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"Sweden Rock Festival" 2006

Sölvesborg (Schweden)

08.-10.06.2006

Doro in livehaftiger Version als Soundtrack zum beschwingten Zeltaufbau - das hat man nicht jeden Tag, doch beim "Sweden Rock Festival" 2006 durfte meine Wenigkeit diesen Luxus erleben. Aufgrund der etwas verspäteten Anreise entgingen mir zudem der Festival-Kick-Off FROM BEHIND, was besonders schade ist, da sich der Bluesrock der Herren Manny Charlton und Nicky Moore auf Platte sehr amtlich angelassen hatte, nebst CATHEDRAL, ENTOMBED und den schwedischen BULLET.
Zudem ist der Zeltaufbau eine enorm schweißtreibende Angelegenheit, da nahezu während des gesamten Festivals eine perfekte Grillung von Mutter Sonne offeriert wurde. Daher sind beim "Sweden Rock" extrem viele Bikinis unterwegs - und zwar auch mit solchem Inhalt, den man sich gerne anschaut, was bei hiesigen Festivals leider nicht immer der Fall ist - so daß die Stimmung zumindest beim männlichen Teil der Besucherschar bestens sein muß.
Apropos Besucherschar: Selbige ist in diesem Jahr erneut so groß, daß das Festival zum dritten Mal in Folge ausverkauft ist. Dementsprechend können meine Ohren vernehmen, daß die Stimmung bei Doro prächtig ist, so daß es außer Frage steht, daß die deutsche Metal Queen, die später bei der Pressekonferenz mit ihrem Charme die gesamte Journalistenschar für sich vereinnahmen kann, auch hier gesiegt hat, wie das bereits 2002 der Fall gewesen war.

SRF-Impression 1

Die erste Band, die meinereiner nicht nur in Ohren-, sondern auch Augenschein nehmen kann, sind LORD BELIAL, die im letzten Jahr mit ihrem Album »Nocturnal Beast« eines der absoluten Highlights in Sachen majestätischer und melodischer Black/Death abgeliefert hatten. Daher tut die Band auch gut daran, daß sie viele Stücke von besagter Scheibe spielt, doch leider passiert in Sachen Stageacting sehr wenig bis gar nix und außerdem fehlt sound-, aber vielleicht auch spieltechnisch der entscheidende Druck, so daß die Lords den guten Eindruck ihrer Platte live nicht wirklich untermauern können.

LORD BELIAL-Liveshot

Zur Verteidigung von LORD BELIAL muß man allerdings sagen, daß die Schweden gegen DRAGONFORCE anspielen müssen, die gerade auf der benachbarten "Sweden Stage" ein wahres Feuerwerk abfackeln. Die durch den Zugang des Franzosen Frederique Leclercq am Baß noch multinationalere Truppe bietet eine Show, die - wie auch die Musik - völlig überdreht ist und zugleich gewiß nie allzu bierernst gemeint ist - was man spätestens beim kurzen Keyboardsolo merkt, das leicht "silly" ausfällt... Sänger ZP Threat hat das Publikum voll im Griff und bringt es sogar dazu, sich in der Mitte zu teilen; doch dies führt nicht zur ersten Wall Of Death im Melodic-Speed, sondern ZP will einfach die Gruppen beim Mitsingspielchen besser unterscheiden können - und sich dabei wie Moses fühlen, der mit seinem Stab das Rote Meer teilt. Eine wirklich coole und actionreiche Show, bei denen die vielen Podeste, die man auf der Bühne errichtet hat, ausgiebig genutzt werden und auch als Absprungrampen für Formationsflüge eingesetzt werden, was in überschäumender Stimmung resultiert! Vielleicht sind DRAGONFORCE doch die große Hoffnung für England, die die Insel aus dem Pfuhl der metallischen Bedeutungslosigkeit herausholt, in dem sie schon seit Jahren, ja Jahrzehnten vor sich hin dümpelt.

DRAGONFORCE-Liveshot

Wer's lieber etwas rotziger und rock'n'rolliger mag, treibt sich derweil vor der "Rock Stage" rum, wo KROKUS zum fröhlichen Grooven geladen haben. Diesem Ruf sind - immerhin ist es gerade mal drei Uhr (am Nachmittag!) - schon erstaunlich viele Festivalbesucher gefolgt, so daß das Getümmel im Auditorium recht ansehnlich ist und die Alpenblümchen - wie überall auf dieser Welt - super angekommen. Auch der neue Song ›Hellraiser‹ gefällt und paßt ins altbekannte Schema: AC/DC auf Schweizerisch.

