UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
  UE-Home → History → Online Empire 51 → Interview-├ťbersicht → MYRATH-Interview last update: 15.06.2021, 22:00:11  

MYRATH-Logo

MYRATH-Headline

2011 war ein Jahr massiver Ver├Ąnderungen in der arabischen Welt, wo die von Unterdr├╝ckung gebeutelten Menschen mehr Freiheit entgegenstreben. Auch in metallischer Hinsicht haben diese L├Ąnder immer mehr zu bieten, wobei eine Band gerade dabei ist, sich vom Geheimtip zum angesagten Act zu entwickeln: MYRATH!
Da die Truppe in ┬╗Tales Of The Sand┬ź ein tolles Werk vollendet hat, auf dem man progressiven Metal mit Elementen einheimischer Musik kombiniert, war es an der Zeit, diesem Ph├Ąnomen aus Tunesien etwas nachzugehen.

MYRATH-Bandphoto 1

Die Band hie├č zun├Ąchst XTAZY. Warum hattet Ihr seinerzeit diesen Namen gew├Ąhlt und warum seid Ihr seiner ├╝berdr├╝ssig geworden?

Malek Ben Arbia: Als wir die Band 2001 gr├╝ndeten, hatte der Name XTAZY einen Bezug zu der Freude und den Spa├č, den Menschen versp├╝ren, wenn sie Musik h├Âren. Wir waren damals noch Teenager - zwischen 13 und 15 Jahren, um genau zu sein - und als wir ├Ąlter wurden, fanden wir heraus, da├č es eine Droge namens Ecstasy gibt, was uns offenkundig nicht gefallen hat. Wir wollten nat├╝rlich nicht, da├č die Leute uns mit einer illegalen Substanz in Verbindung bringen, so da├č der Namenswechsel unumg├Ąnglich war.

Warum habt Ihr Euch dann f├╝r MYRATH entschieden, was das arabische Wort f├╝r "legacy" ist?

Elyes Bouchoucha: Die Umbenennung fand 2006 statt. Wir w├Ąhlten diesen Namen, um auf unsere Herkunft hinzuweisen und uns von anderen Bands abzugrenzen. Da uns allen das Wort "legacy" gefiel, nahmen wir einfach das entsprechende arabische Wort. Zudem entschieden wir uns f├╝r diesen Namen als einen Tribut an die musikalische Hinterlassenschaft unserer Vorfahren. Letzten Endes lernt jeder Musiker zun├Ąchst mal von anderen Musikern, und dann beginnt er, seine eigene Musik zu schaffen.

Welche Bedeutung kommt dem Symbol zu, das man hinter Eurem Logo ersp├Ąhen kann?

Anis Jouini: Dabei handelt es sich ganz einfach um ein Symbol f├╝r den Buchstaben M - f├╝r MYRATH.

Euer selbstproduziertes Album ┬╗Double Face┬ź vom M├Ąrz 2005 und der Nachfolger ┬╗Hope┬ź, im September 2007 via BRENNUS MUSIC erschienen, erhielten keinen so gro├čen Verbreitungsgrad wie Euer 2010er Album ┬╗Desert Call┬ź und nun der Nachfolger ┬╗Tales Of The Sands┬ź. Wie w├╝rdet Ihr die Alben vergleichen und Eure musikalische Entwicklung beschreiben?

Malek Ben Arbia: Als wir ┬╗Double Face┬ź eigenverantwortlich produzierten, waren wir noch Teenager im Alter zwischen 17 und 19 Jahren. Es waren unsere ersten Kompositionen und die ersten Erfahrungen, die wir im Studio sammelten. Zudem war der Einflu├č von SYMPHONY X omnipr├Ąsent, was aber wohl normal sein d├╝rfte f├╝r eine Band, die als SYMPHONY X-Coverband begonnen hatte und die ersten beiden Jahre ihrer Existenz nicht anderes gemacht hatte, als deren St├╝cke zu spielen.
Unser Erstlingswerk ┬╗Hope┬ź ist sehr technisch und progressiv, hat einen neoklassischen Einschlag, aber zugleich hatten wir damals schon begonnen, tunesische Melodien, Tonleitern oder Harmonien zu verwenden.
Bei ┬╗Desert Call┬ź legten wir mehr Schwerpunkt auf die Verkn├╝pfung von progressivem Power Metal und traditioneller tunesischer Musik, um einen eigenen Stil zu entwickeln und die Sch├╝tzenhilfe von unseren Lieblingsbands zu reduzieren.
┬╗Tales Of The Sands┬ź reflektiert die Erfahrungen und die Reife, die wir ├╝ber die Jahre erlangt haben. Dies ist nun jene Art von Prog-Power-Oriental-Metal, den wir von Anfang an entwickeln wollten, und der hoffentlich das Markenzeichen von MYRATH wird.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Progressive Metal mit mittel├Âstlichen Einfl├╝ssen zu verbinden?

