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"Rock Hard Festival" 2009

Gelsenkirchen, Amphitheater

29.-31.05.2009

2009 - eine schwierige Festivalsaison. Die sogenannten "großen Bands" haben mittlerweile ihre Gagenforderungen in derart astronomische Höhen geschraubt, um auf diesem Weg die Verluste bei den CD-Verkäufe wieder reinzuholen, daß nur noch die Riesenfestivals so viel Kohle hinblättern können. Inwiefern diesen dann auch das Wohlergehen und der Spaßfaktor für die Besucher so sehr am Herzen liegt, steht auf einem anderen Blatt. Daß beim "Rock Hard Festival" die Fans im Mittelpunkt stehen, wurde in den letzten Jahren mehr als eindeutig bewiesen. Erfreulich, daß das honoriert wird, denn auch wenn in diesem Jahr besagte "große Namen" fehlten, war der Zuschauerstrom gen Amphitheater in Gelsenkirchen sogar noch ein wenig größer als im Vorjahr. Die Veranstalter des "Rock Hard Festivals" hatten es geschafft, eine ausgewogene Bandzusammenstellung zusammenzustellen, wobei als letzte Band der Sonntagsheadliner gebucht wurde: SAXON mit einem Classic Set inklusive dem neu aufpolierten Adler. Gehen wir in medias res - oder wohl ausnahmsweise mal eher zum Ende...

Also ehrlich, Biff ist einfach unmöglich! Obgleich von SAXON wie erwähnt ein Classic Set angekündigt worden war, kann er sein Spielchen "Do you want an old song or a new song?", das man von jedem SAXON-Konzert der letzten drei bis vier Jahrhunderte kennt, trotzdem nicht lassen; und als Ausrede fällt ihm natürlich ganz schnell ein, daß SAXON ja schließlich auch neuere Songs hätten, die Klassiker seien... Unverbesserlich, dieser Sachse!
Daß zu einem solchen Classic Set natürlich auch der gute alte Blechvogel dazugehört, dürfte sich von selbst verstehen, doch im Gegensatz zu den sonstigen "Adler-Shows" der letzten Jahre, bei denen das Vögelchen zumeist während der gesamten Show teilnahmslos im Bühnenhintergrund schwebte und erst gegen Ende mit Strom gefüttert wurde, wird er heuer nahezu während der gesamten Show eingesetzt, darf auf- und absteigen, kräftig flattern, während er funkelt und blinkt wie dereinst im Mai. Auf alle Fälle paßt das Entmotten des Flatterviechs natürlich bestens zum momentanen Karriereabschnitt von SAXON: Die NWoBHM-Ikonen, die gerade aus Amerika zurückgekommen sind, feiern derzeit nämlich gerade offiziell ihr 30-jähriges Jubiläum und stehen zweifelsohne immer noch prächtig im Saft; na ja, eigentlich tauchte der Name SAXON ja erstmals schon 1977 auf, während frühe Inkarnationen der Band unter diversen anderen Namen sogar schon früher existierten, aber immerhin erschien das SAXON-Debut im Jahr 1979. Und wer würde sich schon mit solchen Haarspaltereien aufhalten, wenn die Jungs solche Parties schmeißen? Anders kann man die Show, mit der SAXON unters "Rock Hard Festival" anno 2009 den würdigen Schlußstrich ziehen, nämlich nicht nennen. Okay, Ihr habt wahrscheinlich genausowenig wie ich SAXON in den letzten Jahren on stage jemals schlecht, oder? Aber wenn bei einer Band wie SAXON, die für solche Spielchen nicht gerade prädestiniert ist, Crowdsurfing ohne Ende angesagt ist, dann ist das in der Tat vielsagend.
Wenn man nach einem Haar in der Suppe suchen will, dann sind fünf Songs von der neuen Platte »Into The Labyrinth« neben elf Oldtimern bei einem Classic Set einfach zu viel - vor allem wenn unterm Strich solche Pflichtsongs wie ›747 (Strangers In The Night)‹ oder ›Crusader‹ fehlen. Es mag zwar verständlich sein, daß sich eine Band zu einer solchen Mischung entscheidet, um dem aktuellen Werk auch etwas Aufmerksamkeit zuzuschachern, aber ein leichtes Mißverhältnis ist es dennoch.
Dennoch soll hier nun eine wirklich prächtige Show mit toller Stimmung nicht totgeredet werden. SAXON werden wohl auch noch bei ihren 60-jährigen Jubiläum auf der Bühne unter Volldampf stehen!