SRF-Impression 2

Ganz anders das Bild für EXTREMA, die während der Auftritte von DRAGONFORCE und KROKUS ihren Gig im "Rockklassiker"-Zelt beenden, der nahezu unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet. Wirklich schade, wenn man bedenkt, daß die Band extra aus Italien angereist und letztendlich vor etwa 20 Zuschauern spielen muß, wobei wahrscheinlich fünf dieser Individuen zur Reisegruppe der Band zählen. Doch die Routiniers lassen sich nichts anmerken und spielen dessen ungeachtet eine engagierte Show, die zu gefallen weiß.

EXTREMA-Liveshot

Ähnlich sieht es zunächst bei HOUSE OF SHAKIRA aus, wo am Anfang des Sets sehr wenig vor der Bühne los ist und erst im Verlauf des Gigs mehr Zuschauer hinzukommen. Dennoch konnten sich LORD BELIAL unterm Strich über mehr Publikumsinteresse freuen. Leider tut das lahme Stageacting der HOUSE-Truppe sein übriges dazu, daß kaum einer der Vorbeilaufenden animiert wird stehenzubleiben und Shakirahausen einen Besuch abzustatten. Schade, denn HOUSE OF SHAKIRA waren seinerzeit als große Hoffnung gestartet, doch dieses Kapitel kann man nach einem mittelprächtigen Comebackalbum und einer ebenfalls mageren neuen DVD wohl endgültig abhaken.

HOUSE OF SHAKIRA-Liveshot

Bäumchen in der knalligen Sonne - so lautet nun das Motto, denn auf der "Festival Stage" stehen PORCUPINE TREE als einer der Vertreter des Prog-Genres beim diesjährigen SRF an. Und daß diese Musikrichtung auch in Schweden viele Anhänger hat, sieht man an der enormen Zuschauermenge, die sich vor der Bühne drängelt. Erstaunlich ist zudem, daß man in der Frontrow nicht nur introvertierte Prog-Genießer, sondern auch einige Headbanger und enorm viele Mädels erspähen kann. Die Show indes ist nicht im geringsten "kommunikativ", denn die Band gibt sich äußerst introvertiert, Steven Wilson ist äußerst wortkarg, steht mit gesenktem Kopf und ins Gesicht hängender Mähne hinter seinem Mikro, doch wenn die Musik allein so ausdrucksstark ist - was bei PORCUPINE TREE selbst zu dieser unprogigen Uhrzeit der Fall ist - dann reicht das durchaus. Ergo: Eine Show, die nicht allein aufgrund ihres akustikgitarrendominierten Charakters - für ein Festival mehr als ungewöhnlich ist und gerade deshalb eine Bereicherung darstellt.

PORCUPINE TREE-Liveshot

In eher "festivaltypische" Regionen bewegen wir uns indes wieder mit BONFIRE, die als zweiter deutscher Gast des heutigen Tages auf der "Zeppelin Stage" auftreten, was für die Herren Lessmann, Ziller & Co. der erste Auftritt in Schweden nach mehr als 15 Jahren bedeutet. Noch exklusiver ist indes das Programm im Zelt, wo LEAF HOUND auftreten: Jene Band, die 1971 ein hardrockiges Album veröffentlicht hatte und sich anschließend auflöste, wurde 2004 von Sänger Peter French, der am nachfolgenden Tag übrigens auch bei CACTUS zu sehen sein soll, mit neuen Musikern reformiert und arbeitet nun an einem neuen Album - oder erfreut die SRF-Gänger mit gut abgehangenen Hard Rock-Klängen.

Auch dies ist eine Besonderheit des "Sweden Rock": Künstler wie Jeff Healey, die bei einem hiesigen Festival gewiß nie im Programm stehen würden, werden eingeladen und sorgen für eine möglichst große stilistische Palette, aus der die Besucher auswählen können. Und daß Jeff Healey eine Ausnahmeerscheinung in der Rockszene ist, kann wohl kaum bezweifelt werden. So spielt der blinde Gitarrist bekanntlich im Sitzen mit der Gitarre auf seinen Oberschenkeln liegend und legt zudem spieltechnisch einen ganz eigenen Stil an den Tag. Dadurch ist der Gig von Jeff Healey natürlich eine Show, der jegliche Action fehlt, und dennoch versteht der Kanadier es, die gesamte Bühne mit seinen Klängen auszufüllen.

