druckvolleren Sound wären diese zu wahrhaft "göttlichen" Platten geworden. Nicht ohne Grund wurde »Obsessions« nach Erscheinen im ROCK HARD die Platte des Monats.

RECON

Quasi als Abschreibungsprojekt von DELIVERANCE fungierte die Band RECON aus sunny California. Dreiviertel der DELIVERANCE-Combo setzten sich aus Musikern zusammen, die früher oder später mal bei dieser Gruppe zugange waren. Doch im Gegensatz zu den immer noch existenten DELIVERANCE brachten es RECON nur auf eine Veröffentlichung; die aber hatte es in sich! 1990 erschienen, finden sich auf dieser Veröffentlichung all die Voraussetzungen, die für ein Klassealbum maßgeblich sind. Klar, beim Gesamtsound orientiert man sich unüberhörbar an bekannten Größen wie den "Übervätern" QUEENSRŸCHE, HELLOWEEN oder auch CRIMSON GLORY. Aber diesen Mangel an Identität, den RECON auch mit anderen (LETHAL, HITTMAN) teilen, machte man gekonnt durch phantastisches Songwriting wett, so daß dies kaum ins Gewicht fiel. Eingängige, im positiven Sinne kommerzielle Melodien, mehrstimmige Vocal-Parts, unterlegt von sägendem Riffing und die transparente Produktion bürgen auf »Behind Enemy Lines« für die Qualität, die jeden Anhänger melodischen Power Metals auf ihre Seite bringen müßte, solange er auch nur einen Funken Musikalität in sich hat. Durch ständige Besetzungswechsel gehandicapt, konnte die Option auf weitere Releases bei INTENSE RECORDS nicht wahrgenommen werden, und so hat sich diese hoffnungsvolle Band in der Zwischenzeit sang- und klanglos aufgelöst. Schade drum!

BLOODGOOD

Eigentlich müßte man wohl einen Nachruf auf die Urvater-Band des White Metal (neben STRYPER und BARREN CROSS) schreiben! 1984 gegründet und nach Bassist Michael Bloodgood benannt, legte diese in Seattle beheimatete Formation 1986 ihr erstes, selbstbetiteltes Album vor, das noch starke NWoBHM-Einflüsse aufwies. Schon der Nachfolger »Detonation«, eine der Klassiker-Scheiben im christlichen Metal-Bereich, war ziemlich speed/thrashlastig, was vor allem die "Mini-Oper" ›Crucify‹ deutlich zeigte. "Make it or break it" heißt bekanntlich die Devise für den dritten Output einer Band, und BLOODGOOD machten es! Zwar deutlich kommerzieller als der Vorgänger, konnte »Rock In A Hard Place« einmal mehr mit gelungenem Songwriting und dem einzigartigen Gesang von Shouter Les Carlsen aufwarten und verkaufte sich ähnlich gut wie seine Vorgänger. Nach diversen Besetzungswechseln (u.a. verließ Gitarrist David Zaffiro die Band, ist heute erfolgreich als Soloartist und Produzent tätig), erschien 1990 »Out Of The Darkness«, das neben zwei bis drei Aussetzern auch die bisher besten Songs in der Karriere von BLOODGOOD enthielt (›Top Of The Mountain‹, ›Changing Me‹, wahre Perlen, die man gehört haben muß - Lieder zum wegschweben!). Doch danach begann der Abstieg dieser einstmals so begnadeten Formation. Zwei ganz nette Live-Scheibchen beziehungsweise Videos, die parallel veröffentlicht wurden (Beutelschneiderei!) sowie eine überflüssige »Best Of« zeugen vom kommerziellen Ausverkauf, der mit dem Wechsel der Plattenfirma einherging. Mit »All Stand Together« begab man sich 1991 vollends in Mainstream-Gefilde: Das Ergebnis ist eigentlich ganz nett und gut produziert (übrigens mit dem GIANT-Drummer an den Fellen), aber wer die "echten" BLOODGOOD kennt, kann nur noch milde lächeln und wehmütig an alte Glanzzeiten zurückdenken...