SAXON-Liveshot

Als Puffer zwischen SAXON und SACRED REICH geht die Karaoke-Gewinner-Jam über die Bühne, bei der am Ende auch noch ROKKEN-Sängerin Steffi die AIRBOURNE-Nummer ›Stand Up For Rock'n'Roll‹ singt.

SACRED REICH waren eine der "Comeback-Bands" der letzten Festivalsaison, als sie allerdings nur in Wacken spielten. Doch in diesem Jahr haben sowohl das "Bang Your Head!!!" als auch das "Rock Hard Festival" zugeschlagen, so daß einige zusätzliche Fans noch in den Genuß der Band kommen. Und ein Genuß sind SACRED REICH auch grob geschätzt zehn Jahre nach ihrer Auflösung immer noch: Phil Rind ist zwar etwas fülliger geworden, aber die Band spielt tight und serviert eigentlich alle Songs, die man hören will - kurz: vor allem die alten Klassiker. Daher wollen wir auch nicht wegen des Covers von BLACK SABBATHs ›War Pigs‹ rummeckern, zumal es super beim Publikum ankommt, das die ersten Zeilen lautstark allein singt, und die Nummer zudem auf der '88er »Surf Nicaragua«-EP gestanden hatte. Nach diesem großartigen Auftritt der Jungs aus Phoenix darf man sich getrost auf die Show beim "Bang Your Head!!!" freuen!

SACRED REICH-Liveshot

UFO traben mit Barry Sparks als Ersatz für den immer noch pausierenden Pete Way an, der seinen Part sehr gut bestreitet, ohne im Stile eines Pete Way rumzukaspern, showtechnisch aber dennoch sehr aktiv ist, was vor allem dadurch auffällt, daß UFO in Sachen Bühnenaction mittlerweile eine ziemliche Altherrenmannschaft geworden sind. Dennoch ist dieser Auftritt meilenweit von der desaströsen UFO-Show beim "Rock Of Ages" 2006 entfernt, bei der Phil Mogg komplett neben sich gestanden hatte. Ein Grund für die eher laue Stimmung mag aber auch das Fehlen der beiden großen UFO-Klassiker ›Doctor, Doctor‹ und ›Lights Out‹ gewesen sein - eine Festivaltodsünde, wie sie im Buch steht!

UFO-Liveshot

Wie schon beim "Headbangers Open Air" oder beim "Keep It True" bieten HEATHEN eine Knallershow mit supertightem Riffing, bei dem Neuling Kragen Lum seinem Kollegen Lee Altus locker Paroli bieten kann. Daß David Godfrey-White ein sehr guter Frontmann und trefflicher Sänger ist, hat er bei besagten Shows auch unter Beweis gestellt, und bleibt selbigen auch heute nicht schuldig. Ach ja, und auch auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole: ›Open The Grave‹ steuert auch beim "Rock Hard Festival" das geilste Riff des gesamten Festivals bei! Jetzt darf man also auf das fast fertige neue HEATHEN-Album gespannt sein, von dem ›Dying Season‹ gespielt wird, das genauer gesagt schon vom 2005er Demo stammt. Die großartige Leistung von HEATHEN sorgt dafür, daß die Bay Area-Recken auch nach dem gerade stattgefundenen doppelten Rock'n'Roll-Feuerwerk bestehen können, wobei D-A-D für die arschtretende und BULLET für die nicht weniger kickende, aber eben doch deutlich metallischer ausgerichtete Version sorgen.

HEATHEN-Liveshot

D-A-D sind nämlich live immer ein Knaller, doch am heutigen Tag hauen die Dänen besonders gut auf den Putz und heizen zudem noch mit einer schicken Pyroshow ein. Dabei wäre allein schon die Baßcollection von Stig Pedersen eine Reise wert, denn solche Exponate sieht man nun wahrlich nicht überall; da ist der Tieftöner mit Plexiglaskorpus fast schon nicht mehr erwähnenswert, während seine Zwei-Saiten-Kontinentalrakete und der ebenso viele Saiten umfassende "Alternativbaß" mit einen riesigen Kopf (inklusive Mechanik) als Korpus und einem kleinen Stratocasterbody als Kopf da schon etwas exotischer sind... Eine der Überraschung - und zwar sicherlich nicht wegen Stigs Auftritt mit dem Pyrohelm, denn selbiger zählt bei D-A-D ja auch zum Standardprogramm - und sicherlich eine der besten Bands bei einem Festival ohne echte Ausfälle.

