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  UE-Home → History → Underground Empire 2 → Interview-Übersicht → SDI-Interview last update: 18.06.2022, 10:01:29  

”UNDERGROUND EMPIRE 2”-Datasheet

Contents:  SDI-Interview

Date:  1989/'90 (created), 01.04.2009 (revisited), 22.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 2

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several later issues still available; find details here!

Comment:

Heute wissen wir, daß SDI es nicht gepackt haben, denn »Mistreated« sollte die letzte Platte der Combo sein. Doch immerhin wurde der GAMA-Katalog vor einiger Zeit von Andi Preisig von BATTLE CRY RECORDS aufgekauft, so daß die Veröffentlichungen der Firma nun auf seriöse Weise wiederveröffentlicht werden können. Zwar hat Andy mittlerweile keine Zeit mehr für weitere Re-Releases, da er als Händler zu sehr eingespannt ist, so daß er einige GAMA-Platten weiterlizensiert hat, doch die SDI-Scheiben wurden noch von ihm wieder unter die Menschheit gebracht, so daß man dann wieder nachvollziehen kann, daß Reinhards Aussage, daß SDI keinen Speed/Thrash von der Stange gemacht haben, durchaus zutrifft!

Beim Re-Release haben wir uns auch das Photo geklaut, um das im Original eher schmucklose Interview etwas hochzupimpen. Das Photo aus der ursprünglichen CD - Ja! »Mistreated« war eine der wenigen GAMA-Veröffentlichungen, die auch als Silberling erschienen - hatte eine derart mistige Druckqualität, daß es auch pfiffigste Photoshoper nicht mehr retten könnten.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

SDI-Logo

Der heutige Tag könnte aufgrund des Rücktritts Erich Honeckers ein historischer werden. Welche Bedeutung diese Entwicklung für die Geschichte haben wird, muß die Zukunft erst zeigen. Das Interview, das ich am selben Tag mit Reinhard Kruse von SDI führte, wird die Welt sicher nicht aus den Angeln heben, weshalb es aber nicht weniger interessant wird. Als das Telefon verlangend schrillte, war ich mit einem äußerst gesprächigen Sänger, Bassisten und Songwriter konfrontiert, der einige sehr kritische Worte mitzuteilen hatte.

Inwiefern hat Euer Name etwas mit dem SDI-Verteidigungskonzept der Amerikaner zu tun?

Du, das kann ich ganz schnell sagen: Gar nichts! Es hat auch nichts mit Satans Defloration Incorporated zu tun. Es soll also nicht heißen, daß wir die wilden Satansbeschwörer wären. "Satans Defloration Incorporated" sollte nur witziger Titel für die erste LP sein. SDI war einfach ein Name, der uns gut gefallen hat und der irgendwie gut knallte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß SLAYER sich etwas dabei gedacht haben, als sie sich so nannten. Und wenn sie das getan haben, dann sind sie riesengroße Schwachköpfe! Daher denke ich mal, daß es völlig in Ordnung geht, wenn man sich SDI nennt (es sei Euch gestattet - Red.).

Dann war der Titel der ersten LP also nur ein Gag.

Die gesamte erste LP war sehr spontan und genauso ist dann auch der Titel entstanden. Er war nur eine spontane Idee, die sofort umgesetzt wurde, um die ganze Sache etwas knackig und würzig auf den Punkt zu bringen. Ich muß sagen, daß die Erste bislang unsere witzigste und spontanste LP ist.

Bleiben wir doch bei dem eben angesprochenen Thema, auch wenn es schon etwas out of time ist. Was denkst Du über das SDI-Konzept?

