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  UE-Home → History → Online Empire 1 → Interview-Übersicht → Bobby Kimball-Interview last update: 02.12.2021, 17:38:12  

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Bekannt geworden durch seine Vocalperformance bei der US-Rock-Megaband TOTO und dadurch zugleich in die Musikgeschichte eingegangen, verließ Bobby Kimball TOTO schon 1983/'84, ging aber erst 1994 mit seinem Solodebut »Rise Up« wieder in die Offensive. Dieser Miniüberblick soll als Fahrplan durch das nun folgende Interview genügen, bei dem ein mehr als gutgelaunter, ja richtig aufgekratzer Bobby Kimball viel zu erzählen wußte und zugleich viel und vor allem laut lachte.

Ganz zu Anfang Deiner Karriere hast Du neben der Musik Medizin studiert. War es ein ernsthaftes Studium oder nur eine Alibikiste?

Ich studierte fünf Jahre lang Medizin und arbeitete zudem als Laborassistent in einem Krankenhaus. Ich würde nicht sagen, daß es nur ein Alibi war, aber eigentlich hat mein Schwerpunkt auf der Arbeit im Krankenhaus gelegen, denn es war ein sehr kleines Hospital und man verließ sich auf mich. Morgens war ich meistens im College, nachmittags im Krankenhaus und zwei-, dreimal pro Woche trat ich in Clubs auf.

Könntest Du Dir vorstellen, heute Dr. Bobby Kimball zu sein? Ein Arzt statt eines Sängers?

Weißt Du, ein Freund, mit dem ich gemeinsam studiert habe, ist heute mein Zahnarzt. Oh je - das erinnert mich dran, daß ich demnächst einen Termin bei ihm habe...

Wann hast Du Dein Studium an den Nagel gehängt?

Nach etwa fünf Jahren. Der Vater meines besten Freundes, der die Klinik leitete, in der ich arbeitete, war Alkoholiker und beging eines Tages Selbstmord. Außerdem gerieten zwei andere Ärzte in irgendeinen Skandal. Es schreckte mich ab, wieviele Alkohol- und Drogenprobleme es unter den Mediziner gibt. Also wendete ich mich der Musik zu und kam erst recht an Drogen...

Was sollten wir außerdem über Bobby Kimball wissen, bevor er zu TOTO stieß?

Ich hatte mit vier Jahren begonnen, Klavier zu spielen. Mit acht Jahren spielte ich in meiner ersten Band. Mein Bruder hatte damals eine Band namens THE ROCKERS. Wir nannten uns THE REBELS und bestanden aus den jüngeren Brüdern der ROCKERS. Es war totaler Bullshit, aber wir hatten unseren Spaß dabei. Wir spielten manchmal einen kurzen 30minütigen Set, wenn die ROCKERS eine Pause einlegte. Später war ich in besseren Bands tätig, aber ich war nur ein "Wochenend-Musiker" bis ich 22 wurde. Damals beendete ich das College und die Arbeit am Krankenhaus, weil ich beschlossen hatte, daß ich, wenn ich schon verhungern sollte, wenigstens mit einem Lächeln auf meinem Gesicht verhungern wollte.

Irgendwann bist Du zu TOTO gestoßen. Mich hat eigentlich schon immer interessiert, was der Name eigentlich bedeuten sollte.

Jeff Pocaro und David Paich (der Drummer bzw. der Keyboader von TOTO - Red.) schauten eines Tages den Film "The Wizard Of Oz", bei dem in einer Szene ein kleiner Hund namens Toto auftauchte und da wußten sie, daß das der Name für die Band sein sollte, die sie gerade zusammenstellten. Das Brilliante dabei ist aber die Tatsache, daß sie erst nach und nach erfuhren, daß der Name etwa 17 verschiedene Bedeutungen hat. In Deutschland gibt es Toto-Lotto, ein italienischer Komödiant trägt diesen Namen, der größte Toilettenhersteller Japans heißt benfalls "Toto"... [Jetzt ist der Lacher mal ausnahmsweise auf unserer Seite] Ja, es war schon seltsam, als wir in Japan vor deren Firmensitz standen und unseren Bandnamen in 25 Meter großen Lettern an dem Hochhaus erblickten und daß wir anschließend jeden Morgen auf unseren eigenen Namen pinkelten...

Das TOTO-Debut war ohne Frage ein "overnight success"!

Ja, es ging wirklich schnell. Die erste Single ›Hold The Line‹ wurde zusammen mit dem Album veröffentlicht und am darauffolgenden Tag wurde ich um 12.00 Uhr von meinem Radiowecker mit ›Hold The Line‹ geweckt. War ein nettes Erwachen; ich hatte das Lied zwar schon millionenfach gehört, aber noch nie im Radio.

