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"Dynamo Open Air" 2005

Hellendoorn (Holland)

07.05.2005

Rain or shine - a dry Dynamo", so hatte man für das diesjährige "Dynamo Open Air" auf der Homepage geworben. Nun ja, es sollte viel "rain" und nur wenig "shine" geben und trotz der Tatsache, daß beide Bühnen "überzeltet" waren, sollte das "Dynamo" anno 2005 verdammt feucht und matschig werden.
Dabei wäre die Location an sich sehr nett gewesen: An jenem hübschen Fleckchen mitten im Wald hatte in dieser Woche bereits das "Dauw Pop"-Festival mit Alanis Morrissette stattgefunden, doch der anhaltende Regen verwandelte das Gelände in eine Sumpflandschaft. Ohne die Zelte und die Stahlplatten, die die Hauptwege pflasterten, wäre das DOA 2005 zu einem völliges Fiasko geworden.
Für die "Dynamo"-Macher war allerdings der Zuschauerzuspruch enttäuschend: Gerade mal 3000 Zuschauer verirrten sich nach Hellendoorn, während beim "Dynamo" 1999 schlappe 120.000 anwesend waren.

STILL REMAINS [US]-Liveshot

Doch das Wort verirren ist durchaus zutreffend, denn das Festivalgelände liegt mitten in der Pampa und ist entsprechend schwierig zu finden. Auf dem Anfahrtsweg schlängelt man sich an Kühen, Schafen und Pferden vorbei, die sich über den ungewöhnlich regen Transitverkehr an diesem Tag wundern. Daher klappt es gerade noch, die letzten Minuten von STILL REMAINS zu erhaschen, die jedoch sehr amtlich klingen. Für einen allumfassenden Überblick reicht es zwar nicht, doch die Band unterstreicht anscheinend wie schon mittels ihrer Platte, daß sie sicherlich zu den hoffnungsvolleren Fischen im immer größer werdenden Metalcore-Pool zählt.

MERCENARY-Liveshot

Beim Waten zur Hauptbühne, wo MERCENARY als erste Band des Tages auftreten, wird eine weitere Konsequenz des gar feuchten "Dynamo"-Klimas deutlich: In den hinteren Teil des Zelts hat sich ein Hai verirrt, der unter der Decke hängend gegen drei große Discokugeln anschwimmen muß, die vor ihm hängen. Doch von den blitzenden Beißerchen des Fischs lassen sich die Dänen auf der Bühne nicht aus der Ruhe bringen und absolvieren einen professionellen Gig, der für sie zugleich der Abschluß ihrer Europatour im Vorprogramm von BRAINSTORM und AT VANCE darstellt. Klare Sache: MERCENARY sind eine Band mit enormen Aufstiegschancen für die nächsten Jahre; das Songmaterial stimmt und on stage kann man ebenfalls überzeugen.

3 INCHES OF BLOOD-Liveshot

Bei 3 INCHES OF BLOOD sticht die optische Uneinheitlichkeit on stage noch stärker ins Auge als auf den Promophotos: Während einer der Sänger aussieht, als würde er demnächst bei AMON AMARTH einsteigen, hat sich sein singender Counterpart wohl eher für eine Audition bei LINKIN PARK feingemacht. Derweil bangt sich Basser Brian Redman förmlich die Birne vom Leib, während auf den Außenpositionen die beiden Gitarristen Justin Hagberg und Shane Clark fast zu Salzsäulen erstarrt zu sein scheinen. Doch das Auftreten der blutigen Jungs ließ Spielfreude statt Routine erkennen, so daß die Kanada-Newcomer mit ihrem traditionellen Heavy Metal einen positiven Eindruck hinterlassen.

