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"Rock Station Festival" 2008

Ankara (Türkei)

04.-05.10.2008

Ein Open Air-Festival Anfang Oktober? Wer ein solches Projekt hierzulande durchziehen wollte, müßte sehr mutig sein und sollte zudem schon mal einen Stand mit Pelzmänteln bereithalten. Nicht so in Sachen "Rock Station Festival", dessen elfte Ausgabe am ersten Oktoberwochenende stieg, und dem man problemlos mit T-Shirt bekleidet beiwohnen konnte.
Doch vor den Festivalspaß hat der Herr nun mal die Anreise gesetzt, die in diesem Fall ganz unter dem von RUSH proklamierten Prinzip ›Fly By Night‹ stand - heuer mit dem Bonustrack, daß eine ältere Dame vor lauter Vorfreude, ihre Heimat wiederzusehen, während des Fluges zusammenklappt, so daß meinereiner seine medizinischen Kenntnisse auffrischen darf. Doch auch das Festival an sich hat einige adrenalinstoßfördernden Specials zu bieten...
Die ROCK STATION-Crew hat sich für ein tolles Gelände im Stile eines Amphitheaters als Austragungsort entschieden, wobei das treppenartig im Halbrund angelegte Gelände komplett mit Gras bewachsen ist, was einen nicht zu verkennenden Gemütlichkeitsfaktor mit sich bringt. Bei jenen Bands, die es nicht schaffen, das Publikum hochzureißen, bleibt es dann zwar etwas zu gemütlich, aber daß Circle Pits auf einer schrägen Ebene ein ganz außergewöhnlich lustige Note haben, darf meinereiner auch sehr bald feststellen.
Das Gelände gehört zur Universität, was den Vorteil mit sich bringt, daß es ein festes Gebäude gibt, das man als Backstagebereich verwenden kann und keine Container aufgebaut werden müssen. Zudem gibt es eine Toilettenanlage, so daß sich niemand dem Dixi-Terror unterwerfen muß. Angenehm außerdem, daß man hier nicht kilometerweit Absperrgitter stellen muß, sondern einfach ein paar Stoffbahnen gespannt werden, die die Besucher in der Tat respektieren. Allerdings ist aufgrund der Lage kein Campingareal möglich, so daß letztendlich hauptsächlich Besucher aus Ankara anzutreffen sind, die im heimischen Bett nächtigen können, während weitangereiste Besucher auf ein Hotel angewiesen wären.


Und so wird am 4. Oktober um 13.30 Uhr der Startschuß für RSF elf gegeben, doch einige logistische Probleme führen dazu, daß der teutonische Abgesandte nicht direkt vom Hotel zum Festivalgelände gekarrt wird, sondern erst noch einen kleinen Abstecher zum Flughafen mitmachen muß, wo die Russen SATARIAL auf ihre Abholung warten, so daß die erste Band auf die und von der Bühne geht, bevor meinereiner am Gelände eintrifft. Doch Anwesende berichten, daß besagte UNDERTAKERS aus Istanbul anständigen Thrash ins Publikum gefeuert hätten.

DELI GÖMLEGI-Liveshot

Weitergeht es mit dem Schrammelrock von DELI GÖMLEGI, die selbigen schon beim RSF 2003 zum besten gegeben hatten. Doch zehn Minuten nach Beginn setzt Regen ein, der innerhalb kürzester Zeit sogar so heftig wird, daß die Band ihren Auftritt abbrechen muß. Nach einigen Minuten ist die ungewollte Dusche allerdings beendet, so daß die Band weitermachen kann, dadurch aber die erste Verzögerung im Zeitplan entsteht, was später noch relevant werden soll. Pause oder nicht - generell kommt die Band, die sich nach dem türkischen Wort für Zwangsjacke benannt hat, gut beim recht jungen Publikum an, das sich schon recht früh direkt vor der Bühne versammelt hat.

