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MASSIVE SCAR ERA-Logo

Metal aus ├ägypten ist an sich schon eine Rarit├Ąt. Wenn sich dann eine Band nicht nur gro├čteils aus M├Ądels zusammensetzt, sondern auch noch einen derart ungew├Âhnlichen und fesselnden Mix aus Metal, Folklore, Punk, Klassik und Hardcore fabriziert wie MASSIVE SCAR ERA, dann mu├č man ihr einfach genauer auf den Zahn f├╝hlen. Sherine Amr, die als S├Ąngerin, Gitarristin und zugleich Managerin der Truppe fungiert, stellte sich zur Verf├╝gung.

MASSIVE SCAR ERA-Headline

Warum habt Ihr die Band MASSIVE SCAR ERA genannt?

MASSIVE SCAR ERA stellt die perfekte Definition jener Zeit dar, in der wir momentan leben - das beginnt bei den Kriegen ohne Zahl und geht bis hin zu den Menschen an sich, die mit unz├Ąhligen Problemen zu k├Ąmpfen haben.

MASSIVE SCAR ERA-Shot: Nancy Mounir und Sherine Amr

Warum habt Ihr den Bandnamen im Logo zu "Mascara" geschrumpft? Ein Hinweis auf die Tatsache, da├č Ihr als All-Girl-Band angefangen habt?

Es gibt zwei Gr├╝nde: Zum einen hatten wir das Problem, da├č viele Menschen in ├ägypten den Bandnamen nicht aussprechen konnten, und - ja - zum anderen auch, um darauf hinzuweisen, da├č die Musik von M├Ądels stammt. Also zogen wir "Mascara" aus "Ma" f├╝r "massive", "sca" f├╝r "scar" und "ra" f├╝r "era" zusammen.

Steckten auch ├Ąhnliche Beweggr├╝nde, also der Hinweis auf das Geschlecht der Akteure, hinter Eurem urspr├╝nglichen Namen NAIL POLISH, so da├č man die Abk├╝rzung "Mascara" quasi als die Verbindung zwischen der fr├╝hen und der aktuellen Bandphase ansehen k├Ânnte?

Nein, absolut nicht. Der Name NAIL POLISH wurde von unserer damaligen Schlagzeugerin ausgew├Ąhlt. Beide Namen stehen nicht in Zusammenhang - au├čer da├č sie beide darauf hindeuten, da├č M├Ądels in der Band aktiv sind.

Was hatte Euch damals zu dem Namenswechsel bewegt?

Zu Anfang war vieles anders: Unsere Schlagzeugerin war zugleich unsere S├Ąngerin, und unser Stil war eher Grunge-orientiert. Nachdem die Schlagzeugerin die Band verlassen hatte, klang die Band v├Âllig anders. Zeitgleich wurden wir viel h├Ąrter und bauten auch brutale Elemente in unseren Sound ein. Also lag es nahe, da├č wir auch den Bandnamen wechseln w├╝rden.

Kannst Du noch etwas genauer auf Eure Besetzungswechsel und die damit einhergehenden Ver├Ąnderungen der Musik eingehen?

Die Band ist seit 2005 unter dem Namen MASSIVE SCAR ERA aktiv, und wir hatten seither acht Mitglieder austauschen m├╝ssen, da ich und unsere Violinistin Nancy Mounir uns der Band sehr hingebungsvoll und ernsthaft widmen, so da├č wir auch sehr w├Ąhlerisch sind. Einige unserer Mitmusiker nahmen das Bandleben nicht richtig ernst, manche wollten nur dabei sein, weil es "cool" ist, und andere hatten private Probleme zu Hause, weshalb sie nicht live auftreten konnten. Glaub' mir, eine M├Ądelband zu managen, ist echt schwer!
Aber mal abgesehen von den personellen Ver├Ąnderungen, die nat├╝rlich auch die Musik beeinflu├čt haben, konnte man uns immer wegen der Violine und des extremen Frauengesangs identifizieren. Wir haben uns also in der Tat ├╝ber die Jahre ver├Ąndert, so da├č wir heute anders als noch vor f├╝nf Jahren klingen, aber wir sind unserem grundlegenden Stil treugeblieben.