Zaher Zorgati: Wenn wir komponieren, gehen wir es so ungezwungen wie m├Âglich an und lassen uns von unserer Inspiration leiten, so da├č jeder Song von Herzen kommt. Wir versuchen niemals, krampfhaft und stereotyp Musik zu fabrizieren, was wohl der Grund daf├╝r ist, da├č unsere Songs auch innerhalb eines Album so verschieden sind.
Die Idee, tunesische Elemente in die Musik einzubauen, ist ein Teil dieses nat├╝rlichen Kompositionsprozesses, der ├╝ber die Jahre gereift ist, wie Malek zuvor schon ausgef├╝hrt hat.

Inwiefern waren die Besetzungswechsel, die dazu gef├╝hrt haben, da├č Malek heute das letzte Gr├╝ndungsmitglied ist, f├╝r diese Entwicklung n├Âtig?

Elyes Bouchoucha: Zwischen 2001 und 2004 bestand die Band einfach nur aus guten Freunden, die aus Spa├č an der Freude Songs gecovert haben. Als Malek sich dann entschied, ernsthaft Musik zu machen, konnten drei der anderen Mitglieder einfach nicht mithalten, was die harte Arbeit angeht, die n├Âtig war, so da├č sie im Zeitraum von etwa einem Jahr einer nach dem anderen ersetzt wurden.
Seit sich Zaher uns 2007 angeschlossen hat, war das Line-up unver├Ąndert, allerdings mu├čten wir neulich Piwee Desfray als Ersatz f├╝r unseren ehemaligen Drummer Seif Louhibi anheuern.
Ich denke, es ist ein ganz normaler Proze├č, den eine Teenage-Coverband auf ihrem Weg zu einer professionellen Karriere in der internationalen Metalszene durchlaufen hat.

Warum habt Ihr Euch bei Eurer letzten Besetzungs├Ąnderung f├╝r einen franz├Âsischen Musiker und nicht f├╝r einen aus Eurer Heimat entschieden? Zudem spielt Piwee auch bei HEAVENLY, die zwar nicht mehr hyperaktiv sind, aber sind da nicht schon irgendwelche Zeitprobleme vorprogrammiert?

Anis Jouini: Wir entschieden uns f├╝r Piwee nachdem wir etliche Drummer ausprobiert hatten, die gro├čteils aus Frankreich und Belgien stammten. ├ťber einen tunesischen Schlagzeuger dachten wir nicht ernsthaft nach, weil uns niemand einfiel, der unseren Anspr├╝chen gen├╝gte. Es gibt in Tunesien n├Ąmlich nicht viele herausragende Drummer.
Zudem war es recht einfach, einen Drummer aus Europa auszuw├Ąhlen, denn es ist unser Ziel, eine internationale Karriere anzusteuern und vornehmlich in Europa und anderen westlichen L├Ąndern zu spielen, wo die Metalszene besser entwickelt ist als in Tunesien und anderen arabischen L├Ąndern.

MYRATH-Bandphoto 2

Die meisten von Euch sind studierte Musiker; Malek studierte beispielsweise an der "Music Academy International" in Nancy. Wie wichtig ist diese Ausbildung f├╝r Euch. K├Ânnte man sagen, da├č der progressive Teil Eurer Musik eher vom Studium kommt, w├Ąhrend die orientalischen Elemente eher von Intuition, Feeling herr├╝hren?