ROKET-Liveshot

Die nachfolgende Band ROKET covert verdammt viel und bringt uns sowohl Songs von den DETONES als auch von DROWNING POOL zu Gehör - womit mehr als die Hälfte der Spielzeit schon mal verbraten wäre. Während die Songs auf der ROKET-MySpace-Seite sehr interessant klingen, kann die Band aus Izmir live kaum Eindruck schinden, da alles sehr kraftlos klingt und wie eine unschlüssige Mischung aus Screamo und Emo wirkt. Vielleicht mag es daran liegen, daß sich in letzter Zeit einiges bei ROKET geändert haben muß, denn Begüm Öztan ist lediglich als Backgroundsängerin tätig, während sie die sonst auch eingesetzte Viola zu Hause gelassen hat und Geigerin Irem Deligöz gleich mal gar nicht aufläuft. Im Nachhinein wird man also das Gefühl nicht los, daß man definitiv nicht dem bestmöglichen Raketenstart beigewohnt hat.

MASKARA-Liveshot

Auf den ersten Blick scheint es stilistisch ähnlich modern weiterzugehen, denn MASKARA aus Istanbul haben ein elektromäßiges Intro, doch dann folgt ein irres Lachen, und der weitere Kurs der Band liegt zwischen traditionellem Hard Rock und rotzig-rock'n'rolligen Gewässern. Wie schon die beiden vorhergehenden Bands benutzen auch MASKARA türkische Lyrics. Zudem covern sie AC/DCs ›T.N.T.‹, wobei die "Oi, oi, oi"-Rufe aus dem Mund von Sänger Emre Aliefendioglu doch eher belustigend klingen.

ART NIYET-Liveshot

Nach dem Luftgitarrenwettbewerb folgen ART NIYET, die im Vorfeld als Rock'n'Roll-Show angekündigt werden. Sehr interessant an der Band ist auch, daß hier zwei Extremmusiker tätig sind: Zum einen Kaan Dirgin, Bassist der Death Metaller ARCANE, und Tarkan Gurol, der der Gitarrist von WITCHTRAP war, der ersten Black Metal-Band aus der Türkei. In Berrak Saka haben ART NIYET eine aufreizend gekleidete Sängerin, zu der sich noch eine Tänzerin in Politessenuniform gesellt, die zumeist kräftig den Gummiknüppel kreisen läßt - da übersieht man fast, daß sich der zweite Gitarrist einen Trenchcoat übergeworfen hat, was angesichts der mittlerweile wieder fabelhaft scheinenden Sonne mehr als seltsam anmutet. Passend zur Optik der beiden Mädels haben ART NIYET Texte, die laut Info durchaus auf die Lendengegend abzielen sollen - nicht daß meinereiner dies anhand des türkischsprachigen Gesangs hätte entschlüsseln können. Anyway - auf jeden Fall sind ART NIYET bis dato die professionellste Band, da Sängerin Berrak "standesgemäß" mit dem Publikum kommuniziert, so daß das kräftige Feedback, das ART NIYET erhalten, mit Sicherheit nicht allein auf die leichtbekleideten Damen zurückzuführen ist. Als weiteres Showelement fährt Basser Kaan schließlich mit seinem Motorrad auf die Bühne, doch das Bike setzt sich auf, da die Rampe zu steil ist, so daß vier Mann mit vereinten Kräften das Stahlroß auf die Bühne zerren müssen, so daß dann Berrak auf dem Mopped sitzend ein, zwei Liedchen trällern kann.