Das zweite TOTO Album war »Hydra«, welches nicht so brilliant wie der Erstling ausfiel.

Ich würde sagen, es war einfach anders. Das lag dran, daß die meisten Musiker während der Aufnahmen immer wieder weg waren. Es waren also nie alle sechs Musiker zusammen im Studio. Ich denke, es ist ein gutes Album, aber es ist eben nicht so gradlinig und solide wie das Debut.

Lag es auch an dem Erfolgsdruck, dem TOTO nach dem geradezu sensationellen Erfolg des Debuts ausgesetzt war?

Absolutely, abso-fuckin'-lutely... Du kannst auch "un-fuckin'-glaublich" sagen... Wir arbeiteten zehn Monate am ersten Album und stellten die Band während der Studiozeit zusammen. Das war völlig neu für uns. Wir alle hatten schon an hunderten Platten mitgewirkt, aber eben nie als Band aufgenommen. Ich kann mich noch entsinnen, daß wir irgendwann im Studio eine Tischtennisplatte aufgebaut hatten und Tischtennis spielten, um dabei Ideen zu kriegen. Es war echt verrückt! Irgendwann war die Scheibe im Kasten und man sagte zu uns, daß wir nun auf Tour gehen müßten. Da fiel uns auf, daß wir im Grunde noch nie zusammengespielt hatten!

Und diese Tour hätte im Vorprogramm von STYX stattfinden sollen.

Richtig, aber es sollte doch anders kommen. Die Tour mit 40 Dates war bereits gebucht. Da wir die Sound- und Lichtanlage von STYX nicht benutzen durften, hatten wir das notwendige Equipment schon gekauft - und glaub' mir, es war nicht billig!!! Zwei Wochen vor Tourstart cancelten STYX die ganze Kiste aus einem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnern kann. Also beschlossen wir, die Tour trotzdem zu spielen, nur eben als Headliner. Unsere beiden ersten Shows sollten auf Hawaii stattfinden. Also gingen wir zuvor auf die Hawaii-Insel Kauai und mieteten uns im "Kauai Resort Hotel" ein, in dem es einen kleinen Club gab. Kauai ist nicht so dicht bevölkert wie der Rest von Hawaii und ist eine traumhaft schöne Insel. Dort stellten wir unser Tourprogramm zusammen und traten zwei Wochen lang jeden Abend in dem Club auf, wobei wir jeweils zwei einstündige Sets spielten. Dafür hatten wir Kost und Logie und vor allem all' den Spaß, den sie uns bieten konnten, frei - eine Menge Spaß... Das hätten sie nie mit Geld bezahlen können...

Plattenmäßig folgte bei TOTO »Turn Back«, welches zweifellos ein Killer war. Sollte mit dem Titel angedeutet werden, daß TOTO sich wieder auf ihre alten Qualitäten zurückbesonnen hatten?

Yeah! Nicht nur, daß es darauf einen Song namens ›Turn Back‹ gab, den Steve Lukather und ich geschrieben hatten, sondern es sollte auch andeuten, daß wir einen gewissen Shift zurück gemacht hatten. Leider gab es auch bei unserer Plattenfirma CBS (heute SONY MUSIC ENTERTAINMENT - Red.) große Veränderungen und all' die Leute, die uns verpflichtet hatten, waren plötzlich nicht mehr da. Diese Leute hatten natürlich ein großes Interesse daran gehabt, daß es mit TOTO vorangeht, während die neue Chefetage nun ganz andere Lieblingsacts hatte. Endresultat: TOTO wurden von der Firma weitgehend ignoriert und daher war »Turn Back« nur ein mäßiger Erfolg beschert. Ich kann mich noch nicht mal dran erinnern, ob wir mit dem Album auf Tour waren... Oh doch, wir hatten eine Tour begonnen, die jedoch abgebrochen wurde. Wir beschlossen, stattdessen wieder ins Studio zu gehen und unsere vierte Platte aufzunehmen, die dann solch ein unerhörter, durchschlagender Erfolg wurde, daß ich es einfach nicht glauben konnte. Wir wurden damals für neun Grammies nominiert und ich war mir sicher, daß wir letzten Endes keinen einzigen davon abkriegen würden. Letztendlich sahnten wir aber alle neun Grammies ab!

Irgendwie müssen TOTO eine besondere Beziehung zu Schwertern gehabt haben. Sowohl das Debut, als auch »IV« wurden von einem Schwert geziert und der Mann, der auf »Hydra« zu sehen war, hatte ebenfalls ein Schwert in der Hand...