Ich weiß gar nicht mal, ob es so fürchterlich viele Leute gibt, die das SDI-Konzept überhaupt durchschauen. Aber Deine Frage hat mir gezeigt, daß die meisten Leute auf unseren Namen SDI nicht mehr so reagieren, als seien wir die absolut oberübelsten Nazis, Satanisten oder von allem, das es gibt, das Schlimmste (Wo ist da die logische Verbindung? - Red.). Das behaupten aber meist die Leute, die noch nie einen Song von uns gehört haben. Es macht mich immer traurig, wenn ich höre, wir würden andere Leute zum Okkultismus bekehren, obwohl noch nicht ein einziger unserer Songs davon handelt. Wir hatten auf unseren Platten schon zwei Stücke mit sehr deutlichen Aussagen über Nazis, aber das erste Mal, daß wir ein echtes Konzept hatten, das war mit der neuen LP. So wollen wir auch in Zukunft arbeiten, nämlich daß die Stücke und das Cover eine Einheit bildet. So etwas hatten wir bei »Sign Of The Wicked« schon in Ansätzen, aber bei »Mistreated« haben wir das richtig durchgezogen, und alle Songs handeln von Mißhandlung im weitesten Sinne und wie die betroffenen Personen damit fertig werden. Da gibt es zum einen die Hausfrau in ›Violence‹, die von ihrem Mann unterdrückt wird und auszubrechen versucht, zum anderen die Frau in ›Night Of Tears‹, die vergewaltigt wird, oder das Embryo in ›Mother‹, das seine eigene Abtreibung miterleben muß. Wir versuchen uns in die jeweiligen Leute hineinzuversetzen und aus deren Sicht die Mißhandlung zu beschreiben. So wollen wir auch weiterarbeiten, nämlich daß wir uns ein Konzept suchen und dieses hart verfolgen. Dann kann es passieren, wenn man unkonzentrierte - sag ich mal - Rezensenten hat, die das einfach nicht merken, dann kann uns schon mal etwas passieren, wie es jetzt mit dem METAL HAMMER geschehen ist, nämlich daß sich Leute an einzelnen Sachen, über die sich normalerweise keiner aufregen würde, dermaßen hochgeilen, weil sie auf Teufel komm raus witzig sein wollen.

Ich war keineswegs der Meinung, daß Ihr in irgendeiner Form Klischees mißbraucht.

Richtig klischeehaft sind wir noch nie gewesen. Gerade die erste LP war das absolute Anti-Klischee, weil wir da dermaßen auf die Kacke gehauen haben, daß es von Hamburg bis München gespritzt hat (und wer bezahlt die Säuberungsarbeiten? - Red.). Da waren die Klischees so übertrieben, daß es für jedermann ersichtlich war, was gemeint war. Trotzdem ist es bei vielen Leuten schlecht rübergekommen, sei es mangels Konzentration oder wie auch immer. Daher arbeiten wir seit der zweiten Platte so, daß wir für die Interpretation kaum noch Raum lassen. Man schreibt da seinen Text und versucht, ihn nach allen Seiten abzuklopfen, aber wenn jemand will, kann er Dir immer etwas in den Mund legen (mein Tip lautet: Vorhängeschloß! - Red.)

SDI-Bandphoto 1

»Mistreated« ist Eure dritte LP. Dennoch seid Ihr noch weitgehend unbekannt. Worin siehst Du es begründet, daß Ihr bislang nicht über den regionalen Bereich hinausgekommen seid?

Wir kommen schon aus dem regionalen Bereich raus. Wir haben immerhin schon in Stuttgart, Hamburg, München, Köln und auch schon in Holland gespielt. So kann man es also nicht sehen, aber ich weiß schon worauf Du hinaus willst. Du willst wissen, warum wir nicht solchen Erfolg haben wie andere Bands mit drei Platten (wollte ich zwar nicht, ist aber auch okay - Red.). Das liegt daran, daß wir von Anfang an immer unser eigenes Ding gemacht haben, und es kann dann eben sein, daß gerade das dann gerade nicht angesagt ist. Es kann eben vorkommen, wenn man nicht auf fahrende Züge aufspringt, daß man dann mal auf einem Abstellgleis landet. Wir könnten es auch so wie viele Bands machen, daß wir die neue SLAYER, die neue METALLICA und die neue ANTHRAX zusammenmixen und unsere LP draus machen. So entstehen 90 Prozent der deutschen Thrashplatten. Da hab ich irgendwie keinen Bock drauf, weil ich meine eigene Sache machen will. Ich höre mir ziemlich wenig Thrash an und das führt dazu, daß unsere Musik für Thrash ziemlich unüblich ist. Mit diesem eigenen Sound tun sich vor allem Leute schwer, die Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen sind. Deshalb haben wir etwas mit der Popularität zu kämpfen. Aber trotzdem ist meiner Meinung nach ein Lied wie ›The Deal‹ tausendmal interessanter als ›Ausgebombt‹ zum fünfundzwanzigsten Mal.