ONE BULLET LEFT [D]-Liveshot

In Gestalt von ONE BULLET LEFT ist die erste ausländische Band angesagt - und prompt ist der Bär los: Die Metalcore-Truppe aus Oberhausen kommt auf die Bühne, und sofort beginnt das Publikum durchzudrehen, reißt die Absperrung nieder, so daß die Security in den wenigen ruhigen Momenten die Gitter nur noch beiseite schaffen kann. In der Umbaupause werden sie wieder aufgebaut, und ab diesem Zeitpunkt dürfen die Ordner bei etwas vehementeren Fanreaktionen die Absperrung mit vollem Körpereinsatz sichern. Auch die genretypische Wall Of Death gelingt, auch wenn sie ein wenig zur Seite verlagert ist. Live kommt die Mucke der Band äußerst brachial rüber, so daß die Melodien, die auf den Studioaufnahmen sehr wohl vorhanden sind, nicht so sehr ins Gewicht fallen. Doch ist augenscheinlich, daß ONE BULLET LEFT eine sehr professionelle Band sind, die es verstehen, das Publikum mitzureißen und deren Musiker tight aufeinander eingespielt sind. Bedenkt man, daß die Combo noch unsigned ist und gerade mal seit drei Jahren existiert, so kann man hier nicht genug Beifall klatschen!

BLACK TOOTH-Liveshot

Ähnliche Begeisterungsstürme wie bei ONE BULLET LEFT sind auch bei BLACK TOOTH zu verzeichnen, die kontinuierlich gewachsen und in der Türkei mittlerweile sehr beliebt sind. Darüber hinaus sind BLACK TOOTH sehr nett zu ihren Fans, denn man hat einen Trichter mit einem langen Schlauch, den sich ein Fan im Publikum vor den Mund halten kann, um alsdann von der Bühne aus mit Bier getränkt zu werden... Zudem hat die Combo mittlerweile internationale Aufmerksamkeit erhalten, denn man konnte in diesem Jahr sowohl beim "Ozzfest" als auch beim Dimebag Darrel-Tributefestival "Ride For Dime" auftreten, wo man natürlich wie die Faust aufs Auge paßte. Auch wenn die Band mittlerweile nicht mehr die pure PANTERA-Schiene fährt, sondern auch Screamo- und Hardcore-Elemente in die Songs einbaut, ist das Cover von ›Walk‹ natürlich Pflicht. Am Schluß des Gigs wird erneut ein Motorrad auf die Bühne gehievt, so daß zum stinkenden Finale mittels eines Burnouts der Hinterreifen des Moppeds ruiniert wird...

Hayko Cepkin-Liveshot

Es folgt nun der heimliche Headliner des ersten Tages: Hayko Cepkin. Der Musiker, dessen Großeltern aus Armenien, also jenem Land, in dem auch die Wurzeln der SYSTEM OF A DOWN-Musiker zu suchen sind, in die Türkei übergesiedelt waren, und der ebenso wie seine Musiker, Umut Töre (g), der auch als Photograph arbeitet, Poyraz Kiliç (b), der auch bei einer Funktruppe spielt, und Murat Cem Ergul (d), in Istanbul lebt, hatte zunächst ein recht softes Album gemacht, dessen Songs er live mittlerweile nicht mehr berücksichtigt. Doch mit seinem Zweitlingswerk "Tanisma Bitti" konnte er diesen durchschlagenden Erfolg erzielen. Welchen Stellenwert der Künstler mittlerweile bei der türkischen Jugend einnimmt, sieht man daran, daß schon am frühen Morgen vor dem Hotel, in dem Hayko abgestiegen ist, etliche Teenies warteten, die - allerdings doch recht zaghaft - versuchen, ins Innere vorzudringen, in der Hoffnung einen Blick auf ihren Star zu erhaschen. Sie sind es dann auch, die den ganzen Tag über die vorderen Reihen belagern - außer wenn ein hübscher Circle Pit wie bei ONE BULLET LEFT sie mal kurzfristig verscheucht - und mit ihren Hayko Cepkin-Shirts und selbstgemalten Schildern das Bild prägen. Doch es ist nicht zu übersehen, daß Hayko polarisiert: Während seine Fans ihm förmlich aus der Hand fressen, gibt es mindestens genauso viele Gegner, die nicht nur deutlich vernehmbare Buh-Rufe erschallen lassen, sondern auch schnell entdecken, daß am oberen Rand des Geländes einige Apfelbäume wachsen, deren Früchte man sehr fetzig als Geschoß einsetzen kann. So darf meinereiner feststellen, daß diese fruchtigen Grußbotschaften verdammt schmerzhaft sind, wenn sie im Photograben einschlagen. Doch auch auf eine solche, nicht gerade feine Provokation reagiert der Star auf der Bühne gelassen, greift sich einen der Äpfel, beißt hinein und wirft ihn anschließend weg. Musikalisch sicherlich keine Sensation, kann man aber der speziellen Cepkin-Mischung einen gewissen Reiz nicht absprechen: Auf der einen Seite steht SLIPKNOT-artiger Krach kombiniert mit dumpfem Black Metal und Industrial- und Elektronikelementen, geprägt von dissonantem Gitarrenakkorden, einem völlig überdrehten Baß sowie Haykos Keifen, Kreischen und Grunzen, während auf der anderen Seite als extremer Kontrast Gesangsparts auftauchen, die mal sakral, mal zerbrechlich anmuten und wie Beschwörungsformeln klingen, die von allen Fans in höchster Verzückung mitgesungen werden. Zu dieser weitgehend eigenständigen Musik kommt ein in jeder Hinsicht wohldurchdachtes Konzept: Ein scheinbar endlos langes Intro baut Spannung auf, Licht und Nebeleffekte werden passend eingesetzt, ebenso wie die Mimik und Gestik des Protagonisten. Durch die Optik wird für ausreichend Schockfaktor gesorgt, denn Hayko präsentiert sich mit metrosexueller Kleidung, einer Irokesenfrisur, ist rund um die Augen schwarz bemalt und hat einen Mikroständer, der mit zwei Airbrushdüsen bestückt ist, durch die er sich bei einem Song rote Farbe ins Gesicht sprüht.

