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  UE-Home → History → Online Empire 54 → Interview-Übersicht → PRIPJAT-Interview last update: 12.08.2022, 06:52:50  

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Mit harschen und kompromißlosen, aber dennoch gutgemachten und eingängigen Thrash Metal-Keulen haben im letzten Jahr vier Jungspunde aus dem Raum Köln auf ihrem ersten Demo mit dem Titel »Liquidators« erstmals aufhorchen lassen. Darüber hinaus blieben die Burschen aber auch aufgrund ihres doch recht ungewöhnlichen Bandnamens in Erinnerung, schließlich benannten sie das Unternehmen nach der durch den Reaktorunfall von Tschernobyl zur Geisterstadt gewordenen Arbeiterstadt PRIPJAT.
Führt man sich die Hintergründe jedoch zu Gemüt, erschient die Namenswahl fast logisch, schließlich stammen mit Gitarrist Eugen Lyubavskyy und seinem auch das Mikro bedienenden Klampfen-Kumpanen Kirill Gromada zwei Bandmitglieder ursprünglich aus der Ukraine, die jedoch erst hierzulande zueinander fanden, um in weiterer Folge auch die Band aus der Taufe zu heben. Eugen erhielt daher auch die "Aufgabe", uns einige Infos zum Thema preiszugeben, was er auch bereitwillig und binnen kürzester Zeit erledigte.

PRIPJAT-Bandphoto 1

Wann seid Ihr nach Deutschland gekommen?

Ich war 10, Kirill schon etwas älter. Da er aber jünger ist als ich, kamen wir ziemlich zeitgleich an. Wir sind also schon eine Weile hier und fühlen uns wohler als irgendwo sonst.

Wie seid Ihr beiden eigentlich zusammengekommen, um eine Band zu gründen?

[Lacht] Das ist fast schon ein Klischee. Ich kannte Kirill bis zur Bandgründung nicht, obwohl wir beide aus Kiew kommen. Ab und an bin ich ihm in Köln beim Feiern über den Weg gelaufen. Bei einem dieser "bierlastigen" Treffen quatschte er mich an, ob ich nicht ein Instrument spielen würde, und das tat ich tatsächlich. Als er mir dann mit "Laß uns mal 'ne Thrash-Band gründen!" ankam, hab ich ihn nicht ganz für voll genommen, ging aber trotzdem ich in den Proberaum, einfach um zu schauen, was passiert. Und es passierte direkt eine Menge! Da waren zwar nur Kirill, Bobo, unser Drummer und ich, doch schon nach einer Stunde stand der erste Song ›Liquidators‹ - auch wenn dieser noch keinen Namen hatte, ebensowenig wie auch die Band selbst. Aber das "Riffen" ging uns einfach ganz locker von der Hand. Wir standen nur da, zockten und grinsten uns ununterbrochen an. Das schönste Gefühl, das eine junge Band nur haben kann.

Weshalb eigentlich der ungewöhnliche, aber auch unmißverständliche Bandname?

Oh, Mißverständnisse gibt's dazu genug, oder zumindest Unverständnis. Ich muß zugeben, daß mich die Tschernobyl-Thematik schon immer stark fasziniert und betroffen hat - eigentlich schon vor meiner Geburt, denn der Reaktor explodierte kurz vor meiner Geburt. Meine Mutter hatte natürlich große Angst, denn Kiew, das etwa 130 Kilometer von Tschernobyl entfernt ist, liegt weniger als 100 Kilometer vom damaligen Wohnort meiner Familie entfernt. Die Behörden hatten damals schön auf stumm geschaltet und die Menschen dadurch logischerweise total verunsichert. Also flog sie zu ihrer Verwandtschaft nach St. Petersburg, wo ich dann geboren wurde, obwohl das nicht so geplant war. Nicht zuletzt deshalb hat mich das ganze Thema wohl auch weiterhin stark fasziniert. Und übrigens: Wenn ihr jemals in Kiew sein solltet, besucht unbedingt das Tschernobyl-Museum, es ist schön und bedrückend zugleich. Was die Wahl des Bandnamens angeht, hatte ich eine Liste mit Namen in den Proberaum geschleppt und, wir einigten uns auf PRIPJAT, da das einfach in jeder Hinsicht paßte. Die Hälfte der Band stammt aus der Ukraine, und atomare Explosionen und Geisterstädte erschienen auch passend für Heavy Metal. Auf Platz 2 der Liste stand übrigens NUCLEAR CHAINSAW, jedoch haben wir bald entdeckt, daß es eine Band dieses Namens schon in Italien gibt, und die sehen nicht nur genauso aus wie wir, die Jungs machen dazu auch noch Thrash Metal! Metaller sind offenbar überall auf dieser Welt gleich bescheuert. [lacht]

Hattet Ihr im Sinn, die Metalfans hierzulande auf diese Weise noch einmal auf diese Tragödie aufmerksam zu machen?