D-A-D-Liveshot

Völlig aus dem Häuschen wegen D-A-D ist auch BULLET-Gitarrist Hampus Klang, der mir nämlich backstage erklärt, daß die Dänen in Skandinavien größentechnisch direkt zwischen PINK FLOYD und METALLICA einzusortieren sind, seine Band BULLET heute jedoch direkt vor D-A-D auftreten darf. Daher ist zumindest er nicht erbost darüber, daß während des BULLET-Sets im Hintergrund das D-A-D-Bühnenbild aufgebaut wird, was zwar technisch wohl nicht anders machbar ist, aber nicht gerade respektvoll der auftretenden Band gegenüber ist. Doch BULLET fegen ohnehin wie ein Wirbelsturm über die Bühne, daß man die Bauarbeiten im Hintergrund schnell vergißt. Es ist einfach phänomenal, wie es die Band immer wieder schafft, ihre Begeisterung und ihren Spaß live rüberzubringen, so daß man spätestens wenn der erste BULLET-Musiker die Bretter betritt, die Originalitätsprobleme beim BULLETschen AC/DC plus ACCEPT-Mix vergessen hat, und einfach nur noch mitbangen muß. Neubasser Adam Hector hat sich nahtlos eingefügt, und auch Sänger Dag Hell Hofer, der früher noch etwas wie ein Mauerblümchen wirkte, ist mittlerweile auf dem besten Weg, eine coole Rampensau zu werden. Wenn die Band es jetzt noch schafft, ihre Liveenergie auch auf Platte einzufangen, sollte dieses Geschoß endgültig abgehen wie eine Rakete. Wünschenswert wäre es, denn alle Welt sollte eine solche Spaßkanonade à la BULLET wie beim "Rock Hard Festival" erleben.

BULLET [S]-Liveshot

Wer hätte das gedacht? Wäre da nicht UFO gewesen, wären FIREWIND die schwächste Band des Tages gewesen - obgleich sie sich nachgewiesen zu einer starken Liveband gemausert haben. Tja, und das spricht eindeutig nicht gegen die Griechen, sondern für alle anderen Bands des dritten RHF-Tages, denn auch FIREWIND lassen die Kuh nach allen Regeln der Kunst fliegen. Man merkt, daß bei der Band gerade mit Studioarbeiten beschäftigt ist und daher richtig ausgehungert auf eine Liveshow ist. Vom kommenden Album, das sich also gerade in der Entstehung befindet, hat die Truppe dann auch gleich mal ›Losing Faith‹ mitgebracht.

FIREWIND-Liveshot

In der Tat, sogar die finnischen Youngster TRACEDAWN machen zum Auftakt des letzten Tages eine sehr gute Figur - wenngleich man bei ihnen natürlich einen leicht anderen Maßstab anlegt als bei solch ausgebufften Liveprofis wie FIREWIND. Zwar sind die Jungs hypernervös, als sie aus ihren Umkleidekabinen kommen und seitlich der Bühne warten, doch dort angekommen, geben sie ordentlich Gas und zeichnen sich mit Ausnahme des neuen Gitarristen Roni Seppänen, der aber noch mehr Welpenschutz als seine Kollegen genießt, da er seine zweite Show mit TRACEDAWN bestreitet, durch hohes Bewegungspotential aus - wahrscheinlich wollen sie bei den beiden Mädels mit dem "TRACEDAWN German Support"-T-Shirts in der ersten Reihe einen guten Eindruck hinterlassen. Jetzt gilt es für die Band, musikalisch eine eigene Linie zu finden, denn derzeit kann man die Vorbilder von CHILDREN OF BODOM über IN FLAMES bis zu STRATOVARIUS (Keyboard!) noch zu deutlich heraushören.

TRACEDAWN-Liveshot

Tja, und somit wären wir schon am Ende des ersten..., äh am Anfang der dritten Festivaltages..., äh..., wo auch immer... Dort sind wir auf alle Fälle angelangt!