HELLDORADO-Liveshot

HELLDORADO stellen den perfekten Gegenpunkt zur Krachinfluenza von Hayko Cepkin dar, aber es ist nicht zu übersehen, daß viele der Kids nur wegen Hayko gekommen sind und nun schon von ihren Eltern abgeholt werden oder vor dem Backstagegebäude lauern, um vielleicht ihres Idols habhaft zu werden. Derweil spielt die norwegische Band, die bereits zum fünften Mal in der Türkei auf Tour ist und an den Tagen zuvor in Izmir und Istanbul aufgetreten war, eine völlig relaxte und doch tanzbare Mischung aus Rock'n'Roll, Rockabilly, Sixties-Beat und einem Ennio Morricone-Soundtrack. Passend dazu benutzen die Musiker eine schön antiquiert aussehende Baßgitarre und eine tolle halbakustische Gitarre. Eigentlich hätte lediglich noch anstelle des TAMA-Schlagzeuges ein steinaltes LUDWIG-Set mit einer riesengroßen Bassdrum stehen müssen, um das Bühnenbild standesgemäß anzurunden. Grandiose, ganz andersartige Show!

CALIBAN [D]-Liveshot

Obgleich sich die verlorenen Minuten während des Tages mittlerweile zu einer Stunde Verspätung zusammengeläppert hatte, machen CALIBAN einen ausgiebigen Soundcheck, um dem Publikum den bestmöglichen Sound zu liefern. Obgleich - wie zuvor erwähnt - die Menge deutlich ausgedünnt ist, wird die Truppe dann auch mit lautem Jubel begrüßt, was verdeutlicht, daß doch sehr viele Fans auch extra wegen CALIBAN gekommen sind, und ein ordentlicher Circle Pit läßt nicht lange auf sich warten. Ein Triumphzug seitens CALIBAN ist vorprogrammiert, doch es soll anders kommen: Nach knapp einer halben Stunde verstummt plötzlich die PA, und wenige Sekunden später ist auch die Backline still, so daß man lediglich noch die Stimme des Mischers hören kann: "Feierabend, Jungs! Die Militärpolizei ist da!" Durch besagte Verspätung dauert das Konzert nun nämlich in der Tat bis über die Curfew hinaus an, was dann einige Staatsorgane als Handlungsanlaß ansehen. Hier kommt nun der einzige Nachteil des Geländes zum Tragen: Da es außerhalb der Stadtgrenze liegt, ist hier nicht mehr die normale Polizei, sondern die Militärpolizei zuständig. Wie mir ein Insider erzählte, wäre es unter Umständen möglich gewesen, einen regulären Polizisten mit den entsprechenden Argumenten zu besänftigen, was bei einem Militärpolizisten allerdings unmöglich ist. Daher ist das CALIBAN-Vergnügen doch leider nur ein sehr kurzes.