Wie kam es, da├č Ihr 2009 in Drummer Youssef Altay erstmals einen Mann in die Band aufgenommen habt?

Unsere damalige Schlagzeugerin Hadeel Hussein ist sehr talentiert, aber sie ist auch noch sehr jung. Als unser erster internationaler Auftritt im Rahmen des "Sweden Rock Festivals" im Jahr 2009 anstand, hatte sie Pr├╝fungen, da sie immer noch zur Schule ging. Daher mu├čten wir einen Ersatz finden, da wir die Chance, bei einem derart gro├čen Festival zu spielen, nat├╝rlich nicht aufgeben wollten.
Ich hatte Youssef Altay oft mit seiner eigenen Band gesehen, und er beeindruckte mich immer mit seinem Feeling und seiner Kreativit├Ąt. Daher rief ich ihn an, wir jammten, und alles lief hervorragend. Sp├Ąter bestanden Hadeels Eltern unerbittlich darauf, da├č sie sich auf ihr Studium konzentrieren sollte, so da├č sie nicht sehr oft mit uns auftreten konnte. Das f├╝hrte letztendlich dazu, da├č Youssef ein festes Bandmitglied wurde.

Wie kommt Euer ganz spezieller musikalischer Mix zustande? Aus welchen Einfl├╝ssen leitet Ihr ihn ab?

Ich stehe auf Alternative, Punk Rock, Hardcore und Metal, und nat├╝rlich darf man meinen orientalischen Background nicht vergessen, den auch unsere Violinistin Nancy hat. Sie mag zudem klassische Musik und Bossa Nova. Als wir uns vor f├╝nf Jahren kennenlernten und begannen, gemeinsam Musik zu machen, haben wir nach und nach aufeinander abgef├Ąrbt: Sie hat mich mit Klassik in Kontakt gebracht, und ich bin dieser Musik verfallen, ebenso wie ich sie mit Metal infiziert habe.
Daher hat sich meine Art zu komponieren ver├Ąndert, und zudem ├╝berlie├č ich es Nancy, die Arrangements auszuarbeiten. Was man bei MASSIVE SCAR ERA h├Ârt, stammt also stets von uns beiden.

Wie bist Du zur Musik gekommen? In Eurem Info habe ich gesehen, da├č Du erst mit 19 Jahren begonnen hast, Gitarre zu spielen, was ziemlich sp├Ąt ist. Au├čerdem: Welche Musik hast Du bei Deiner ersten Band PSYCHICS gemacht?

Das ist richtig: Ich habe mich erst mit 19 der Gitarre zugewandt. Zuvor hatte ich bei PSYCHICS nur gesungen. Den Stil von PSYCHICS k├Ânnte man als Gothic Rock beschreiben.

Hast Du eigentlich eine Gesangsausbildung? Es ist sehr ungew├Âhnlich, da├č sowohl der Cleangesang als auch das Growling von ein und derselben Person stammen! Oftmals ist es auch so, da├č jemand, der "richtig" singt, nicht zugleich growlen kann, ohne sich die Stimme zu ruinieren. Hast Du deswegen keine Probleme?

Ich nahm einige Gesangsstunden nachdem ich die Band gegr├╝ndet hatte, da ich im Opernstil singen wollte. Der Extremgesang kam einfach aus mir raus, ohne da├č ich es bemerkt h├Ątte. Ich glaube, ich habe das Gl├╝ck, da├č Gott mich mit dieser besonderen F├Ąhigkeit beschenkt hat. Ich wu├čte nicht, da├č es schwierig ist, gleichzeitig clean und brutal zu singen. F├╝r mich f├╝hlte es sich so normal an, da├č ich dachte, da├č es f├╝r jeden m├Âglich sei - bis die ersten Leute mich darauf ansprachen, wie ich das um alles in der Welt anstellen w├╝rde. Gl├╝cklicherweise habe ich bislang keine Stimmprobleme, und ich hoffe, da├č es so bleiben wird.

Ich denke, es ist nicht zu ├╝berh├Âren, da├č die traditionelle ├Ągyptische Musik einen Einflu├č auf die Songs von MASSIVE SCAR ERA hat. Wie wichtig sind diese Elemente f├╝r Euch?