Malek Ben Arbia: Eine musikalische Ausbildung ist sehr wichtig, denn man mu├č einfach die Grundlagen der Musiktheorie kennen, um sich in kompositorischer als auch spielerischer Hinsicht verbessern zu k├Ânnen. Aber unsere Musik kommt generell vom Herzen; es ist eine Kombination aus Erlerntem, dem Einflu├č der westlichen Musik, mit der wir aufgewachsen sind, und dem orientalischen Einflu├č, der auf unsere Herkunft zur├╝ckzuf├╝hren ist.

In optischer Hinsicht sowie mit den letzten beiden Albumtiteln deutet Ihr ganz klar auf Eure tunesische Abstammung hin. Ich glaube gerade, da├č das neue Cover, auf dem eine verschleierte Dame auf einem Kamel steht, neben dem ein Pfad aus Teppichen durch die W├╝ste f├╝hrt, ganz besonders diesem Zweck dient. Was wollt Ihr mit diesem Cover ausdr├╝cken?

Zaher Zorgati: Wir sind sehr stolz auf das Artwork, das von einem Landsmann gemacht wurde: Es stammt von dem talentierten K├╝nstler Bader Klidi, der gerade seinen Abschlu├č an der tunesischen Kunstuniversit├Ąt gemacht hat. Mehr Infos ├╝ber ihn findet Ihr auf seiner Facebook-Seite.
Wir k├Ânnen uns nicht entsinnen, da├č ein Artwork mal so viel Lob erhalten hat. Generell m├Âchten wir gern, da├č jeder Betrachter seine eigene Bewertung findet, aber die grundlegende Idee hinter der Dame, die auf dem Kamel steht, ist die Mixtur zweier Kulturen, die sich auch in unserer Musik vermischen: Die Dame repr├Ąsentiert den Westen, die moderne Welt, w├Ąhrend das Kamel f├╝r die traditionelle arabische Kultur steht.

Inwieweit spiegelt sich dies auch in Euren Texten wider?

Elyes Bouchoucha: Unsere Songs drehen sich um aktuelle Themen wie Liebe, Ha├č, Betrug, Hoffnung, Leid, Krieg, etc. Einige Verse sind auf Arabisch verfa├čt, um an unsere Herkunft zu erinnern.
Um dies etwas zu pr├Ązisieren, kann ich Dir ein paar Beispiele anrei├čen: ÔÇ║Time To GrowÔÇ╣ wurde durch den schnellen Wachstum unserer Band in den letzten Jahren inspiriert. ÔÇ║Braving The SeasÔÇ╣ basiert auf der Geschichte von Tunesien. Viele Menschen scheinen zu vergessen, da├č im Laufe der Jahrhunderte in unserem Land mehrere Zivilisationen bis zur├╝ck zum R├Âmischen Imperium gekommen und gegangen sind. Daher fanden viele Piratengeschichten und die zugeh├Ârigen Seeschlachten an der tunesischen Gestaden und in unserem Teil des Mittelmeeres statt. ÔÇ║Apostrophe For A LegendÔÇ╣, das als Bonustrack auf der Pressung des amerikanischen Labels NIGHTMARE RECORDS dient, ist Ronnie James Dio gewidmet: Wir schrieben den Song in der Nacht, als wir die furchtbare Nachricht von seinem Tod vernahmen. Da es ein Tribut an ihn sein soll, ist es ein typischer 80er Heavy Metal-Song.

Was gibt es zum Video f├╝r den Song ÔÇ║Merciless TimesÔÇ╣ zu sagen? Dank der altbekannten Probleme zwischen YouTube und der GEMA k├Ânnen wir das gute St├╝ck hierzulande nicht genie├čen.

