UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”Y-Files”-Datasheet

Contents:  SAVIOUR MACHINE-Interview

Date:  30.03.1995 (created), 03.05.2022 (revisited), 03.05.2022 (updated)

Origin:  post-UNDERGROUND EMPIRE 7

Status:  unreleased

Reason:  medium missing

Task:  revitalize

Comment:

Mittlerweile ist UNDERGROUND EMPIRE 7 komplett online, so daß wir uns nun den Beiträgen zuwenden, die bereits für die Nachfolgeausgabe entstanden waren. Da diese nie erscheinen sollte, blieben diese Texte bislang unveröffentlicht; lediglich einige wurden für die frühen Online-Ausgaben verwendet. Daß aber wir auch nach UNDERGROUND EMPIRE 7 fleißig waren, zeigen diese Artikel, die nun auf diesem Weg veröffentlicht werden; darunter befinden sich allerdings auch einige Fragmente, die in ihrem unvollständigen Zustand wiederbelebt werden, um einen möglichst genauen Eindruck davon zu vermitteln, wie UNDERGROUND EMPIRE 8 hätte aussehen sollen.

 


 

Dieses Interview fand am 3. Dezember 1994 statt, doch das zweite Interview, das sich vermutlich schwerpunktmäßig dem zweiten Album der Band widmen sollte, fand nie statt. Das lag sicherlich daran, daß UNDERGROUND EMPIRE 8 nie fertiggestellt wurde. Doch immerhin hatte ich mir in der Textdatei des ersten Interviews schon eine kommende Frage notiert, denn ich wollte Eric auf die Kombination von dem ruhigen Beginn von ›Saviour Machine I‹ und den Übergang hin zu nahezu disco-artigem Schlagzeugrhythmus ansprechen.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

SAVIOUR MACHINE-Logo

Die beste Art, seinen Geburtstag zu feiern. Allein. Statt einer Amokparty oder ähnlicher Unnötigkeiten einfach SAVIOUR MACHINE bei ihrer Europapremiere anschauen. Zur Feier des Tages natürlich gleich noch ein Interview. Das erste von zweien.

SAVIOUR MACHINE-Liveshot 1

Und das Erste, das ich von Dir, Eric, wissen möchte, sind einige nennenswerte Facts zu SAVIOUR MACHINE, da ich eigentlich nicht über Euch weiß, außer daß Ihr mit Eurem Debut eines der bemerkenswertesten Alben des Jahres 1993 veröffentlicht habt und der Nachfolger heute offiziell veröffentlicht wurde.

SAVIOUR MACHINE wurden etwa im August 1989 gegründet. Wir sind seither rund um Los Angeles in ziemlichen allen Clubs aufgetreten und haben uns damit eine nette Anhängerschaft erspielt. Dadurch entstand das erste Interesse seitens einiger Indielabels, und wir haben uns etwa ein halbes bis ein Jahr beworben, bis wir bei FRONTLINE RECORDS unterschrieben, die uns das beste Angebot gemacht hatten und die zudem die besten Studios zur Verfügung haben, weil unsere Alben auf einem hohen produktionstechnischen Level stehen sollten.

Ich denke, daß Ihr schon auf dem Debut einen absolut eigenen, originellen Stil vorzuweisen hattet. Auf der zweiten Platte ist dies nur noch stärker zutage getreten, wie ich anhand des Vorabtapes unschwer feststellen konnte. Man kann bei SAVIOUR MACHINE sicher viele verschiedene Einflüsse entdecken, aber ich denke, daß letztendlich gerade diese spezielle Mischung die Besonderheit der Band ausmacht!

Ganz offensichtlich haben wir viele klassische Einflüsse, und darunter auch viele deutsche Komponisten, biepielsweise von Orff, Brahms, Bach, Wagner oder Beethoven. Bei den moderneren Einflüssen sind verschiedene Progressive Rock-Bands Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger wie zum Beispiel GENESIS mit Peter Gabriel, die frühen Sachen von David Bowie zu nennen oder auch PINK FLOYD, die einen wirklich enormen Einfluß auf SAVIOUR MACHINE hatten. Noch modernere Einflüsse gibt es kaum. Da muß ich doch eher schon wieder zu den Siebzigern zurückgehen und könnte Elemente von BLACK SABBATH erwähnen und ebenso sei gesagt, daß ein Teil von SAVIOUR MACHINE mal ganz große U2-Fans waren.