SEVENTH ANGEL

Die schönsten Cover der Szene haben zweifellos SEVENTH ANGEL (Rodney Matthews-Motive sind immer was Besonderes!). Doch auch musikalisch weiß man zu überzeugen. Das Debut »The Torment« auf UNDER ONE FLAG bietet typisch britischen Thrash, durch akustische Einlagen aufgelockert und textlich alles andere als Einheitskost. Intelligent setzen sich die vier Briten mit Konfliktthemen wie Abtreibung oder Kindesmißbrauch auseinander. Der '92er Nachfolger »Lament For The Weary« der inzwischen zum Trio geschrumpften Band zeigt sich soundmäßig im aktuellen Gewande. Durch die schwerfälligen Doom-Sounds und den ziemlich kaputten Gesang gelingt es der Band vorzüglich, ein gewisses Gothic-Feeling zu erzeugen und dadurch das textliche Konzept wirkungsvoll rüberzubringen. Auch die Produktion von Paul Hodson (unter anderem KREATOR) stimmt, und so sind SEVENTH ANGEL sicher nicht nur Doomern zu empfehlen.

HOLY SOLDIER

HOLY SOLDIER-Bandphoto

Eine der wenigen Bands, die noch versuchen, neben Grunge-Geschrummel und pseudo-dreckigem Sleaze, dem musikalischen Gourmet unverfälschten Hard Rock nahezubringen, sind HOLY SOLDIER aus L.A., die auf dem selbstbetitelten Erstling und dem '92er Nachfolger »Last Train« perfekt klassischen Hard Rock zelebrieren. Neben der kompakten musikalischen Leistung besticht vor allem Sänger Steven Patrick mit seiner grandiosen Stimme, mit der er der Musik eine unwahrscheinliche Atmosphäre verleiht, bei der man unmöglich Vergleiche zu anderen Shoutern ziehen kann. Die Produktion vom Ex-BLOODGOOD-Gitarristen tut ihr übriges, und so ist es nicht verwunderlich, daß HOLY SOLDIER neben den Mainstreamern von PETRA und WHITE HEART im christlichen Bereich zum Bestseller avancierten. Ein Wermutstropfen bei den Kaliforniern ist leider der selten dämliche und äußerst klischeehafte Bandnamen, wie ihn wirklich nur Amis bringen können! Trotzdem, check 'em out (vgl. Kritik in UNDERGROUND EMPIRE 6!).

ONE BAD PIG

Die mit Abstand originellste Band der Szene sind mit Sicherheit ONE BAD PIG. Den Texanern gelang es schon auf ihrem PURE METAL/PILA MUSIC-Debut »Smash«, mit einer kruden Mischung von Metal, Hardcore, Fun-Punk und coolen Mitgröl-Refrains einiges an Aufsehen zu erregen. Der Nachfolger »Swine Flew« erschien bei MYRRH/PILA MUSIC im etwas gemäßigteren Gewand und zeigte mit dem U2-ähnlichen ›Red River‹ auch andere musikalische Seiten der Band, ohne jedoch auszuwimpen. Der letzte Studio-Output »I Scream Sunday« geht wieder mehr zu den Punk-Wurzeln der Band zurück. Absolutes Highlight: die kaputte Coverversion von ›Man In Black‹ mit Johnny Cash himself als Special Guest an den Vocals. Kürzlich erschien ein soundmäßig recht bescheidener, aber authentischer Live-Mitschnitt, betitelt »Blow The House Down«, der die on stage-Qualitäten der Band eindrucksvoll zeigt. Das visuelle Gegenstück dazu, das gleichnamige Video, ist ebenfalls seit kurzem erhältlich.