...und auf »The Seventh One« ist ebenfalls ein Schwert abgebildet. Wie Du jedoch weißt, hatte ich mit dieser Platte nichts mehr zu tun. Well, es war Jeff Pocaro, der mit diesem Design aufkreuzte - Jeff war ein großartiger Künstler; ich habe viele seiner Bilder gesehen. Philip Garris, der zuvor schon für GRATEFUL DEAD gearbeitet hatte, setzte Jeffs Entwurf für das Cover um. Bezüglich Jeffs Kunsttalent gibt es übrigens noch ein lustige Anekdote: Steve Lukather hat ein Tatoo auf dem Arm, für das ein Bild von Jeff als Vorlage gedient hat. Ein großartiges Tatoo! Es ist eine Karrikatur von Jeff Workman, der »Turn Back« co-produziert hat. Jeff Workman hatte einen ziemlichen Hang zum Alkohol und Jeff Pocaro malte eines Nachts eine Karrikatur eines tierisch besoffenen und wirklich häßlichen Typen, der Jeff Workman verdammt ähnlich sah. Es war ein superwitziges Bild und wanderte prompt auf Steves Arm. Es ist sogar möglich, daß ich das Original noch zu Hause habe...

Bei TOTO gab es letzten Endes drei Leadsänger. Neben Dir sangen auch Steve Lukather und David Paich. Was hast Du eigentlich bei Livegigs getrieben, während die beiden anderen gerade einen Song sangen?

Ich spielte dann wie David ebenfalls Keyboards. TOTO waren besonders in Anfangstagen eine extrem keyboardorientierte Band, so daß es sich anbot, daß ich ebenfalls in die Tasten griff. Eigentlich war ich ziemlich erstaunt darüber, daß TOTO später immer mehr von einer echten Rock'n'Roll-Gitarre geprägt wurde. Ich liebe die Kombination von Keyboard und Gitarre!

Wie habt Ihr eigentlich festgelegt, wer den entsprechenden Song singen sollte? Meistens war es derjenige, der den Song auch geschrieben hatte!

Nun, meist probierte es jeder von uns. Ich kann mich noch entsinnen, daß ich bei den Aufnahmen des Debutalbums begonnen hatte, ›Georgie Porgie‹ einzusingen, aber ich fühlte mich einfach nicht wohl dabei. Also ging Steve Lukather, der damals erst 19 Jahre alt war, in den Aufnahmeraum und sang einfach los. Ich sagte sofort, "That's it! So muß der Song klingen." ›Georgie Porgie‹: Geschrieben von David, von mir ausprobiert und von Steve eingesungen - was will man mehr?

Warum hast Du eigentlich TOTO verlassen? Für den »IV«-Nachfolger »Isolation« hast Du noch ein Stück geschrieben, hast aber nicht auf der Platte gesungen...

Falsch! Ich habe das gesamte Album eingesungen! Aber anschließend hatten wir ziemliche Differenzen miteinander; es war totaler Bullshit. Weißt Du, es gab eine Menge Drogenprobleme in dieser Band und ich war eines davon. Außerdem gab es auch auf persönlicher Ebene eine Menge Sch..., was ich jetzt aber keinesfalls aufrollen möchte. Der Urheber war nämlich meist Jeff, der vor einigen Jahren gestorben ist und im Grunde ein guter Kerl und ein verdammt großartiger Schlagzeuger war. Es gab Probleme zwischen uns beiden, die ausschließlich auf Drogen zurückzuführen waren. Man bat mich zu gehen, als das fünfte Album, »Isolation«, fast fertig war. TOTO waren anschließend fast vier Monate ohne einen Leadsänger, bis sie Fergie Frederiksen fanden, der wiederum von einer Band stammte, die ich gerade in Louisianna zusammengestellt hatte. Also sang Fergie »Isolation« nochmal ein. Letzten Endes hat er einfach meine Gesangslinien kopiert. Ich war immer der Meinung, TOTO hätten »Isolation« nochmal komplett neu überarbeiten und einspielen sollen, denn es war mein Album und es klang großartig mit meinem Gesang.

Ich denke, daß »Isolation« ganz klar die rockige Schiene verlassen hatte und viel glatter und poppiger klang!

Yep, ich stimme Dir in allen Punkten zu, aber Du hättest mal sollen die Version hören, auf der ich noch gesungen hatte...

Es war zu lesen, daß es noch eine Menge unveröffentlichter TOTO-Stücke aus den Zeiten des Original-Line-ups gibt. Denkst Du nicht, daß die Welt ein Recht auf diese Musik hat, denn es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, daß sich darunter eine ganze Menge echter Perlen befindet!