MASTERPLAN [D]-Liveshot

Hatten 3 INCHES OF BLOOD ihre Spielzeit gekürzt, da sie später als geplant auf und früher von der Bühne gegangen sind, nutzen MASTERPLAN ihre Spielzeit voll aus. Schließlich hat man sich auf der just stattgefundenen "Flying Aces"-Tour mit CIRCLE II CIRCLE, Rob Rock und PURE INC. bestens in Stimmung gespielt. Vor allem Jon Lande tritt mittlerweile relativ routiniert und sicher auf, aber ein gigantischer Entertainer wird der Norweger wohl nie. Dennoch schafft er es, zwei holländische Beauties am Zeltrand zum derart exzessiven Mittanzen zu bewegen, daß sämtliche männliche Wesen im Umkreis von 50 Metern nur noch auf die Kurvenparade statt auf die Stageaction achten...

TRIVIUM-Liveshot

Eine handfeste Überraschung erwartet diejenigen, die den Mut aufbringen, im gerade besonders stark runterprasselnden Regen zur kleinen Bühne rüberzuschwimmen: Zwar konnten TRIVIUM schon mittels ihrer CDs überzeugen, doch man kann mit Fug und Recht sagen, daß diese Band, die gerade mal ein Durchschnittsalter von 20 Jahren hat, eines der Highlights des Dynamos ist - wenn nicht gar der Höhepunkt schlechthin. Supertight, professionell und mit einer unglaublicher Ausstrahlung, die man diesen vier Rotzlöffeln nie und nimmer zugetraut hätte, erobert die Truppe das Publikum im Handumdrehen. Faszinierend ist zudem, daß die Truppe, die ich anhand der CDs eindeutig dem Metalcore-Genre zugerechnet hätte, on stage eher wie Bay Area-Thrasher wirken und ich desöfteren an DEATH ANGEL denken muß. Auf jeden Fall unterstreichen TRIVIUM deutlich, daß sie zu jenen Bands zählen, die man für die Zukunft auf der Rechnung haben muß - ganz gleich wie sich der Metalcore-Boom weiterentwickeln wird!

LÅÅZ ROCKIT-Liveshot

Das ultimative Bonbon des "Dynamos" sind natürlich LÅÅZ ROCKIT, die sich noch einmal hatten animieren lassen, im »Know Your Enemy«-Line-up die Bühne zu erklimmen. Das sieht der Wettergott ähnlich, so daß er den Regen einstellt und sogar gestattet, daß es sich ein wenig aufhellt. Hatten die Amis bereits am Abend zuvor bei der Abrißparty des "Effenaar"-Clubs in Eindhoven mitgewirkt, wo sie Augenzeugen zufolge einen umwerfenden Gig gespielt hatten, donnern sie auch über die große Festivalbühne als hätten sie in den letzten Jahren nichts anderes gemacht, als Livegigs zu spielen. Doch es sind 13 Jahre vergangen seit LÅÅZ ROCKIT zum letzten Mal auf einer Bühne gestanden hatten, was Sänger Michael Coons ein wenig rührselig stimmt, so daß er sich mit einem "You will always be in our hearts" beim Publikum bedankt. Doch auch ansonsten ist Michael ein sehr sympathischer Frontmann, der sich anständig reinhängt, so daß er auch mit seiner adretten lockigen Kurzhaarfrisur noch als metalkompatibel gelten darf. Außerdem hat er Spaß daran, Schabernack mit einem Hut zu treiben, der ihm aus dem Publikum zugeworfen wird. Leider ist der Sound nicht toll, was man allerdings nicht LÅÅZ ROCKIT anlasten kann, denn den ganzen Tag lang ist die Lautstärke im großen Zelt brutal hoch, so daß die Mucke leider völlig vermatscht wird. Während sich LÅÅZ ROCKIT mit Spaß durch all ihre Platten zocken, und das sowohl spielerisch als auch gesangstechnisch mehr als respektabel tun, hat die Show lediglich einen Makel: ›City's Gonna Burn‹ wird sträflicherweise nicht gespielt (das angeblich als Zugabe geplant war, wozu aber keine Zeit mehr blieb) und auch auf ›Dead Man's Eyes‹, den außergewöhnlichsten LÅÅZ ROCKIT-Song, muß man ebenfalls verzichten.

