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  UE-Home → History → Online Empire 12 → Rubriken-Übersicht → Special-Übersicht → "Rock Station Festival" 2002-Special last update: 12.10.2019, 22:48:46  

''Rock Station Festival''-Headline

''Rock Station Festival''-Shot: Wartende Besucher vor ''Sakli Kent''Was geht metallischerdings in der Türkei ab? Dieser Frage konnte meine Wenigkeit zusammen mit ROCK HARD-Freund Hansi Daberger nachgehen: Unsere türkischen Kollegen vom ROCK STATION-Magazin hatten uns für ihr Festival am 15. und 16. März nach Ankara eingeladen. Vor Ort konnten wir für Euch viele interessante Informationen sammeln, um Euch nun die Metal-Szene im Land am Bosporus näherzubringen.

Einen unschlagbaren Vorteil kann Ankara bieten: Das Wetter ist grandios, so daß wir schon mal ein paar Stunden Frühling vorab genießen können. Hatten wir am Morgen Deutschland bei freundlichen drei Grad Celsius verlassen, kann man in An­ka­ra mit T-Shirt bekleidet in kleinen Straßencafes sitzen und frischgepreßten Orangensaft schlürfen. Ebenso erwärmend ist die unbeschreibliche Herzlichkeit, mit der wir sowohl von unseren ROCK STATION-Kollegen als auch von den anderen Menschen, die wir kennenlernen durften, aufgenommen werden.

Schon auf der Fahrt vom Flughafen zur Stadt fällt eine massive Polizeipräsenz auf: An fast jeder zweiten Ampel steht ein Polizeiauto. "Das ist völlig normal hier und soll Gewalttaten und Ausschreitungen vorbeugen", kommentieren unsere Gastgeber gelassen. Die 5-Millionenstadt Ankara ist eine relativ moderne Stadt, die im Ge­gen­satz zu Istanbul nur wenige historische Bauwerke zu bieten hat. Manchmal erinnert Ankara ein wenig an mitteleuropäische Städte in den sechziger Jahren. Auch ist nicht zu übersehen, daß man in Sachen Umweltschutz noch nicht so weit ist wie hierzulande: Auf den Häusern sieht man zahllose einzelne Kamine, weil Zen­tral­hei­zung anscheinend noch ein Fremdwort ist, nur etwa zehn Prozent der Autos verfügen im Moment über einen Katalysator und beim Blick in die Ferne fällt ein Grau­schlei­er auf, der den ganzen Tag über der Stadt hängt.

Ankara ist auf sehr hügeligem Terrain gebaut, so daß sich Rom, die Stadt auf den sieben Hügeln, nur verschämt verstecken kann. Mittlerweile ist die Hauptstadt der Türkei so sehr gewachsen, daß man ein Gebiet erreicht hat, auf dem man die Häuser regelrecht an die zerklüfteten Hänge kleben muß. Während man in Deutschland die zugehörigen Straßen in Serpentinen am Hang hochgeschlängelt hätte, ging man in Ankara den direkten, schnurgeraden und oft extrem steilen Weg den Berg hinauf. Daher konnte man die Hügel - zumindest in der Innenstadt - extrem eng bebauen, aber andererseits muß der Chauffeur einer vollbeladenen Taxi-Karosse kräftig Schwung holen, um einen solchen Anstieg zu meistern.

''Rock Station Festival''-BackstagepaßÜberhaupt sind Taxis ein Element, das das Stadtbild prägt: In Ankara ist der Besitz eines Privat-PKWs bei weitem nicht so üblich wie in Deutsch­land, so daß es massenhaft Taxis gibt, deren Dienste im Ver­gleich mit hiesigen Preisen spottbillig sind. Außerdem stechen die Taxis sowohl auf­grund ihrer postgelben Lackierung, als auch auf­grund ihrer Uniformität ins Auge: alle Taxifahrer benutzen das glei­che Fiat-Modell, das allerdings in der zugehörigen türkischen Niederlassung gebaut wird. Aus dem Rahmen fallen lediglich einige getunte Ex­em­pla­re: Die türkische, taxifahrende Entsprechung zum hierzulande nahezu aus­ge­stor­ben­en "Homo Manticus" hat seine Karosse höhergelegt und mit extra schnieken Edelstahl-Felgen inklusive des Ferrari-Pferdes aufgedonnert. Der Fahrstil der Taxi­fah­rer ist jedoch wie überall auf der Welt: mörderisch.