Jeff Healey-Liveshot

Ganz anders bei den reformierten Schwedenposern EASY ACTION, die mit mächtig Pyrogeböllere starten. Tja, im Zuge der neuen Haarspraywelle kommen leider auch wieder Bands nach oben, bei denen wir eigentlich froh waren, daß wir sie los waren - so auch EASY ACTION, die von Zinny Zan (v), Kee Marcello (g) und Peo Thyrén (g) reaktiviert wurden, wobei der Sangesmann als heißer Aspirant auf den Titel "SRF-Perücke 2006" durchgeht. Auf jeden Fall wirkt alles genauso billig wie der schnell mit Gaffa-Streifen auf die Bassdrum geklebte Bandname, denn an der Belanglosigkeit des EASY ACTION-Songmaterials konnte natürlich auch die Zeit nichts ändern. Und ganz abgesehen davon: Alte Männer, die sich rausputzen, müssen dadurch noch längst nicht ansehnlicher werden... Anyway - genug der Gemeinheiten, denn man darf nicht vergessen zu erwähnen, daß bei den zahlreichen Hochtoupierten im Publikum sehr gute Stimmung herrscht, so daß EASY ACTION zumindest beim SRF definitiv ihre Berechtigung haben.

EASY ACTION [S]-Liveshot

Dennoch ist es auf jeden Fall höchste Zeit, ein bißchen hellzuraisen, denn auf der "Zeppelin Stage" geben RAISE HELL Gas und ihre amtliche Thrashharke, besonders die Nummer ›Dance With The Devil‹ von vom Debut »Not Dead Yet« (remember the girl with the knackig‹ Rückfront auf dem Cover?) kommt grandios rüber. Das Stageacting müßte allerdings dringend in Richtung mehr Action optimiert werden, doch die energiegeladenen Moshparts reißen die Sache wieder halbwegs raus.

RAISE HELL-Liveshot

Ziemlich zeitgleich mit RAISE HELL sind im "Rockklassiker"-Zelt BALDROOM BLITZ zu sehen. Dabei handelt es sich um eine der vielen Coverbands der beim SRF das Zelt unsicher machen. Doch diese LED ZEPPELIN-Tribute-Band kann als Special damit werben, daß sich EUROPE-Drummer Ian Haugland in ihren Reihen befindet und somit quasi das Pendant zu TEN 67 im letzten Jahr darstellt - wobei man heuer Ian Haugland allerdings ein ganzes Drumset gegönnt hat...

SRF-Impression 3

Mein Gott, was hätte ich schon alles dafür gegeben, JOURNEY live zu sehen, die ich seit circa 25 Jahren zu meinen absoluten Lieblingsbands zählen! Doch: Die Herren ließen sich in den letzten knapp drei Jahrzehnten nicht mehr in Europa blicken. Anno 2006 soll dies endlich grundlegend geändert werden, da JOURNEY für eine Handvoll Gigs in die Alte Welt übersetzen und das "Sweden Rock" ist eine der wenigen Möglichkeiten, Neal Schon und Konsorten bei der Ausübung ihres Handwerks über die Schulter zu schauen. JOURNEY starten jedoch reichlich ungeschickt mit ›Faith In The Heartland‹, der auch schon das neue »Generations«-Album eröffnet hatte. Dieser noch relativ unbekannte Songs ist natürlich der völlig falsche Opener, denn die Publikumsreaktionen sind sehr verhalten, während beim zweiten Song ›Seperate Ways (Worlds Apart)‹ das Publikum wie ausgewechselt ist: Es herrscht eine überschäumende Stimmung und jeder singt den Song lauthals mit. Doch das ist wirklich der einzige Kritikpunkt, den man beim JOURNEY-Auftritt anbringen kann und hätte man die ersten beiden Songs in der Reihenfolge einfach gedreht, wäre alles perfekt gewesen, denn ›Faith In The Heartland‹ ist unbestritten ein guter Song, der es verdient hat, ins Liveprogramm von JOURNEY aufgenommen zu werden. Und so nimmt die Show ihren Lauf, bei der das leuchtend rote Piano von Jonathan Cain der einzige knallige Showeffekt ist - sieht man davon ab, daß Steve Augeri sich nicht als der beste Fänger erweist, der mit seinen hochgeworfenen Mikroständer beim Herunterfallen gleich noch den Mikroständer von Basser Ross Valory abräumt. Ansonsten ist keinerlei Effekthascherei angesagt: Weltklassesongs, perfekt gespielt und gesungen, machen den JOURNEY-Auftritt zu einem Erlebnis, das noch lange in meiner Erinnerung nachklingen wird. Die AOR-Ikonen erfreuen mit einem "Best Of Best"-Programm - für ein "Best Of"-Programm müßten JOURNEY nämlich mindestens vier Stunden spielen - so daß es während der eineinhalbstündigen Spielzeit neben den beiden schon genannten Tracks die JOURNEY-Essentials ›Stone In Love‹, ›Wheel In The Sky‹, ›Only The Young‹, ›The Place In Your Heart‹ (ein weiterer »Generations«-Song), ›Mystery Mountain‹ (als Rückgriff auf das ›75er Debut), ›Where Were You‹, ›Lights‹, ›Mother Father‹, ›Open Arms‹, ›Keep On Running‹, ›Faithfully‹, ›Don't Stop Believin'‹, ›Any Way You Want It‹, ›Be Good To Yourself‹ sowie die erste Zugabe ›Edge Of The Blade‹ und den Schlußsong ›Who's Crying Now‹ zu hören gibt. JOURNEY @ SRF: Ein Traum von einer Liveshow!