EVERGREY-Liveshot

Die Proggies EVERGREY fungieren als Headliner auf der kleinen Bühne, die anschließend schon schließt - erstaunlich früh nämlich gegen 5 Uhr nachmittags, so daß anschließend aber zumindest das Matschkraulen von einer Bühne zur anderen entfällt. War bei TRIVIUM noch ein Moshpit angesagt, soll es jetzt bedächtiger werden, da EVERGREY mit ihrer düster angehauchten Progressivmucke natürlich nicht gerade ein Garant für Partystimmung sind, was man EVERGREY jedoch wahrlich nicht anzukreiden kann. Allerdings muß ich auch beim "Dynamo" feststellen, daß - so sehr ich die Platten der Band mag, und so sehr man feststellen muß, daß sich die Livequalitäten von EVERGREY über die Jahre deutlich verbessert haben - bei den Shows der Schweden für mich einfach nichts rüberkommt.

GOREFEST-Liveshot

Dann ist "Remember the good old times - Part 2" auf der Hauptbühne angesagt: Die Holländer GOREFEST sollen nach knapp sieben Jahren erstmals wieder auf der Bühne stehen. Da man beim "Dynamo" ein Heimspiel absolvieren kann, sind die Reaktionen entsprechend euphorisch, obgleich on stage nicht gerade der Bär steppt. Das mag aber auch daran liegen, daß Basser und Sänger Jan-Chris de Koeijer angeblich mit frisch operiertem Fuß auftreten muß. Doch am meisten sticht sein neues Haarstyling ins Auge, denn mit seinem wasserstoffblonden Pilzkopf sieht er aus wie der Zwillingsbruder von Anthony Kiedis von RED HOT CHILI PEPPERS. Doch anyway - man muß GOREFEST einen durchaus ordentlichen Gig bescheinigen, so daß nun abzuwarten bleibt, was die Band bei ihrer Reunion erreichen kann.

OBITUARY-Liveshot

Die Comebackstrecke auf der Hauptbühne geht weiter, obwohl im Falle von OBITUARY diese Aktion schon ein wenig zurückliegt und die Band in der Zwischenzeit bereits eine Tour gespielt hatte. Daher ist Haarmonster John Tardy hervorragend "in shape", um Death Metal à la Florida in Holland an den Mann zu bringen. Gitarrist Allen West indes gibt ein erschreckendes Bild ab und ist in seinem abgemagerten Zustand und mit Wollmütze fast nicht zu identifizieren. Doch echte Stimmung will bei OBITUARY (wie bei den meisten anderen Bands auch) nicht aufkommen - vielleicht eine Folge des "No Crowdsurfing"-Schildes, das wie schon 2002 am Bühnenrand zu sehen ist - heuer sogar mit einem echten Surfer inklusive Brett, der auf dem Verbotsschild über die Köpfe hinwegschwebte. Und selbiges Verbot wurde penibel eingehalten - wie generell eine lahme Stimmung herrscht - ein verregnetes Festival in jeder Hinsicht eben. Da können die beiden rosarot angemalte Fahrräder, die an den beiden vorderen Stützmasten aufgehängt sind, keine Abhilfe schaffen...