 

ROCK STATION


die türkische Metal-Institution

ROCK STATION-TeamDie Lebensader des türkischen Metal hat einen Namen: ROCK STATION. Seit Jahren halten die mittlerweile 15 Mitarbeiter die Fahne des Heavy Metals in den Medien ihres Heimatlandes hoch. Allerdings kann keiner von ihnen mit dieser Tätigkeit seinen Lebensunterhalt be­strei­ten, so daß jeder einem normalen Beruf nachgehen muß. Echte Idealisten, die ihre komplette Freizeit dem Heavy Metal und ROCK STATION widmen. Wir setzten uns mit Chef Hicri Bozdag und Tolga Camli zusammen, um mehr über die Institution ROCK STATION zu erfahren.

Wann wurde ROCK STATION ins Leben gerufen?

"ROCK STATION hat als Radiosendung begonnen. Ursprünglich gab es in der Türkei nur staatliche Radiostationen, doch seit 1993 ist es möglich, auch unabhängige Sender zu gründen. Damals begann Hicri eine Radioshow, die immer noch läuft und jeden Donnerstagabend zwischen 20.00 Uhr und 22.00 Uhr stattfindet. Die Sendung wird übrigens auch über unsere Homepage http://rockstation.kayra.net/ ins Internet gebroadcastet. 1997 kam für ROCK STATION sogar eine Fernsehsendung hinzu. Im gleichen Jahr organisierten wir zum ersten Mal das "Rock Station Festival". Das Fernsehprogramm mußte wir leider nach zwei Jahren einstellen, da der Sender seine Pforten schloß. Bis 1999 hatte Hicri als Schreiber für das damals einzige türkische Metalmagazin SEBEK geschrieben. Doch damals wurde SEBEK eingestellt, so daß er sich entschloß, ein eigenes Magazin auf die Beine zu stellen. Mittlerweile veröffentlichen wir sechs Ausgaben von ROCK STATION pro Jahr. Im Moment sind wir außerdem mit einem Sender in Verhandlungen, so daß es demnächst vielleicht wieder eine ROCK STATION-Fernsehsendung geben wird."

Was sind die Ziele von ROCK STATION?

"ROCK STATION wird von Fans für Fans gemacht. Damit sind wir persönlich zufrieden, aber es wäre natürlich großartig, wenn wir eines Tages von unserer Arbeit für ROCK STATION leben könnten. Doch wir sind uns bewußt, daß das in der Türkei nahezu unmöglich ist. Eines unserer Hauptanliegen ist es, türkische Bands den Metalfans im Ausland zu präsentieren und ihnen zu helfen, auf der ganzen Welt Aufmerksamkeit zu erhalten."

Inwiefern wird Heavy Metal in der Türkei von der Bevölkerung akzeptiert?

"Mittlerweile ist Metal weitgehend akzeptiert. Das liegt unter anderem daran, daß auch viele Metalfans aus höheren sozialen Schichten stammen und es sich mittlerweile herumgesprochen hat, daß die meisten Vorurteile gegen Heavy Metal haltlos sind."

Welches sind die größten Bands in der Türkei?

"Die größte türkische Band ist PENTAGRAM, die außerhalb der Türkei ihr aktuelles Album »Unspoken« via SANCTUARY unter dem Bandnamen MEZARKABUL veröffentlicht haben. Sie haben von dieser Platte bisher etwa 30.000 Einheiten in der Türkei abgesetzt. Leider war die Promotion ihrer neuen türkischen Firma ziemlich schlecht, so daß es hätte besser laufen können. Daher bin ich mir sicher, daß die Verkaufszahlen noch deutlich besser werden. Die zweitgrößte Band sind KNIGHT ERRANT, die von ihrer Platte circa 15.000 Exemplare verkaufen konnten. Aber gerade bei KNIGHT ERRANT offenbarte sich ein typisches Problem der türkischen Plattenindustrie: Die Firma hatte viel zu wenige CDs pressen lassen, so daß die Scheibe schnell vergriffen war und es zu lange dauerte, bis die Plattenfirma wieder nachliefern konnte."

Ihr plant, Euer Festival in den kommenden Jahren als Open Air-Veranstaltung aufzuziehen. Wann wird es so weit sein?

"Wir haben darüber nachgedacht, aber wir sind uns bewußt, daß dies einen weitaus größeren Aufwand bedeuten würde. Und wir wollen sicherstellen, daß wir das bewältigen können, denn wir wollen, daß die Fans beim Festival ihren Spaß haben - egal ob es in der Halle oder als Open Air stattfindet."