Wie seht Ihr eigentlich Euere Chancen angesichts der Masse an Neuveröffentlichungen, zumal ich heute gesehen habe, daß Ihr im METAL HAMMER ziemlich verrissen wurdet.

Ja, das ist richtig. Mit dem METAL HAMMER hatten wir schon immer unsere Probleme. Aber es gibt ja nicht nur den METAL HAMMER, sondern eben auch Fanzines, in denen wir teilweise sehr gut wegkommen. Ich denke eigentlich, daß man, wenn man seinen eigenen Stil gefunden hat, auch dabei bleiben soll, unabhängig davon, ob man sich einen tollen Erfolg ausrechnet oder nicht. Ich schwöre Dir, daß wir doppelt so viele Platten verkaufen würden, wenn wir Musik machen würden wie alle anderen, aber das will ich einfach nicht. Ich will Musik machen, die mir Spaß macht und bei der ich mich selbst verwirklichen kann. Ich sehe das eben so, daß auf dem Thrashsektor 9O Prozent aller Produktionen völlig überflüssig sind, weil das in irgendeiner anderen Form von einer anderen Band schon gebracht wurde. Ich sehe das als eine Sackgasse, in die da viele Bands reinlaufen, die nur dazu führt, daß sie sich ihr eigenes Grab schaufeln. Ich versuche, mir in meiner Musik Perspektiven offenzuhalten, was ich in Zukunft noch machen kann. Denn irgendwann ist das schnellste Gitarrenriff mal gespielt, und dann ist man am Ende der Fahnenstange. Man sieht ja auch bei den großen Bands, daß sie langsam umschwenken. METALLICA ist das beste Beispiel, denn wer hätte vor drei oder vier Jahren gedacht, daß sie mal mit einer Ballade in die Singlecharts kommen? METALLICA haben ihren eigenen Stil, der mittlerweile tausendfach kopiert wird. Sie haben es mit einer eigenen neuen Sache geschafft und alle Leute, die kopieren, sind letztendlich doch immer dazu verdammt, in der zweiten Reihe zu bleiben. Man kann es nur richtig machen, wenn man etwas Originales schafft. Das will ich versuchen zu tun, und wenn ich es damit nicht schaffe, dann bin auch damit zufrieden, weil es mir mehr Spaß und Zufriedenheit bringt. Das ist vielleicht eine merkwürdige Sicht, aber für mich muß etwas gut und neu sein, damit es mir gefällt.

Mir ist aufgefallen, daß viele Lieder von »Mistreated« ähnlich aufgebaut sind, nämlich, daß beim Refrain zunächst der Chor einen Teil singt und dann der Sänger allein noch einen Teil anfügt.

Du, das ist Zufall. Das hängt davon ab, was das jeweilige Stück erfordert. Wenn ich eine Melodie wie bei ›Kiss Ass‹ im Kopf habe, dann drängt sich das so auf. Ich habe da kein Schema, nach dem ich Stücke mache. Wenn ich eine Idee habe, dann versuche ich, sie so zu arrangieren, wie es gut klingt. Ich denke, daß gerade die Refrains vom Wiedererkennungswert her weit über dem Durchschnitt sind, der sonst von Thrashbands angeboten wird.