Noch in der Nacht werden seitens des Organisationsteams aufgrund des jähen Endes der CALIBAN-Show Überlegungen angestellt, ob man am zweiten Tag früher anfangen soll, was jedoch letzten Endes nicht passiert, da SATARIAL für ihre aufwendige Show einen ausgiebigen Check einlegen. Daher hält man sich an den ursprünglichen Zeitplan, achtet aber peinlich genau auf die Einhaltung desselben. Zudem sind auch beim offiziellen Start nur wenige Zuschauer anwesend, so daß es wenig Sinn gemacht hätte, die erste Band früher auf die Bühne zu schicken und vor einer fast leeren Wiese spielen zu lassen. In dieser Hinsicht sind also wohl alle Open Airs auf der Welt gleich: Beim Start trifft man nur auf einige wenige Schaulustige.

KASATURA-Liveshot

Besagten Auftakt bestreitet die blutjungen Thrasher KASATURA, die leider ihre 20 Minuten Spielzeit mit zwei TESTAMENT-Coverversionen sowie der KREATOR-Nummer ›Violent Revolution‹ vergeudet. Der Auftakt des Gigs wird zudem von deutlichen Soundproblemen ruiniert, denn außer Rückkopplungen ist fast nichts zu hören. Doch auch nachdem das ungewollte Feedback behoben ist, haben die ersten Bands unter einem viel zu baßlastigen Sound zu leiden, bei dem die Doublebass alles niederstampft und man irgendwelche Feinheiten oder einfach nur die Gitarren fast nicht zur Kenntnis nehmen kann. Dies dürfte hauptsächlich daher rühren, daß das Mischpult neben der Bühne steht, so daß der Mischer kaum hören kann, was er gerade auf den Knöpfen vor sich zurechtdreht. Vermutlich war es problematisch gewesen, auf dem schrägen Gelände einen sicheren Stand für das Pult zu finden, doch dieses Problem muß für künftige Events auf diesem Gelände eindeutig behoben werden, da es kein Vergnügen ist, diesen ersten Bands zuzuhören und der Sound hinter der Bühne - also abseits des Strahlungswinkels der Mörder-Bassdrum - deutlich besser ist.

JOYSTICK-Liveshot

Die zweite Band, JOYSTICK, beginnt ihren Set mit einer Coverversion von ›Lemon Tree‹ von FOOLS GARDEN, die sie erst sehr langsam interpretieren, doch dann das Tempo deutlich anziehen und sehr punkig enden. Generell kommt die Mischung aus Punk, Schrammelrock und Alternative mit türkischen Texte bei den jüngeren Besuchern gut an. Bei der Band bedient CROSSFIRE-Fronter Ugur Bülent Aksoy, ein erfahrener Musiker der türkischen Szene den Baß, während die anderen drei Musiker sehr jung sind.
Eigentlich hätten an dieser Stelle im Billing POSTMORTEM aus Istanbul spielen sollen, eine Band mit drei Mädels, die sich für die Drecksarbeit einen männlichen Drummer gegönnt haben. Doch die Combo, die angeblich in Richtung ARCH ENEMY musiziert hatte, löste sich zwei Wochen vor dem "Rock Station Festival" auf, so daß JOYSTICK auf die Schnelle als Ersatz verpflichtet wurden.