Ich würde sie liebend gerne veröffentlichen... Mit meiner aktuellen Band haben wir sogar eines dieser unveröffentlichten Stücke gespielt. Er heißt ›Tale Of A Man‹, ein wunderbarer Song, den David Paich geschrieben hat, aber ich glaube kaum, daß David mir je erlauben würde, den Song aufzunehmen. Ich liebe alle diese Stücke immer noch, aber sie gehen mich letztendlich nichts an. Ich wünschte, wir hätten damals ein besseres Verständnis untereinander gehabt. Ich würde mir sogar wünschen, daß wir mal wieder ein paar Gigs zusammen spielen könnten und sei es nur um die großen Zeiten nochmal kurz aufflackern zu lassen. Glaub' mir, ich habe es geliebt, mit dieser Band zu spielen!

Was denkst Du über den Weg, den TOTO ohne Dich genommen haben? Es gab doch einige andere Leadsänger. Wie haben sie Dir gefallen?

Ich war damals schon der Meinung, daß Fergie Fredrickson ein Fehler sein konnte. Obwohl er eine tolle Stimme hatte, war seine Persönlichkeit einfach nicht stark genug. Du mußt eine wirkliche feurige Persönlichkeit haben, um mit dieser Band vor so viele Leute zu treten. Es ist so wie vor Gott zu singen, ehrlich! Die ganzen Leute, die Dich ansehen und dann eine solch' powervolle Band hinter Dir - that's tough! Der größte Fehler abgesehen davon, daß sie mich in die Wüste geschickt haben, war, daß sie sich von Joe Williams trennten, der Fergies Nachfolger war. Dieser Typ sang sich den Arsch ab; er war ein großartiger Sänger! Er war neben mir ihre beste Wahl. Ich sang vielleicht ein klein wenig härter, aber dazu hatte mich die Band über die Jahre hinweg sozusagen genötigt. Dann heuerten sie Jean-Michel Byron an und auf mich wirkte es so, als wollten sie einen Sänger, der ein gewisses Michael Jackson-Image verkörpert, was ich einfach nie verstanden hatte. Nachdem Joe Williams weg war, fragten sie mich, ob ich zurückkommen wolle, um einen Song für das »Greatest Hits« Album einzusingen, was ich damals auch tat. Angeblich wurde der Song aber von CBS abgelehnt. Leider konnte ich diese Aussage nicht auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüfen.

Was sagst Du eigentlich dazu, daß Steve Lukather bei Livegigs mittlerweile playback singen muß?

Was? Unmöglich! Steve hat immer alles live gesungen. Ich könnte mir höchstens vostellen, daß die Backgroundvocals playback waren. Das hatten wir seinerzeit auch gemacht, allein schon, weil der Monitorsound oft nicht die Qualität besitzt, um die Backings präzise zu singen.

Meine Aussage stütze ich auf einen TV-Mitschnitt von einem TOTO-Konzert 1991 in Paris. Bei ›I Won't Hold You Back‹ sieht man eine Großaufnahme von Steves Gesicht und es ist nicht zu überhören und zu übersehen, daß seine Lippenbewegungen nicht im geringsten mit den Worten übereinstimmen, die zu hören sind.

Ich kann mir nur vorstellen, daß der Beitrag schlecht geschnitten wurde, denn Steve ist ein großartiger Sänger, der nie irgendwelche Playback-Tricks gebraucht hat! Ich würde ihn sehr gerne mal wieder sehen, denn ich vermisse ihn, aber ich glaube, er mag mich nicht mehr besonders.

Was sind heute Deine Lieblingsstücke von TOTO?

›Make Believe‹, ›White Sister‹, ›Gift With The Golden Gun‹, ›Rosanna‹ und natürlich ›Hold The Line‹!

Nach TOTO hast Du bei FAR CORPORATION mitgewirkt!

Ja, FAR CORPORATION war allerdings nur ein Projekt, das Frank Farian (deutscher "Star"produzent, auf dessen Mist unter anderem BONEY M. und später MILLI VANILLI gewachsen sind - Red.) zusammengestellt hatte. Er bot mir an, einige Lieder einzusingen, bezahlte mich sehr, sehr gut und war ein echter Gentleman mir gegenüber. Ich war damals nämlich arbeitslos gewesen.

Ich konnte FAR CORPORATION nie diese blasphemische Version von ›Stairway To Heaven‹ verzeihen!

