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”UNDERGROUND EMPIRE 4”-Datasheet

Contents:  Matthias Herr-''Über-, Ein-, Durchblick''-Artikel

Date:  12.01.1991 (created), 02.03.2010 (revisited), 06.11.2016 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 4

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Ich kann mich noch entsinnen, daß ich bei meinem Besuch im Laden von HELLION RECORDS eher zufällig beim Fachsimpeln mit Roland auf Matthias Herr zu sprechen kam, woraufhin er sagte, daß Matthias gedenke, in Kürze persönlich im Laden vorbeizuschauen. Also machte ich den Vorschlag, daß Roland sich Matthias face to face zur Brust nehmen sollte.

Genauso unvermittelt wie Matthias mit seinem "Heavy Metal Lexikon" in der Szene aufgetaucht war, sollte er einige Ausgaben später auch wieder spurlos verschwinden.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

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Matthias Herr

Diskussionen über seine Person, seine schreiberischen Fähigkeiten und seine Erzeugnisse "Heavy Metal Lexikon Vol. I + Vol. II" sind in letzter Zeit "in". So wollten wir das Übel - oder auch nicht - bei der Wurzel packen und mal den Macher selbst vor's Mikro nötigen. Diese Aufgabe übernahm Roland Schlosser, den vielleicht einige als Angestellten im HELLION RECORDS-Laden kennen, der mir dann sein Werk auf Kassette zuschickte - frei nach dem Motto, "Siehe selber zu, daß Du damit einig wirst!" Nachdem irgendwelche Testpustegeräusche verklungen waren, konnten ich da folgendes hören:

Matthias, wie kamst Du auf die Idee, das "Heavy Metal Lexikon Vol. I" zu schreiben?

Ich höre schon einige Jahre Hard Rock und Heavy Metal und habe mir während dieser Zeit einige Lexika zugelegt. Ich fand, daß in den herkömmlichen Rocklexika Hard Rock/Heavy Metal nur so am Rande behandelt wird - stiefmütterlich und eigentlich völlig ungenügend. Hier habe ich die Lücke und den Bedarf gesehen, für einen kleinen Kreis an Interessenten, den Versuch zu unternehmen, Bandbiographien und Informationen zusammenzutragen, so daß man sich in diesem unüberschaubaren Spektrum einen Überblick verschaffen kann.

Wie kann man als Privatmann so etwas finanzieren?

Ich bin mit Anfang Dreißig nicht mehr der Allerjüngste und habe mein Leben lang gearbeitet, so daß ich das aus den Ersparnissen finanziert habe.

In Deinem ersten Buch fiel mir auf, daß Du gegen Poserbands aller Art, beispielsweise WHITE LION, wetterst. In Deinem zweiten Buch sind aber CINDERELLA, BRITNY FOX, und ähnliche reichlich vertreten. Was sind da Deine Gründe?

Prinzipiell finde ich den Begriff "Poser" gegenstandslos. Mich stört nur, wenn eine Band eine bestimmte musikalische Richtung einschlägt und der Eindruck entsteht, daß aus kommerziellen Erwägungen ein Stilwechsel vonstatten geht. Bei WHITE LION fand ich die Zäsur zwischen erster und letzter LP (»Big Game«) ziemlich kraß, weil die rockigen Stücke einfach wegblieben.

Zu CINDERELLA habe ich beispielsweise geschrieben, daß sie sich für eine Mischung aus Hard Rock und Blues entschieden, als es nachweislich noch kein Berge von Dollars versprechender Trend war.

Ich will über niemanden herziehen, aber bei WHITE LION fand ich, daß beim letzten Album ein starker Charttrend zu bemerken war, den ich auf dem ersten Album in dem Maße nicht entdecken konnte. (Das mag zweifelsohne richtig sein, aber man sollte darüber nicht vergessen, daß auch Musiker sich entwickeln, verändern, so daß man vorsichtig sein sollte, ihnen "Kommerzgeilheit" vorzuwerfen. Schließlich klangen QUEENSRŸCHE auf ihrer ersten EP noch ganz anders als heute auf »Empire« und ihnen wird wohl niemand ernsthaft verkaufsorientiertes Denken vorwerfen. - Stefan Glas) Das mag dann für einen Rockfan immer noch eine Riesensache sein, aber für den Bereich des Heavy Metal von reduziertem Interesse ist. (Warum sollte sich eigentlich ein Heavy Metal-Fan nicht auch für gute Rockmusik interessieren? - Stefan Glas)

Warum fehlen eigentlich in Deinem ersten Buch große Teile des New Wave of Britsh Heavy Metal, Themen, die in ein solches Buch einfach hineingehören. Ich habe den Eindruck, daß Du das Pferd so etwas von hinten aufgezäumt hast, oder hattest Du da andere Beweggründe?