Viele Magazine haben Euch Gruft/Dark Wave-Einflüsse zugeschrieben und dabei wurde allen voran der Name SISTERS OF MERCY genannt. Davon hast Du nun seltsamerweise nichts erwähnt.

Nein, wir haben absolut keine Einflüsse von SISTERS OF MERCY. Wir respektieren, was sie machen, aber sie waren unwichtig für uns. Die Vergleiche tauchten wohl eher durch den schweren Sound und die düsteren Elemente auf, die sicherlich an SISTERS oder BAUHAUS erinnern. Wir mögen einige der frühen Goth-Bands, aber wir haben uns selbst nie als eine solche angesehen, sondern uns immer mehr als eine Progressive-Band eingeschätzt. Aber vielleicht sind wir ja eine progressive Goth-Band, ich weiß es nicht. Aber wir wurden keinesfalls von solchen Bands beeinflußt, sondern ich denke eher, daß sie die gleichen Einflüsse wie wir haben, denn David Bowie oder BLACK SABBATH hatten gewiß einen massiven Einfluß auf die meisten Goth-Bands.

Ich denke, Eure Musik klingt sehr europäisch. Denkst Du, daß SAVIOUR MACHINE besser nach Europa passen würden als nach Amerika?

SAVIOUR MACHINE klingen ganz eindeutig sehr europäisch. Wie Du sicher gemerkt hast, habe ich eben ausschließlich europäische Bands und keine einzige amerikanische Band genannt. Momentan wären wir in Europa definitiv besser aufgehoben, denn unglücklicherweise braucht Amerika immer etwas länger, um auf den Trichter zu kommen. Alle Bands, die ich erwähnt habe, waren auch zuerst in Europa angesagt, bevor sie auch in Amerika abgingen. So sehr ich es hasse, das zu sagen, aber Amerika wird vom Profit regiert, und daher dauert es etwas, bis sie den Draht zu interessanterer, mehr progressiver und komplizierter Musik finden. Ich glaube hier ist man in dieser Hinsicht offener.

Wie sieht es mit Eurerem Fankreis aus. Habt Ihr mehr Anhänger in Europa als in Amerika?

Ich weiß nicht, aber das werden wir in den nächsten zwei Wochen herausfinden. Weißt Du Amerika ist so unglaublich groß, daß man Europa fünf- bis zehnmal darin unterkriegen könntest. Daher haben wir schon eine Menge Fans im Amerika, aber sie sind über das ganze Land verstreut, was das Touren wirklich schwierig macht, bis Du mal so groß bist, daß Du einfach von einem großen Konzert zum anderen fliegen kannst. Das ist der Grund, weshalb wir nach Deutschland gekommen sind, denn wir haben gemerkt, daß hier das Interesse an SAVIOUR MACHINE aufgeblüht ist, und so haben wir hier viel eher die Chance, daß alles zusammenwächst und größer wird.

Ihr arbeitet gerne mit großen Harmonien und habt auch etliche gewagte Harmoniesprünge in Euren Songs. Habt Ihr in dieser Hinsicht eine Ausbildung, oder macht Ihr das mehr nach dem Gefühl?

Vom Prinzip her sind wir Autodidakten und haben eigentlich nur einen bescheidenen theoretischen Background. Wir versuchen einfach, unsere Grenzen immer weiter hinauszuschieben und mit jedem Song Dinge hinzuzulernen, die uns bis dahin unbekannt waren. Unser Vorgehen beim Songwriting ist sehr komplex. Es beginnt meist damit, daß ich ein paar Zeilen singe oder ein paar Akkorde auf dem Piano spiele beziehungsweise mein Bruder einige Riffs auf der Gitarre hat. An dieser Struktur oder an diesen Melodien arbeiten wir weiter und tüfteln die Instrumentation aus. Ich bin dann meistens fürs Arrangement zuständig. Wir alle investieren sehr viel ins Songwriting. Manchmal dauert es Monate, bis ein Song steht, aber ebenso kann es auch mal sehr schnell gehen.