JOURNEY-Liveshot

Da es natürlich Pflicht ist, JOURNEY von der ersten bis zur letzten Sekunde zu lauschen, ist nur noch Zeit für einen kurzen Blick auf GRAVE. Die Schweden-Oldtimer beenden den Abend wahrlich todbringend auf der "Zeppelin"-Stage, die bis zum letzten Jahr noch den Namen "Spendrups Stage" getragen hatte, benannt nach dem ehemaligen Biersponsor des Festivals. Doch in diesem Jahr gibt es stattdessen "Sweden Rock Beer" auf dem Festival, was wohl auch ein echtes Novum im Festivalzirkus sein dürfte.

SRF-Impression 4

Außerdem ist es dringend nötig, HARDCORE SUPERSTAR zu begutachten, die das Zelt aus allen Nähten platzen lassen. Selbiges ist zum Glück zu zwei Seiten offen ist, so daß es für die völlig erschöpften Fans nicht schwer ist, den Ausgang zu finden, zu dem sie hinauskriechen können. Auf jeden Fall sind die Göteborger Rotzrock-Buam ein wenig oversized für diese Bühne...

HARDCORE SUPERSTAR-Liveshot

Auch auf der "Rock Stage" steht nun der letzte Act des Abends an: George Thorogood und seine DESTROYERS rücken mit gutem bluesigem Rock'n'Roll und der unglaublichen Fingertechnik des Meisters himself an. Allerdings hat man doch entschieden zu viele Coversongs im Programm, was bei einem Festival wie dem SRF nicht wirklich passend ist, so daß Georges eigener großer Hit ›Bad To The Bone‹ fast untergeht - was eigentlich schade bis fatal wäre, denn auf diesen Song angesprochen hatte George bei der Pressekonferenz gesagt, "Es ist besser ein One Hit-Wonder als ein No Hit-Wonder zu sein." Die DESTROYERS geben sich zwar kaum zerstörungswütig, sondern sind eher Standfußballer, aber Meister George himself bewegt sich ausgiebig über die Planken und sorgt für eine anständige Show, doch sein gelegentlich eingesetztes "Gitarrespielen mit Beckenstoß" ist eher belustigend. Zwar hatte George zuvor geäußert, alles was er täte sei nur aus Entertainmentgründen, doch das ist des Guten ein wenig zu viel - selbst wenn man bbb-bbb-bbbad to the bbbb-bbbb-bbbbone ist...

George Thorogood AND THE DESTROYERS-Liveshot

Nebenan sind NEVERMORE leider ähnlich enttäuschend wie beim "Rock Hard Festival", denn ohne die zweite Gitarre geht den NEVERMORE-Songs doch eine Menge Charme ab - welch' ein Hohn, daß die Band einige Wochen später ihre Show beim "Earthshaker" canceln muß, denn da wäre endlich Chris Broderick als zweiter Klampfer am Start gewesen, so daß einer standesgemäßen NEVERMORE-Show nichts mehr im Weg gestanden hätte. Doch immerhin spielen NEVERMORE in Schweden ihren Jahrhundertsong ›The Heart-Collector‹, den man beim RHF - Megafrevel! Todsünde! Verrat! - einfach unter Tisch hatte fallen lassen. Doch - über diese Version sollte man andererseits getrost das Mäntelchen des Schweigens decken. NEVERMORE - nie wieder ohne zweite Klampfe! Da stimmt wohl auch ein Johan Hegg von AMON AMARTH zu, der sich bei NEVERMORE als promineter Zuschauer eingefunden hat.

SRF-Impression 5

Von DEEP PURPLE darf man indes erhoffen, daß sie den großen Schlußpunkt unter den ersten SRF-Abend setzen, denn die Routiniers haben sich auf der letzten Tour so spielfreudig und agil wie schon lange nicht mehr gezeigt. Dennoch wird die Tiefe der riesigen Bühne reduziert, indem man Schlagzeug und Backline weit nach vorne schiebt - schließlich sollte man von gesetzteren Herren nicht unbedingt erwarten, daß sie möglichst viel Platz zum Rumtoben brauchen...