Ja, wir haben orientalische Einfl├╝sse, aber sie stellen kein Mu├č dar. Manchmal stellen sie sich ganz einfach ein, und manchmal ergibt es sich nicht, so da├č nicht alle Songs solche Einfl├╝sse haben. ÔÇ║Stubborn HeadÔÇ╣, ÔÇ║Fix You UpÔÇ╣, ÔÇ║My HumanityÔÇ╣ oder ÔÇ║GravityÔÇ╣ sind einige der Songs, die frei von jeglichen traditionellen Elementen sind.

Wovon handeln Eure Texte? Werdet Ihr durch die Kultur und die Geschichte Eures Landes beeinflu├čt?

Ich schreibe ├╝ber alles, was in irgendeiner Form eine Eindruck auf mich macht. Es k├Ânnen politische Themen sein, eine pers├Ânliche Erfahrung oder irgendetwas, das mich emotional beeinflu├čt hat.

Wie war es, als Ihr 2009 beim "Sweden Rock Festival" und 2010 beim "Cornerstone Festival" in Chicago gespielt habt. Hattet Ihr das Gef├╝hl, einen Kulturschock zu erleiden?

Es war die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe: Es war gro├čartig, dort hinzufahren und Bands zu treffen, die man selbst h├Ârt und bewundert.
Wir haben dabei sicherlich keinen Kulturschock erlitten, denn wir waren schon oft in Kontakt mit anderen Kulturen. Als wir mit anderen Musikern sprachen, merkte man vielmehr, da├č sie gro├čes Interesse daran hatten, wie es f├╝r eine Band in ├ägypten zugeht. Es bedeutete also kein Aufeinanderprallen der Kulturen, sondern es hat Spa├č gemacht, und es war sch├Ân, da├č wir unsere Kultur repr├Ąsentieren konnten. Es war mehr wie ein Kulturaustausch zwischen Menschen mit den gleichen Interessen und dem fast gleichen Alter.

Ihr habt Euch also nicht wie auf ┬╗Unfamiliar Territory┬ź gef├╝hlt und daher Eure Demo-CD so benannt?

Der Name unserer ersten EP stammt von dem gleichnamigen Song, den ich damals schrieb. Er basiert auf der Phase in meinem Leben, durch die ich damals ging, und ist sehr pers├Ânlich gehalten.

Bis dato kenne ich lediglich vier Songs von MASSIVE SCAR ERA. Auch auf MySpace findet man keine weiteren Songs. Habt Ihr keine weiteren Eigenkompositionen? M├╝├čt Ihr demzufolge bei Liveshows auf Coverversionen zur├╝ckgreifen?

Wir haben eine Menge Material und sind als Songschreiber sehr aktiv, aber uns fehlt einfach das Geld, um sie aufzunehmen. Wir haben eine sch├Âne Stange Geld f├╝r unsere EP ausgegeben und trotzdem nicht die Qualit├Ąt erzielt, die wir gerne gehabt h├Ątten.
Bei unseren Konzerten spielen wir ausschlie├člich unsere Songs, die problemlos einen ganzen Set f├╝llen. Genauer gesagt, kriegen wir nicht alle unsere Songs in einem Set unter. Du kannst mir glauben, da├č wir uns nichts sehnlicher w├╝nschen, als ein komplettes Album aufzunehmen!

Wie Du gerade schon selbst einger├Ąumt hast, ist die Produktion Eurer Demo-CD nicht perfekt. Habt Ihr sie im Proberaum oder im Studio aufgenommen? Wie ist es in ├ägypten um Studios bestellt, in denen auch Underground-Bands aufnehmen k├Ânnen?

Die Aufnahmen fanden in einem Studio statt, das auch sicherlich gut ausgestattet ist, aber die Aufnahmetechniker h├Âren diese Art von Musik nicht. Ganz egal wie wir es anstellten, wir konnten ihnen einfach nicht begreiflich machen, wie wir den Sound haben wollten. Wir haben ihnen sogar einige Beispiele vorgespielt, aber sie haben es einfach nicht begriffen.
Ich glaube nicht, da├č ├Ągyptische Metalbands in ihrer Heimat professionell aufnehmen k├Ânnen - besonders was die Drums betrifft. Selbst wenn die Aufnahmen gl├╝cken w├╝rden, k├Ânnten sie sp├Ątestens nach dem Mix nicht mehr mit europ├Ąischen oder amerikanischen Produktionen mithalten.