VENI DOMINE

Nun gibt es ja schon etliche Bands, deren Sänger von der Stimmlage her sehr stark an QUEENSRŸCHEs Geoff Tate erinnern; man denke nur an LETHAL, HITTMAN oder SACRED WARRIOR. Mit dem ersten wirklich hundertprozentigen Clone können allerdings die Schweden VENI DOMINE aufwarten. Was Goldkehlchen Frederick Ohlsson auf »Fall Babylon Fall« bietet, ist definitiv nicht mehr von seinem großen Vorbild zu unterscheiden. Auch musikalisch ist das 67-minütige Konzeptalbum, das sich thematisch mit der Offenbarung des Johannes auseinandersetzt, stark an die alten QUEENSRŸCHE angelehnt. Die Produktion hätte zwar besonders beim Drumsound etwas fetter ausfallen können und überhaupt ist die Schlagzeugarbeit ziemlich minimalistisch, aber in Anbetracht der beschränkten finanziellen Möglichkeiten des englischen Kleinlabels EDGE RECORDS überraschend gut. Erwähnenswert vor allem noch das phantastische Cover-Artwork von Rodney Matthews (unter anderem ASIA, MAGNUM, SEVENTH ANGEL). Fazit: VENI DOMINE sind zwar selbst in White Metal-Kreisen noch ziemlich unbekannt, aber mit Sicherheit eine der kommenden Bands; für jeden QUEENSRŸCHEr ein gefundenes Fressen.

BELIEVER

Ja, und da wären wir bereits bei meiner Favourite Thrash-Band! BELIEVER gehören wohl auch schon zum illustren Kreis der etwas bekannteren Christen-Bands. Die wenigsten von Euch werden jedoch vom '89er Debut »Extraction From Mortality« auf dem Indie REX RECORDS gehört haben. Man möge mich der Hochstapelei bezichtigen, aber ich stehe dazu: Mit dieser Scheibe haben BELIEVER eine der fünf besten Thrash-LPs aller Zeiten abgeliefert. Hinter SLAYERs »Reign In Blood« oder dem DARK ANGEL-Debut braucht man sich nicht zu verstecken, und wer bitteschön sind denn SODOM!?! Geile Intros mit Streichern, ultrabrutale, fett riffende Thrash-Attacken wie das Titelstück sowie die perfekte Produktion machen das gewisse Etwas von »Extraction From Mortality« aus und müßte eigentlich jeden Freund härterer Klänge ohne wenn und aber überzeugen können. Die Ernüchterung kam zwei Jahre später mit dem auf ROADRUNNER erschienenen Nachfolgewerk »Sanity Obscure«. Zwar zeigt man sich musikalisch immer noch überdurchschnittlich, aber der brutal groovende Thrash des Debuts mußte in meinen Augen technisch sehr anspruchsvollem, aber steril wirkenden Techno-Thrash á la DESPAIR weichen. Das Songmaterial kann außer dem genialen ›Dies Irae‹ (wahnsinnige Symbiose von Speed, Streichern und lateinischem Sopran) und der kaputten U2-Coverversion ›Like A Song‹ nicht mehr in dem Maße überzeugen wie das Debut. In der Zwischenzeit hat man eine kleine Deutschlandtour absolviert, und ich hoffe, die Band kann mit ihrem dritten Werk, das voraussichtlich April/Mai unter dem Titel »Dimensions« erscheint, an alte Glanzzeiten anknüpfen. Dennoch: »Extraction From Mortality« ist ein Muß, Ehrenwort (und ich heiß' nicht Uwe Barschel...).

MORTIFICATION

Wie bereits erwähnt sind die drei Aussie-Deather von MORTIFICATION die derzeitig einzige "reine" Todesmetall-Band im christlichen Bereich mit Plattenveröffentlichungen. Bereits auf dem selbstbetitelten Erstling zeigten die Australier eindrucksvoll, daß sie es (wie beispielsweise auch ASPHYX) verstehen, als Three Piece jenen eminent wichtigen Druck zu produzieren, der gut gespielten Death Metal von sinnlosem Grunt'n'Growl-Gebolze abhebt. »Scrolls Of The Megilloth« nennt sich der grindcorelastige Nachfolger und kann die Vorzüge des Debuts vor allem soundmäßig noch ausbauen. NUCLEAR BLAST haben in der Zwischenzeit die Qualitäten von MORTIFICATION erkannt und den europäischen Vertrieb übernommen. Bleibt zu hoffen, daß die Australier sich auf dem total übersättigten Death Metal-Markt behaupten können, so gut (und besser) wie ein Großteil der Konkurrenz sind sie jedenfalls.