Als CHILDREN OF BODOM bei der laufenden US-Tour mit LAMB OF GOD, AS I LAY DYING, GOD FORBID und MUNICIPAL WASTE am 9. Mai ausstiegen, weil sich Sänger und Gitarrist Alexi Laiho einige Tage zuvor bei einem Sturz aus seiner Koje im Tourbus die Schulter gebrochen hatte, war sicherlich bei den Kollegen vom ROCK HARD zunächst mal das große Zittern angesagt, ob nicht vielleicht in letzter Minute noch einer der Headliner ausfallen würde. Doch drei Wochen später stehen die Finnen auf der Bühne, um den zweiten RHF-Tag zu beenden; allerdings gestattet sich Alexi verständlicherweise ein wenig Schonung, so daß er die standardmäßige Signing Session absagt. Bei den ganzen Newsmeldungen, die sich um Alexis Unfall drehten, war nämlich nicht wirklich rübergekommen, daß sich der CHILDREN OF BODOM-Frontmann bei seinem unfreiwilligen Flugversuch auch einige Rippen angeknackst hatte, was unterm Strich das gravierendste Problem ist, da es ihm Schmerzen beim Singen verursacht. Auch auf der Bühne im Gelsenkirchener Amphitheater an diesem Abend sieht man, daß Alexi mehrfach mit schmerzverzerrtem Gesicht an seinen Rippenbogen greift, so daß man nur den Hut ziehen kann, daß er dennoch die Show bestreitet. Aufgrund dieser Vorzeichen ist es allerdings verständlich, daß es eher eine der schwächeren der vielen CHILDREN OF BODOM-Shows wird, denen meinereiner bereits beigewohnt hat. Es mag auch an der enormen Hitze des heutigen Tages liegen, die die Besucher im Betonrund kräftig ausgelaugt hat, während am dritten Tag doch immer wieder ein leichter, aber um so erfrischenderer Lufthauch weht, daß der letzte entscheidende Funke nicht überspringen will. Schwach ist die Band dennoch nicht, auch wenn Alexi - mit Ausnahme seiner wie immer ausufernden "Fuck"-Kaskaden... - etwas zurückhaltender als sonst agiert. Immerhin hat die Band mittlerweile tonnenweise Kracher auf der Latte, so daß eigentlich auch nichts schiefgehen könnte, wenn die gesamte Band im Rollstuhl sitzen würde. Heuer ist es besonders erfreulich, daß die Band ›Kissing The Shadows‹, den Schlußsong der 2001er »Follow The Reaper«-Platte, mal wieder ausgräbt und ins Liveprogramm aufnimmt. Somit sind CHILDREN OF BODOM also nicht für den ganz großen finalen Paukenschlag am Samstagabend zuständig, doch enttäuscht sollte niemand gen Zelt oder Hotelzimmer getrollt sein, um sich für den letzten Tag des "Rock Hard Festivals" fitzuschnarchen.

CHILDREN OF BODOM-Liveshot

Es ist schon nett mitanzusehen, wie Jon Oliva auf der Bühne demonstrativ Wasser trinkt und möglichst gut sichtbar eine Wasserflasche auf seinem Flügel plaziert hat. Denn: Im Verlauf seines Auftritt vor vier Jahren an gleicher Stelle hatte er nämlich grob geschätzt einen randvollen Wassereimer Jägermeister vertilgt, worüber sich so mancher arg mokiert hatte. Meine Wenigkeit hielt den Auftritt indes für legendär, da Jon trotz seines - sicherlich nicht zur Nachahmung empfohlenen... - Alkoholkonsums grandios gesungen hatte und zudem Jons einzigartiger Humor noch stärker durchgeschlagen war. Doch zurück ins Jahr 2009 und zu Jons Flügel(attrappe): Selbige wird nämlich ganz gnadenlos entlarvt, als es mit dem Tasteninstrument ein paar Problemchen gibt, so daß der Roadie das "Flügelkondom", das einem stinknormalen Keyboard übergeschoben wurde, zur Seite schieben muß, um an den Steckverbindungen rumfummeln zu können... Ansonsten fällt auf, daß Jon Oliva's PAIN immer mehr zu einer SAVATAGE-Tributeband wird, denn am heutigen frühen Abend kommen in ›Through The Eyes Of The King‹ und ›Maniacal Renderings‹ lediglich zwei neuere Songs zum Zuge, während ansonsten vom Eröffnungsdoppel ›City Beneath The Surface‹ und ›Sirens‹ über das heute ganz besonders magische ›Hounds‹ oder das seit langem endlich mal wieder gespielte ›Of Rage And War‹ bis zum großen Finale mit ›Hall Of The Mountain King‹ ausschließlich SAVA-Klassiker gezückt werden. Doch wer würde sich beklagen, solch' unsterbliche Nummer um die Ohren gepfeffert zu bekommen?