Anis Jouini: Der Song handelt von einem Mann, der mit seiner Vergangenheit k├Ąmpft. Im Video gibt es verschiedene Referenzen gen Tunesien wie die W├╝ste, die Dame oder Zaher, der angezogen ist wie der Prinz von Persien.
Ich m├Âchte noch hinzuf├╝gen, da├č der Clip in der tunesischen Stadt Sousse im September 2011 mit den Mitteln, die uns zur Verf├╝gung standen, gedreht wurde. Unser S├Ąnger Zaher schrieb das Drehbuch zusammen mit einem jungen Produzenten, der zugleich einer seiner besten Freunde ist. Wir benutzten unsere eigenen Kameras, so da├č wir viele Einstellungen mehrfach drehen mu├čte, um sie aus verschiedenen Winkeln festhalten zu k├Ânnen. Leider hatten wir n├Ąmlich nur zwei Kameras zur Verf├╝gung. Nachdem die Dreharbeiten beendet waren, war unser Gitarrist Malek f├╝r den Schnitt und die Effekte zust├Ąndig.

MYRATH-Bandphoto 3

MYRATH-Bandphoto 4

In der Mitte des CD-Booklets befindet sich ein Photo, auf dem Zaher eine Flagge mit dem MYRATH-Symbol schwenkt. Es gab aber auch eine Vorg├Ąngerversion, die man beispielsweise auf Eurer MySpace-Seite sieht, wo stattdessen die tunesische Flagge zu sehen war, vor der Euer Ex-Drummer Seif in Milit├Ąrklamotten gekleidet salutiert. Jetzt habt Ihr Piwee an seiner Stelle reinretouchiert und die Flagge ge├Ąndert. Was waren die Gr├╝nde f├╝r die erste Version der Bildes - vor allem vor dem Hintergrund der politischen Vorg├Ąnge in Eurer Heimat - und warum habt Ihr es ge├Ąndert?

Zaher Zorgati: Nun, die Photos waren direkt nach dem Aufstand am 14. Januar 2011 geschossen, und wir wollten damit der tunesischen Revolution Tribut zollen. Zu diesem Zeitpunkt war Seif noch unser Drummer. Als er die Band verlassen hatte, konnten wir es uns leider nicht leisten, Piwee hier runterzufliegen, um das Photo nochmal aufzunehmen, so da├č nur die Option bestand, ihn in das Photo reinzuretouchieren.
Das Photo ist sehr wichtig im Hinblick auf die Symbolik f├╝r den Geist der Ver├Ąnderung, den wir in die Metalszene bringen wollen, ├Ąhnlich wie die tunesische Revolution einen wichtigen Z├╝ndfunken f├╝r den Arabischen Fr├╝hling darstellte; daher legten wir das MYRATH-Symbol ├╝ber die tunesische Flagge.

Nat├╝rlich kommen wir auch an einigen politischen Fragen nicht vorbei: Es gab riesige Ver├Ąnderungen in Eurem Heimatland, seit sich im Dezember 2010 Mohamed Bouazizi selbst in Brand steckte und damit das ausl├Âste, was mittlerweile den Namen Jasminrevolution erhalten hat. Wie habt Ihr die Revolution in Tunesien miterlebt? Habt Ihr an den Demonstrationen teilgenommen?

Malek Ben Arbia: Wie jeder andere Tunesier unseres Alters nahmen wir alle an der denkw├╝rdigen Demonstration vom 14. Januar 2011, die zum Sturz der Diktatur f├╝hrte und den arabischen Fr├╝hling befl├╝gelte, teil.
Wir haben auch einige schlaflose N├Ąchte verbracht, um unsere Nachbarschaft w├Ąhrend der Periode von Unsicherheit, Machtvakuum und Ungewi├čheit, die dem Sturz des Regimes folgte, zu besch├╝tzen. Das Ger├Ąusch von Kugeln, die w├Ąhrend der letzten Wochen die Stille der Nacht zerrissen, wirkten sehr unwirklich in einem friedlichen Land wie Tunesien.
Gl├╝cklicherweise dauerte diese Gewaltphase nicht allzu lang, da der Wille des Volkes ├╝berw├Ąltigend war, so da├č das Milit├Ąr des alten Regimes schnell besiegt war und die Ordnung wiederhergestellt werden konnte.

Was erhofft Ihr Euch nach der Revolution - f├╝r Euer Land, f├╝r Euch pers├Ânlich und f├╝r Euch als Musiker?