Es war eine Danceversion und hatte eigentlich nur einen guten Sound. Andererseits hat mich auch das Original von LED ZEPPELIN erstaunt, als mir auffiel, wie shitty der Schluß gemacht ist. Wenn Du Dir diesen Teil genau über Kopfhörer anhörst, wirst Du feststellen, daß die Vocals überhaupt nicht richtig zusammenpassen. Es klingt fast so, als hätten sie einen Part willkürlich sechsmal übereinandergelegt. Aber - nichtsdestotrotz ist ›Stairway To Heaven‹ eine Gotteshymne für unseren Planeten. Frank wollte es aufnehmen, also haben wir es einfach aufgenommen - what the fuck!

Ein weiteres Deiner Projekte waren die beiden Alben mit dem F*R*O, dem Frankfurt Rock Orchestra. Ihr habt zusammen verschiedene TOTO-Stücke neu aufgenommen.

Es waren allesamt wunderbare Musiker, aber es gab einige seltsame Begebenheiten. Wir saßen irgendwann im Aufnahmeraum und es wurde ein Lied eingespielt. Punkt zwölf Uhr haben die Musiker mitten im Stück ihre Instrumente weggelegt und sind gegangen. Es waren klasse Typen und es hat Spaß gemacht, aber dieses Erlebnis war einfach verrückt. Das Projekt war OK, aber ich haßte die Streicherarrangements.

Zudem war die Songauswahl sehr seltsam: Es fehlten eine Menge echte Klassiker und stattdessen waren da völlig unerwartete Songs wie z.B. ›I'll Be Over You‹.

Ja, das war so geplant. Wie auch immer, die Aufnahmen haben echt Spaß gemacht. Aber das Ray Charles Tribute Album hat mir noch mehr Spaß gemacht. Es wurde mit einer 45-Mann-Big Band eingespielt. Die Arrangements waren besser und ich liebe Ray Charles. Er ist eine meiner allerersten Inspirationen. Ich hörte ihn schon als kleines Kind. Er ist Gott..., musikalisch...

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Ich finde es sehr ungewöhnlich, daß Du »Rise Up« mit der Coverversion von ›Woodstock‹ beginnst!

Ich weiß nicht. Es hat einfach gepaßt. Der Anlaß war das 25-jährige Jubiläum des Woodstock-Festivals. Ich wollte den Song schon seit vier, fünf Jahren aufnehmen, denn ich liebe CROSBY, STILLS & NASH und ich liebe Joni Mitchells Songwriting. Ich wollte es tun, bevor jemand anderes auf die Idee kommt. Wir sind sogar noch vor der Veröffentlichung des Albums nach Bethel, dem Originalschauplatz des Woodstock-Festivals, gegangen und haben dort das zugehörige Video gedreht.

Auf »Rise Up« findet sich auch der Song ›Paralyzed‹ wieder, den Paul Shortino schon für sein »Back On Track«-Album aufgenommen hatte.

›Paralyzed‹ wurde von Harry Paress und Curt Cuomo geschrieben und wurde zum ersten Mal von Mark Free (Der gute Mann firmiert heute - nach einer Geschlechtsumwandlung - unter dem Namen Marcie Free - Red.) aufgenommen, der einer meiner absoluten Lieblingssänger ist. Irgendwann hat Harry den Song auch mir angeboten und er gefiel mir, so daß wir ihn aufnahmen.

Es gibt eine Sache, die an »Rise Up« weniger behagt: Die meisten Songs haben typische Liebestexte.

Mir war es für dieses Album als mein erstes Soloprojekt wichtig, wirklich gute Songs zu kriegen. Also wählte ich schwerpunktmäßig Lovesongs und Rockballaden aus, um damit Aufmerksamkeit zu erhalten. Und ich wußte, daß das in den USA verdammt gut ankommen würde. Mein nächstes Album wird sicher anders ausfallen, soweit ich es absehen kann. Auf jeden Fall werden die meisten Songs aus meiner Feder stammen.

Was sind Deiner Ziele für Deine Solokarriere?

Mit »Rise Up« wollte ich einfach mal wieder zurück ins Wasser kommen. Ich stehe jetzt wieder in der Tür und mit dem nächsten Album müssen mir die richtigen Worte einfallen. Manchmal, wenn Du zu früh anfängst zu sprechen, wirst Du überhaupt nicht bis auf die Schwelle kommen.

Nervt es Dich, daß Du in Deiner Solokarriere mehr oder minder wieder ganz von vorne anfangen mußt, während Du mit TOTO ein Star warst.

Ich bin immer noch ein Star! Fuck the star - das existiert nur in Deinem Kopf! Die Leute glauben, es wäre ein Erfolg, vor 90.000 Menschen zu spielen und Billionen von Dollars zu verdienen. Aber das hat nichts mit Erfolg zu tun, sondern das bedeutet eher, daß man kriegt, was man will, aber nicht notwendigerweise, daß man auch will, was man kriegt. Erfolg ist vielmehr, mit sich selbst glücklich zu sein, Erfolg hat etwas damit zu tun, daß man das tun kann, was man wirklich möchte.

