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"Doom Shall Rise II"-Festival

Göppingen, Chapel

02.-03.04.2004

Nach dem Erfolg im Vorjahr, hätte man das "Doom Shall Rise" eigentlich in "Doom Has Risen" umbenennen müssen. Immerhin haben die drei Macher Jochen Fopp, Frank Hellweg und Roman Astalosch bewiesen, daß durchaus Nachfrage nach dem langsamsten aller Metalstile besteht. Folgerichtig war das Event auch in diesem Jahr im Handumdrehen ausverkauft gewesen. Manchmal können Doomer eben doch schnell sein...
Die 500 Freunde des Slow Music Food erwartete in diesem Jahr die perfekte Location: Die "Chapel" in Göppingen ist eine "stillgelegte" Kirche der amerikanischen Streitkräfte. Selbige hat zwar schon bessere Tage gesehen, da der Putz an der Fassade bereits heftig abbröckelte, aber fürs "Doom Shall Rise" war sie maßgeschneidert: Die Bühne befand sich im ehemaligen Altarraum und das Licht, das durch die Kirchenfenster fiel, verlieh dem Venue einen besonderen Flair.
Wie stark der Zusammenhalt der Doomszene ist, zeigte sich auch daran, daß etliche Musiker, die im letzten Jahr aufgetreten waren, nun als Gäste anwesend waren: So konnte man die Jungs von REVEREND BIZARRE oder auch Albert Bell von FORSAKEN in Publikum erspähen.

THE DOOMSDAY CULT-Liveshot

THE DOOMSDAY CULT aus Schweden eröffneten mit einer Stunde Verspätung den Abend. Die Band, die bislang nur ein Tape veröffentlicht hat, konnten mit ihrem klassischen Doom überzeugen, obgleich in Sachen Stageacting leider absolutes Beamtenmikado angesagt war.

SPANCER-Liveshot

Was sich bei der nächsten Band völlig änderte: SPANCER legten ein sehr aktives Stageacting an den Tag und prompt rückten die Fans näher an die Bühne heran. Mittels ihres Sludge Dooms mit hardcorigen Brüllvocals spielte sich die Truppe so schnell heiß, daß die Musiker gegen Mitte des Sets ihre Shirt ausgezogen und somit gewissermaßen die Badesaison eröffneten.

WALL OF SLEEP-Liveshot

Danach kehrte wieder Ruhe auf der Bühne ein, denn WALL OF SLEEP zeigten - passend zu ihrer Musik - ein majestätisches Auftreten. Die Ungarn, bei denen drei Ex-MOOD-siker aktiv sind, die sich schon damals einen sehr guten Ruf erspielt hatten, legten fünf Minuten früher los, so daß sie offensichtlich den Soundmann überraschten: Die CANDLEMASS'sche Pausenmusik lief noch während die Band spielte, so daß man in der ersten Songpausen ›Samarithan‹ lauschen konnte. Doch der Fünfer bedurfte keiner "Fremdhilfe"; WALL OF SLEEP konnten mit ihrem TROUBLE/SABBATH-artigen Doom so sehr überzeugen, daß man das leicht unpassende Outfit gerne übersah.

PANTHEIST-Liveshot

Die Belgier PANTHEIST sprechen selbst von Orchestral Funeral Doom, was eine perfekte Umschreibung ist: extrem langsamer, schwermütiger Doom mit Death-Vocals, wobei Sänger Kostas gar in einer Mönchskutte auftrat - und nur wenige Worte machte und stattdessen die Schwere der Musik wirken ließ. Da die Musik sehr keyboardlastig ist, die Tastenklänge allerdings komplett aus der Konserve stammten, würde es doch deutlich authentischer wirken, wenn die Band live einen Keyboarder vorzeigen könnte. Die Reaktion des Publikums war indes gespalten: In der erste Reihe waren einige wenige, die sich fanatisch der Band hingaben, während weiter nach hinten die Halle recht leer war.