Jon Oliva's PAIN-Liveshot

FORBIDDEN sind wie schon im letzten Jahr beim "Bang Your Head!!!" enorm gut, doch heuer mit einem stimmlich deutlich stabileren Russ Anderson gesegnet. Der Gute hat offensichtlich in den letzten Monaten verstärkt an seinem Organ gefeilt. Eine weitere Neuerung ist Gitarrist Steve Smyth, der für den ausgestiegenen Glen Alvelais zu FORBIDDEN gestoßen ist und hiermit erstmals nach seiner Nierentransplantation wieder live aktiv wird. Steve spielt seine Parts begeistert und präzise zugleich, so daß man den abgegangenen Glen zu keiner Sekunde vermißt.

FORBIDDEN [US]-Liveshot

Erwartungsgemäß polarisieren DRAGONFORCE gnadenlos, während ein Kollege spontan den DRAGONFORCE-Haßclub ins Leben ruft, fühlt sich meinereiner von der Truppe wie früher schon bestens unterhalten - was wohl auch viele Zuschauer so sehen, denn von Minute zu Minute wird das Gedränge vor der Bühne größer, die Stimmung im Publikum schäumt immer mehr hoch. Und ganz gleich wie durchgeknallt das Stageacting auch sein mag, es unterstreicht zusätzlich, welch herausragende Musiker hier zugange sind, die ihre wahrlich nicht einfachen Parts auch noch bei dieser Action fehlerfrei spielen. Bleibt eben nur noch die Frage, ob man mit der Musik von DRAGONFORCE prinzipielle Probleme hat oder eben nicht. Doch diese Antwort muß wohl jeder für sich selbst finden. Für mich ist dieser quietschbunte Haufen mit seinem ein wenig anderen, aber nichtsdestotrotz grandiosen Metal-Entertainment das absolute Highlight des RHF 2009! Und eines steht völlig außer Frage: Selbst bei einer Hüpfcore-Kapelle sind nicht so viele Musiker gleichzeitig in der Luft wie bei DRAGONFORCE. Die Metal-Teletubbies on Speed eben...

DRAGONFORCE-Liveshot

Große Namen der Extremszene fehlen in diesem Jahr beim "Rock Hard Festival", doch besser als HAIL OF BULLETS wäre garantiert keine andere Extremband gewesen! Die Holländer beweisen, daß es nicht von ungefähr kommt, daß sie der Death Metal-Senkrechtstarter der letzten Jahre waren. Auch auf der Bühne bringt die Truppe ihren langsamen, walzenden, mit einer Portion Groove versehenen Death Metal exquisit rüber, Martin van Drunen shoutet wie nur er es kann und unterstreicht mit seinen Ansagen wie schon im letzten Jahr bei ASPHYX welch' sympathischer Zeitgenosse er doch ist. Kurz: HAIL OF BULLETS fungieren als perfekter Puffer zwischen den beiden Spaßbands des Festivals!

HAIL OF BULLETS-Liveshot

Denn: Auch AUDREY HORNE verdienen dieses Prädikat "Spaß" ebenso wie DRAGONFORCE, wobei diese Bezeichnung darauf abzielt, daß diese beiden Bands am meisten Spaß gemacht haben, nicht aber implizieren soll, daß es sich hier um Kaspertruppen à la J.B.O. handeln würde. Während DRAGONFORCE ihr Liveruf schon vorausgeeilt ist, dürfte es bei AUDREY HORNE wohl kaum Erwartungen gegeben haben, da die Band bis dato hierzulande noch nicht sonderlich in Erscheinung getreten ist. Auch die beiden ganz netten, aber eben nicht weltbewegenden Alben, haben die Norweger bislang nicht gerade zum Geheimtip gemacht, doch auf der Bühne wächst die Combo unter Führung ihres Sängers Torkjell "Toschie" Rød über sich hinaus und gibt Gas bis der Tank leer ist: Gerade der schwerst tätowierte Torkjell ist ein exzellenter Frontmann, der mehrfach in den Photograben springt, um das Publikum von der Absperrung aus noch mehr anzustacheln. Noch selten hat angegrungter Hard Rock so viel Spaß wie in diesen AUDREY HORNE-Minuten gemacht!