ROCK STATION
P.K. 378
TR - 06443 Yenisehir Ankara
Türkei

http://rockstation.kayra.net/

rockstation@kayra.net


Stefan Glas

 

Nachdem wir dennoch die Anfahrt zum Veranstaltungsort "Saklikent" ohne Schaden überlebt haben, fällt uns gleich ein wunderbares Bild ins Auge, das an die Zeiten in den güldenen Achtzigern erinnert: Eine lange Menschenreihe schlängelt sich vor dem Venue die steile Straße hinauf und wartet darauf, daß es endlich Heavy Metal gibt. Letztendlich werden am ersten Tag knapp 2.000 Metaller beim Festival erscheinen.

RAVEN WOODS-Liveshot

Das "Saklikent" (was übersetzt "geheime Stadt" bedeutet) entpuppt sich als famose Halle, die maximal 3.000 Zuschauer fassen kann, und eine große Bühne hat, so daß die Bands genügend Platz haben, um sich auszutoben. Die ringsum plazierten roten Lampen erinnern zwar eher an einen Club, dessen Zweck die Anbahnung erotischer Vergnügungen ist, aber das ist vergessen, als die erste Band die Bühne betritt: RAVEN WOODS. Allerdings leiden die Black Metaller unter einem sehr schlechter Sound, so daß die Gitarren nur zu erahnen sind und das Keyboard völlig verschwunden ist. Es ist zwar zu spüren, daß die Musik sehr technisch gestrickt und mit vielen Breaks durchsetzt ist, aber Feinheiten sind live nicht zu erkennen. Das Publikum freilich stört sich daran nicht sonderlich und macht schon zur Eröffnung des Festivals kräftig mit. Sie wissen genau warum, denn ›In Loneliness I Wither‹, der einzige Song, den RAVEN WOODS bislang aufgenommen haben, offenbart die Band als vielversprechendes Talent.

KARAKEDI-Liveshot

Ein Gastspiel der schwarzen Katze, KARAKEDI, steht nun auf dem Plan: In Asena hat die Truppe eine sehr souveräne Frontfrau, die vom Stageacting her ein wenig an Sabina von HOLY MOSES erinnert und sich nicht zu fein ist, kräftig zu bangen. KARAKEDI präsentieren sehr unterschiedliche Songs, die jedoch stets sehr rhythmusorientiert sind und türkische Lyrics enthalten. Stilistisch hingegen bietet man mal groovigen Heavy Rock, mal rock'n'rollige Ausbrüche und wagt sich teilweise sogar zu Thrashaspekten vor. Man merkt, daß die Band auch ein Coverprogramm parat hat, bei dem Sängerin Asena problemlos SLAYER und PANTERA vorträgt. Aus diesem Grund scheinen KARAKEDI in Ankara sehr bekannt zu sein und erhalten vom Publikum überaus positiven Zuspruch.

CENOTAPH-Liveshot

Ein krasser Wechsel! Die nachfolgende Band CENOTAPH sind eine der weltweit extremsten Grindcorebands, bei denen der Gesang ausschließlich aus gutturalem Brüllen besteht. Mit ihrer extremen Masche haben es CENOTAPH geschafft, ihren Namen auch schon außerhalb der Türkei bekannt zu machen. Glücklicherweise bauen die Häcksler viele Breaks in ihre Songs ein und haben zudem in Cem Devrim Dursun einen hervorragenden Schlagzeuger, der diese problemlos umsetzen kann, so daß CENOTAPH nie langweilig werden. Er wird übrigens auch am nächsten Tag beim Headliner SUICIDE nochmal in die Töpfe hacken. Heute breakt er das Drumset so sehr durch, daß es den Geist aufgibt und CENOTAPH eine längere Pause einlegen müssen. Also bleibt die Zeit, ein Resümee zu notieren: CENOTAPH sind eine außergewöhnliche Band, bei der lediglich das völlig statische Stageacting dringend verbesserungswürdig ist.

SANRI-Liveshot

Diese technischen Probleme überschatten auch den Auftritt von SANRI, die das Wechselbad fortsetzen: Sänger Koray Göker marschiert mit Akustikgitarre auf die Bühne. Dieser Klang paßt perfekt zum melodischen Rock/Metal von SANRI, der sehr groovig abgeht. Man ist versucht, an Bands wie PINK CREAM 69 oder SHAKRA zu denken, doch die sehr guten Melodien von SANRI, klingen für unsere Ohren eher ungewöhnlich. Die kurze Zwangspause aufgrund der Schlagwerktechnik nutzt Fronter Koray, sich seiner Klampfe zu entledigen und ab sofort bar jeglichen Ballasts über die Bühne zu hüpfen; ROCK STATION-Boß Hicri betätigt sich derweil als Wasserverteiler und wirft flaschenweise kühlendes Naß in die schwitzende Menge.