Auf »Rise Up« hast Du bei jedem Song mit ganz unterschiedlichen Musikern zusammengearbeitet. Willst Du das auch in Zukunft so beibehalten oder ist ein festes Line-up Dein Ziel?

Ich werde das tun, was funktioniert. Daher kann ich die Frage nicht beantworten. Bruce Gowdy ist jedoch definitiv einer der wichtigsten Musiker für mich (Kunststück - schließlich hat er schon mit seiner AOR-Combo UNRULY CHILD bewiesen, daß er ein echter Crack ist. Zudem hat Bruce nahezu das komplette Material von »Rise Up« auf einer eigenen Soloplatte veröffentlicht - Red.) Das trifft sicherlich auch auf Guy Allison und vermutlich auch auf Harry Paress zu. Ich möchte mit ihnen zusammen schreiben, denn sie sind einfach verdammt gut!

Durch diesen gerade beschriebenen Umstand ergibt es sich zwangsläufig, daß auf »Rise Up« völlig unterschiedliche Songs stehen. Wo also ist der Rote Faden, der sich durch das Album zieht - vor Deiner Stimme mal abgesehen!

I guess that's pretty much it! Einfach meine Stimme..., und wohl auch die Gitarre von Bruce, der schließlich bei allen Songs gespielt hat.

Mit TOTO hast Du Rockgeschichte geschrieben, also wird bei Deinem Soloprojekt nahezu zwangsläufig auch dieser Maßstab angelegt. Fühlst Du Dich dadurch unter Druck gesetzt?

Nicht im geringsten. Die Geschichte kann man nicht verändern. Wenn ich ein Teil der Rockhistory geworden bin, dann ist das eben so. Es geht vielmehr darum, weiterhin neue Dinge zu machen! Absolut kein Problem!

Bekanntlich haben viele Musiker eine etwas seltsame Einstellung zu ihrer Vergangenheit und ihren früheren Werken. Oft kommt es vor, daß sie keinen Bock haben, alte Klassiker zu spielen, obwohl die Fans sie hören wollen oder sie verleugnen ganz ihre Vergangenheit.

That's too bad! Ich denke, ein Mensch muß sich stets daran erinnern, wo er hergekommen ist, um zu wissen, wohin er gehen soll. Ich möchte nichts vergessen! Denn wenn Du mal soweit bist, daß Du etwas vergessen hast, wird es prompt wieder auftauchen und Dir direkt ins Gesicht knallen. In Amerika sagen wir, "Fool me once, shame on you; fool me twice, shame on me!" Beim zweiten Mal ist es Dein Fehler!

›Hold The Line‹ ist zwei Dekaden alt und ›Africa‹ hat auch schon über 15 Jährchen auf dem Buckel und die Leute wollen diese alten Kamellen immer noch hören...

... und wir spielen sie noch immer für sie! Ich liebe das! Als ich ›Hold The Line‹ zum ersten Mal hörte, bezeichnete ich David Paich als verrückt, weil er es auf das Album packen wollte. Es wurde unsere erste Single und stieg auf Platz 1 der Charts, so daß ich ihm sagen mußte, daß es wohl doch keine so schlechte Idee gewesen war. Es ist okay, wenn man neues Material spielen will, aber ich halte es für genauso wichtig zurückzublicken. Ich habe ein sehr gemischtes Publikum, in dem sich sowohl Leute über 30 als auch Teenager unter 15 befinden. Die einen haben vermutlich noch nie etwas von TOTO gehört, während die anderen TOTO gemocht haben. Also zeige ich ihnen allen, wo ich war, um ihnen dann zu zeigen, wo ich heute bin!

Du hast eigentlich noch nie besonders viele Songs geschrieben, weder bei TOTO noch für »Rise Up«.

Das hat eigentlich hauptsächlich etwas mit Politik zu tun. Ich hatte viele Songs, wie jeder andere bei TOTO ebenfalls. David Paich war jedoch die stärkste Figur bei TOTO, hatte die besten Connections zur Plattenfirma und war selbstredend ein sehr guter Songschreiber. Diese drei Qualitäten führten dazu, daß die meisten TOTO-Stücke, die auf den Alben veröffentlicht wurden, von ihm stammten. Bei »Rise Up« habe ich ja schon gesagt, daß es mir sehr wichtig war, exzellentes Material zur Verfügung zu haben und daher wählte ich drei Jahre lang Stücke aus, bis ich die 13 zusammen hatte, die nun auf »Rise Up« stehen. Es gibt eine Formel für ein gutes Album und die lautet, "gute Songs, großartige Songs und Killersongs!" Wenn Du dann die Stücke gut singen kannst und gute Instrumentalisten zusammenkriegst, wird es echt schwer, die Sache noch zu vermasseln...