Ich habe etwas Probleme mit Eurem Bandnamen. Man nennt Jesus Christus den "Retter", was natürlich soviel wie "saviour" bedeutet. Also hätten wir den ersten Teil Eures Namens geklärt. Wie jedoch soll damit der zweite Bestandteil "machine" harmonieren. Er will einfach in mein Bild, das ich von Jesus Christus habe, nicht reinpassen.

Mit "saviour" ist zweifelsohne Jesus Christus gemeint, denn wir alle sind Christen. Wir möchten eigentlich gar nicht unbedingt als christliche Band kategorisiert werden, aber wir sind nun mal Christen und machen Musik. Wenn man uns also so nennen will, ist es okay. Wir sind aber keinesfalls als Bekehrer unterwegs. Wir schreiben zum einen über Christus, aber wir haben auch ein großes politisches und soziales Element in den Texten. Meist ist dies sehr surrealistisch gestaltet und ermöglicht viele verschiedene Interpretationen. Das ist auch bei der Kombination der beiden Worte "saviour" und "machine" der Fall, wo ein großer Interpretationsspielraum bleibt. Unser Name stammt eigentlich von einem alten David Bowie-Song vom '71er »The Man Who Sold The World« Album, auf dem sich ein Stück namens ›Saviour Machine‹ befindet. Wir alle fanden das Stück atemberaubend und suchten einen Bandnamen, der das verkörpert, was wir machen. Ich gebe Dir eine Interpretation, aber ich könnte Dir hundert weitere dazu sagen, denn in der Kombination dieser beiden Worte stecken sehr viele Bilder drin. Christus kann sehr wohl die "Saviour Machine" sein. Wir machen Musik, die eine Beziehung zu Gott hat, und wir Musiker bilden bei unserem Zusammenarbeiten gewissermaßen eine Maschine. Es ist auch schon vorgekommen, daß Leute behauptet haben, der Name würde satanisch klingen. Das war genau der Grund, weshalb wir diesen Namen wählten, denn wir bemerkten diesen Interpretationsfreiraum und wußten um die kontroversen Reaktionen, die die Kombination der beiden Bestandteile auslösen würde.

Wie liegt bei SAVIOUR MACHINE die Gewichtung zwischen Musik und Text?

Ich glaube, sie sind gleich wichtig. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wenn ich keine Musik machen würde, könnte ich ebenso ein Poet oder ein Schreiber sein. Es geht darum, die richtigen Worte mit der richtigen Musik zu kombinieren, um die Wirkung zu verdoppeln. Das eine muß perfekt zum anderen passen. Abgesehen davon gibt es bei SAVIOUR MACHINE viele Instrumentalphasen, then we let the music do the talking. Ich habe weit in der Zukunft liegende Visionen von SAVIOUR MACHINE, dahingehend, daß wir eines Tages ein klassisches Album komponieren werden oder eine Filmmusik kreieren werden. Aber vom Prinzip her werden SAVIOUR MACHINE stets Musik mit Texten machen, und man muß einfach abwarten, was mit diesen instrumentalen Inspirationen geschehen wird.

SAVIOUR MACHINE-Bandphoto

Wie seid Ihr zum Christentum gekommen? Seid Ihr so erzogen worden?

Ja, ich bin mit meinem Bruder in einer baptistischen Gemeinde aufgewachsen. Ich wurde im Alter von neun Jahren getauft. Aber während meiner Teenagerjahre wendete ich mich von Christus ab und machte einige harte Erfahrungen, war fast zehn Jahre lang alkohol- und drogenabhängig und kam erst im Alter von 19 Jahren davon weg. Es gab also einen Punkt in meinem Leben, an dem ich mich von Gott abwendete und es gewissermaßen auf eigene Faust versuchte. Ich wollte diese Phase auf keinen Fall gegen irgendetwas eintauschen, denn im Grunde war es eine sehr erleuchtende Erfahrung. You'll can't understand the dark side until you've been there! Mein Zeugnis dreht sich um den Glauben und die Wahrheit. Ich stand an einem Punkt, an dem ich nichts mehr hatte, an dem ich mich nach der Wahrheit streckte. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß Drogen und Alkohol im Exzeß dich von der Wahrheit wegführen und dich in Dunkelheit stürzen, denn ich habe einige dunkle Momente erlebt! Ich habe eine Menge sehr "un-göttlicher" Dinge getan, als ich mit okkulten, wirklich bösen Dingen experimentiert habe. Aber das ist eine normale Kettenreaktion. Sobald Du erst mal am Tiefpunkt des Drogenmißbrauchs angelangt bist, wirst Du nahezu zwangsläufig auch in solche Dinge reingezogen. Seit etwa acht Jahren bin ich wieder Christ, aber ich werde mich stets zurückerinnern, wie es damals war und habe das größte Verständnis für jeden, der ähnliche Dinge durchmacht.