DEEP PURPLE-Liveshot

Die Show beginnt mit dem von der Tour bekannten Intro, bei dem ein Flightcase in die Halle (die man heuer gedanklich in ein Open Air-Gelände transformieren muß) gerollt wird, aus dem alsdann die Musiker heraussteigen, um anschließend auf die Bühne zu gehen. Selbiger filmischer Auftakt ist beim "Sweden Rock" auf der überdimensionalen Leinwand zu sehen ist, die links neben der "Festival Stage" steht. Während man sich zugleich noch Gedanken machen kann, warum auf dem überdimensionalen Backdrop das DP-Logo vom '74er »Stormbringer«-Album zu sehen ist, obgleich aus dieser Bandphase heuer nur noch Ian Paice bei den Tiefpurpurnen spielt, starten PURPLE - von einem wild winkenden, strahlenden und natürlich wie immer barfüßigen Ian Gillan angeführt - mit ›Pictures Of Home‹ ihren Set, der gegenüber der Tour leicht modifiziert wurde und in dem nun weniger »Rapture Of The Deep«-Songs und ein paar mehr "geläufige" Tracks stehen. Allerdings werfen die Mannen gegenüber ihrer ursprünglichen Absicht, die sie mittels der - auf die Bühnenbretter geklebten und später von einem kecken Photographen entwendeten - Setlist geäußert hatten, ›Living Wreck‹ und ›Speed King‹ raus. Doch auch so sorgen DEEP PURPLE für äußerst kurzweilige eineinhalb Stunden, die passenderweise mit ›Black Night‹ beendet werden.

Wenige Stunden später liegt besagte schwarze Nacht schon wieder hinter uns und im Zelt rackern schon die ersten Bands: Der Slogan lautet "100% osignat", was soviel wie "hundertprozentig unsigned" heißt. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem jeden Tag um 12 Uhr Bands ohne Vertrag ihre Künste zur Geltung bringen dürfen, wobei indes erstaunlich ist, daß eine Band wie SONIC SYNDICATE mitmischen darf, die ja eigentlich einen Deal mit dem amerikanischen Indie PIVOTAL haben.

SRF-Impression 6

Den offiziellen Startschuß hat allerdings schon zehn Minuten zuvor die Helsingborger Formation CLOUDSCAPE gegeben, die leider zunächst vor recht wenig Publikum spielen müssen. Zwar sollen sich in Verlauf der Show einige Zuschauer hinzugesellen, doch stimmungsmäßig ist nach wie vor tote Hose angesagt, obgleich sich gerade Sänger Mike Andersson, der seine Karriere übrigens bei einer Band namens ZANINES begonnen hatte, wo er mit den beiden späteren DARKANE-Recken Peter Wildoer und Christofer Malmström zusammengespielt hatte, als guter Frontmann erweist, der das Publikum nach Kräften zu animieren versucht. Er ist wohl einfach noch zu früh, um auf die progressiv-melodischen Klänge von CLOUDSCAPE einzusteigen.

CLOUDSCAPE-Liveshot

Dann dürfen auch die "großen" Bühnen loslegen: Auf der "Sweden Stage" treten VICTORY auf, die sich meinereiner klemmt, da die Hannoveraner Truppe auch beim "Bang Your Head!!!" zu Gast sein wird - und angesichts der großteils lahmen Show in Balingen, dürfte ich auch nicht viel verpaßt haben.

Auf der "Rock Stage" kommen die Nachsitzer ARCH ENEMY zum Zug. Wir erinnern uns: Im letzten Jahr hatte Christopher Amott kurz vor dem SRF seiner Band den Rücken gekehrt, so daß ARCH ENEMY mittels der Verpflichtung von Gus G. als Aushilfsgitarrist ihre "Ozzfest"-Teilnahme noch retten konnten, das "Sweden Rock" jedoch leider absagen mußten. Anno 2006 dürfen die Erzfeinde also ihre Show nachholen - und fangen prompt zehn Minuten zu spät an. Skandal! Offensichtlich ist der Einfluß von Angela, die die Band auf deutsche Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin einschwören könnte, nicht groß genug... Anyway - genauer gesagt kommen zunächst erstmals jene beiden nervigen Kasper zum Zug, die vor nahezu jeder Band auf den beiden großen Bühnen auftauchen, um den kommenden Gig anzusagen. Doch dann trümmern ARCH ENEMY endlich die beiden Schießbudenfiguren mit einem "Quer durch den Karrieregarten"-Programm weg, das leider allerdings ein wenig kurz ausfällt. Auffällig ist indes, daß Angela sich wohl von den vielen Tourneen durch Amiland hat inspirieren lassen, da sie wie bei American Football-Spielern üblich, schwarze Striche unter den Augen hat. Und auch ansonsten verwirrt die Deutsche ob ihrer Gesangsperformance die Kollegen von der schwedischen Tagespresse, die überlegen, ob Angela wirklich als Mädchen auf die Welt gekommen sei oder ob sie (respektive er...) irgendwann dem AOK'schen "Büblein wollt' ein Mädlein sein"-Spiel gefrönt habe...