ALMORA-Liveshot

Wie schon ihre Vorgänger bekommen auch ALMORA mehr Licht spendiert als die ersten drei Bands und werden von Bühnennebelschwaden umspielt. Die aus Istanbul stammende Band präsentiert sich sehr professionell und erinnert mit ihrem harten Power Metal mit Geigeneinsatz an KNIGHT ERRANT. Die Erklärung ist jedoch sehr leicht: Die beiden Brüder Soner und Burak Canözer waren bis vor wenigen Monaten die Gitarristen von KNIGHT ERRANT und haben nun ihre eigene Band gegründet. Dennoch haben ALMORA ihren eigenen Flair, da sie einen sehr guten Frontmann in ihren Reihen wissen, zusätzlich über eine Flötistin verfügen und Violinistin Nihan Tahtaisleyen zwischendurch auch den Sopran auspackt.

MAGICK-Liveshot

Dann verspricht man uns ein wenig MAGICK. Die Band, die wie alle anderen Bands des ersten Tages (mit Ausnahme der gerade erwähnten ALMORA) aus Ankara stammt, wirbt mit guter Gitarrenarbeit für sich. Ihr leicht progressiver Power Metal mit viel Melodie erinnert ansatzweise an NEVERMORE. Lediglich in Sachen Stageacting kommt der Fünfer bis zum Ausklang in Form von BLIND GUARDIANs ›Bard Song‹ nicht auf Touren und bietet einen ermüdenden Anblick. Musikalisch hingegen können MAGICK ohne Schwierigkeiten gefallen.

BAYT GADOL-Liveshot

Für den Headliner BAYT GADOL wird ein riesiges weißes Backdrop mit dem Bandlogo aufgehängt, das den gesamten hinteren Teil der Bühne bedeckt. Die Musiker haben ihr Outfit dazu passend geschneidert: Mit ihren weißen Tops und ohne Malereien im Gesicht bieten BAYT GADOL eine gute Alternative zu den stets pechschwarz gekleideten, schwarz-weiß angemalten KISS-Tribute-Black Metal-Bands. Sänger Harun Altun ist amüsant anzuschauen, da er wie die Bohnenstangenausgabe von PRIMAL FEARs Ralf Scheepers anmutet, und sich stocksteif über die Bühne bewegt. BAYT GADOL sind in Ankara offensichtlich sehr beliebt, denn das Publikum ist binnen Sekunden bester Dinge und verwandelt die Halle in ein Tollhaus. Und endlich haben die Stagediver auch die richtige Mucke zur Untermalung ihrer Flüge: BAYT GADOL knüppeln nur selten los und halten statt dessen ein Auge auf eine gute Strukturierung der Songs. Zudem erhält ihr Black Metal eine ganz besondere Note, da man mittels Keyboard ein orientalisches Instrument mit Namen Kannaun einflechtet. BAYT GADOL bilden den würdigen Höhepunkt des ersten Festivaltages.

 

Unverschleiert


Frauen in der türkischen Metalszene

Pinar Batman (RAVEN WOODS)-PhotoWer denkt bei dem Stichwort "türkische Frauen" nicht sofort an eine Frau, die einen Schleier oder ein Kopftuch trägt? Wenn man jedoch durch Ankara läuft, sieht man fast keine Frauen mit solchen Kopfbedeckungen. Von Rückständigkeit, wie man hierzulande oft zu meinen versucht ist, also keine Spur. Und die jungen türkischen Mädels lassen es sich auch nicht verbieten, ihre musikalischen Faibles auszuleben: Beim "Rock Station Festival" waren mindestens ein Drittel der Besucher weiblichen Geschlechts. Und unter den Musikern der sechszehn auftretenden Bands waren immerhin fünf Damen zu erspähen. Drei von ihnen erklärten sich bereit, uns etwas über ihre Situation in der türkischen Metalszene zu erzählen: die 21-jährige Key­boarderin von RAVENWOODS, Pinar Batman (Kultname...), Asena, die 29-jährige Frontfrau von KARA KEDI, sowie die 19-jährige Özge Özkan, die für die female vocals bei CATAFALQUE zuständig ist.