MASSIVE SCAR ERA-Bandphoto 1

Wie ist es eigentlich um die "Infrastruktur" f├╝r Bands in Eurer Heimat bestellt? Findet man problemlos einen Proberaum, oder ist das genauso schwer wie ├╝berall auf der Welt? Gibt es Liveclubs, in denen Bands auftreten k├Ânnen? Wie oft k├Ânnt Ihr ├╝berhaupt live spielen?

Prober├Ąume sind eigentlich relativ einfach zu finden, aber unter klangtechnischen Aspekten sind sie allesamt katastrophal! Da wir Metal spielen, gibt es nur zwei Locations, wo wir auftreten k├Ânnen: "El Sawy Culturewheel" in Kairo und "Bibliotheca Alexandrina" in Alexandria. Das sind die einzigen L├Ąden, die Metalbands eine Chance geben, so da├č wir vielleicht alle drei Monate einen Gig spielen k├Ânnen.

Ihr stammt aus Alexandria, einer der gr├Â├čten St├Ądte in ├ägypten. Wie steht es um die Metalszene in Alexandria oder der ├Ągyptischen Hauptstadt Kairo? Gibt es auch Metalfans in der l├Ąndlicheren Gebieten? Wie oft k├Ânnt Ihr Konzerte von ausl├Ąndischen Bands erleben? Gibt es kleine ├Ągyptische Labels, die die einheimischen Bands unterst├╝tzen? Gibt es Metal-Magazine oder spezialisierte Plattenl├Ąden? Kurz: Erz├Ąhl' doch einfach mal etwas ├╝ber die Befindlichkeiten der harten Musik in Eurer Heimat!

Metal ist in ├ägypten auf Kairo und Alexandria konzentriert. Es gibt keine Metalszene in anderen St├Ądten - zumindest nicht, da├č mir etwas dar├╝ber zu Ohren gekommen w├Ąre. Das liegt allein schon daran, da├č es in anderen St├Ądten keine Studios oder Liveclubs gibt. Die Fans in Alexandria stehen haupts├Ąchlich auf Black und Death Metal, w├Ąhrend Heavy-Stoff eher in Kairo angesagt ist. Die Szene in Alexandria ist extrem klein, so da├č man bei Konzerten immer wieder die gleichen Leute trifft, die sich mittlerweile alle gegenseitig bestens kennen. Die Szene in Kairo ist allerdings etwas gr├Â├čer, so da├č dort auch das Publikum etwas zahlreicher ist.
Im letzten Juni halfen wir zwei schwedischen Bands, der All-Girl-Band FOUREVER und der Female Fronted-Combo SCARLET DROP, je ein Konzert in Alexandria und in Kairo zu spielen. Wir fungierten als Opener bei beiden Gigs, und die Shows waren schlicht gro├čartig!
Es gibt in ├ägypten keine Plattenfirmen f├╝r Rock oder Metal, so da├č wir in dieser Hinsicht nicht auf Unterst├╝tzung zu hoffen brauchen. Ich glaube auch nicht, da├č sich das jemals ├Ąndern wird, denn es ist einfach kein Teil unserer Kultur, und zudem w├╝rde es kein Geld einbringen, da die Zielgruppe sehr klein ist.
Es gibt auch keine Magazine, lediglich ein Onlinemagazin namens ROCK ERA (http://www.rockeramag.com/), das allerdings nicht auf Metal spezialisiert ist, sondern seinen Schwerpunkt eher zwischen Rock und Metal legt.
Ich will aber nicht vergessen, einige ├Ągyptische Bands zu empfehlen: IDLE MIND, FAKING IT, YOUR PRINCE HARMING, KARMA.

In ├ägypten sind mehr als 90 Prozent der Bev├Âlkerung Muslime. Wie steht es um die Musiker von MASSIVE SCAR ERA?