Du gehörst also zur baptistischen Kirche...

Nein, ich gehöre keiner kirchlichen Organisation an. Für mich ist ein Christ ein Christ, ganz gleich ob er Baptist, Methodist oder Protestant ist. Die Basis ist immer die gleiche, mit einigen Abweichungen im Detail. Es geht einfach um die Beziehung zu Gott, egal wie das nun klingen mag!

Haben Eure Texte Auswirkungen auf das Leben von Menschen? Kannst Du Beispiele nennen?

Ich kann mich nur auf das beziehen, was ich in den letzten vier, fünf Jahren gesehen habe. Es ist irrelevant, ob wir versuchen, Menschen zu erreichen oder nicht. Ich weiß nicht, warum wir das tun, was wir tun. Das mag seltsam klingen, aber wir tun es, weil wir es tun müssen. Ich möchte nicht prophetisch klingen, aber es gibt für mich kein Motiv, sondern alles kommt direkt vom Herzen. Wenn es die Menschen erreicht, dann ist es dazu bestimmt. Wir haben viele Menschen gesehen, die zu Christus gekommen sind. Oder aber wir haben Menschen auf andere Weise berührt. Dadurch, daß unsere Musik sehr bewußt ist, eine Kunst ist, kann sie etwas im Intellekt eines Menschen in Bewegung setzen und ihn gewissermaßen "erleuchten".

Was ist für Dich als Christ wichtiger? Zur Kirche zu gehen, zu beten oder Dein Leben nach den Idealen von Jesus Christus auszurichten.

Ich glaube, es ist eine Kombination von allem. Ich glaube, am wichtigsten ist es, eine wahre Beziehung zu Gott zu haben - ich wünschte, ich könnte einen besseren Ausdruck dafür finden - denn es geht grundsätzlich um den Glauben. Wenn der Kirchenbesuch für Dich dazugehört, dann tu' es. Ich habe aber noch nie jemanden dazu ermuntert, in die Kirche zu gehen, wenn er nicht dazu bereit war. Ich glaube an die Macht des Gebetes, und ich glaube die Kraft des Bewußtseins durch die Augen Gottes. SAVIOUR MACHINE kritisieren oft die Heuchelei der Kirche. So sehr wir an die Institution Kirche glauben, wissen wir doch, daß es einige ernste Probleme innerhalb der Kirche gibt. Wir haben diese Probleme stets angesprochen und werden daher in den USA sehr kontrovers angesehen. Die USA sind viel konservativer als Europa, und es gibt viele engstirnige, kleingeistige Christen, aber jede Kontroverse ist in Ordnung! Wir treffen in der Musik und in der Bühnenpräsentation eine Menge Aussagen und letzten Endes geht es dabei darum, Dir selbst gegenüberzutreten. Ich denke, das ist die Grundidee von SAVIOUR MACHINE, daß jemand über sich selbst bewußt wird und herausfindet, wer er ist.

Ist es für Dich ein Problem, daß manche Leute Eure Platten nur der Musik wegen mögen und sich nicht für die "Hintergründe" von SAVIOUR MACHINE interessieren?

Was immer jemand aus unserer Musik herausholen kann, das soll er sich nehmen. Wir sind auf keinem Kreuzzug, um die Welt zu retten. Wir möchten keineswegs unseren Glauben irgendjemand aufdrücken. SAVIOUR MACHINE sind Künstler, und die Tatsache, daß wir Christen sind, ist nur ein Teil des Ganzen und der muß nicht zwangsläufig für jeden relevant sein. Wenn wir jemand "nur" Freude bereiten, wenn jemand heute Abend etwas mitnimmt, und wenn es nur ein T-Shirt und ein Lächeln ist, dann ist das doch großartig!