Siehst Du in Dir selbst also keinen solch' guten Songwriter?

Ich denke nicht, daß dies so wichtig ist. Ich halte es für viel wichtiger, ein wirklich gutes Album zustande zu bringen! Dann ist es mir nicht so wichtig, wieviele der Lieder von mir stammen. Ich habe aber vor, für das nächste Album mehr Songs zu schreiben.

Ist es für Dich als kreative Person vom Feeling her anders, ob Du einfach einen guten Song singst bzw. ob Du einen eigenen guten Song singst?

Wenn Du ein Album zusammenstellst, dann willst Du Songs, die zusammenpassen, die gemeinsam ein Bild ergeben. Das ist wirklich schwer zu erreichen. Ich habe massenhaft tolle eigene Songs, die ich liebend gern singen würde, die aber mit dem restlichen Material von »Rise Up« nicht harmoniert hätten. Beim nächsten Mal werde ich zusammen mit den anderen Schreibern darauf bedacht sein, daß sich ein dauerhaftes Bild entwickelt.

Was ist eigentlich so faszinierend an den Frauennamen "Anna"? Bei TOTO gab es ›Rosanna‹, ›Holyanna‹ bzw. einfach nur ›Anna‹ und auf »Rise Up« hast Du nun einen Song namens ›Annalies‹!

Hey, das ist mir noch nie aufgefallen! Der Name scheint einfach gut in Songs zu passen. Ich wählte "Annalies", weil die Frau eines Freundes so heißt und ich den Namen wunderschön finde. Als ich mit Bruce und Guy Allison den Song schrieb, hatten wir Schwierigkeiten herauszufinden, welcher Name an dieser Stelle passen würde und da bemerkte ich, daß "Annalies" perfekt paßt! Also haben wir es einfach getan. Auch "Rosanna" war niemand bestimmtes, sondern David wählte den Namen, weil er an dieser Stelle zur Melodie paßte!

Du verbringst eine Menge Zeit in Deutschland. Was denkst Du über dieses Land?

Ich liebe es hier! Ich verspüre ein Gefühl der Freiheit. ... und ich liebe die Autobahn! In Amerika ist bei 55 Meilen Sense und das ist Scheiße! Alles ist etwas cooler hier. Außerdem liebe ich Euer Bier und die deutschen Frauen sind einfach unerreicht. Aber ich mag ebenso die Landschaft.

Wie siehst Du als Amerikaner, der einen intensiven Kontakt zu Deutschland hat, das Problem des mehr und mehr aufblühenden Neo-Nazismus?

Ich denke, daß das einfach Scheiße ist! Diese Freiheit, die ich gerade eben erwähnt habe, kann ganz schnell verschwinden. Du mußt die Freiheit wie eine Kostbarkeit behandeln, denn sie kann Dir schneller genommen werden, als Du sie gekriegt hast. Diese Leute wollen die Menschen knebeln und unterdrücken und das ist einfach Bullshit! Was ist die Bedeutung des Lächelns? Ich lächele, weil ich Freiheit verspüre, weil ich mich gut fühle, jenseits von verschlossenen Toren und Mauern. Man braucht das, um glücklich zu sein.

Ich möchte unser interessantes Gespräch nicht beschließen, ohne noch einmal auf einen Punkt zurückzukommen, den Du erwähnt hast. Bitte gib' doch nochmal ein Statement zu den Drogenproblemen seinerzeit bei TOTO ab!

Die härteste Droge, die wir nahmen, war Kokain und ich glaube, daß die Drogen unsere Kreativität eingeschränkt haben. Ich habe mich oft gefragt, was wir hätten erreichen können, wenn diese Dinge nicht ins Spiel gekommen wären. Andererseits gab es auch eine verdammt kreative Motherfucker, die ständig auf Drogen waren: Jimi Hendrix, um mal nur ein Beispiel zu nennen. Drogenkonsum muß also nicht unbedingt die Kreativität unterbinden. Jedoch werde ich mich auf keinen Fall für den Gebrauch von Drogen aussprechen! Ich glaube aber, daß TOTO eher an ihrem inneren Konfilkt zerbrochen ist. Es wollten mehrere Leute stets der Kopf der Band sein und das war irgendwann sehr verwirrend, weil es ständig eine andere tonangebende Person gab und wir uns irgendwann fragen mußten, wem wir denn nun Folge leisten sollten.