AUDREY HORNE-Liveshot

Natürlich haben AUDREY HORNE den Vorteil, daß sie niemand auf der Rechnung hat, während man bei GRAND MAGUS weiß, wie kraftvoll sie auf der Bühne agieren, so daß die einzige Überraschung der Anblick von Janne ''JB'' Christoffersson ist: Ehrlich, der GRAND MAGUS-Frontmann war backstage mehrfach an mir vorbeigelaufen, und ich hatte ihn nicht erkannt! Erst als er die Bühne betritt, schwant mir, daß der einstige Waldschrat mit Ausnahme von einigem Restgefussel eine quasi komplette Fällung seines Gesichtshaares vorgenommen hat. Nach dieser Korrektur des bisherigen Weltbildes stört dann aber nichts mehr, den brettharten, drückenden Gig der Schweden zu genießen.

GRAND MAGUS-Liveshot

Echt schade, daß sich EVOCATION 1993 selbst himmelten, denn diese Combo hätte die besten Chancen gehabt, zu einer der Speerspitzen des Elchtods zu werden. Mit ihren Platten haben sie das schon bewiesen, doch auch live kann sich die Band sehen lassen - vor allem wenn man bedenkt, daß sie fast keine Liveerfahrung besitzen. Vor allem Sänger Thomas Josefsson macht mit seinem speziell designten Kurzstabmikroständer (oder vielmehr -halter) eine gute Figur, während die Instrumentalisten ihren trocken groovenden Sound fehlerfrei darbieten. Also: Hochwertiger Schweden-Death funktioniert auch zu Highnoon!

EVOCATION-Liveshot

Womit auch schon der zweite Tag des "Rock Hard Festivals" hinter uns liegen würde, so daß es nun nur noch gilt, den Auftakttag aufzuarbeiten.

OPETH sind jene Band, die momentan den Punkt ihrer Karriere erreicht haben, an dem riesige Erfolgssprünge möglich sind. Daher hetzt die Band derzeit rund um den Globus, kommt aus Amerika zum "Rock Hard Festival" eingeflogen, nur um anschließend gleich an einen ganz anderen Winkel der Erde weiterzujetten. Daher gibt Mikael Åkerfeldt unumwunden zu, daß die gesamte OPETH-Mannschaft heftig gejetlaggt ist, was man vor allem daran merkt, daß der staubtrockene Humor des Fronters bei den relativ wenigen Ansagen kaum zum Zug kommt. Spieltechnisch fehlerfrei, fehlt doch das gewisse Etwas an diesem Abend, was auch die schicke Videoprojektion im Bühnenhintergrund nicht ausbügeln kann. Dennoch ist der Auftritt meilenweit davon entfernt, eine Enttäuschung zu sein.

OPETH-Liveshot

Allerdings gelingt es JAG PANZER problemlos, die Krone des ersten Festivaltages zu erringen. Überhaupt kann man den Kollegen vom ROCK HARD nur zu dem Mut gratulieren, einer Band wie JAG PANZER, die streng gesehen während ihrer mittlerweile fast 30-jährigen Karriere stets eine Underground-Band geblieben ist, die Chance zu geben, als Co-Headliner bei einem solchen Festival auftreten. Und daß die Truppe aus Colorado Springs auch als letzte Band eines langen Festivalabends eine gute, ach, was sage ich da, eine legendäre Figur machen kann, sollte sich spätestens seit dem zehnten "Keep It True" herumgesprochen haben. Doch damals hatte die Band ausschließlich True Metal-Freaks vor sich. Wie würde es hier bei einem "normalen" Publikum aussehen? Nun, ich habe es ja schon vorweggenommen: Bestens! Denn sowohl vor der Bühne als auch auf den Rängen werden Fäuste in die Luft gereckt und die Songs mitgesungen. Wollen wir hoffen, daß der Mitschnitt der Show auch wirklich wie geplant auf DVD erscheinen wird!

