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ORPHANED LAND
BILOCATE
KLONE
THE MARS CHRONICLES
CONXIOUS

Wien, Reigen

05.10.2013

Es tut wirklich gut zu wissen, daß es auch hierzulande Bands gibt, die nicht nur mit unglaublicher Hingabe und entsprechendem Engagement an ihrer eigenen Karriere basteln, sondern ihren Fans auch weit darüber hinaus immer wieder die Möglichkeit bieten Gigs von ansonsten leider sträflich vernachlässigten Formationen beiwohnen zu können. Das österreichische Paradebeispiel für derlei in Eigenregie organisierte Konzertveranstaltungen sind ganz klar Burschen von CONXIOUS, die Anfang Oktober die quer durch Europa führende "All Is One"-Tour der israelischen Durchstarter ORPHANED LAND für einen Gig in die Bundeshauptstadt lotsen.

CONXIOUS-Liveshot

Logisch, daß sich die Jungs als Veranstalter dabei auch selbst dem Publikum präsentieren wollen und auch zu recht, wie sich schon zu recht früher Stunde an der durchaus positiven Resonanz im Publikum nachvollziehen läßt. Sympathiepunkte erhält das Quartett auch dafür, daß man sich als überaus professionell erweist und erst gar keine "Machtkämpfe" hinsichtlich der Auftrittsreihenfolge inszeniert, sondern ohne weiteres die Rolle des Openers einnimmt. Doch das spielt für zahlreiche Fans der Band überhaupt keine Rolle, denn auch wenn der "Reigen" zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zu einem Fünftel gefüllt ist, läßt sich erkennen, daß CONXIOUS längst über eine treue Fangemeinde verfügen. Ebenso ist zu erkennen, daß sich die Jungs offenbar auch mit den anderen Bands bereits soweit angefreundet haben, daß sich diverse, erst viel später auftretende Musiker ins Auditorium mischen, um sich von der Band, die einmal vom bestens gelaunten, redseligen und sich erneut als talentierter Entertainer präsentierenden Frontmann Michael Reiter angeführt wird, eine amtliche Dosis gepflegten, technisch anspruchsvollen, aber dennoch durchweg auf den Punkt komponierten Prog-Metal abzuholen. Nachvollziehbar also, daß die von Michael zum Finale ›Portrait Of A Lover‹ geforderten Mitsingpassagen schon um diese Zeit ganz gut funktionieren. Bravo!

THE MARS CHRONICLES-Liveshot

Mit "Mitsingen" oder als Soundtrack für eine "Party" hat das Material der danach die Bretter enternden THE MARS CHRONICLES zwar sehr wenig bis gar nichts zu tun, dennoch ernten die Franzosen positive Publikumsreaktionen. Das an sich irgendwo im Grenzbereich zwischen Alternative Rock/Post Metal anzusiedelnde Material der Band läßt sich nämlich nicht nur gut nachvollziehen, es kann auch mit fetten Grooves punkten und ebenso mit diversen technischen Feinheiten (vor allem die Gitarrenfraktion scheint ihren "Petrucci" gut gelernt zu haben!) imponieren. Dennoch ist die Basis eindeutig in entspannt vorgetragener "Post"-Atmosphäre zu verorten, die von zwei Gitarren getragen wird, von der akzentuiert agierenden Rhythmus-Abteilung jedoch immer wieder in unterschiedliche Heftigkeiten gelenkt wird, dabei allerdings zumeist im getragenen Bereich bleibt. THE MARS CHRONICLES liefern definitiv keinen Stoff zum Bangen und Abgehen, können aber dennoch problemlos für zufriedene Gesichter im Auditorium sorgen, zumal sie sich als gut eingespieltes Kollektiv erweisen, daß es offenbar besteht versteht, unterkühlte Atmosphäre auf spannende und dadurch "erwärmende" Weise darzubieten.