Die Sichtweise, daß ich das Pferd von hinten aufgezäumt hätte, kann ich sehr gut verstehen. Zum Beispiel auch die Entstehungsgeschichte oder die Begriffserläuterung aus Band zwei hätten eigentlich in die Nummer eins reingehört. Ich habe das ja nicht studiert, habe keinen Verlag, keine Berater, sondern das ist eine Sache, die im Wohnzimmer am Schreibtisch entstanden ist. Die Ursprungsintention war eigentlich gewesen, daß in breitem Maße Bands vorkommen, die in der Presse, von den Undergroundmagazinen mal abgesehen, wenig Beachtung finden. Es sind Schwerpunkte, die jeder für sich selbst setzt. Es ist nur eine subjektive Auswahl von mir. Ich habe in dem einen Jahr, das zwischen den beiden Bänden lag, allerhand dazugelernt und auch Leute kennengelernt, die mir Ratschläge und Hinweise gaben. Ich kann einfach nicht alles kennen. Andererseits impliziert dieses "Vol. I" auch gleichzeitig ein "Vol. II", etc., so daß da dann andere Sachen nachgeholt werden können. Man muß sich einfach entscheiden. Beim ersten Band waren mir bestimmte Gruppen sehr wichtig, die ich unbedingt dabei haben wollte. Irgendwann ist das Seitenkontingent einfach erschöpft.

Du läßt häufig an der deutschen Metal-Presse kaum ein gutes Haar. Beziehst Du Dich dabei nur auf die größeren Magazine oder auch auf die kleineren?

Prinzipiell kann es bei kleineren Heften keine Qualitätskriterien geben. Ein Fanzine ist ein Fanzine, wie der Name schon sagt. Bei großen Zeitungen sind mir einige Sachen aufgefallen, die ich stellenweise richtig ekelhaft fand. Zum Beispiel damals bei RUNNING WILD: Ich denke, daß man erwähnen kann, daß man mit so einer richtig übelwollenden Rezension in einem Massenblatt wie dem GUMMI HAMMER eine Band zugrunde richten kann, wenn die Leute das glauben, was drin steht. Da sollte man ein bißchen vorsichtiger sein. Das hätte ich in einer solchen Form nicht gebracht und, wenn ich Verantwortung getragen hätte, auch nicht durchgehen lassen, weil es unsachlich und zudem unfair ist.

Ich will damit keine an sich interessante Zeitschrift in Frage stellen, aber wenn da einzelne Auswüchse zu beobachten sind, kann man die durchaus mal benennen.

1986 beim "Monsters Of Rock" stand ich bei den SCORPIONS in der vierten Reihe mit 'nem Halbsteifen und die zündeten zwei Stunden lang ein Feuerwerk nach dem anderen ab. Im Nachhinein stellt sich dann heraus, daß sie diese METAL HAMMER-Trophäen auf der Bühne nicht entgegennehmen wollen, weil sie das als eine vor den Publicitykarren gespannte Aktion ansahen. Daß deswegen im Festivalreview im nächsten Heft die Schlagzeile lautete, "Die große Enttäuschung des nationalen "Monsters Of Rock" waren die SCORPIONS", empfinde ich als billigen Retourkutschenjournalismus.

Eine Doublette dazu gab's auch 1984, als der damalige Chefredakteur Charly Rinne ein Interview mit seinem vergötterten Idol David Lee Roth machen wollte. Das kam nicht zustande, weil David ein Mädel und eine Flasche Hochprozentigen hatte, und er den Basser vorgeschickt hat. Rinne schrieb dann "VAN HALEN - eine einzige Enttäuschung". Ich finde, daß da eher seine eigene Enttäuschung durchklang. Daß so etwas die Berichterstattung überlagert, gefällt mir nicht, und das möchte ich schon ganz gerne benennen.

Ich will niemand fertigmachen. Ich hab' den GUMMI HAMMER seit der ersten Ausgabe. Ich hab' auch das ROCK HARD, etc. und überall gefallen mir einige Beiträge gut und andere wieder nicht. Wenn mir solche Sachen auffallen, dann kann man das durchaus erwähnen.

Du bezeichnest CARCASS oder BULLDOZER und einige andere Bands dieses Genres als "vorzügliche Musiker". Wie soll man das verstehen?

Diese Wortführung stammt aus dem CARCASS-Kapitel. Nun, "vorzüglich" bedeutet ja eigentlich "jemand den Vorzug geben" und das tun bestimmt Leute, die diese Musik gut finden. In unserem Sprachgebrauch meint man mit "vorzüglich" eher "ausgezeichnet", "exzellent", obwohl das grundsätzlich andere Worte sind, die vielleicht in unserem Verständnis das gleiche bezeichnen.

Die Instrumente, die ein Musiker zur Verfügung hat, sind mit wenigen Abweichungen identisch - Baßgitarre mit vier Saiten, E-Gitarre mit fünf Saiten (Ah so, das ist aber eine interessante neue Erkenntnis! - Stefan Glas). Bei CARCASS finde ich, daß man ihnen anmerkt, daß sie ihre Instrumente gut beherrschen. Ist ein Musiker "vorzüglich", gelingt es ihm oft, Atmosphäre, Stimmung, Spannung zu erzeugen. Das würde ich CARCASS in jedem Fall attestieren.

Ich habe mich köstlich über einige Deiner Vergleiche amüsiert. Wie kommt man eigentlich auf solche Ideen?