ASTRAL DIVISION-Liveshot

Es folgen ASTRAL DIVISION, das Soloprojekt des ehemaligen SADISTIC SPELL-Gitarristen Serkan Zengin, der sein Projekt nach dem 2003er Demo seiner Ex-Band benannt hat, bei dem ihm verschiedene Musiker unterstützen. Beim heutigen Gig sind dies EPISODE 13-Sänger Ozan Akyol, der im speziell für die Show designten Overall auftritt, CENOTAPH-Basser Deniz Can Kurt und CARNOPHAGE-Drummer Onur Özçelik. Die Combo präsentiert eine energiegeladene Black/Death-Melange, bei der klare Riffstrukturen und Breaks zu erkennen sind, ja gar ein wenig Groove zu erspähen ist.

CARNOPHAGE-Liveshot

Da anschließend CARNOPHAGE auf dem Plan stehen, kann Drummer Onur demzufolge einfach sitzenbleiben, um mit seiner Hauptband nun einen weiteren Gig runterzureißen. Überhaupt kann man die erst vor zwei Jahren gegründete Band um den ehemaligen CIDESPHERE-Sänger Oral Akyol als Senkrechtstarter ansehen, da sie ohne je ein offizielles Demo veröffentlicht zu haben, einen Deal mit dem Ami-Indie UNIQUE LEADER abgreifen konnten, so daß ihr Debut gerade erschienen ist. Die Truppe aus Ankara spielt klassischen, sehr heftigen Death Metal, legt eine gute Performance hin, bei der die Musiker stets vorne, mit permanentem Propellerbetrieb, am Bühnenrand stehen. Kein Wunder also, daß auch sie einen Moshpit zustandebringen, so daß man erneut dem interessanten Phänomen zuschauen kann, daß die Tobenden aufgrund der Schräge langsam aber sicher Richtung Absperrung driften, um dort zu zerschellen oder schon viel früher Bekanntschaft mit der Grasnarbe machen...

MAGICK-Liveshot

Zu MAGICK gibt es eine skurrile Anekdote am Rande: MAGICK-Sänger Mehmet Nalbantoglu hat nämlich mittlerweile dem studentischen Lotterleben abgeschworen und arbeitet bei einer großen Firma, deren Boß ein passionierter Musikfan ist, allerdings Metal verabscheut. Dennoch bestand er darauf, seinen neuen Mitarbeiter live zu begutachten, so daß ein seriös gekleideter, älterer Herr den ganzen Nachmittag lang den Pressebereich unsicher macht - und Mehmet nun auch am Wochenende seinem neuen Herrn und Meister zu Diensten sein muß. Bei seiner Performance läßt er sich indes nicht aus der Ruhe bringen, denn MAGICK zaubern eine sehr gute Show (inklusive der IRON MAIDEN-Coverversion ›Be Quick Or Be Dead‹) ab, obgleich sie als klassische Metalband inmitten der Extrem-Metal-Parade sicherlich keinen leichten Stand haben. MAGICK arbeiten derzeit übrigens an einer dritten Platte, wurden jedoch massiv dadurch ausgebremst, daß die Musiker allesamt ihre Wehrpflicht ableisten mußten. Von der kommenden Platte spielen MAGICK einen Song, der ebenso die restliche Platte einen türkischen Text hat.

SUICIDE [TR]-Liveshot

Ein wenig weiter sind indes SUICIDE, die im letzten Jahr eine neue Platte aufgenommen hatten, diese dann aber wieder in die Tonne getreten hatten, da sie in jeglicher Hinsicht nicht zufrieden waren, um nun eine neue und bessere neue Platte aufzunehmen. Live kann die Band wie gewohnt punkten - auch wenn einem Großteil des doch recht jungen Publikums nicht bewußt sein mag, daß sie es hier mit echten Veteranen der einheimischen Szene zu tun haben. Während die Neulinge CARNOPHAGE dem Hörer ein Breitbandantibiotikum - will heißen: Breitbanddeathikum... - aufs Maul bügeln, ist bei SUICIDE strukturierter, riffiger und vor allem mit höherem technischen Anspruch dargebotener Todesmetall angesagt.