Ich bin eine gl├Ąubige Muslime, w├Ąhrend Nancy eine gl├Ąubige Christin ist.

...oder seid Ihr vielleicht eine satanische Band, denn in diesem Moment, da ich diese Fragen zusammenstelle, habt Ihr exakt 666 Freunde auf MySpace...

[lacht] Nein, wir sind das absolute Gegenteil, denn wir glauben an Gott, und wir beten zu ihm.

Wenn Ihr beide gl├Ąubige Menschen seid, aber unterschiedlichen Religionen angeh├Ârt, gibt es dann keine Differenzen zwischen Euch, weil beide Religionen jeweils ihren eigenen Gott haben? Der Islam hat Allah und seinen Propheten Mohammed, w├Ąhrend die Christen an Gott, den Vater, glauben, der seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde geschickt hat. Macht Ihr Euch manchmal Gedanken um solche Dinge?

Nancy und ich sprechen sehr oft ├╝ber dieses Thema. Dabei haben wir enorm viele Gemeinsamkeiten zwischen unseren Religionen gefunden, was darauf zur├╝ckzuf├╝hren ist, da├č Gott beide geschaffen hat. Nancy geh├Ârt einer protestantischen Glaubensgemeinschaft an, und sie glaubt wie ich an den einen Gott, so da├č es keine Konflikte zwischen uns gibt.

Wie ist die Situation f├╝r M├Ądel in einem muslimischen Land, das derart moderne Musik spielt? Sicherlich gibt es gro├če Unterschiede zwischen islamischen Fundamentalisten und "normalen" Moslems, und sicherlich schweben nicht in jedem muslimischen Land Musiker von Metalbands in der Gefahr, einzig wegen ihrer musikalischen Vorliebe ins Gef├Ąngnis gesteckt zu werden, wie das beispielsweise im Iran der Fall ist. Wie ist die Situation in Deiner Heimat? Au├čerdem: Hat sich da etwas in den letzten Jahren, also gegen├╝ber jener Zeit, als Du noch bei PSYCHICS warst, ge├Ąndert?

├ägypten ist sicherlich kein sehr fortschrittlich denkendes Land, aber die Regierung wird niemand in den Knast stecken, weil er Musik macht. Garantiert nicht! Mit offiziellen Stellen haben wir keine Probleme gehabt, aber meine Eltern waren immer sehr streng und dachten, da├č es eine verr├╝ckte Sache sei, Musik zu machen. Schlie├člich ist ├ägypten nicht der sicherste Platz auf Erden, so da├č man immer wieder Ger├╝chte h├Ârt, was passieren kann, wenn man mit den falschen Leuten in Kontakt kommt.
Ich verlie├č PSYCHICS, weil meine Mutter mir nicht mehr erlaubte, Musik mit anderen Jungs zu machen und mit ihnen ins Studio zu gehen. Sie traute anderen Leuten nicht, und Du wei├čt, da├č M├╝tter immer recht haben. Damals war ich noch sehr jung und unerfahren, so da├č sie mich besch├╝tzen wollte, wof├╝r ich ihr dankbar bin. Also gr├╝ndete ich MASSIVE SCAR ERA als All-Girl-Band, um auf der sicheren Seite zu sein: So konnte ich Musik machen, ohne meine Mutter aufzuregen oder Schwierigkeiten mit meiner Familie zu bekommen.
Mittlerweile bin ich 25 Jahre, so da├č nicht nur ich ├Ąlter bin, sondern meine Mutter sich zudem an die Musikszene gew├Âhnt hat, so da├č sie sogar zu unseren Konzerten kommt, um mich spielen zu sehen. Wenn ich eines Tages verheiratet bin und eine Tochter h├Ątte, dann w├╝rde ich genau das gleiche tun, denn ich denke, da├č die Musikszene nicht gut f├╝r eine 16-J├Ąhrige ist.
Als ich damals bei PSYCHICS war, gab es weder die "Bibliotheca Alexandrina" noch "El Sawy Culturewheel". Daher spielten wir an ziemlich abgefuckten Orten, wo es nur mistigen Sound, aber garantiert keine Security gab. Ich bin sehr froh, da├č wir heute endlich unsere Musik in einer sauberen und sicheren Umgebung spielen k├Ânnen.