Das kann ich Dir auch nicht sagen. Man kann sich sicher nicht hinsetzen und sagen, "Jetzt bin ich aber tierisch lustig heute!" Je origineller die Band, desto besser wird wohl auch das Kapitel werden. Bei einer Band wie ein Schluck Wasser, wird eben der Artikel auch so aussehen. Allerdings bin ich an die Bands noch nicht rangekommen, da es genug geile Bands gibt.

Was hast Du schreiberisch für die Zukunft geplant?

"Vol. III" wird in diesem Jahr erscheinen, "Vol. IV" ist für 1992 geplant. Außerdem soll Ende 1991 eine Überarbeitung von "Vol. I" herauskommen.

Es sind noch weitere Publikationen in der Mache. Es laufen beispielsweise schon länger die Recherchen für "Die Verbrechen des 20. Jahrhunderts". Bands wie CARCASS werden teilweise doch recht heftig kritisiert, wegen unappetitlicher Songtexte. Das geht sicherlich in Ordnung, aber ich habe in dem Kapitel versucht, transparent zumachen, daß die Schweinereien dieser Welt auf ganz anderen Ebenen ablaufen und bestimmt nicht in irgendwelchen Songtexten. Um das transparent zu machen, bin ich dabei, Material zusammenzutragen und das dann auf 200, 250 Seiten zu veröffentlichen.

Soweit also Rolands Interview. Wir wollen diesen Artikel aber nicht beenden, ohne noch etwas zu dem Zwist zwischen Matthias Herr und Jürgen Tschamler vom THUNDERBOLT zu sagen. Roland hatte Matthias auf diesen Punkt angesprochen:

Wie ist es eigentlich zu diesem traurigen, gigantischen Krach mit THUNDERBOLT gekommen?

Das THUNDERBOLT war mir ein Begriff gewesen, und außerdem hatte ich in dieser Kante noch ein paar andere Bekannte, beispielsweise von den Fanzines AT WAR, MORTAL SIN und GIANTS LORE. Von ihnen hatte ich einige Sachen über Jürgen Tschamler erfahren, die ich nicht in Ordnung fand, aber was mich persönlich geärgert hat, war eine Story im THUNDERBOLT über die Band RIGOR MORTIS. Ich fand es ärgerlich, daß dieser Bericht damit eingeleitet wird, daß die Typen häßliche Gesichter haben.

Da war im vorletzten Jahr ein Konzert mit BLACK SABBATH, und im Anschluß daran hatte EMI zu einer "End Of Tour"-Party ins Hotel Ramada geladen. Dort haben mir die Jungs vom MORTAL SIN, GIANTS LORE und AT WAR Jürgen Tschamler gezeigt. Ich bin also hingegangen und hab' auf Englisch gesagt, "Hi, ich bin Matt aus Texas, und ich manage RIGOR MORTIS. Ich habe gehört, Du hättest den schlimmsten Artikel über meine Band RIGOR MORTIS geschrieben!". Daraufhin hat er geantwortet, "Oh, es freut mich, Dich kennenzulernen. Das Interview war ein Mißverständnis. Ich war nur der Bearbeiter." Ich hab' dann noch eine Zeitlang mit meinem gutturalen Akzent weitergelallt. Unvermittelt hab ich dann gesagt, "Okay, Jürgen, sei nicht sauer. Ich komm' natürlich nicht aus Texas, ich bin der Matthias und komm' aus Berlin, et cetera. Für die Zukunft tu' mir bitte den Gefallen und bewerte die Bands nicht an ihren Gesichtern." Es war einfach ein Gag, eine plumpe Köpenikiade. Es hat sich im Verlauf desweiteren Gesprächs rausgestellt, daß er noch keine Vertriebsstelle in Berlin hatte, so daß ich ihm anbot, daß er mir die Hefte schicken können, und ich würde sie dann für ihn umsonst vertreiben. Das hab ich dann auch getan, aber leider hat bei ihm wohl der Stachel doch etwas tiefer gesessen. Ich nehme an, daß er gekränkt war, was sich dann in dieser hanebüchenen Rezension niederschlug.

Eine Aussage, die wir so natürlich nicht stehenlassen wollen und können. Aus diesem Grund schickte ich dieses Statement an Jürgen Tschamler mit der Bitte um eine Stellungnahme. Nachdem ich mehrfach mit Jürgen telefoniert hatte, bat er mich, folgendes als seine Reaktion abzudrucken:

Ich denke, daß hier jede Gegendarstellung Platzverschwendung ist und diesem Rollex-tragenden Yuppi nur Werbung bringen würde.

Kurz, aber sicher doch nicht so schmerzlos. Womit wir hier sicherlich nicht dazu beigetragen haben, diesen Zwist beizulegen, was man, realistisch betrachtet, auch nicht erwarten konnte. Aber zumindest konnte jede Seite auf ihre Weise zu Wort kommen, womit wir uns gezwungenermaßen zufriedengeben müssen.

Vorbereitung & Interview:
Roland Schlosser

Bearbeitung:
Stefan Glas

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