Asena Özçetin-Liveshot

KARAKEDI-Sängerin Asena Özçetin, die sich neuerdings ein Soloprojekt gönnt, bei dem die gleichen Musiker wie bei ihrer Hauptband mitspielen, ist ein wenig ermattet, da sie in der letzten Nacht noch eine zusätzliche Show im "Yulcu"-Pub gespielt hatte. Diese Kneipe ist nach ihrem Umzug aus eher etwas abgelegenen und verrucht wirkenden Räumlichkeiten in die Nähe des "Saklikent", jener Konzerthalle, in dem das "Rock Station Festival" in den ersten Jahren stattgefunden hatte, zu einem der wichtigsten Szenetreffs in Ankara geworden, wo auf der kleinen Bühne auch hin und wieder Bands auftreten. Doch die Müdigkeit kann man ihr auf der Bühne nicht anmerken, denn sie agiert souverän wie eh und je. Zunächst war geplant gewesen, daß bei Asenas Soloprojekt englische Texte zum Zug kommen sollten, doch nach einigem Herumprobieren und einer Testaufnahme, entschloß man sich dann wie auch bei KARAKEDI, türkische Texte zu verwenden, was die Unterscheidungskriterien zwischen beiden Projekten deutlich reduziert. Zwar geht Asena bei ihrem Soloprojekt etwas härter, moderner und gitarrenbetonter zur Sache und läßt auch ein wenig Rock'n'Roll-Faktor einfließen, doch generell ist sie dabei nicht meilenweit von KARAKEDI entfernt, wobei vor allem Asenas Stimme einen Gutteil zu diesem Eindruck beiträgt. Man kann Asena durchaus als die türkische Doro bezeichnen, da sie ebenfalls eine sehr starke Livepersönlichkeit ist und sie zudem innig die Fans verehrt wird, so daß sie nach dem Gig für gemeinsame Photos bereitstehen muß.

DEW-SCENTED-Liveshot

Am heutigen Tag ist durch die Bank exzellentes Wetter angesagt, bei dem sogar ein wenig Sonnenbrandgefahr angesagt ist, so daß letzten Endes also der kurze Regenguß am ersten Tag die einzige feuchte Erfahrung beim RSF elf bleiben soll. Daher kann bei DEW-SCENTED nichts schiefgehen: Die Band ist live immer ein Volltreffer, so daß auch die überschäumende Stimmung in Ankara, wo man die neue Formation austestet, nicht von ungefähr kommt. Wie Sänger Leif treffend ausführt, stellen die Deutschen die Thrashband am zweiten Festivaltag dar. Als die Zuschauer dennoch nach einer Wall Of Death verlangen, muß er demzufolge klarstellen, daß DEW-SCENTED nicht "solch' eine Band" seien, er aber niemand vorschreiben könne, was er zu tun oder zu lassen habe. Allerdings vergißt er nie zu betonen, daß die Fans beim gepflegten Ausrasten nett zueinander sein sollen und stellt damit erneut unter Beweis, daß er ist nicht nur einer der souveränsten Frontmänner, sondern auch einer der sympathischsten Zeitgenossen ist, die die Szene vorzuweisen hat.

CENOTAPH [TR]-Liveshot

Dann stattet das "Rock Station Festival" erneut dem Oldtimermuseum einen weiteren Besuch ab, denn CENOTAPH sind die älteste Grindband der Türkei, die mittlerweile seit fast 15 Jahren existiert. Die Band, die in den letzten Jahren etliche Umbesetzungen durchgemacht hatte und heuer aus Batu Çetin (v), Cihan Akun (g), Deniz Can Kurt (b) sowie Çaglar Yürüt (d) besteht, spielt einen energischen Gig, bei dem sie freilich das prinzipielle Grind-Monotonieproblem auch nicht in den Griff kriegen, so daß es eigentlich reichen würde, wenn die Band einen Song spielen und man dann die Repeat-Taste drücken würde - außer natürlich, man wäre ein absoluter Grind-Connoisseur, der fähig ist, inmitten des Grunz-Röhrens und der permanenten Blastbeats Feinheiten zu entdecken. Den Anwesenden hat es dennoch eine Menge Spaß gemacht!