Anis Jouini: F├╝r mein Land w├╝nsche ich mir Demokratie, Freiheit und Achtung der Menschenrechte, wie es in den westlichen L├Ąndern der Fall ist. F├╝r mich und meine Band erhoffe ich mir die Freiheit, Texte f├╝r unsere Musik schreiben zu k├Ânnen, ohne dabei Einsch├╝chterung oder Zensur bef├╝rchten zu m├╝ssen. Allerdings beabsichtigen wir weiterhin, eine Metalband ohne politische Message zu bleiben. Ich hoffe, da├č die neue Regierung alle Musiker gleich behandeln wird und Metalbands genauso f├Ârdern wird wie andere tunesische Musiker.

In der Zwischenzeit hattet Ihr die ersten Wahlen, bei der die islamistische Partei Ennahda von Rachid al-Ghannouchi, der zwei Jahre in London im Exil war und nach Tunesien zur├╝ckkehrte, als Euer langj├Ąhriger Pr├Ąsident Zine el-Abidine Ben Ali von seinen ├ämtern zur├╝cktrat, mehr als 40 Prozent der Stimmen bekommen hat. Mittlerweile gibt es einige Stimmen, die bef├╝rchten, da├č als Konsequenz des Arabischen Fr├╝hlings in vielen L├Ąndern radikale Islamisten an die Macht kommen k├Ânnten.
Wie seht Ihr diesen Sachverhalt? Wie stuft Ihr die islamistische Ennahda-Partei ein?

Elyes Bouchoucha: Nun ja, das ist nat├╝rlich die Kehrseite der Demokratie, da├č der Gro├čteil der W├Ąhler sich einer extremistischen Partei anschlie├čen kann. Wir sind auf alle F├Ąlle nicht besorgt, da├č die islamistische Partei die Wahl gewonnen hat, weil sie nicht gen├╝gend Sitze haben, um allein zu regieren. Also m├╝ssen sie eine Koalition mit demokratischen Parteien eingehen, um eine Regierung stellen zu k├Ânnen. Das d├╝rfte wohl der Hauptgrund sein, weshalb sie sich weitgehend zur├╝ckgehalten haben und sich zumindest ├Âffentlich sehr gem├Ą├čigt ├Ąu├čern. Zudem sollte man bedenken, da├č eine islamistische Partei an der Macht nicht automatisch mit Extremismus gleichzusetzen ist, wie man an der T├╝rkei sieht.
Die islamistische Partei gewann also 40 Prozent der Stimmen, aber 60 Prozent gingen an demokratische Parteien. Zudem lag die Wahlbeteiligung nur bei 52 Prozent, was bedeutet, da├č 48 Prozent der Bev├Âlkerung nicht w├Ąhlen gegangen sind, was auf die Propaganda und die unlauteren Machenschaften seitens der islamistischen Partei zur├╝ckzuf├╝hren sein k├Ânnte.
In etwa einem Jahr wird es neue Wahlen geben, und ich bin mir sicher, da├č die islamistische Partei verlieren wird, weil die Menschen schon bald herausfinden werden, wie sie mit L├╝gen und leeren Versprechungen mehr als eine Million W├Ąhler eingelullt haben.
Man sollte bedenken, da├č Tunesien immer ein friedliebendes Touristenland gewesen ist und das auch bleiben wird, so da├č die meisten Tunesier sehr demokratisch eingestellt sind und anderen Kulturen gegen├╝ber sehr offen sind. Sie werden niemals ein islamistisches Regime dulden, sondern vielmehr eine neue Revolution beginnen, wenn dies n├Âtig sein sollte.

Welche Chancen gebt Ihr der Demokratie in Eurer Heimat, denn Demokratie ist etwas, mit dem die Menschen umgehen lernen m├╝ssen. Wenn man einen Blick auf die deutsche Geschichte wirft, f├╝hrte die erste demokratische Phase, die Weimarer Republik, dazu, da├č Adolf Hitler und seine Naziverbrecher die Macht an sich rissen. Deswegen sagt man oft, da├č die Weimarer Republik eine "Demokratie ohne Demokraten" war. Wie seht Ihr den Demokratisierungsproze├č in Tunesien?