Özge Özkan (CATAFALQUE)-PhotoDarauf angesprochen, ob sie sich als weibliche Musikerinnen in einer wie überall auf der Welt männerdominierten Metalszene schon größeren Schwierigkeiten konfrontiert sahen, antworten alle drei unisono, daß bislang für sie alles problemlos verlaufen sei. Dabei kann vor allem Asena auf einen langen Zeitraum zurückblicken: "Ich singe seit über zwölf Jahren und hatte schon viele verschiedene Bands, aber ich wurde stets sowohl von meinen Mitmusikern als auch von den Fans akzeptiert." Auf der Bühne macht sie eine sehr selbstsichere Figur, was Asena einfach begründen kann: "Ich bin auch in meinem Privatleben so und muß mich folglich bei Konzerten nicht verstellen." Sie fährt fort: "Ich höre schon so lange Metal, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, wie ich dazu kam." Hier springt ihre zehn Jahre jüngere Kollegin Özge ein: "Bei mir waren es MY DYING BRIDE, die mich zum Metal gebracht haben. Ich studierte damals schon Piano an einem Musikkonservatorium, so daß ich irgendwann Anschluß an eine Band gesucht habe und so zu CATAFALQUE kam." Ähnlich easy verlief es für Pinar: "Ich kannte die Musiker von RAVENWOODS, die mich fragten, ob ich nicht bei ihnen mitmachen wolle. Ich spiele schon Keyboard seit ich 14 Jahre alt bin, aber habe es eigentlich nie ernsthaft betrieben." Mit einem versonnenen Lächeln fährt sie fort: "Doch mittlerweile spiele ich schon seit drei Jahren bei RAVENWOODS." "Ich glaube, es ist für uns nicht einfacher oder schwieriger, in einer Band zu sein, als es für unsere männlichen Kollegen ist", resümiert Asena.

Asena (KARAKEDI)-PhotoStellt sich die Frage, ob die Eltern den musikalischen Werdegang ihrer Töchter ebenso locker gesehen haben. "Das war das kleinste Problem", winkt Pinar ab. "Mein Vater ist selbst Musiker und spielt in einer Jazzkapelle. Daher hatte er nie etwas dagegen, daß ich Musik machen wollte. Meine Mutter denkt eigentlich genauso, allerdings hat sie doch gewisse Probleme mit dem Stil von RAVENWOODS. Sie findet Heavy Metal okay, aber Black Metal ist ihr doch ein wenig zu extrem." Auch Asena hat man die Karriere als Sängerin förmlich in die Wiege gelegt: "Meine Mutter ist Sängerin. Sie singt Soul und Blues und konnte es gut verkraften, daß ich etwas rauhere Töne angeschlagen habe." Weniger einfach war es jedoch für Özge: "Meine Eltern waren zuerst entsetzt, daß ich solche Musik mache." Also mußte Überzeugungsarbeit geleistet werden: "Ich habe ein paar Aufnahmen von uns zu Hause vorgespielt und seither sind meine Eltern beruhigt."


Stefan Glas

 

Alle Menschen in der Türkei sind Millionäre. Die Faustregel zur Umrechnung lautet jedoch: eine Million türkische Lira entsprechen einem Euro. Und so lösen sich die gewaltigen Zahlen sofort in Wohlgefallen auf. Man muß vielmehr sagen, daß die Türkei derzeit eine wirtschaftliche Krise durchlebt und der durchschnittliche Verdienst einer Familie bei etwa 200 Euro liegt. Daher gibt es in der Türkei ein handfestes Problem mit Bootlegern: In einem normalen Geschäften muß man für eine re­gu­lä­re CD etwa 20 Euro abdrücken, was folglich nahezu unerschwinglich ist. Allerdings sollte man nicht vergessen zu sagen, daß man in Ankara auch einige winzig kleine Lädchen findet, die sich auf Metal spezialisiert haben, wo man re­gu­lä­re CDs etwa zum halben Preis erstehen kann. Da die Bootlegs aber immer noch weitaus billiger sind, greifen viele Türken trotzdem zu den Raubkopien.
Daher ist es ein wichtiges Anliegen der Jungs von ROCK STATION, den Eintrittspreis so niedrig wie möglich zu halten, so daß die Fans für weniger als fünf Euro an zwei Tagen insgesamt 16 Bands sehen können und mehr als acht Stunden lang mit Metal aller Couleur beschallt werden. Kein Wunder also, daß am zweiten Tag eine ähn­lich lange Schlange wartet, um ins "Saklikent" eingelassen zu werden.

SOLITUDE [TR]-Liveshot

Wie schon am Vortag schreitet ROCK STATION-Boß Hicri ans Mikro, begrüßt die Menge und ebnet den Weg für die positivste Überraschung des Festivals: SOLITUDE. Wild bangend eröffnen die vier Musiker den zweiten Tag und legen eine actionreiche Performance hin. SOLITUDE feuern eine Mixtur aus Bay Area-Thrash und deutschem Achtziger-Thrash mit Schmier-igen Vocals und einem Lombardo-philen Drummer auf die Menge ab, die sofort einen ansehnlichen Moshpit bildet. Bis zum Schlußsong, der alte SLAYER in Reinkultur darstellt, machen SOLITUDE als sehr tighte Band auf sich aufmerksam, die auch internationale Beachtung verdient hat.