MASSIVE SCAR ERA-Shot: Sherine Amr und Nancy Mounir

Wie war es m├Âglich, da├č Ihr 2005 Euer erstes Konzert in der "Bibliotheca Alexandrina" spielen konntet? Bei der "Bibliotheca Alexandrina" handelt es sich um ein 2002 er├Âffnetes Kulturzentrum ganz in der N├Ąhe der Stelle, an der die Bibliothek von Alexandria, die ber├╝hmteste Bibliothek der Antike, gestanden hatte. In diesem neuen Kulturzentrum befinden sich neben der eigentlichen Bibliothek auch Museen, Galerien, Forschungsinstitute, ein Planetarium und ein Veranstaltungszentrum. Hattet Ihr da spezielle Connections, um an den Auftritt ranzukommen?

Nein, nein... [lacht] Es ist wirklich nicht so schwer, in der "Bibliotheca Alexandrina" zu spielen. Wir waren damals gerade im Studio und trafen den Keyboarder einer Band namens MASSAR EGBARI. Er hatte den Auftrag bekommen, junge Bands ausfindig zu machen, die in der "Bibliotheca Alexandrina" auftreten wollen. Er empfahl uns weiter, und das war's auch schon.
Wir waren dann sogar die erste Rock- oder Metalband, die dort gespielt hat, was f├╝r uns nat├╝rlich gro├čartig war. Seither haben sie angefangen, Metal- und Rockbands zu unterst├╝tzen, sofern diese keine Schwierigkeiten machen.

Das ist zweifelsohne ein geschichtstr├Ąchtiger Ort, auch wenn es ein neuer Bau ist. Stellen die Konzerte dort etwas besonderes dar oder ist man als ├ägypter gegen solche Gef├╝hle eher resistent, da man ohnehin tagt├Ąglich von soviel Historie umgeben ist?

Wir sehen die "Bibliotheca Alexandrina" nicht wirklich als historischen, sondern eher als einen Ort, der f├╝r Touristen von Interesse ist. Auf alle F├Ąlle ist es etwas v├Âllig anderes als beispielsweise die Pyramiden. Wenn wir dort auftreten, ist es ein gutes Gef├╝hl, was aber damit zu tun hat, da├č der Club sehr sch├Ân ist und einen relativ guten Sound hat.

Im Sommer 2006 habt Ihr wieder in der "Bibliotheca Alexandrina" bei einem internationalen Musikwettbewerb gespielt, wo Ihr drei Preise absahnen konntet; n├Ąmlich f├╝r die Band an sich, f├╝r Dich als S├Ąngerin und f├╝r Eure Geigerin Nancy. Welchen Stellenwert hat ein solcher Preis in Eurer Heimat? Hei├čt das, da├č Ihr in ├ägypten schon als etablierte Band zu gelten habt?

Nun, ich wei├č nicht, was die Leute ├╝ber uns denken. Ich glaube, da├č wir in den letzten Jahren eine Menge erreicht haben, wenn man an die Auszeichnungen, die Auftritte bei internationalen Festivals oder die M├Âglichkeit, f├╝r gr├Â├čere Bands er├Âffnen zu k├Ânnen, denkt. Wir werden mit Respekt behandelt, aber ich habe keinen Schimmer, wie man uns wirklich einstuft. [grinst]

Wie siehst Du denn die Chancen f├╝r MASSIVE SCAR ERA ├╝berregional? Die meisten Bands aus dem Nahen Osten stehen bei europ├Ąischen Labels unter Vertrag. Ist das auch Euer Ziel?

Wir haben schon ein paar Angebote erhalten, die aber nicht sonderlich gut waren. Als wir in Amerika waren, zeigten sich einige amerikanische Label an uns interessiert. Momentan denken wir sorgf├Ąltig ├╝ber unseren n├Ąchsten Schritt nach, da er sehr wichtig f├╝r die Band ist.

Welche Pl├Ąne oder Tr├Ąume wollt Ihr mit Eurer Band verwirklichen?