WHILE HEAVEN WEPT-Liveshot

WHILE HEAVEN WEPT: eine der großartigsten Doombands - und doch war ihr Auftritt eine Enttäuschung. Das lag vor allem daran, daß Tom Phillips gesangstechnisch deutlich hinter dem zurückgeblieb, was man auf Platte hören kann. Zum Glück spielte die Band das ›Voice In The Wind‹-Cover nicht, denn diese zerbrechliche Nummer hätte einen Tom Phillips in dieser Verfassung bestimmt nicht überlebt. Die Truppe, die mit zwei Gastmusikern, nämlich dem Keyboarder von WHISPERING GALLERY sowie dem Gitarristen von COLD MOURNING, angetreten war, hinterlief folglich einen zwiespältigen Eindruck.

PENANCE [US]-Liveshot

Der Frauenanteil war beim diesjährigen "Doom Shall Rise" höher und erstmals konnte man sogar eine Dame auf der Bühne begrüßen: Mary Bielich, ehemals bei MYTHIC und NOVEMBER'S DOOM, spielt seit etwa vier Jahren bei PENANCE, deren letzter Deutschlandabstecher mittlerweile fast zehn Jahre zurückliegt. Ihren Hotelschlüssel fest an die Hüfte geheftet, legte sie mit ihren Kollegen eine heftige Doomattacke hin. Als offensivste Band des Tages bewiesen PENANCE, daß beim Doom ein Moshpit und Stagediving durchaus nicht ausgeschlossen sind; da jedoch der einzige ernsthafte Dive mangels Fängern ziemlich hart auf dem Boden endete, blieb es dabei. Die Truppe aus Pittsburgh, die vor über zehn Jahren von dem ehemaligen DREAM DEATH-Gitarristen Terry Weston ins Leben gerufen worden war, präsentierte sich als wahrlich würdiger Headliner des ersten DSR-Tages.

ORODRUIN-Liveshot

Zwar waren am Vorabend die Zeiger schon auf 3 Uhr zugetickt, aber nichtsdestotrotz waren die PENANCE-Musiker fit genug, um am nächsten Tag beim Opener ORODRUIN in der ersten Reihe zu stehen, um kräftig mitzumachen. Sie wußte wohl was sie erwartet: ein echtes Highlight! Die Amitruppe um Sänger und Basser Mike Puleo, der sich als guter Frontmann erwies, überzeugte sowohl mit Old School-Doom im Sinne von TROUBLE als auch mit ihrem engagierten Stageacting.

DRECKSAU-Liveshot

Welch' ein Kontrast: Anschließend packten DRECKSAU ihren fiesen, fetten, schleppenden Doomcore aus, verdingten sich als brutalste Band des Festivals und spielten fraglos eine sehr geile Show. Dennoch stießen sie leider auf kaum Interesse seitens des Publikum. Stattdessen verabschiedeten sich viele angesichts des hervorragenden Wetter auf die Wiese vor der "Chapel", um ein Sonnenbad zu nehmen - was einem Doomer doch eigentlich nicht würdig ist, oder? Schade für DRECKSAU, die dennoch in ihrer Power nicht nachließen, im Verlauf des Sets aber doch ein wenig säuerlich wurden...

NORTHWINDS-Liveshot

Die Franzosen NORTHWINDS (ob es sich schon bis zu ihnen herumgesprochen hat, daß sie Landsleute haben, die sich NORTHWIND nennen..?) starteten mit einer schüchterne Ansage und einem grooviger Opener. Während der Show wechselten sich Gitarrist Vincent Niclas und Drummer Sylvain Auvé beim Gesang ab, um ihren Doom-Rock mit gewissen Anleihen vom 70er Prog gut zur Geltung zu bringen. Außerdem war die Alterdynamik der Band höchst interessant: Beim Blick auf die beiden Gitarristen hätte man meinen können, Vater und Sohn würden zusammen spielen.