SATARIAL-Liveshot

Die beiden Hauptakteure der Moskauer Band SATARIAL sind Lord Seth, dessen hauptsächliche Tätigkeitsfelder on stage die Gitarre und der elektronisch verzerrte Gesang sind, sowie Angel Bust, die sich um die Keyboards kümmert, doch auch mittels zweier Trommeln für das ein oder andere rhythmische Element sorgt, wobei die Rhythmusarbeit aber zum Großteil auf Samples zurückzuführen ist. Zu ihnen gesellt sich Alien, der Dudelsack spielt und sich bei der Show eher im Hintergrund hält, während Lolita und Oxy für elektronische Effekte beziehungsweise Flötenspiel zuständig sind, aber aufgrund ihres doch meist sehr luftigen, aber nie komplett enthüllenden Outfits vor allem für die optischen Zuckerl sorgen; die nackten Tatsachen, die im CD-Booklet zu sehen sind, bleiben heute indes in der Trickkiste. Ein weiterer zentraler Punkt der Show ist eine Leinwand, auf die zumeist psychedelische Lichtspielchen geworfen werden, aber auch sehr reale Bilder wie beispielsweise von der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl zu sehen sind. Darüber hinaus werden desöfteren Pyroeffekte (inklusive des von den IMPOTENT SEASNAKES bekannten Tricks, bei dem Lolita mittels eines Winkelschleifers an einem metallnen Armstutzen für Funkenregen sorgt) eingesetzt, oder aber Lolita verwandelt sich in einen Engel, dem Lord Seth dann die Flügel abreißt. Die Musik der Band kann man als Mischung aus Industrial, EBM und Electro bezeichnen, in die dank der Blasinstrumente leichte Folkelemente hineingebracht werden, doch letztendlich bieten SATARIAL hauptsächlich etwas fürs Auge. Wenn eine Band jedoch so sehr auf ihre Showelemente ausgelegt ist, dann ist es natürlich problematisch, wenn sich Panne an Panne reicht und es so wirkt, als sei die Show mal schnell im Baumarkt um die Ecke zusammengekauft worden. Demzufolge können SATARIAL angesichts der immensen technischen Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, mit ihrer heutigen Performance sicherlich nicht zufrieden sein.

RAGE [D]-Liveshot

An diesem Abend muß der Headliner erfreulicherweise keine Abwanderungsströme wie am Vorabend über sich ergehen lassen, und nimmt man die lautstarken "RAGE"-Rufe als Maßstab, scheinen ohnehin alle Anwesenden wegen des Trios gekommen zu sein. Kein Wunder also, daß Peavy, Victor Smolski und Andre Hilgers zu Hochform auflaufen, noch mehr gefeiert werden und ein formidables Set zum besten geben, so daß sie als würdiger Headliner dem Festival einen passenden Schlußpunkt verpassen.
Anschließend kommen die ROCK STATION-Mitarbeiter auf die Bühne, um ein paar Bierdosen kräftig zu schütteln und dann das Publikum noch ein wenig mit Sponsorenbier (Keine Schleichwerbung! Deren "Promomaßnahmen" sind ohnehin fast auf jedem zweiten Photo zu sehen...) zu taufen, bevor das elfte "Rock Station Festival" dann endgültig Geschichte ist. Meinereiner freut sich schon jetzt auf das nächste Jahr, um wieder gute Freunde, interessante Bands, begeisterte Fans und entspannte Atmosphäre begrüßen zu können.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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