Bobby, letzte Frage. Es gibt viele wahnsinnig gute Sänger, aber nur die allerwenigsten haben diese Magie in der Stimme wie Du. Wie lautet Dein Geheimrezept?

Oh danke! Ich habe keine Geheimformel. Ich höre wohl die richtigen Dinge; ich habe vielen Sängern zugehört und mir von jedem ein kleines Stückchen abgeschaut und das ist meine Stimme. Ich dachte, "Shit! Du machst nichts Eigenständiges," kam zu TOTO und bemerkte, "Wau! Das klingt einzigartig!" Nein, ich kann keine Tips geben, denn ich mache einfach alles falsch! Ich singe mich beispielsweise nie ein, was total dumm ist und ich weiß es. Ich hatte keine Gesangsausbildung, mal abgesehen von den Chorstunden an der Highschool.

TIEFSTAPLER! So kann nur jemand reden, der genau weiß, daß er eine schlicht übermenschliche Stimme hat und daß er ein wahres Naturtalent ist.
Erschwerend kam während der verstrichenen Minuten hinzu, daß sich Bobby als ein total sympathischer und erfreulicherweise leicht chaotischer Typ herausstellte, mit dem es megamäßig Spaß machte, sich zu unterhalten. So interessierte es auch nicht die Bohne, daß er hin und wieder vom Thema abwich oder sich mal in Sachen "over-statement" betätigte. Faszinierend, wie er zwischendurch in Richtung Philosophie-Vorlesung abdriftete, ohne dabei seine typisch amerikanische Ausdrucksweise ersatzlos zu streichen.
Bleibt also noch der Hinweis auf sein Soloalbum, mit dem Bobby die eigene Formel definitiv erfüllt hat, denn »Rise Up« ist ein bärenstarkes Rockalbum geworden, das hiermit jedem Freund überragender Rockmusik dringendst aufgeschwätzt werden soll! Diesbezüglich gibt es jedoch ein kleines Problemchen: Die Firma MMS, die »Rise Up« veröffentlicht hat, ist mittlerweile eines gewaltsamen Todes gestorben, so daß sich für »Rise Up« ein Blick in die Wühlkisten der Nation lohnt.

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photo: Stefan Glas [Photo 2]

Bobby Kimball im Überblick:
Bobby Kimball – The Hits Of Toto (Rundling-Review von 2001)
Bobby Kimball – ONLINE EMPIRE 1-Interview
andere Projekte des beteiligten Musikers Bobby Kimball:
AKA – News vom 28.04.2009
Frankie Banali – News vom 10.10.2007
Chris Catena – News vom 11.02.2008
Vince DiCola – Only Time Will Tell (Rundling-Review von 2021)
FAR CORPORATION – News vom 21.06.2008
·F·R·O· – plays Classic TOTO Hits (Rundling-Review von 1992)
Kimball/Jamison – News vom 05.01.2011
Man Doki – I Lost My Heart In China (Rundling-Review von 2000)
RADIOACTIVE (S) – Taken (Rundling-Review von 2005)
Chris Catena's ROCK CITY TRIBE – Truth In Unity (Rundling-Review von 2020)
Paul Shortino featuring Jeff Northrup – UNDERGROUND EMPIRE 7-Interview
Paul Shortino/JK Northrup – Back On Track (Re-Release-Review von 2004)
Stuart Smith – Heaven & Earth (Re-Release-Review von 2005)
MICHAEL THOMPSON BAND – News vom 16.03.2008
TOTO – Falling In Between (Rundling-Review von 2006)
TOTO – ONLINE EMPIRE 24-"Eye 2 I"-Artikel: »The Ultimate Clip Collection«
TOTO – News vom 09.06.2008
Playlist: TOTO-Album »Turn Back« in "Playlist Metal Hammer 13-14/90" auf Platz 3 von Stefan Glas
siehe auch: Musik von TOTO im Film "Der Zoowärter"
siehe auch: Musik von TOTO im Film "Dune"
siehe auch: Musik von TOTO im Film "Klick"
siehe auch: Musik von TOTO im Film "MacGruber"
siehe auch: Musik von TOTO in zwei Episoden der zweiten Staffel der TV-Serie "American Dad!"
siehe auch: TOTO-Song ›Africa‹ als Bestandteil der Storyline einer Episode der ersten Staffel der TV-Serie "American Dad!"
UNITED ROCKERS 4U – News vom 08.12.2011
YOSO – News vom 28.05.2010
Michelle Young – Marked For Madness (Rundling-Review von 2002)
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