SADISTIC SPELL-Liveshot

In der Umbaupause wird Hicri von einem lokalen Fernsehsender auf der Bühne interviewt. Kein Zweifel: Er genießt in der türkischen Szene das gleiche Renommee wie hierzulande Götz Kühnemund. Als die Bühne wieder frei ist, peitscht Tolgahan, Sänger von SADISTIC SPELL, schon vor Beginn des Auftrittes die Menge mit hysterischen Schreien hoch. Angesichts dichter Nebelschwaden und der mehr oder minder phantasievollen Schwarz-Weiß-Schminke der Musiker scheint es zunächst so, als würde nun ein 08/15-Black Metal-Happening anstehen. Doch mitnichten! Tolgahan offenbart sich umgehend als der durchgeknallteste Black Metal-Frontmann des bekannten Universums, gegen den Dani von CRADLE OF FILTH wie ein Rosenmontagsclown ohne rote Pappnase wirkt; er grimassiert als sei er der Jerry Lewis des Black Metal, den man mit Dracula hat kollidieren lassen und fetzt sich kurz vor Schluß des Gigs völlig außer Atem die Klamotten vom Leib. Insider behaupten jedoch, er sei an diesem Tag im Vergleich zu früheren Shows eher verhalten aufgetreten... Anyway - auch die Mucke von SADISTIC SPELL ist mehr als schräg: Die Band spielt fünf Songs, von denen keiner diese Bezeichnung verdient hat. Es handelt sich vielmehr um eine abgedrehte Aneinanderreihung von Black-Phrasen, so daß man für SADISTIC SPELL den Ausdruck "Techno-Black" kreieren kann. De facto ist die Band nicht nur eine Karikatur des Black Metals sondern gar ihrer selbst.

LASTHOUR-Liveshot

Schwierige Bedingungen für LASTHOUR, die nach diesem extatischen Ausbruch auf die Bühne müssen. Zwar wirft sich Basser Birey Bakanay mächtig ins Zeug und exerziert Tapping auf dem Griffbrett seines Instruments, doch das Publikum scheint nach dem exzessiven Stagediving und Headbanging zu den Weisen von SADISTIC SPELL ausgelaugt und bleibt verhalten. Die Mucke von LASTHOUR hat einen gewissen METALLICA-Touch, besonders wegen des Rhythmusgitarristen, der sich nicht nur das Spiel, sondern auch das Posing eines gewissen James Hetfield sehr genau angeschaut hat. Zudem kann man einige NWoBHM-Einflüsse feststellen, aber letztendlich ist das Songmaterial trotz gute Ansätze etwas unausgereift. Erst einer der letzten Songs entpuppt sich als echter Knaller, so daß dies, ebenso wie die vielseitige Stimme von Sänger Mehmet Kaya, die Basis ist, auf der LASTHOUR zukünftig aufbauen müssen. Eine Menge Respekt hat die Band aus Istanbul dennoch verdient, denn immerhin hat man eine mehrstündige Überlandfahrt im Bus auf sich genommen, um am "Rock Station Festival" teilzunehmen - nein, nicht im Tourbus, sondern in einem öffentlichen Verkehrsmittel!

CATAFALQUE-Liveshot

Auch CATAFALQUE sind aus der 12-Millionenstadt am Schwarzen Meer angereist, haben in Ankara nichtsdestotrotz ein sehr ergebenes Following und werden mit einem selbstgemachten Transparent begrüßt. Gothic Death mit dem Wechsel von männlichem Grunzgesang und operesken Frauenvocals ist das Metier des Septetts, wobei Sängerin Özge Özkan in ihren Bewegungsabläufen und ihrem Klammeraffenverhalten am Mikro ein wenig an Anneke von THE GATHERING erinnert, ohne natürlich das Charisma der Holländerin auch nur ansatzweise erreichen zu können. Zudem merkt man der Band an, daß das aktuelle Line-up noch nicht lange zusammen ist, so daß man sich auf der Bühne noch finden muß. Dennoch hat man in Metehan Mert Cakir einen guten Frontmann und auf der aktuellen CD »Never To Be Buried« stellt die Band ihr Potential unter Beweis.