Zaher Zorgati: Ich kann Bedenken seitens des Westen durchaus verstehen, aber was beispielsweise im Iran passiert ist, wird in Tunesien niemals passieren, weil ein Gro├čteil der Menschen hier weltoffen und keine religi├Âsen Fanatiker sind. Zudem ist Tunesien ein kleines Land, das quasi keine nat├╝rlichen Ressourcen hat, so da├č wir sehr vom Tourismus abh├Ąngig sind. Wenn also die Touristen Tunesien boykottieren w├╝rden, g├Ąbe es eine riesige Wirtschaftskrise, die zu einem neuen Aufstand f├╝hren w├╝rde.
Letztendlich kommt es den meisten Tunesiern darauf an, da├č sie einen Job haben und da├č es ihnen gut geht. Wenn dies nicht der Fall ist, dann werden sie die Regierung zu Fall bringen. Genauer gesagt gibt es seit dem Wahlsieg von Ennahda schon eine Menge Streiks und Demonstrationen.
Die momentane Regierung wird etwa ein Jahr an der Macht sein, jene Zeit, die notwendig ist, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Dann werden die Wahlen abgehalten, die am wichtigsten sind, in denen ein Parlament sowie der Pr├Ąsident f├╝r die n├Ąchsten f├╝nf Jahre gew├Ąhlt wird. Ich bin mir sicher, da├č Ennahda diese Wahl nicht gewinnen wird - vor allem wenn das Problem der Wirtschaftskrise in Tunesien ungel├Âst bleibt.

MYRATH-Bandphoto 5

Seht Ihr Euch selbst als eine Art von Botschafter f├╝r das "neue" Tunesien?

Malek Ben Arbia: Wir denken schon, ganz einfach weil MYRATH die einzige tunesische Band ist, die bei einem internationalen Label unter Vertrag steht und es geschafft hat, weltweit Aufmerksamkeit und Respekt zu erhalten. Wir werden oftmals als der "Stolz des Arab-Metal" bezeichnet.

Wie wichtig ist Religion f├╝r Euch? 98 Prozent der Bev├Âlkerung Tunesiens sind Muslime, und Islam ist die Staatsreligion. Praktiziert Ihr Euren Glauben?

Anis Jouini: Ja, wir sind alle Moslems, und wir sind stolz auf unsere Religion, genauso wie es andere Menschen auf der Welt auf ihren Glauben sind. Wir sind sehr gem├Ą├čigte Moslems und weit davon entfernt, religi├Âse Fanatiker zu sein. Wir respektieren unsere Religion, aber wir ├╝ben sie nicht vollst├Ąndig aus; so gehen wir beispielsweise nicht in die Moschee.
Wir glauben, da├č Religion eine pers├Ânliche Angelegenheit sein sollte, und wir respektieren den Glauben anderer Menschen. Letzten Endes erben die meisten Menschen ihre Religion doch von ihren Eltern und vom Land, in dem sie geboren wurden.

Ihr geht in wenigen Tagen mit ORPHANED LAND auf Tour, so da├č ich mal vermute, da├č Ihr als arabische Band - im Gegensatz zu MASSIVE SCAR ERA - keine Vorbehalte gegen├╝ber einer j├╝dischen Band habt. Liege ich da richtig?

Zaher Zorgati: Die Tour wurde von K-PRODUCTION aus Frankreich organisiert, die uns die Chance gaben, Teil dieser Oriental Metal-Tour mit ORPHANED LAND und ARKAN zu sein, die wir nat├╝rlich nicht ablehnen konnten, da wir immer noch eine aufstrebende Band sind, die nicht allzu viele Tourm├Âglichkeiten hat. Soweit es mich betrifft, bringt Musik die Menschen zusammen, ungeachtet ihres ethnischen Hintergrundes oder ihrer Religion. Sie bringt eine Botschaft der Liebe und des Friedens zu allen Nationen. Die meisten Metalbands und Metalheads teilen die gleiche Leidenschaft und die gleichen Werte. Sie ├Ąhneln sich, ganz egal, woher sie kommen oder welche Religion sie haben.

So in etwa lautet ja auch die Botschaft von ORPHANED LAND, die nicht nur in musikalischer Hinsicht ein tolles Album gemacht haben, sondern sich auch f├╝r die Auss├Âhnung zwischen den gro├čen Weltreligionen einsetzen.

