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Titel: Cult Complete
Dekolinie

SIREN (US, FL, Tampa)-Logo

In den Achtzigern ist die Tampa Bay in Florida ein Brutplatz für viele hochtalentierte Bands, die allesamt ihren spezifischen Stil zu bieten haben. Doch als Stimmtalent Doug Lee mit Drummer Ed Aborn eine Formation namens SIREN aus der Taufe hebt, ahnt er noch nichts davon, daß ihr Baby eines Tages zu dieser elitären Gilde zählen wird. Der Anfang gestaltet sich mehr als mühsam, und es scheint, als würde der Weg von SIREN ins Nichts führen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt scheint sich abzuzeichen, daß Doug Lee, der sich damals noch den Beinamen "Dead" erlaubt, kein Zeitgenosse ist, der bereit ist, so schnell aufzugeben; er wird im Laufe der Jahre mehr und mehr zur Triebfeder der Band.

In Gitarrist Rob Phillips und Basser Ben Parrish findet man endlich ein Saitenduo, mit dem eine Vorwärtsentwicklung möglich ist: 1984 veröffentlicht man die Single »Metro-Mercenary«, die SIREN weltweit eine Menge Aufmerksamkeit beschert. No wonder - beide Songs sind charakterstark, ungewöhnlich und zugleich verführerisch.

SIREN [US, FL, Tampa]-Cover: »Metro-Mercenary«

Dieser Erfolg wird mit der ersten Demokassette »Iron Coffins« untermauert. Das Tape fällt dermaßen atemberaubend aus, daß SIREN - ehe sie sich versehen - in die Memoiren des Metals eingehen. »Iron Coffins« wird einer der Demoklassiker des US-Metals, ein Lehrstück für die magische Verbindung von skurrilen Melodien und unberechenbarer Power. Ein Demo, dessen Musik auch heute, eineinhalb Jahrzehnte später, noch immer unverbraucht und innovativ klingt. Die Peilgeräusche eines U-Boots leiten den energisch-schläfrigen Titeltrack ein, der nur von ›Over The Rainbow‹ getoppt werden kann: Die Schlußnummer ist pure Hypnose; ein Song, der sich nur selbst beschreiben kann.

Doch der allumfassende Zuspruch, kann nicht verhindern, daß SIREN im darauffolgenden Jahr für ihr zweites Demo »Dead Of Night« mit einer komplett runderneuerten Saitenarmada auftauchen: Der neue Gitarrist trägt den schmackhaften Namen Faxon Kotz, und sein Baßkollege heißt Gregg Culbertson. »Dead Of Night« wird einmal mehr ein Megatape, bleibt jedoch hinter seinem Vorgänger leicht zurück. Das Tape klingt aggressiver und härter, bietet aber keine solch' visionären Songs wie ›Over The Rainbow‹.

Unterm Strich bleibt der Sound von SIREN dennoch höchst ungewöhnlich, bei dem selbst die Macher ihre Probleme haben, eine passende Beschreibung zu finden. Dies dokumentiert Dougs konfuse Antwort auf die Frage nach einer Stilbezeichnung: "Ich würde sagen, wir spielen Tasty Metal, nicht White Noise." [Quelle: METAL PROPHECY Nr. 1, S. 13]

Zweifelsohne kann man jedoch feststellen, daß die Musik in der Hauptsache auf europäische Einflüsse zurückgreift. Daher haben SIREN auf dieser Seite des Atlantiks schnell eine enorme Anhängerschaft und entschweben in den Kultstatus. Daher erscheint es nur logisch, daß SIREN in unseren Gefilden einen Deal abgreifen: Die Nürnberger Vertriebscompany SEMAPHORE engagieren SIREN für ihr noch junges Label FLAMETRADER. Mittlerweile hat man in Florida mit Brian Law einen neuen Schlagwerker engagiert und sich in Rob Phillips wieder seines ehemaligen Sechssaiters erinnert. So ist dem Debutalbum »No Place Like Home« der Weg geebnet, der jedoch nicht von allen Steinen befreit ist. Besonders das ungewöhnliche Cover dürfte als Verkaufsbremse gedient haben. Zwar mag eine Verkaufszahl von 8.000 Einheiten für eine unkonventionelle Band wie SIREN von heutiger Warte aus beachtlich klingen, bedenkt man jedoch daß es die Band geschafft hat, auf eigene Kappe mehr als 10.000 Demos und Singles zu verkaufen, verblaßt diese erstgenannte Zahl gewaltig und wirft die Frage auf, ob die Plattenfirma wirklich gut gearbeitet hat. Oder wie Doug scherzhaft resümierte: "Vielleicht sollten wir weiterhin Demos aufnehmen, davon verkaufen wir mehr." [Quelle: UNDERGROUND EMPIRE Nr. 3, S. 47] Auf das Cover angesprochen, kommen Doug und Les gar ins philosophieren: "Mit dem Cover hatte ich nichts zu tun. Das ging alles vom Label aus. [...] Für meinen Geschmack ist es zu eigenartig. Es ist unmöglich zu erkennen, was für eine Art von Musik auf der LP ist: Jazz? Oder vielleicht Blues? Ja, das Cover sieht etwas depressiv aus, und könnte durchaus das Cover einer Blues-Band sein. [...] Es könnte sich aber auch um eine Live-LP handeln: »Live In Italy - No Place Like Rome«." [Quelle: DEADLINE Nr. 2, S. 15] Primär mit Demotracks gespickt, mußte »No Place Like Home« geradezu zwangsläufig ein Überflieger werden, jedoch bleiben die Neueinspielungen zumeist nur die zweiten Sieger. Besonders das SIREN-Faszinosum ›Over The Rainbow‹ on vinyl kann nicht die gleiche Magie entfachen wie die Urversion. Es steht jedoch außer Frage, daß »No Place Like Home« ein Meisterwerk des US-Metals ist, ein Rundling, der in alle Ewigkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Genuß verzehrt werden kann.