CROSSFIRE [TR]-Liveshot

Ähnlich verhält es sich auch mit CROSSFIRE, die bei diesem Auftritt nicht überzeugen können, weil der essentielle Druck fehlt, die jedoch mit den beiden Songs ihrer Pre-Production einen viel besseren Eindruck hinterlassen. Auf der Bühne stach sofort Sänger Bülent Aksoy mit Irokesenfrisur sowie bemaltem Gesicht ins Auge. Er verfügt über eine eigenständige Stimme, hat aber vor allem in der Höhe noch einige Problemchen. Dennoch konnte er beispielsweise die ICED EARTH-Coverversion ›The Hunter‹ respektabel meistern.

HELICIAN-Liveshot

HELICIAN eröffnen ihren Set mit einem Instrumental - vermutlich um darauf hinzuweisen, das die Band derzeit ohne eine Stimme ist und Fatih Korkmaz nur als Gastsänger fungiert. Er arbeitet normalerweise als Solokünstler und bereitet gerade seine zweite CD vor. Bei seinem Auftritt mit HELICIAN beweist er, daß ihm die Luft nicht so schnell ausgeht und daß er den progressiven Metal der Truppe problemlos mit den passenden Vocals bekleiden kann. Leider müssen HELICIAN wegen technischer Probleme nach zweitem Song ihren Auftritt unterbrechen, bevor es nach einem kurzen Schlagzeugsolo wieder weitergehen kann. HELICIAN können musikalisch überzeugen und dennoch ist die Band noch nicht profihaft: Zwischen den Songs treten oft lange Pausen ein, die man nicht zu überbrücken versteht.

''When Kult and Wohltätigkeit unite''-Shot

Vor dem abschließenden Triumvirat führt Hicri in der Umbaupause vier ältere Damen auf die Bühne. Sie haben geistig behinderte Kinder und ROCK STATION werden ihnen den Gewinn des Getränke- und Snackverkaufs zugute kommen lassen. Die vier Damen strahlen übers ganze Gesicht bedanken sich im Namen ihrer Kinder mit einem uns allen wohlbekannten Handzeichen: Sie recken dem Publikum den ausgestreckten kleinen Finger und Ringfinger entgegen... When Wohltätigkeit and Kult unite...

BATTLORN-Liveshot

Bei der nachfolgenden Band BATTLORN muß man sich auch sofort die Augen reiben, denn das Outfit des Bassers verstößt gegen jegliche modische Konvention: knielange Jogginghosen, Baseballmütze und Sonnenbrille. Die Truppe aus Istanbul liefert einen soliden Auftritt ab, macht es jedoch nahezu unmöglich, die progressive Mucke einzuordnen. Auch mehrfaches intensives Begutachten der aktuellen BATTLORN-CD vermag dieses Rätsel nicht zu lösen. Die Band dokumentiert also nachdrücklich, daß es in der Türkei einige Bands gibt, die sich nicht an westlichen Vorbildern orientieren.

ACRIMONY-Liveshot

Zwar hat man das Festival an beiden Tagen schon um 13.00 Uhr gestartet, aber dennoch ist zu beobachten, wie sich am heutigen Sonntag nach und nach die Halle leert. Viele der Fans erwartet einen langen Rückweg und müssen am nächsten Tag zur Arbeit oder in die Schule. Dennoch absolvieren ACRIMONY, die als einzige Band des Festivals aus Izmir stammen, einen energiegeladenen Gig. Ihre Mucke enthält Elemente von rauhem Power Metal über Thrash bis hin zu melodischem Göteborg-Death und zieht verbleibenden Zuschauer in den Bann des Fünfers.

SUICIDE-Liveshot

Alle Bands des Festivals hatten eine Spielzeit von 30 Minuten zur Verfügung; lediglich dem Headliner des letzten Tages wurden zehn Extraminuten zugestanden. Die Erklärung ist freilich einfach, denn SUICIDE gehören zu den altgedienten Death Metal-Bands der Türkei und sind seit Ende der Achtziger aktiv. Während einige ROCK STATION-Mitarbeiter übriggebliebene Backstagepässe ans Publikum verschenken, stürmen SUICIDE die Bühne mit perfektem Death Metal. Schnell, hart, brutal; bitterböse Vocals, exzellentes Riffing, gnadenlose Rhythmusarbeit. Wer auf rohen Death Metal ohne irgendwelche neuzeitlichen Elemente steht, wird bei SUICIDE die Erlösung finden. Daher feiern die Fans den Auftritt mit einem riesigen Moshpit ab und müssen zugleich Schlange stehen, um einen der heißbegehrten Plätze auf den Stagedive-Abschußrampen auf der Bühne zu ergattern. Das perfekte Metal-Workout als Abschluß einer tollen Veranstaltung!