Bei den Special thanks auf der Platte habt Ihr als Abschluß geschrieben "...SDI are the best". Klingt irgendwie ziemlich eingebildet!

Wenn Du nicht der Meinung bist, daß die Band, in der Du spielst, die beste ist, dann kannst Du es sein lassen. Das würde ich auch jederzeit wiederholen. Wenn man nicht mal zu seiner Mucke stehen kannst, wozu soll man denn dann stehen?

Heute ist Erich Honecker zurückgetreten. Ein Grund mehr, Dich nach Deiner Meinung zur gesamten Ost-Thematik zu fragen!

Ich finde nicht so gut, daß die ganzen Leute hier rüber kommen und ihre Landsleute da im Stich lassen. Es wäre besser gewesen, wenn sie zusammen mit den Leuten letzte Woche in Leipzig demonstriert hätten, um etwas zu ändern. Nun, jetzt sind sie hier und ich denke, sie sollten die gleichen Chancen bekommen, wie jeder hier auch. Ich habe letztes Wochenende jemanden kennengelernt, der aus der DDR rübergekommen ist und dort als Profimusiker in der Band PHARAO gespielt hat. Er hieß zufällig auch Reinhard und wir haben uns darüber unterhalten, was da drüben so abgeht, und ich war ziemlich schockiert. Auf der einen Seite gibt es tierisch gute Arbeitsbedingungen, wenn man erst mal drin ist und sich nach dem System richtet. Sie haben dann ein geregeltes Auskommen, können überall spielen, weil die Auftrittsituation wesentlich besser und stabiler ist. Die Leute sind besser ausgebildet, weil sie vom Staat voll unterstützt werden. Wenn aber nur ein Ton fällt, der nicht vollständig staatskonform ist, dann knallt's fürchterlich. Das ist das Risiko, mit dem die Leute leben müssen. Sie sitzen also auf einer Planke und hinter ihnen ist der Seeräuberkapitän gerade dabei, die Planke schon abzuschneiden, um mal dieses Bild zu gebrauchen. Daß Honecker jetzt gegangen ist, das ist nichts anderes als eine längst überfällige, sozusagen biologische, Entwicklung. Ich glaube aber nicht, daß sich da großartig etwas tun wird.

Gibt es noch etwas, das Du unbedingt loswerden willst?

Hört Euch lieber die Platte an, bevor Ihr Euch den METAL HAMMER kauft und diese blöde, dumme und völlig ignorante Kritik durchlest, die sich mit der Platte überhaupt nicht beschäftigt, sondern mit zwei Druckfehlern, die wir als Band noch nicht mal zu verantworten haben.

Zum Abschluß noch eine sauwichtige Frage, die sich mir unweigerlich aufdrängt, wenn ich mir das Backcover anschaue: stimmt es, daß Ihr von HB gesponsort werdet?

Klar!!! Wir bekommen von HB jeder eine Zigarette täglich.

Das große SDI-Geheimnis wäre also gelüftet, so daß wir das Interview nun mit ruhigem Gewissen beenden können.

Womit wir bewiesen hätten, daß man auch mit fünf, sechs Grundfragen ein recht langes Interview machen kann, wenn der gute Reinhard auch nicht immer genau auf meine Fragen eingegangen ist, sondern etwas abgeschweift ist!

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

SDI im Überblick:
SDI – Mistreated (Re-Release-Review von 2006)
SDI – Satans Defloration Incorporated (Re-Release-Review von 2006)
SDI – Sign Of The Wicked (Re-Release-Review von 2006)
SDI – UNDERGROUND EMPIRE 2-Interview
SDI – News vom 18.12.2014
andere Projekte des beteiligten Musikers Rainer "Rage" Kropp:
ENOLA GAY (D, Osnabrück) – Spectrum Of Colours (Demo-Review von 1994)
andere Projekte des beteiligten Musikers Reinhard Kruse:
INGJENØRE – News vom 06.03.2005
andere Projekte des beteiligten Musikers Ralf Maunert:
INGJENØRE – News vom 06.03.2005
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