KLONE-Liveshot

Ebenfalls aus Frankreich stammen KLONE, deren letztes Album »The Dreamer's Hideaway« für reichlich Aufsehen in der Szene gesorgt hat und nicht nur in der Prog/Death-Fangemeinde, sondern auch weit darüber hinaus goutiert wurde, allerdings auch auf weniger positives Echo gestoßen ist, weil die Herren ihren Bandnamen mitunter doch zu deutlich heraushängen haben lassen. Die Umsetzung des auf Tonträger für mein Dafürhalten doch zu deutlich an TOOL angelehnten Materials gelingt der Truppe jedoch überraschend gut und kommt zudem um eine ganze Ecke brachialer aus den Boxen. Wohl auch deshalb, weil die Formation - die sich auf dieser Tour den Drummer mit ihren Landsleuten THE MARS CHRONICLES teilen (es handelte sich um Morgan Berthet, der auch bei MYRATH spielt und hier den etatmäßigen KLONE-Drummer Florent Marcadet vertrat, der verhindert war. Gleiches galt für KLONE-Bassist Jean Etienne Maillard, für den DWAIL-Gitarrist Julian Gretz einsprang - Stfean) - auf einem unglaublich hohen Energielevel vorträgt und es schafft, die freigewordene Energie ohne Verlust an das Publikum zu transmittieren. Positiv fällt auch Frontmann Yann Ligner auf, zum einen weil vom deftigen Death-Grunt bis hin zum emotionalen Klargesang das gesamte Spektrum draufhat und dieses auch authentisch rüberbringen kann. Zum anderen ist noch viel auffälliger, daß es sich bei Yann um eine echte "Rampensau" handelt, die es sich nicht nehmen läßt, direkten "Körperkontakt" mit den Fans zu suchen und eine Nummer nahezu vollständig aus der Mitte der Zuseher darzubietet und dabei nahezu jeden einzelnen persönlich zum Mitmachen animiert. Doch mit ihm steppt nicht nur vor der Bühne der Bär, auch seine Mitstreiter selbst hüpfen und toben wie irre auf den Brettern. So macht sogenannter "Modern Metal" selbst den ältesten, eingeschworensten "Old School-Freaks" unter den Besuchern Spaß, nicht zuletzt, weil die Gitarristen immer wieder gekonnt "klassische" Riffs in das Soundkorsett einflechten. Mit dem vielumjubelten Björk-Cover ›Army Of Me‹ beenden die Burschen ihre - zumindest für mich überraschend - gelungene Vorstellung, deren "Erfolg" sich schon kurz darauf im Gedränge am Merchandise-Stand äußert.

Apropos: Dort verbringen nicht nur unzählige Fans (oder eben zu solchen gewordene Zeitgenossen) eine gewisse Zeit, um sich am durchaus kostengünstigen wie reichhaltigen Angebot das ideale "Mitbringsel" für zu Hause auszusuchen, sympathischerweise ist ebendort nahezu durchgehend auch irgendjemand von einer der auftretenden Bands anzutreffen, um sich für Photos und Autogrammwünsche zur Verfügung zu stellen, oder auch "nur" um ein wenig "Smalltalk" mit den Fans zu führen. Feine Sache, für die sich alle Formationen Extralob verdienen, denn das ist wahrlich nicht immer so!

BILOCATE-Liveshot

Viele neue Fans gewinnen können auch die aus Jordanien stammenden BILOCATE, die sich als heftigster Act des Abends erweisen. Der von der Truppe selbst als "Dark Oriental Metal" bezeichnete, krude wie harsche, aber dennoch immerzu von dezent exotisch anmutenden Melodien begleitete Mix erweist sich auch als überaus atmosphärisch, diverse Zutaten aus dem Doom, Black und Death Metal lassen aber dennoch in erster Linie Freunde von heftigerer Kost auf ihre Rechnung kommen. So ist es auch kaum verwunderlich, daß erstmals an diesem Abend für "Propelleralarm" gesorgt ist und die Band mehrfach mit Sprechchören angefeuert wird. Angeführt vom zwar grimmig dreinblickenden, aber dennoch bestens gelaunten und zudem reichlich positive Energie ausstrahlenden Frontmann Ramzi Essayed bieten die Jungs einen gelungenen Querschnitt ihres bisherigen Schaffens, bei dem selbstredend das Hauptaugenmerk auf dem aktuellen Dreher »Summoning The Bygones« liegt, und lassen sich noch nicht einmal von einem technischen "Gitarren-K.O." kurz vor dem Ende aus der Ruhe bringen. Nach nur ganz kurzer "Irritation" übernimmt Bassist Hani Al Abadi das Kommando, bittet eine junge Dame aus dem Publikum zum Tanz auf die Bühne und weist zudem auf charmante wie ergreifende Manier darauf hin, worum es dieser "Multi-Kulti-Truppe" (die mittlerweile nicht nur einen Gitarristen aus Israel am Start hat, sondern seit geraumer Zeit auch von einem deutschen Drummer verstärkt wird) geht. Sonderapplaus erhält der gute Mann zum Schluß für seine Worte, die in uns einmal mehr wissen lassen, daß Musik wichtiger ist als jegliche politische Strömung oder Religionszugehörigkeit! Daumen hoch also für BILOCATE, die sich auch live als Band von absolut internationalem Niveau zeigen!