JAG PANZER-Liveshot

Tiefschürfendste Erkenntnis des PRONG-Gigs: Ich muß dringend mal wieder die alten PRONG-Scheiben rauskramen, die ich seit grob geschätzt 15 Jahren nicht mehr gehört habe. Denn auf die gebetsmühlenartig wiederholte Frage eines Kollegen: "Den Song kennst Du aber?", kann ich stets nur mit einem betretenen "Kommt mir irgendwie bekannt vor..." antworten. Anyway - auch als einzige modern orientierte Band des ersten RHF-Tages kann PRONG locker bestehen, worauf man aufgrund der beiden Alben nach dem Comeback sicherlich nicht gewettet hätte. Zudem sorgen PRONG auch in Dreierbesetzung für tighten und knackigen Sound, so daß man hoffen kann, daß Tommy Victor nach dem Ende von MINISTRY nun seine freigewordenen Energien für PRONG bündelt, um an den Taten früherer Zeiten anzuknüpfen - die ich mir bei nächster Gelegenheit endlich mal wieder reinpfeifen werde!

PRONG-Liveshot

Doch genug der Moderne, denn traditioneller als das Eröffnungstrio des "Rock Hard Festivals" kann es kaum werden, obgleich jede Band eine andere Richtung einschlägt: bei WITCHBURNER ist es der Thrash, bei ANGEL WITCH der ursprüngliche NWoBHM-Sound und bei DESTRÖYER 666 eben der schwarze Deaththrash. Von ROCK HARD-Chefredakteur Götz Kühnemund als die neuen SLAYER, sofern die Welt doch ein wenig gerechter wäre, angekündigt, wollen sich der aus Australien stammende, heute in Dänemark lebende Gitarrist und Sänger K.K. Warslut, sein einst mit ihm von Australien nach Holland ausgewanderter, aber heute in England lebender Kollege Shrapnel an der zweiten Gitarre, der Brite Matt am Baß und der Deutsche Mersus an den Drums dieser Einführung würdig erweisen und ballern grooven ihr Material so fett durchs Amphitheater, daß es eine wahre Freude ist.

DESTRÖYER 666-Liveshot

Überhaupt keine Freude war natürlich wie immer die Anfahrt zum "Rock Hard Festival", wobei heuer der Pott-Verkehrsterror sogar derartige Auswüchse zeigt, daß mir WITCHBURNER, die einzige deutsche Band beim Festival, ganz und ANGEL WITCH, die zweite Band des Tages, fast komplett entgehen - besonders ärgerlich, da ich mich auf Kevin Heybourne und seine Mannen ganz besonders gefreut hatte. Apropos Mannen: Kevin hat mittlerweile seine zweite San Francisco-Episode beendet und lebt wieder in England, wo er eine völlig unbekannte Truppe um sich geschart hat, die aus Chris Fullard (g), Will Palmer (b) und Andy Prestidge (d) besteht. Die einzige Insiderinformation, die man zu diesen Musikern erhalten kann, besagt, daß Will bei der Plattenfirma RISE ABOVE RECORDS arbeitet, doch ihren Job erledigen die Jungs tadellos, was man auch über Kevin sagen kann, obgleich er ziemlich fertig aussieht. Doch spätestens beim großen Schlußhit ›Angel Witch‹ ist jeglicher optische Eindruck vergessen und das komplette Gelsenkirchener Amphitheater singt den Refrain dieses NWoBHM-Hits mit!

ANGEL WITCH-Liveshot

Ja, die Festivalsaison 2009 begann mit einer Veranstaltung ohne jeglichen Ausfall, wo allenfalls die ein oder andere Band ein wenig hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb, was jedoch zumeist aus verständlichen Gründen der Fall war. Allenfalls könnte man kritisieren, daß aus dem Progressive-, dem Folk- und dem Viking-Sektor in diesem Jahr keine Vertreter mit von der RHF-Partie waren, doch die passenden Bands wachsen ebensowenig wie finanzierbare Headliner leider nicht auf den Bäumen.
Bleibt also nur noch die abschließende Erkenntnis, daß Biff einfach durch und durch unmöglich ist, doch letzten Endes lieben wir ihn doch genau so wie er ist!


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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