ARCH ENEMY [S]-Liveshot

Solche Probleme gibt es bei den Rumpel-Blackies GEHENNAH nicht, die allerdings reichlich gelangweilt wirken, was man andererseits sehr wohl als handfestes Problem deklarieren kann - zumal daher auch kein nennenswertes Feedback von Seiten des ohnehin stark ausgedünnten Publikums aufkommt. Da die Band darüber hinaus optisch äußerst komisch rüberkommt, da Sänger und Basser zu einer Bikerband passen würden, während der Gitarrist mittels einer Pomadeüberdosis für eine Rotz- bis Rockabilly-Band zurechtgestylt ist, sind GEHENNAH nicht gerade ein Gewinn fürs SRF.

GEHENNAH-Liveshot

Es gibt also genügend Gründe, quer über das Gelände zu schlendern, wo die poppenden Alpenkühe den Schweizer Abgesandten ankündigen: GOTTHARD, die für ASIA eingesprungen sind, deren Mitglieder past und present beschlossen haben, sich zunächst mal vor Gericht zu prügeln, anstatt auf der Bühne zu stehen, so daß sie die beiden einzigen Shows, die für 2006 angekündigt waren, nämlich beim "Sweden Rock" und beim "Rock Of Ages" gecancelt haben. Und die Ricola-Herren gehen weitaus energiegeladener zur Sache als das bei der lahmen Altherrenvorstellung beim BYH vor zwei Jahren der Fall gewesen war - wie ja auch die neue Platte »Lipservice« deutlich rockiger ausgefallen ist. Verdientermaßen räumen GOTTHARD dank der dargebotenen Leistung enorm ab, obgleich die Coverdichte ein wenig hoch ist: Die Mannen spielen nicht nur ›Hush‹ (als Song vom ersten GOTTHARD-Album angekündigt...), was DEEP PURPLE am Vorabend aber weitaus besser interpretiert hatten, sondern auch noch ›Mighty Quinn‹ und ›Immigrant Song‹. Hmm, bei drei Coverversionen in 75 Minuten rutschen die Schweizer gefährlich nahe an das Flair einer Bierzeltband ran.

GOTTHARD-Liveshot

Anschließend zwei Bühnen weiter ebenfalls mitteleuropäische Melodiekost: JADED HEART, allerdings - wie schon in den News vermeldet - mittlerweile mit doppelter Schwedenunterstützung, da sich in den letzten Monaten sowohl Sänger Michael Bormann als auch Klampfer Barish Kepic verabschiedet haben. Doch mit dieser Nationalitätenzusammenstellung sind JADED HEART natürlich wie gemacht für "Sweden Rock"...

SRF-Impression 7

...und dennoch erfahren GAMMA RAY einen weitaus größeren Zuschauerzustrom, die wie schon 2002 mit Jubelstürmen begrüßt werden, wofür sich Kai Hansen, Henjo Richter und Dirk Schlächter prompt mit schönem Formationsposing mit eingebautem Colgate-Lächeln bedanken, während Daniel Zimmermann im Hintergrund seinen Beat bestimmt auch grinsend auf die Felle drischt, was bei der sengenden Hitze sicherlich nicht leichtfällt. Doch mit einem Potpourri bunter Speedmelodien inklusive der HELLOWEEN-Nummern ›Future World‹ und ›I Want Out‹ bringen GAMMA RAY das Publikum dazu, bis zur drohenden Hitzeerschöpfung mitzumachen und mitzusingen.

GAMMA RAY [D]-Liveshot

Bei METAL CHURCH wirkt sich die Großwetterlage ein wenig anders aus: Da die Band zu viele neue Songs spielt, die einfach deutlich hinter den Klassikern zurückstehen müssen, bleibt die Stimmung eher verhalten und das Publikum läßt sich eher grillen als metallisieren. Erst die Schlußattacke ›God Of Wrath‹, ›Beyond The Black‹ und ›Metal Church‹ fegt natürlich restlos jeden dahin, so daß der ›Highway Star‹ freie Fahrt hat. Zum Glück sollten METAL CHURCH ihre Setliste fürs "Headbangers Open Air" nochmal kräftig überdenken, denn in Brande-Hörnerkirchen muß nun mal Old School bis zum Abwinken angesagt sein. Doch an den Umstand, daß die alten Songs mit Jeff Plate statt Kirk Arrington - dereinst wohl der beste Power Metal-Drummer dieses Planeten - anders und für METAL CHURCH eigentlich zu rockig klingen, wird man sich wohl dauerhaft gewöhnen müssen.