ROCK STATION-Team-Liveshot 2

 

Der Blätterwald


die türkische Metalpresse

ROCK STATION-CoverROCK STATION ist das einzige Metal-Magazin in der Türkei, das einen professionellen Level erreicht. Auf gekonnt gestalteten Seiten widmen sich die Macher allen Spielarten des Heavy Metal und lassen dabei sowohl einheimische als auch internationale Bands zu Wort kommen. Als vollwertiges Magazin hat ROCK STATION natürlich auch Newsseiten, Livereviews und eine Review-Sektion zu bieten. Eine Besonderheit sind hingegen die Technikecke sowie eine Seite, die sich aktuellen Filmen widmet. Natürlich ist ROCK STATION in der Landessprache verfaßt, da in der Türkei prozentual wesentlich weniger Menschen Englisch sprechen als hierzulande.

In anderen türkischen Musik- oder Jugendmagazinen wird Metal allenfalls als Randthema wahrgenommen. So befand sich beispielsweise in der März-Ausgabe der Zeitschrift BLUE JEAN ein zweiseitiges DREAM THEATER-Interview nebst einem Steve Harris- sowie LINKIN PARK-Poster. Den Weg in andere Gazetten finden eher Bands der Nu-Generation.

LANETH-CoverDoch es gibt auch einige Fanzines in der Türkei, denen wir uns hier zuwenden wollen. Eines der altgedienten Zines nennt sich LANETH, das ein absolutes Unikat darstellt: Als Basis für nahezu alle Seiten werden Comics genutzt, über die man die Texte drüberlegt. Das dabei entstehende chaotische Klebelayout erinnert stark an die Optik mancher Hardcore-Fanzines aus den Neunzigern. In der aktuellen Ausgabe des türkischsprachigen Fanzines kommen Bands wie AMORPHIS, WYKKED WYTCH oder VASARIA zum Zug und man findet eine Widmung an Chuck Schuldiner sowie Paul Baloff. Kontakt:

ctekil@hotmail.com

SONIC SPLENDOUR-CoverSehr viel gemäßigter sieht die zweite Ausgabe des SONIC SPLENDOUR aus: Mit standardmäßigem Layout und vor allem englischsprachigen Artikel hat das Mag eine Chance, auch im Ausland Beachtung zu finden. Daher ist die Bandauswahl sehr international angehaucht: In der aktuellen Issue gibt man sich mit heftigen Bands wie CALLENISH CIRCLE, ON THORNS I LAY oder DYING FETUS ab. Außerdem gibt es einen Artikel über den Film "ExistenZ" sowie über den Maler Michael Schindler von DRAGON DESIGN. Eine weitere Spezialität ist die Optik der Plattenkritiken: Hier hat man auf den Seiten die Bilder von hübschen Mädels hinterlegt. Gibt dummere Ideen...

SONIC SPLENDOUR
Utku Usta
P.K. 4, Odtu
TR - 06531 Ankara
Türkei

zakk_the_loser@yahoo.com

HOLYSIN-CoverGanz neu ist hingegen HOLYSIN, die kurz vor dem Festival mit ihrer ersten Ausgabe debütierten. Mit Farbcover versehen und auf Glanzpapier gedruckt, macht das Mag einen sehr professionellen Eindruck. Es ist jedoch nicht zu übersehen, daß die Seiten an sich nur mit wenig Text gefüllt sind. Ob das daran liegt, daß die Schreiberlinge nichts zu sagen haben, kann ich nicht beurteilen, da HOLYSIN in Türkisch verfaßt ist. Wer jedoch rätseln möchte, was ICED EARTH, THERION, MADDER MORTEM oder CYDONIA uns auf diesen Seiten sagen möchten, wende sich an

years_go_bye@hotmail.com

oder checke die Homepage

http://www.kutsalgunah.cjb.net/


Stefan Glas

 

Sowohl Hansi als auch mir fällt es sehr schwer, am nächsten Morgen Abschied zu nehmen. Wir trösten uns mit der gewonnenen Erkenntnis, daß es in der Türkei nicht nur verheißungsvolle Bands sondern auch viele Brüder und Schwestern im me­tallischen Geiste gibt. Zum Abschluß ein riesiges Kompliment an alle ROCK STA­TION-­Mitarbeiter für ein reibungslos abgelaufenes Festival und der Dank für die sagenhafte Gastfreundschaft, die wir erfahren durften. Das und der be­rau­schen­de Blick hinab auf die schneebedeckten Gipfel der Karpaten während des Rückfluges werden uns ewig in Erinnerung bleiben.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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