TESTAMENT-Liveshot

Eine Reunion, die viel Zustimmung geerntet hatte, war die Ankündigung, daß TESTAMENT im Original-Line-up (natürlich nur jenes aus Vinylzeiten, da Steve Zousa, der Sänger aus den LEGACY-Demotagen, mittlerweile auch bei EXODUS den Hut genommen hat und sich aus dem Musikbusiness verabschiedet hat) einige Shows spielen werden. Bei der "Dynamo"-Show ist ein großes Kameraaufgebot auf der Bühne, so man also kein Prophet zu sein braucht, um sagen zu können, daß die Show demnächst auf DVD erhältlich sein wird. Und so wird man dann miterleben können, daß TESTAMENT mit einem guten Sound aufwarten können und Chuck Billy erfreulicherweise nicht so sehr growlt wie auf den letzten Touren. Außerdem wird man unschwer erkennen, daß Skolnick optisch sicherlich besser zu seinem Jazztrio gepaßt hätte, aber spielerisch die Band eindeutig aufwertet. Ein absolutes Schmankerl der DVD ist jedoch der Drummerwechsel, der nach etwa Dreivierteln des Gigs stattfindet: Die Bay Area-Recken hatten es tatsächlich geschafft, ihren ehemaligen Drummer Louie Clemente in New York ausfindig zu machen und ihn zu überreden, mit nach Europa überzusetzen, um für einige Songs die Sticks von John Tempesta zu übernehmen. Dennoch: Wer's beim "Dynamo" oder auf der Tour verpaßt hat, darf sich ärgern, denn beim "Earthshaker Fest" wird schon eine andere TESTAMENT-Besetzung zu sehen sein. Und die DVD wird letzten Endes doch nur ein magerer Ersatz für das reale Liveerlebnis sein.

Jon Oliva's PAIN-Liveshot

Den Auftritt von Jon Oliva und seinem PAIN-Orchester, das bekanntlich zu einem enorm hohen Prozentsatz aus der einstigen CIRCLE II CIRCLE-BEsetzung besteht, beim "Dynamo" kann man recht schnell abhaken, denn er ist nur ein Schatten dessen, was eine Woche später beim "Rock Hard Festival" passieren soll: Ein guter Gig zwar, mit einem rumkaspernden Jon Oliva, der so gut singt wie seit Jahren nicht mehr, und einer Setlist, die an eine alte SAVATAGE-Show erinnert, in die sich versehentlich ein paar PAIN-Songs verirrt haben - doch es soll eben nur das Vorspiel für besagte Gigantomanie in Gelsenkirchen sein.

ANTHRAX [US]-Liveshot

Pünktlich zur letzten Umbaupause tauchen im Publikum drei Fans mit Indianerfedern auf, die die Marschrichtung für den Ausgang des Festivals vorgeben: ANTHRAX im alten Line-up, so daß gegenüber den Festivalauftritten im letzten Jahr nur noch Scott Ian und Charlie Benante verblieben sind. Der unproblematischste "Heimkehrer" ist Frank Bello, der mit seinem Baß in bekannter Manier wie ein leicht durchgeknallter Wilder über die Bühne tobt. Etwas bedenklicher ist indes Dan Spitz, der in den letzten Jahren nicht gerade als standhafter Metaller von sich reden gemacht hatte; optisch wirkt er als "Nu Metaller meets Bodybuilder" seltsam und sein stageacting ist aufgesetzt, doch spieltechnisch kann man sich nicht beklagen. Die größte "Problemzone" ist allerdings zweifelsohne Sänger Joey Belladonna, der in 13 Jahren seit seinem Ausstieg bei ANTHRAX gerade mal zwei gefloppte BELLADONNA-Platten zustandegebracht hatte. Doch wenngleich sein Stageacting etwas posig rüberkommt und seine Gesichtszüge arg unnatürlich gestrafft wirken, ist sein Gesang makellos. Und obgleich die "Bush-Version" von ANTHRAX musikalisch um Lichtjahre besser ist und in John Bush auf einen der zehn besten Metalfrontmänner überhaupt bauen kann, habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl, wirklich ANTHRAX zu sehen. Das kann zwar den faden Beigeschmack, der dieser ANTHRAX-Reunion anhaftet, nicht vertreiben, aber entertainmenttechnisch erlebt das "Dynamo" dank der New Yorker Moshkings einen guten Abschluß.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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