SHEPERD-Liveshot

SHEPHERD aus Berlin spielten Psycho-Doom mit einem gewissen Avantgarde-Anstrich - oder aber einfach "Studenten-Krach", wie es ROCK HARD-Kollege Stappert wenig feinfühlig ausdrückte. Daß den Schäfern auf jeden Fall die ein oder andere Sicherung durchgeknallt war, konnte man beim Betrachten der oft verzerrten Mimik und den ebenso schräge Gebärden von Sänger Andreas "Kanzler" Kohl begutachten. Derweil bog sich Basser Nico Kozik (mit akkuratem Stehkragen...) wie eine Trauerweide im Wind, Gitarrist Oli bewies, daß man auch eine Bierdose Sektflaschen-like zum Sprudeln bringen kann und als Drummer Tobi begann, das Set zu zerlegen, war es Zeit für die Jungs abzutreten. Coole Show, für die man aber definitiv gute Nerven brauchte.

SPIRITUS MORTIS-Liveshot

SPIRITUS MORTIS, die ihren Namen süffisant mit "SM" abkürzen, waren die diesjährigen finnischen Doomabgesandten. Voller Freude fetzte die Band zum Auftakt quasi speedigen Power Metal daher, bevor man langsam aber sicher die Handbremse anzog und sich auf traditionellen Doom einpendelte. Dennoch war der Cleangesang von Vesa Lampi eine äußerst begrüßenswerte Abwechslung, so daß SPIRITUS MORTIS auch dank ihres guten Stageactings und der kraftvollen Musik gefallen konnten.

THEE PLAGUE OF GENTLEMEN-Liveshot

THEE PLAGUE OF GENTLEMEN aus Belgien sind eine der Bands, die sich nach dem Festival auf die zugehörige Doom Shall Rise-Tour begaben. Daher waren ihre Tourkumpels von WHILE HEAVEN WEPT in der Frontrow zugegen, während MOURNING BELOVETH sich natürlich auf ihren eigenen Gig vorbereiten mußten. Derweil fuhren THEE PLAGUE OF GENTLEMEN ein enormes Brett: obgleich hauptsächlich Standmetal mit permanentem Banging angesagt war, kam viel Energie von der Bühne rüber. Für ihre "SABBATH + VITUS auf brachial"-Performance ernteten THEE PLAGUE OF GENTLEMEN verdientermaßen Zugaberufe, denen man jedoch leider aus Zeitgründen nicht nachkommen konnte, denn die Iren standen schon in den Startlöchern.

MOURNING BELOVETH-Liveshot

Anschließend wurde das Mikro in die Lemmy-Stellung gebracht, doch es hatten sich keineswegs MOTÖRHEAD zum DSR verlaufen, sondern MOURNING BELOVETH-Sänger Darren Moore bevorzugte es ebenfalls, das Mikro aus der Froschperspektive anzubrüllen. Die Iren boten erwartungsgemäß eine hervorragend Show, bei der ich mir allerdings noch einen weiteren Song vom Fabeldebut »Dusk« gewünscht hätte. Doch wenn man in eine Stunde Spielzeit gerade mal vier oder fünf Songs unterbringt, ist es schwierig die perfekte Setlist zusammenzustellen. Außerdem kamen die »Sullen Succubus«-Songs live deutlich besser als auf Platte, so daß der epische Doom-Death von MOURNING BELOVETH einer der Höhepunkte des Festivals war.

COUNT RAVEN-Liveshot

Dann war es Zeit auf der ersten Altarstufe auf die Knie zu sinken, denn COUNT RAVEN lösten die absolute Doom-Extase aus. Schon Minuten zuvor war ein Mädel im Publikum völlig in Extase und trommelte wild mit den Füßen, bevor sie später auf die Bühne kroch, um einen Song lang zu Master Fondelius' Füßen die Mähne zu schwingen. Die Performance von COUNT RAVEN war ähnlich beeindruckend wie das CANDLEMASS-Comeback, ganz gleich ob sie in einem viel kleinerem Rahmen stattfand: Die Band mußte statt der geplanten 80 Minuten zwei Stunden lang ran und als dann als letzte Zugabe ein BLACK SABBATH-Medley auspackte, brachen alle Dämme und das Publikum stürmte die Bühne, so daß die Musiker fast keinen Platz mehr hatten. Die "Chapel" war der einzig würdige Ort für ein solches Comeback und COUNT RAVEN der perfekte Schlußpunkt für dieses geniale Festival.

Doomshot


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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