ORPHANED LAND-Liveshot

Auf einem solchen agiert der Headliner zwar schon seit längerer Zeit, dennoch steht es außer Frage, daß ORPHANED LAND mit ihrem aktuellen Dreher »All Is One« einen weiteren gehörigen Popularitätsschub erhalten haben. Kein Wunder, schließlich erweist sich das gute Stück als wahre "Wundertüte" an feinen Melodien, die perfekt in das - mittlerweile nur noch gelegentlich gen Todesmörtel tendierende, aber immer noch mächtig heftig klingende - Material eingeflochten werden konnten. Die neuen Songs haben ihre Live-Tauglichkeit im Laufe der letzten Monate zwar schon mehrfach und in verschiedenen Ländern unter Beweis gestellt, Wien jedoch darf zum ersten Mal daran teilhaben und tut dies auf unüberhörbar wie unübersehbar begeisterte Weise. So geht das Publikum schon im Laufe des feinen Eröffnungsdoppelschlages ›Through Fire And Water‹ und ›All Is One‹ ordentlich steil und frißt der Band danach regelrecht aus der Hand. So ist es ein Leichtes für den in einem Kaftan und barfuß über die Bühne tänzelnden Frontmann Kobi Fahri, die Meute die gesamte Spielzeit über bei Laune zu halten und zum Mitmachen zu animieren. Egal, ob er nun möchte, daß man ihn und seine Jungs bei den Gesängen (›Sapari‹) unterstützt, oder er zum kollektiven Händewinken (›Children‹) aufruft, Wien ist Teil der Performance und gibt sich im Kollektiv der soundtechnisch perfekt umgesetzten orientalischen Metal-Melange der Band hin. Zwar hätte der "Reigen" wohl durchaus noch eine gute Hundertschaft an Zusehern mehr aufnehmen können, die Stimmung wird jedoch auch von den geschätzten knapp 200 Zusehern die gesamte Spielzeit über am Siedepunkt gehalten. Ihre Einstellung "Musik ist unsere Religion" wird vor allem im unglaublich intensiv dargebotenen ›Brother‹ ausdrücklich unter Beweis gestellt, als sich der jordanische Palästinenser Ramiz zu seinen "Brüdern" im Geiste auf die Bretter begibt, um mitzumachen. Wunderschöne Geste, die für Gänsehaut sorgt!
Doch bei aller Ernsthaftigkeit, mit der ORPHANED LAND ihre Message zu verkünden wissen und dafür auch den gebührenden Respekt einheimsen, läßt uns Kobi kurz vor dem Ende auch wissen, daß er sehr wohl auch ein klassischer Rock'n'Roll-Entertainer mit Spaß an der Sache ist. Anders läßt sich seine Ansage während des letzten Stücks ›Norra El Norra‹ nämlich nicht erklären, als er darauf hinweist, daß der Gig nun bald zu Ende sein müßte, er uns aber noch etwas anzubieten hätte, was er auf schelmisch grinsende Art mit den Worten "As you know I'm jewish, I have to offer you a deal" tut, und die Fans bittet, ein letztes Mal alles zu geben und mitzumachen. Zweimal bitten muß der Kerl die Meute auch gar nicht, denn der "Reigen" steht förmlich Kopf und singt lautstark mit!
Das war ganz großes Metal-Kino, meine Herren, dankeschön! Wobei zum Abschluß noch hinzuzufügen bleibt, daß sich auch ORPHANED LAND als unglaublich fannah erweisen und sich schon wenige Minuten nach dem Ende ihres Auftritts unters Volk mischen. So muß das sein!


Walter Scheurer

Photos: Walter Scheurer


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