METAL CHURCH-Liveshot

Ein echtes Special des "Sweden Rock" sind Neil Turbin's DEATHRIDERS, also die aktuelle Bandinkarnation, mit denen der ehemalige ANTHRAX-Frontmann versucht, seinen Namen gewinnbringend einzusetzen. Die Show geht mit Sirenengeheul als Intro los, doch die Band wird vom Publikum quasi komplett ignoriert, so daß man die Anwesenden problemlos innerhalb weniger Sekunden durchzählen kann. Offensichtlich ist der Name Neil Turbin eben doch nicht mehr geläufig genug, als daß er noch Fans anlocken würde wie Honig die Bienen. Auch nicht gerade verlockend ist der Anblick des Todesreiter-Bassers, der seinen BC RICH-Warlock-Baß, den er mittels einer flotten Rotation einfach auf Linkshänderniveau gebracht hat, so daß die spinnenartige Form des Instruments ein wenig seltsam anmutet, um nicht sogar zu sagen, daß dadurch der Beweis angetreten wird, daß ein prinzipiell sehr cool gestyltes Instrument auch richtig sch... aussehen kann. Anyway - es tut gut, ANTHRAX-Songs wie ›Metal Thrashing Mad‹ erstmals live mit der Originalstimme zu hören, obgleich andererseits man wie schon bei Neils Soloplatte feststellen muß, daß die eigenen Songs großteils pillepalle sind. Auf jeden Fall nimmt Neil, mit obercooler Sonnenbrille und Lederjacke (der Gute muß sich echt totgeschwitzt haben!) bewehrt, so daß er ein wenig unnahbar wirkt, die geringe Zuschauermenge sportlich und bringt den Gig professionell zu Ende.

Neil Turbin's DEATHRIDERS-Liveshot

Mittlerweile hat natürlich schon längst die Pilgerwanderung zu QUEENSRYCHE eingesetzt, die erwartungsgemäß eine »Operation: Mindcrime«-Show spielen, so daß von der ersten Sekunde an Dauergänsehaut angesagt ist. Kein Vergleich zu dem leidenschaftslosen Auftritt beim "Bang Your Head!!!" von 2004 - der erste Teil der Show ist schlicht gigantisch. Besonders Geoff Tate ist sowohl gesangstechnisch als schauspielerisch sehr stark und interagiert zudem hervorragend mit Pamela Moore. Außerdem läßt ein wacher Geist wie Geoff es sich natürlich nicht nehmen, die mittlerweile 18 Jahre alten Texte zu aktualisieren und so wird aus "Politicians say no to drugs, while we pay for wars in South America" im aktuellen Kontext "while we make war on other countries". Kein Wunder, daß QUEENSRYCHE in dieser Verfassung für das Highlight des gesamten Festivals verantwortlich zeichnet: Das zentrale Mindcrime-Epos ›Suite Sister Mary‹ ist einfach überirdisch! Einen weiteren emotionalen Höhepunkt stellt ›I Don't Believe In Love‹ dar, bevor man dann in den zweiten Teil des »Operation: Mindcrime«-Werks übergeht und anschließend mit der Schlußnummer des ersten Teils, ›Eyes Of A Stranger‹, die Show beendet. Doch durch diese Klammerung wird die Schlucht, die zwischen beiden Teilen klafft, natürlich um so deutlicher: Ein belanglos, nett dahinplätscherndes Etwas wird durch ein Wunderwerk von zeitloser Güte förmlich verschluckt. Dennoch: Die QUEENSRYCHE-Show beim SRF, die mittels der beiden Zugaben ›Jet City Woman‹ und ›Empire‹ endgültig beschlossen wird, ist dank des ersten »Operation: Mindcrime«-Parts dennoch ein wahres Erlebnis.

QUEENSRYCHE-Liveshot

Als sich nahezu alle anwesenden Deutschen, die nicht etwas Lebenswichtiges zu erledigen haben, vor den zur Verfügung stehenden Fernsehern versammeln, um das Auftaktspiel der WM zu schauen, gehen NASTY IDOLS auf die Bühne und liefern einen weiteren Beitrag zu dem Thema "Abgehalfterte Poser, die eigentlich niemand mehr braucht". Erschreckenderweise haben NASTY IDOLS noch nicht mal Wert auf ihr Outfit gelegt: Die Idole von einst muten schwer abgefuckt an und beim Gitarristen wartet man eigentlich nur darauf, daß er jeden Moment mit irgendwelchen Metalcore-Riffs loslegt, so daß das Publikum besser herausgeputzt als die Mucker. Doch weitaus wichtiger ist die Tatsache, daß NASTY IDOLS bei weitem nicht so dünn wie EASY ACTION am Vortag klingen, so daß die Truppe um Andy Pierce, der in den letzten Jahren beispielsweise mit den UNITED ENEMIES unterwegs war, nicht befürchten muß, die silberne SRF-Poser-Zitrone verliehen zu bekommen.