Wir wollen bei so vielen Festivals wie m├Âglich auftreten, wobei wir ein Hauptaugenmerk auf internationale Festivals legen, da wir m├Âglichst ├╝berall in der Welt auf uns aufmerksam machen wollen. Nat├╝rlich wollen wir auch eine komplette CD aufnehmen, die dann hoffentlich weltweit vertrieben wird. [l├Ąchelt]

Wie wichtig sind f├╝r eine Band wie Euch solche Internet-Plattformen wie MySpace oder Facebook?

Ich denke, da├č wir ohne MySpace ├╝berhaupt nichts h├Ątten erreichen k├Ânnen. Es ist quasi unser Online-Promo-Kit.

K├Ânntest Du Dir vorstellen, f├╝r die Band aus Deiner Heimat wegzugehen?

Ich glaube nicht, da├č das ein Problem f├╝r uns w├Ąre. Wir lieben, was wir tun, und die Musik stellt den Schwerpunkt in unserem Leben dar. Wenn es also gute Gr├╝nde g├Ąbe umziehen, dann w├╝rden wir das tun.

Wie wichtig sind f├╝r Euch althergebrachte oder politische Konflikte? Hast Du zum Beispiel Vorbehalte gegen├╝ber israelischen Metalbands, weil es politische Konflikte zwischen Euren L├Ąndern gibt?

Ich kann nat├╝rlich nicht f├╝r Nancy sprechen, sondern nur f├╝r mich. Ja, ich bin gegen Israel, und es macht mir nichts aus, wenn ich daf├╝r get├Âtet werde, weil ich das laut ausspreche. Ich bin nicht gegen ihre Religion, denn mein Glaube gebietet mir, alle Religionen zu respektieren, die von Gott und seinen Propheten gesendet wurde, aber ich bin gegen die Zionisten.

Wie ich schon zuvor gesagt hatte, gibt es gewi├č Unterschiede zwischen dem fundamentalistischen und dem gem├Ą├čigten Islam, aber genauso ist gewi├č nicht jeder Israeli ein Zionist. Die Geschichte zeigt uns, da├č solche Konflikte mit religi├Âsem Hintergrund von interessierter Seite zu politischen Zwecken mi├čbraucht werden. So hatten die Christen im Mittelalter die Kreuzz├╝ge begonnen, um das "Heilige Land" von den "Ungl├Ąubigen" zu "befreien". Letztendlich steckten hinter den Kreuzz├╝gen aber auch handfeste politische und wirtschaftliche Interessen.
Zudem denke ich, da├č sich viele Metalbands in Israel als v├Âllig unpolitisch und keineswegs religi├Âs motiviert ansehen. Hast Du auch gegen solche Bands Vorbehalte nur weil sie aus Israel stammen? Abschlie├čend will ich zu diesem Thema das Beispiel ORPHANED LAND anf├╝hren: Die Band stammt aus Israel und hat ihre aktuelle Platte komplett dem Thema der Toleranz zwischen den gro├čen Weltreligionen gewidmet. Siehst Du eine Chance f├╝r eine solche Entwicklung, die zu mehr Verst├Ąndnis zwischen den Religionen und Frieden zwischen den verschiedenen L├Ąndern f├╝hren w├╝rde? Denkst Du, da├č Rockmusik oder Metal bei einem solchen Proze├č mithelfen kann?