TOURNIQUET

TOURNIQUET-Bandphoto

Fragt mich nicht, was der Name TOURNIQUET bedeutet, aber eines ist klar: Der Fünfer aus Südkalifornien ist der große Hoffnungsträger im Lager der "harten" Christian Metal-Bands und bringt alle Voraussetzungen für den internationalen Durchbruch mit, auch auf säkulärer Ebene. An dieser Stelle könnte man einfach auf die euphorische Kritik von Ralf Henn in UNDERGROUND EMPIRE 6 verweisen, aber hier muß auch ich meiner Begeisterung über die musikalischen und lyrischen Qualitäten der Amis Luft verschaffen. Mit dem Einfallsreichtum von TOURNIQUET, die nach dem eher konventionellen Debut »Stop The Bleeding« mit dem Nachfolger »Psycho Surgery« noch einige Kohlen nachlegen konnten, erscheint hier eine Band auf der Bildfläche, die der vor sich hindümpelnden Thrash-Szene neues Leben einhauchen könnte. Von Bill Metroyer (unter anderem SLAYER) hervorragend produziert, schafft es diese Combo, den Hörer in einer wahren Achterbahnfahrt durch so verschiedene Musikstile wie Doom, Speed, Rap, spanische Folklore und natürlich "normalen" Thrash zu peitschen, ohne daß dabei der musikalische rote Faden verlorengeht. Herausragend hier vor allem der originelle Gesang von Guy Ritter und die absolut groovende Schlagzeugarbeit von Ted Kirkpatrick. Und ist das musikalische Niveau schon extrem hoch, so werden die Lyrics diesem genauso gerecht. Wie keine andere christliche Band verstehen es TOURNIQUET, die negativen Seiten unserer Gesellschaft (kaputte Beziehungen, Sekten, Diskriminierung von Behinderten, etc.) von ihrem Standpunkt aus zu schildern, ohne dabei den Fehler zu machen und zu moralisieren. Macht Ihr keinen Fehler und greift zu, wenn Ihr »Psycho Surgery« im Plattenladen seht. Jedem, dem auch nur ein bißchen etwas an gutgemachtem, intelligenten Thrash liegt, sollte sich hier angesprochen fühlen. Das dritte Werk der Band, CARCASS-mäßig mit »Pathogenic Ocular Dissonance« betitelt, ist vor einigen Monaten erschienen!

BARREN CROSS

In den Augen vieler waren die Kalifornier BARREN CROSS die fähigste Christian Metal-Combo. Nach dem guten Debut »Rock For The King« 1986 auf STAR SONG/PILA MUSIC und dem sehr guten Folgewerk »Atomic Arena« (die Weiterentwicklung artikuliert sich schon alleine in der Namensgebung der LPs!) gelang der Band 1989 mit ihrem letzten Release »State Of Control« auf ENIGMA ihr Meisterwerk. Zeitloser, melodischer US-Metal mit Ausflügen in Hard Rock beziehungsweise Power Metal-Gefilde machen diese Scheibe zu einem absoluten Juwel des White Metal. Neben der Hochglanzproduktion der Elephante-Brüder (ex-KANSAS), den Starproduzenten im christlichen Bereich, rechtfertigt schon alleine die Starkstrom-Hymne ›The Stage Of Intensity‹, von Bruce Dickinson-hear-alike Mike Lee grandios intoniert, den Kauf dieser wahren Killerscheibe. Leider hat die Band sich vor zwei Jahren aufgelöst - eine Schande und ein unersetzlicher Verlust für die gesamte Szene!