Elyes Bouchoucha: ORPHANED LAND sind in der Tat eine gro├čartige Band, und es besteht kein Zweifel, da├č sie dem orientalischen Metal eine Menge Beachtung beschert haben. Sie stehen f├╝r Friede und Liebe zwischen allen Nationen, was ein Grund sein d├╝rfte, da├č sie auch bei arabischen Metallern sehr popul├Ąr sind.

Welche Erwartungen habt Ihr an die Tour mit ORPHANED LAND, die wohl Eure erste gro├če Tour sein d├╝rfte? (Anmerkung: Das Interview fand kurz vor besagter Tour statt. - Red.)

Zaher Zorgati: Richtig, es ist unsere erste gro├če Tour, und wir freuen uns darauf, unseren Bekanntheitsgrad und unsere Fangemeinde auszubauen. Wir hoffen, da├č wir das Herz und die Seele vieler Fans in Europa gewinnen k├Ânnen, und da├č wir das Interesse vieler Festivalmacher und Bookingagenturen erregen k├Ânnen.
Wir sind sicher, da├č viele unsere Musik lieben und erkennen werden, da├č Araber so gute Musiker sein k├Ânnen wie die Musiker in westlichen Bands. Dann werden sie n├Ąmlich bei Arabern nicht mehr automatisch an Terroristen denken, sondern an normale Menschen, die Metal auf h├Âchstem Niveau spielen k├Ânnen.

Wie seht Ihr die Chancen f├╝r die Musik, die man unter dem Begriff "Oriental Metal" zusammenfassen kann? Denkt Ihr, da├č eine solche Band eines Tages mal ein internationaler Superstar werden k├Ânnte?

Malek Ben Arbia: Heutzutage gibt es viele qualitativ hochwertige Bands, doch viele klingen sehr ├Ąhnlich. Daher hoffen wir, da├č der Oriental Metal fr├╝her oder sp├Ąter die Aufmerksamkeit erhalten wird, die er verdient. ORPHANED LAND sind bereits sehr bekannt, aber wir denken, da├č wir unseren eigenen ProgPower-Oriental Metal-Stil kreiert haben, der hoffentlich zu einem Markenzeichen in der internationalen Szene werden kann.

MYRATH-Bandphoto 6

Ihr habt ┬╗Hope┬ź in Tunesien aufgenommen, w├Ąhrend die Aufnahmen f├╝r ┬╗Tales Of The Sand┬ź und ┬╗Desert Call┬ź in Frankreich stattfanden und f├╝rs Mastering einmal ein deutsches und einmal ein finnisches Studio zum Einsatz kam. Wie ist es denn um Studios in Tunisien bestellt? Gibt es f├╝r die dortigen Bands M├Âglichkeiten, ordentliche Aufnahmen anzufertigen?

Anis Jouini: Ja, es gibt einige Studios in Tunesien, aber es gibt nicht gen├╝gend Tontechniker, die Metal vern├╝nftig aufnehmen k├Ânnen, da sie nur Erfahrungen mit orientalischer und traditioneller tunesischer Musik haben. Die meisten Bands aus unserer Heimat nehmen entweder auf eigene Faust auf oder nehmen die Dienste der wenige Sound Engineers mit metallischer Erfahrung in Anspruch.

Wie schwer haben es Metalbands in Eurer Heimat? Wie steht es um Prober├Ąume oder Liveclubs?

Elyes Bouchoucha: Der tunesischen Metalszene fehlt es leider an der grundlegenden Infrastruktur, was schon bei Prober├Ąumen und passenden Liveclubs anf├Ąngt. Es gibt ein paar Venues mit einer Kapazit├Ąt zwischen 300 und 600, die alle zwei oder drei Monate ein Metalkonzert veranstalten, aber alle Konzerte werden von den Bands selbst organisiert. Manche Konzerte werden sogar an Universit├Ąten veranstaltet, da die meisten Musiker zugleich Studenten sind. An Anfang unserer Karriere konnten wir vielleicht f├╝nf- oder sechsmal im Jahr hier in Tunesien spielen, aber seit wir etwas internationale Aufmerksamkeit erhalten haben, spielen wir eigentlich nur noch beim "Mediterranean Guitar Festival", das einmal j├Ąhrlich stattfindet. Die anderen Veranstalter k├Ânnen mittlerweile einfach keine angemessene Backline, Sound- und Lichtsystem anbieten - von einer Gage ganz zu schweigen.