Dein Outfit hat mich von Anfang an etwas verwirrt, denn als ich Dein Make-up zum ersten Mal sah, fühlte ich mich zwangsläufig an Klaus Kinski in "Mephisto" erinnert und er hantiert in diesem Film keineswegs mit allzu "göttlichen" Dingen.

Ich muß leider sagen, daß ich den Film noch nie gesehen habe. Er sieht also so aus wie ich? Und ist auch komplett weiß geschminkt? Ein deutscher Fim? Ich glaube, ich muß versuchen, den Film irgendwo anschauen zu können.

Auf Eurem Debut war im Anschluß an die Texte ein Zitat von Dir zu finden: "... the darkest periods of my life." Ich vermute, Du wolltest damit auf genau diese Dinge anspielen, die Du gerade eben erwähnt hast.

Absolut! Das erste Album dreht sich um meinen Kampf und berüht bestimmte Elemente meiner Psyche während dieser Zeit. Es geht ebenso um die Macht Gottes und wie sie mich beeinflußt hat. Wie Du sicher bemerkt hast, gibt es sehr viele dunkle und unterschwellige Elemente auf diesem Album. Ein Teil der Platte handelt absolut nicht von Gott, sondern von politischen oder sozialen Dingen. Die erste Platte handelt wirklich von der menschlichen Natur, davon, sich selbst gegenüberzutreten. Die Menschen fliehen vor allem, was ich als großes Problem ansehe. Die Menschen haben eine solche Angst vor der Wahrheit, daß es sie blendet. Es scheint so, als hätten sie am allermeisten Angst davor, sich selbst ins Gesicht zu sehen, und herauszufinden, wer sie wirklich sind. Es ist ein sehr zeitloses Thema, was für uns sehr wichtig ist. Selbst die politische Natur von SAVIOUR MACHINE richtet sich nicht ausschließlich auf moderne Probleme, sondern ist ebenfalls unabhängig von der Zeit.

Ich vermute, daß diese Deine Erlebnisse auch der Grund dafür sind, daß die Musik von SAVIOUR MACHINE so dark und depressiv klingt.

Ja, unser Debut ist eine sehr dunkle Platte, auch wenn es gegen Ende zu einige sehr erhebende Momente gibt. Das neue Album »II« ist da anders. Es klingt zwar typisch nach SAVIOUR MACHINE, aber Du findest ganz andere, neue Elemente.

SAVIOUR MACHINE-Liveshot 2

Ich wollte gerne über den Text von ›Jesus Christ‹ sprechen. Darin dreht es sich ganz zweifelsfrei um den zornigen, strafenden Jesus, der Jesus, der zurückgekommen ist, um sein Reich anbrechen zu lassen, der Jesus aus der Offenbarung der Johannes. Ebenso habt Ihr die meisten Texte des Debuts an die Offenbarung angelehnt. Das Christentum jedoch predigt ebenso den liebenden, gütigen Jesus. Warum also habt Ihr Euch so sehr auf diese eine Seite festgelegt?

Auf der ersten Platte ist das gewiß der Fall. Ich weiß, daß viele Menschen auf dieser Welt nur die positive Seite von Jesus predigen. So sehr auch SAVIOUR MACHINE an diese Seite glaubt, muß ich sagen, daß nur wenige Menschen dazu bereit sind, auch den dunklen Episoden, durch die man manchmal im Leben gehen muß, ins Auge zu sehen. Wir wollen nicht Musik machen, die nur anpreist, sondern uns geht es eher darum, in Kontakt mit Menschen zu treten, die nicht verstehen. Das heißt keineswegs, daß wir uns immer auf die dunklen Elemente konzentrieren werden, wenngleich sie in unserer Natur liegen und daher auch immer auftreten werden. Ich verstehe Deine Interpretation zu ›Jesus Christ‹, und ich finde sie sehr gut. Prinzipiell ist ›Jesus Christ‹ von einem sehr persönlichen Standpunkt aus geschrieben. Es ist von dem Standpunkt eines Mannes geschrieben, der sehr zornig über Gott ist, der sehr zornig über die Historie von Gott und die Geschichte dieser Welt ist. Ein Mann, der glaubt, aber nicht verstehen kann, warum die Dinge so sein müssen, warum es den Tod geben muß, warum es in der Geschichte der Menschheit so viele Tragödien im Namen Gottes geben muß. Aber das Lied endet mit einem positiven Ausblick. Nachdem es all' diese schrecklichen Dinge aufgezeigt hat, stellt es die Frage nach einem neuen Weg und deutet auf einen neuen Anfang hin.