Ich habe Kontakte mit vielen Bands aus Pal├Ąstina und habe an vielen Kulturaustausch-Workshops teilgenommen. Daher sollte ich zur Klarstellung sagen, da├č f├╝r mich Israel das besetzte Pal├Ąstina bedeutet. Es ist nicht das Land der Israelis, und sie wissen alle, wie man Waffen benutzt. Sie sollen aus Pal├Ąstina verschwinden und unschuldige Menschen in Frieden lassen! W├╝rdest Du es zulassen, da├č jemand in Dein Heim eindringt, Dich rauswirft und Dir dann ins Gesicht sagt, da├č es ab sofort ihm geh├Ârt?
Wenn ich Israelis sehe, behellige ich sie nicht, aber ich werde mich auch nicht mit ihnen anfreunden wollen. Wenn ich eine Band aus Israel treffe, die sich mit mir unterhalten m├Âchte, was schon passiert ist, dann antworte ich h├Âflich, denn meine Religion gebietet mir, h├Âflich zu sein, aber ich w├╝rde mich nicht danach streben, mich mit ihnen anzufreunden und weiteren Umgang zu haben. Aber auch hier spreche ich nur f├╝r mich und wei├č nicht, wie Nancy dar├╝ber denkt.
Vor etwa vier Jahren hatte ich ein gro├čes Festival mit Musikern aus den Arabischen L├Ąndern organisiert. Eine der auftretenden Bands waren KORDZ aus dem Libanon, bei ihnen spielt ein Amerikaner die Oud (eine Kurzhalslaute - Red.). Er bot mir an, da├č er den Kontakt zu ORPHANED LAND herstellen k├Ânnte, die Interesse daran h├Ątten, bei dem Festival aufzutreten, was ich h├Âflich abgelehnt habe. Das hat nichts damit zu tun, da├č sie "nur" aus Israel kommen, sondern sie leben verdammt nochmal in der Heimat von jemand anderem! W├╝rdest Du das tolerieren? Es ist eine Tatsache, da├č die Israelis sich pal├Ąstinensisches Gebiet angeeignet haben und dort leben - auch wenn das schon vor Hunderten von Jahren passiert ist. Au├čerdem hatten wir schon Krieg mit Israel, weil sie versucht haben, uns die Sinai-Halbinsel wegzunehmen. Es wurden viele Menschen get├Âtet als wir unser Land zur├╝ckeroberten. Ich f├╝r meinen Teil werde daher nie meinen Frieden mit Israel machen! Aber ich will noch ein letztes Mal betonen, da├č dies nur meine pers├Ânliche Meinung ist. Ich habe drei Jahre Jura studiert, wo ich mich besonders auf internationale Gesetze spezialisiert hatte, so da├č ich wei├č, da├č Israel viele Friedensabkommen gebrochen haben. Vielleicht wirst Du Menschen finden, die anders denken.

Der Krieg, den Sherine anspricht, war der Sechstagekrieg von 1967: Damals besetzte Israel die Sinaihalbinsel sowie die syrischen Golanh├Âhen und die jordanischen Westbank als Reaktion auf die Sperrung der Stra├če von Tiran durch die ├ägypter, die Israels einzigen Zugang zum Indischen Ozean darstellt. Wie beim gesamten Nahostkonflikt handelt es sich auch hierbei um ein komplexes Problem, das selbstverst├Ąndlich jede Seite anders sieht. Doch wie man an Sherines Worten sieht, liegt im Nahen Osten immer noch eine Menge Z├╝ndstoff vergraben.
Doch genug der politischen Er├Ârterungen! Sherine, gibt es abschlie├čend noch etwas, das Du loswerden willst?

Ich m├Âchte sagen, da├č dies das interessanteste Interview ist, das ich in meinem ganzen Leben gegeben habe, und das meine ich ernst! (Danke f├╝r die Blumen! - Stefan) Ich m├Âchte Dir danken, da├č Du unserer Band hilfst, da├č sich mehr Leute aufgrund dieser tollen Fragen mit unserer Band in Kontakt kommen werden. K├Ânnen wir gerne wiederholen!

Als Schlu├čbemerkung sei noch gesagt, da├č Sherine und Amir sich just wieder von ihren Mitmusikern getrennt haben, und derzeit ├╝berlegen, keine festen Mitmusiker mehr zu suchen, sondern sich lediglich mit Sessionmusikern zu behelfen. Daher sind auf den Bandphotos nur die beiden M├Ądels zu sehen. Auf alle F├Ąlle darf man gespannt der Zukunft dieser Band entgegenblicken.

http://myspace.com/massivescarera

howlikeawinter@gmail.com

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: David Degner, www.incendiaryimage.com [Photo 1 & 3]

MASSIVE SCAR ERA im ├ťberblick:
MASSIVE SCAR ERA – ONLINE EMPIRE 43-Special
MASSIVE SCAR ERA – ONLINE EMPIRE 47-Interview
MASSIVE SCAR ERA – News vom 31.03.2011
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