Wie ist denn ansonsten um die Metalszene in Tunesien bestellt? Gibt es viele Metalheads? Wie oft treten ausl├Ąndische Bands bei Euch auf? Wie sieht es mit Plattenl├Ąden aus, die Metalscheiben f├╝hren? Gibt es Presse, die sich um Metal k├╝mmert?

Malek Ben Arbia: Die tunesische Metalszene befindet sich immer noch stark im Underground, wie es auch f├╝r andere nordafrikanische L├Ąnder wie Marokko oder Algerien gilt, aber es gibt viele Bands und Tausende Metaller.
Wie zuvor schon gesagt, ist Tunesien ein friedliebendes Land mit deutlichem Augenmerk auf den Tourismus, das anderen Kulturen gegen├╝ber sehr offen ist. Aus diesem Grund gibt es beispielsweise eine w├Âchentliche Metalshow im staatlichen Radio, und wir haben hier in der Hauptstadt Tunis das "Mediterranean Guitar Festival", bei dem in den letzten Jahren schon viele ber├╝hmte K├╝nstler wie Robert Plant, SYMPHONY X, ADAGIO, EPICA, FIREWIND, AFTER FOREVER oder HAGGARD gespielt haben. Zudem haben wir einige sehr aktive Fanzines hier, die die tunesische Szene unterst├╝tzen, aber auch von internationalen Bands berichten.
Allerdings sind wir die erste Band, die es geschafft hat, bei einem ausl├Ąndischen Label zu landen. Das ist f├╝r tunesische Bands schwer, da es ebenso an Labels, Produzenten und Promotern fehlt wie an der Unterst├╝tzung von Sponsoren und der hiesigen Mainstream-Medien.

Wie wichtig sind f├╝r den Aufstieg einer Band wie Euch solche Social Media-Plattformen wie MySpace (in diesem Fall m├╝ssen wir mittlerweile wohl eher "war" sagen...) oder Facebook?

Anis Jouini: Heutzutage ist Facebook sehr wichtig, um eine Band wie uns zu promoten. Ich glaube, da├č wir dank Netzwerken wie Facebook eine Menge Fans bekommen haben. Ohne das Internet h├Ątten MYRATH niemals diesen Bekanntheitsgrad erlangt, und ich sch├Ątze mal, da├č wir dann auch nicht dieses Interview f├╝hren w├╝rden.

http://www.myrath.com/

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Nidhal Marzouk

MYRATH-Design

 

MYRATH im ├ťberblick:
MYRATH – Desert Call (Rundling)
MYRATH – Hope (Rundling)
MYRATH – Legacy (Rundling)
MYRATH – Tales Of The Sands (Rundling)
MYRATH – ONLINE EMPIRE 51-Interview
MYRATH – ONLINE EMPIRE 83-Special
MYRATH – News vom 22.12.2011
Playlist: MYRATH-Album »Tales Of The Sands« in "Jahrescharts 2011" auf Platz 7 von Stefan Glas
Playlist: MYRATH-Liveshow M├╝nchen, Backstage-Club 25.09.2016 in "Jahrescharts 2016" auf Platz 2 von Gerald Mittinger
andere Projekte des beteiligten Musikers Elyes Bouchoucha:
AEON ZEN – ONLINE EMPIRE 40-Special
andere Projekte des beteiligten Musikers Pierre-Emmanuel "Piwee" Desfray:
Axel Boman – Wake Up (Rundling)
FAIRYLAND (F) – The Fall Of An Empire (Rundling)
HEAVENLY – News vom 20.10.2009
HEAVENLY – News vom 30.03.2012
andere Projekte des beteiligten Musikers Zaher Zorgati:
PIRANIA – News vom 20.11.2008
┬ę 1989-2021 Underground Empire


UNDERGROUND EMPIRE old school!
Button: hier