Wie Du schon gesagt hast, reicht es Euch nicht - man verzeihe mir den etwas oberflächlichen Ausdruck - "fromme Sprüche zu klopfen", sondern Ihr wollt immer einen Bezug zur Realität herstellen. In ›A World Alone‹ findet sich die Zeile "In a world that takes away your dreams, intoxicates the oceans and radiates the skies". Damit, finde ich, begeht Ihr einen gewagten Sprung, indem Ihr von einem eher etwas philosophisch angehauchten Gesichtspunkt zu aktuellen ökologischen Problemen wechselt!

Wir haben nie die Bibel zitiert. Die Bibel ist die Bibel, und Musik ist Musik! Aber um auf ›A World Alone‹ zu kommen. Das war genau das, was wir mit diesem Drift beabsichtigten. Wir wollten dem Text eine zeitlose Note verleihen und uns nicht nur auf ein politisches Problem der Neunziger festlegen. Du wirst ebenso feststellen, daß in den anderen Versen ein Kampf stattfindet und von Menschen handelt, die ihre Hoffnung verlieren. Es ist ein verzweifelter Schrei um Hoffnung, es ist vermutlich der verzweifelste Schrei nach Hoffnung, an dem ich je teilgenommen habe!

Laß' uns noch kurz ›American Babylon‹ von Eurer neuen Platte ansprechen. Ich war sowohl musikalisch als auch textlich von diesem Stück stark beeindruckt. Wie wir alle wissen, bauten die Babylonier einen Turm, der bis in den Himmel reichen sollte, um sie zu Gott zu bringen, ja um sie über Gott hinauswachsen zu lassen, der dann einstürzte. Was ist Amerikas Turm?

Gute Frage. Wie Du weißt, ist »II« ein Konzeptalbum, an dem wir zweieinhalb Jahre gearbeitet haben. Es ist daher schwer, über ein Stück isoliert zu sprechen. Aber prinzipiell enthält ›American Babylon‹ eine Prophezeiung um den Niedergang einer großen Nation. Es gibt auf dem Album eine Hauptperson, die jeden repräsentieren kann, den Du willst. ›American Babylon‹ an sich dreht sich um den Fall, den Untergang, eben dieser Hauptperson. Die Geschichte ist sehr komplex, und es braucht einige Zeit, um sich darin zurechtzufinden. Ich bin wirklich dankbar, daß Du begonnen hast, Dich darin hineinzuversenken. Ich denke, wir können beim nächsten Mal darüber sprechen.

Einverstanden! Ich möchte nur noch eine Metapher ansprechen, die mich etwas verwirrt hat. Sie befindet sich in dem eben erwähnten ›American Babylon‹ und lautet: "When facism comes as an angel of light".

Hm, schwer zu beantworten... Ich denke, diese Metapher läßt sich nur mit meinem Sinn für Humor begründen. Ebenso paßt diese Zeile in das Gesamtbild des Konzeptes unseres zweiten Albums, und es würde jetzt wohl zwei Stunden dauern, bis ich Dir diese Metapher erklärt hätte.

Ich möchte zum Abschluß für heute noch über den ersten Eindruck, den »II« bei mir hinterlassen hat, sprechen. Zum einen denke ich, daß die Platte eindeutig in jeder Hinsicht extremer geworden ist. Sie ist einesseits düsterer, aber zugleich auch
erleuchteter, sie klingt bombastischer, mystischer und ebenso haben sich die klassischen Elemente verstärkt. Kannst Du erklären, wie dies zustande gekommen ist?