DELIVERANCE

Nein, nicht von den englischen Black Metallern ist hier die Rede, sondern vom gleichnamigen kalifornischen Quartett. Überwogen auf dem von Bill Metoyer produzierten starken '89er Debut noch überdeutlich METALLICA-Referenzen, so verstand es die Band mit »Weapons Of Our Warfare«, eigene Akzente zu setzen, indem sie sägendes Riffing und hohen, klaren Gesang mit geilen Melodiebögen und Hooks verband. Diese Scheibe ist heute einer der Klassiker im christlichen Bereich und ohne Zweifel ein vorläufiger kreativer Höhepunkt von DELIVERANCE! Die beiden Nachfolger von »Weapons Of Our Warfare« können den extrem hohen Standard leider nicht so ganz halten, vor allem beim Songwriting vermißt man die (im positiven Sinne) eingängigen Refrains und Melodien. Dennoch sollte man die Hoffnung noch nicht aufgeben, da »Stay Of Execution« von 1992 doch wieder einen gewissen Aufwärtstrend erkennen läßt: Das Riffing ist stark wie eh und je, die teilweise psychedelic-mäßig angehauchten Backing Vocals ohne Frage originell und überzeugend. Warten wir ab, was die Zukunft bringt; aufgeben sollte man DELIVERANCE jedoch auf keinen Fall!

BRIDE

BRIDE-Bandphoto

Frank Trojan vom ROCK HARD hat mal behauptet, aus BRIDE könnte eine Hammertruppe werden. Daß der Mann Ahnung hat, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Während die ersten drei Longplayer dieser Ausnahmegruppe seltsamerweise noch recht unausgegoren daherkamen, blitzte das Talent der Vier aus Kentucky zum ersten Mal 1991 mit »Kinetic Faith« voll auf. Den vorläufigen Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens erreichten BRIDE allerdings erst mit dem Ende '92/Anfang '93 releasten »Snakes In The Playground«, der die Vorzüge des Vorgängers noch ausbauen konnte: dreckige Riffs, rauher Gesang mit tollen Melodien und tierische Grooves bestimmen das Gesamtbild dieser Scheibe, und die ganze Platte strotzt nur so von dem, was man gemeinhin "street credibility" nennt. So hätte der Nachfolger von GUNS N' ROSES' »Appetite For Destruction« klingen sollen! Song-Granaten wie ›Psychedelic Super Jesus‹ (cooler Titel) oder ›Rattlesnake‹ gehen ab wie geölte Zäpfchen und blasen mit all ihrer jugendlichen Energie eine Gruppe, wie die von Axl W. Rose an die Wand. Und während die angeblichen "Bad Boys des Rock'n'Roll" (höhö...) ihr Pulver wohl schon verschossen haben dürften, kann man von BRIDE noch Großes erwarten. Sind TOURNIQUET für die "Harten" unter den White Metal-Gruppen der Hoffnungsträger Nummer Eins, so haben BRIDE diese Stellung für die etwas softeren, sprich Non-Speed/Death/Thrash-Bands inne!


Thomas Bentz

Hier endet Thomas mit der Nennung diverser anderer talentierter White Metal-Bands, die jedoch den Rahmen des Artikels gesprengt hätten, wie beispielsweise WHITECROSS (Hard Rock), ANGELICA (Melodic Metal), HAVEN (siehe Interview), SCARLET RAYNE (vgl. Kritik in unserer Nummer 6), THE CRUCIFIED (Hardcore), BETRAYAL (origineller Thrash mit Klassikeinflüssen), PETRA und WHITEHEART (beide erstklassiger Mainstream), die REZ BAND oder GUARDIAN (Hard Rock). Verschiedene dieser Bands werdet Ihr auch bei den Plattenkritiken dieser Ausgabe finden!
Wer sich für einige der vorgestellten Bands interessiert, kriegt bei

dem deutschen Hauptimporteur für White Metal kostenlose Infos. Mit dem Versprechen, "Wenn Ihr ohne Vorbehalte an diese Musik herangeht, werdet Ihr so manche (positive) Überraschung erleben!", beendet Thomas seinen Artikel. Wer Thomas aufgrund des Artikels schreiben möchte, kann bei der Redaktionsadresse seine Anschrift erhalten!

Keine Frage - ich habe den Artikel mit größtem Interesse gelesen und hoffe, daß es Euch ebenso ergangen ist!


Stefan Glas


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