SIREN [US, FL, Tampa]-Cover: »No Place Like Home«

Bis zur nächsten Platte ist bei SIREN Veränderung angesagt - in personeller wie auch companytechnischer Hinsicht: Doug tauscht seine komplette Hintermannschaft aus und signt bei AAARRG RECORDS. Brian C. Henderson, Les Talent und David Smith heißen die neuen SIRENen, wobei letzterer kein Neuling als solcher ist: David hatte bereits fünf Jahre zuvor, noch vor den Aufnahmen der »Metro-Mercenary«-Single, bei SIREN gespielt. Der neuen Platte verpaßt man den ungewöhnlichen Titel »Financial $uicide«, was Mr. Lee folgendermaßen kommentiert: "Das ist es genau, was es bedeutet, in einer Band zu spielen, wenn Du nicht richtig groß bist. Du mußt jederzeit bereit sein, alles zu riskieren und auf eine Karte zu setzen!" [Quelle: ELDRITCH ASSEMBLAGE Nr. 1, S. 21; Übersetzung des Verfassers] Weitaus mörderischer ist jedoch die Tatsache, daß »Financial $uicide« mit dem AAARRG-typischen spröden, dünnen Sound ausgestattet ist und daß die Songs trotz aller Qualitäten nicht das Kultpotential ihrer Stammväter bieten können. Härter sind sie, aber nicht mehr so phantasievoll. Dennoch hat Doug einmal mehr seine liebe Not mit einer Etikettierung: "Für mich ist es schwierig, die neue Musik von SIREN zu kategorisieren, für mich ist es einfach die Musik der 90er Jahre..." und kündigt zugleich an: "Bis jetzt habe ich ca. 15 Songs geschrieben, die aber noch nicht alle komplett fertig sind." [Quelle: LIFE OF DREAMS Nr. 4, S. 30]

SIREN [US, FL, Tampa]-Cover: »Financial $uicide«

Doch zunächst wird Doug von seinem Plattenfirmenboß Ralph Hubert für dessen Projekt MEKONG DELTA engagiert. So bestreitet er auch das MEKONG-"Offenbarungskonzert" im Düsseldorfer "Tor 3", den ersten Livegig der Formation, deren Besetzung bis zu diesem Zeitpunkt nach Kräften geheimgehalten wurde.

Derweil gelingt es Doug 1991, ein neues SIREN-Demoband mit vier Songs aufzunehmen, in seinem Tresor hat er jedoch noch etliche Nummern gehortet: "Ich glaube, etwa 40 bis 50, aber ich habe definitiv Ideen für 100!!!" [Quelle: METAL WARRIORS Nr. 6, S. 48; Übersetzung des Verfassers] Die dritte SIREN-Platte liegt also im Bereich des möglichen, zumal Doug nicht müde wird, in Interviews seine Visionen über das nächste Vinyl in schillernden Farben zu beschreiben. Zugleich referiert er über die Zukunft der Band; schließlich muß Doug die Doppelbelastung MEKONG DELTA/SIREN unter einen Hut kriegen: "Schwierig zu sagen, aber im Moment sieht es so aus, daß ich nur noch ein paar Mal in die USA fliege, um am Ende hier zu bleiben. Vielleicht ist es ein bißchen die unendliche Geschichte, here and back, coming and going, all the time ..." [Quelle: UNDERGROUND EMPIRE Nr. 3, S. 46] Doch dieses Gedankenspiel wird er nicht umsetzen, denn Doug beschränkt sich auf sein Engagement bei MEKONG, während er in Sachen SIREN Stillschweigen bewahrt.

SIREN (US, FL, Tampa)

Demo- und Discographie

Metro-Mercenary (7")1984

Iron Coffins (4-Song-Demo)1985

Dead Of Night (4-Song-Demo)1986

No Place Like Home (LP)1986

Financial $uicide (LP & CD)1989

4-Song-Demo1991

Stand: Januar 2002


Stefan Glas


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