Mit »II« wollten wir vom Modernismus wegkommen. Nicht, daß wir um jeden Preis von einem metallischen Beigeschmack wegwollten, aber ich als Künstler war einfach ausgebrannt in Bezug auf diese Bratgitarre. Wir wollten neue Elemente miteinander verbinden, und dennoch ist eine heavy Platte herausgekommen, auf der es viele Heavy-Gitarren gibt, die nun aber mit Mauern aus Streichersätzen oder Chören kombiniert werden. Ich denke, wir haben die Elemente des ersten Albums auf neue Level gebracht, und das hinzugekommene Piano ist das Element, weshalb »II« sich so sehr von unserem Debut unterscheidet.

Definitiv letzter Punkt ist die Liveshow. Ihr werdet in etwa drei Stunden auf die Bühne gehen und dann zum ersten Mal auf einer europäischen Bühne stehen. Also hatte ich die Idee, daß ich nun Dir erzähle, wie in meiner Vorstellung die Show heute Abend ablaufen könnte und Du kannst dazu Stellung beziehen. Später werden wir alle Euch dann live erleben und bei unserem nächsten Gespräch, das sich irgendwann in der Zukunft abspielen wird und den zweiten Teil dieses SAVIOUR MACHINE-Artikels darstellen wird, können wir dann eben an diesem Punkt anschließen und über Eure Livepräsentation sprechen, nachdem ich sie auf mich wirken lassen konnte. Okay, ganz pauschal gesagt erwarte ich etwas, das völlig anders ist als die typischen Rockshows. Ich glaube, daß Ihr versuchen werdet, die depressive Stimmung Eurer Musik zu vermitteln, indem ihr eher düstere Lichter verwendet und nicht extrem oft zwischen verschiedenen Farben hin- und herwechselt. Ich könnte mir zudem vorstellen, daß auf der Bühne wenig Bewegung herrschen und die Performance eher theatralisch oder gar phantomiememäßig ausfallen wird.

Damit hast Du ganz gut das getroffen, was Euch erwartet. Ich kann nur noch sagen, daß ich selbstverständlich in vollem Make-up auftreten und einen Charakter spielen werde. Das Programm wird je sechs Stücke von jedem Album enthalten, aus denen wir ein neues Konzept geschaffen haben. Wir werden dabei natürlich unsere Favoriten von den beiden Alben spielen, wobei wir die Gegensätze von SAVIOUR MACHINE verbinden werden, das heavy, das melodische, das düstere und das wirklich liebliche Material. Laß' Dich überraschen, und wir sprechen später weiter!

Soweit der erste Teil der Vorstellung von SAVIOUR MACHINE, bei dem ich mich anfangs doch etwas unbehaglich fühlte, denn wir saßen im Vorraum der Halle und waren binnen Sekunden von allen wartenden Konzertbesuchern umringt, so daß ich mich wie auf dem Präsentationsteller fühlte. Doch Erics ruhige und freundschaftliche Ausstrahlung ließ mich sehr bald das ganze Drumherum vergessen, so daß ich schon in diesem Augenblick begann, dem zweiten Talk mit Eric entgegenzufiebern.

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

SAVIOUR MACHINE im Überblick:
SAVIOUR MACHINE – Saviour Machine (Rundling-Review von 1994)
SAVIOUR MACHINE – Y-FILES »UE«-"Living Underground"-Artikel
SAVIOUR MACHINE – Y-FILES »UE«-Interview
SAVIOUR MACHINE – News vom 28.05.2007
SAVIOUR MACHINE – News vom 23.08.2011
SAVIOUR MACHINE – News vom 03.07.2012
Playlist: SAVIOUR MACHINE-Album »II« in "Jahrescharts Metal Hammer 1994" auf Platz 5 von Stefan Glas
Playlist: SAVIOUR MACHINE-Album »Saviour Machine« in "Jahrescharts Metal Hammer 1993" auf Platz 7 von Stefan Glas
Playlist: SAVIOUR MACHINE-Liveshow Hüttenberg-Rechtenbach, Bürgerhaus 03.12.1994 in "Jahrescharts Metal Hammer 1994" auf Platz 1 von Stefan Glas
andere Projekte des beteiligten Musikers Eric Clayton:
AYREON – The Human Equation (Rundling-Review von 2004)
Eric Clayton AND THE NINE – News vom 29.08.2018
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