Ja, absolut. Wir sehen uns natürlich nicht als eine Umweltschutzorganisation, aber mir persönlich war es schon wichtig, dieses vergessene Thema wenigstens ein bißchen ins Gespräch zu bringen. Wir haben gleich drei Songs, die sich unmittelbar mit der Katastrophe beschäftigen. ›Liquidators‹ erzählt die Geschichte der zum Tode verurteilten Helfer, die in den ersten Stunden der Reaktorexplosion geholfen haben. Diese armen Schweine mußten brennendes Graphit mit bloßen Händen vom Dach schaufeln. Die durften da für zehn Sekunden hoch, schmissen einen Brocken runter und rannten zurück. Und das war auch schon das Todesurteil. Keine Wunder, daß die erste Schicht wenige Wochen später an den Auswirkungen der Strahlen verstarb. Sehr viele weitere folgten, auch wenn die genauen Zahlen bis heute Staatsgeheimnis sind, obwohl es die Sowjetunion lange nicht mehr gibt.
Im Song ›Acid Rain‹ geht es um Weißrußland. Dort hat man damals wegen der Windrichtung das meiste an Strahlung abbekommen und wurde damit alleingelassen. Da wurde teilweise meilenweit Erde aufgeschüttet, um das kontaminierte Zeug untenzuhalten. ›Sons Of Tschernobyl‹ schließlich handelt von der Generation nach dem Unfall, also von uns. Wir haben immerhin das Glück keine offensichtlichen Schäden abbekommen zu haben, doch bei vielen Menschen ist das ganz anders, deshalb halte ich die Augen stark nach Krebssymptomen offen.

Eurer Thrash Metal kommt generell mit "Message" rüber - war das von Beginn an eine Intention?

Ja, ich denke schon. Wir sind aber nicht wirklich durchweg ernste Zeitgenossen. Die meiste Zeit über haben wir einfach sehr viel Spaß zusammen, lachen und machen Quatsch. Auf der Bühne wollen wir aber etwas fühlen, und das geht nun mal nicht mit Songs über Bier und Titten - obwohl beides großartige Themen sind. [lacht] Wir spielen sehr aggressive Musik, und dazu braucht man einfach passende Texte. Ich mag Bands mit belanglosen Lyrics nicht. Klar, daß nicht jeder versteht, was Kirill ihm da entgegenbrüllt, aber es ist doch immer geil, wenn man die Musik einer Band mag und bei näherer Beschäftigung merkt, daß die sich den Kopf über den Inhalt ihrer Songs zerbrochen haben. Trotzdem haben wir auch Spaßsongs wie ›Toxic‹ am Start, in dem es um den Spaß auf der Bühne, das Übertragen der Energie auf die Fans und das gemeinsame "völlig am Rad drehen" geht.

PRIPJAT-Headline

Bestehen Kontakte zu Bands in der Ukraine?

Leider noch nicht. Wir sind als Band ja noch relativ neu und setzen aktuell 100 Prozent auf das Live-Spielen. Daher haben wir erst mal auch überwiegend Kontakt zu deutschen Bands, obwohl wir auch schon sehr viele, nette Musiker aus anderen Ländern kennengelernt haben. Wir zählen uns jedoch weder zur deutschen, noch zur ukrainischen Szene, sondern einfach zu den Thrashern dieser Welt. Genau, wir machen "Global Metal"!

Seid Ihr mit den Resonanzen auf Euer Demo zufrieden gewesen?

Oh ja, das war großartig. Wir haben das Glück, daß sich Kirill gut mit den Themen "Sound" und "Produktion" auskennt, und so hat er uns auch einen mehr als nur passablen Sound gebastelt, für ein Demo zumindest. Für dieses haben wir in der Tat durchweg positive Beurteilungen bekommen. Die Highlights waren natürlich die Reviews auf metal.de, im LEGACY-Magazin und, daß uns sogar ROCK HARD-Chef Götz sein Wohlwollen ausgesprochen hat. Für so ein Vier-Track-Ding ganz ordentlich.

Ein Review im HEAVY war übrigens auch noch angedacht, doch leider... Egal, wie sieht es denn mit einem Nachfolger für »Liquidators« aus?

Auch da sieht es - dank Kirill - ziemlich gut aus, denn er macht im Moment eine Ausbildung im "Golden Factory"-Studio in Köln, und wir durften dieses für unsere Aufnahmen mitbenutzen. Unser Debut »Sons Of Tschernobyl« ist daher auch schon weitestgehend im Kasten und knallt jetzt schon ordentlich. Wir haben das Glück, uns auf keine Verträge einlassen zu müssen und werden wie bisher alles im Alleingang erledigen, worauf wir sehr stolz sind. Wir hoffen sehr, daß es spätestens im Winter soweit sein wird und wir mit dem Album startklar sein können. Ob wir es dann selbst promoten oder nicht, steht aber noch nicht fest.
Sollte sich also jemand angesprochen fühlen und Interesse haben - wir hören uns gerne jedes Angebot an. Bis dahin gibt es aber Wichtigeres zu tun, nämlich die Bühnen dieser Welt abzurocken!
In diesem Sinne, Leute: "Thrash Till Death" - wir sehen uns im Pit!

http://www.facebook.com/pripjatband

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Walter Scheurer

Photo: zuggamasta.de

PRIPJAT im Überblick:
PRIPJAT – Liquidators (Do It Yourself-Review von 2012)
PRIPJAT – Sons Of Tschernobyl (Rundling-Review von 2014)
PRIPJAT – ONLINE EMPIRE 54-Interview
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