NASTY IDOLS-Liveshot

Auf dem Weg zur "Sweden Stage" bleibt Zeit für einen kurzen Blick ins Zelt, wo heute wieder der Battle of the Coverbands tobt, unter denen sich auch - quasi zur Vorbereitung auf die morgige Alice Cooper-Show - eine Truppe namens ALICE TROOPER befindet. Doch dann ist es Zeit weiterzuziehen, denn am Ziel der Reise wartet ein wahrlich exklusives Erlebnis: Carmine Appice hat seiner ehemaligen Band CACTUS, die Ende der Sechziger aus den Überresten von VANILLA FUDGE hervorgegangen war und sich allerdings 1973 auflöste, wieder Leben eingehaucht, wobei LEAF HOUND-Sänger Peter French die einzige Abweichung von der Originalbesetzung darstellt. Aufgrund des etwas spezielleren Themas ist die Zuschauermenge eher überschaubar, die die Band allerdings ausgelassen abfeiert, obgleich Basser Tim Bogert, der gemeinsam mit Carmine seit einiger Zeit auch wieder mit VANILLA FUDGE die Bühnen der Welt unsicher macht, mit seinen schlohweißen Haaren und vor allem den bis über den Bauchnabel hochgezogenen Jeans eher den Eindruck vermittelt, die Zeit des Rentnerrocks sei angebrochen. Doch davon abgesehen gibt es von CACTUS extrem coolen Bluesrock; natürlich mit Mundharmonika!

CACTUS [US]-Liveshot

Auf der "Rock Stage" ist indes das Durchschnittsalter noch deutlich unter sechzig, was nicht nur daran liegt, daß KAMELOT zwei Backingsängerinnen mitgebracht haben, die galant die Hüften schwingen - und natürlich auch singen... Ein weiterer Gast ist Doro-Keyboarder Oliver Palotai, der folglich seinen zweiten Auftritt im Rahmen des Festivals absolviert; Oliver ist derzeit jener Musiker, der bei KAMELOT den bei Liveshows flexibel besetzten Tastenjob übernimmt und sich somit in jene Gilde einreiht, zu der auch Günter Werno von VANDEN PLAS oder die einstige SONIC DEBRIS-Schlüsselfigur Peter Tingvold zählen. Auf jeden Fall liefern die AmiWeger eine wahrlich heiße Show ab, bei der permanent Feuersäulen gen Bühnendach schießen, so daß die Hitze in Bühnennähe absolut nicht mehr auszuhalten ist. Doch davon läßt sich das SRF-Publikum nicht verscheuchen und grölt bei den Mitsingparts lauthals mit.

KAMELOT-Liveshot

Zum dritten Mal dürfen wir nun beim SRF zur Erkenntnis gelangen, daß es peinlich ist, wenn alte Männer sich derart am Lippenstift vergreifen... Anyway - während EASY ACTION und NASTY IDOLS mehr oder minder wie ein Schuß aus der Hüfte gekommen waren, gab es bei TIGERTAILZ zumindest eine Vorwarnung durch die Re-Releases. Auch wenn Basser Pepsi Tate direkt aus dem Krieg kommt (wo er gegen Coca und Afri Cola gekämpft hat..?) - zumindest ist der Corpus seines Instruments mächtig durchlöchert - rocken die Tigerschwänze enorm, kommen tight rüber, und das Publikum geht gut mit. Ergo: TIGERTAILZ - und zwar nach der bei den News eingeführten Durchnummerierung TIGERTAILZ 2, die sich mittlerweile allerdings erledigt hat, da die hier auf der Bühne stehende Inkarnation der TAILZ allem Anschein nach den Namensstreit gewonnen hat, so daß die demnächst erscheinende »Bezerk 2.0«-Scheibe dann wohl entgültig die Legitimation des Namensanspruches dieser Herren untermauern sollte - sind eindeutig die stärkste Band der exhumierten Poser-Trias beim diesjährigen "Sweden Rock". Allerdings: Wenn eine Haarspraycombo auf ACCEPT-mäßiges Formationsbanging und -posing zurückgreift, dann schlägt das dem Faß komplett den Boden aus!

TIGERTAILZ-Liveshot

Bei der Annäherung an die "Festival Stage" fühlt man sich förmlich genötigt niederzuknien und dem Gott des Schwarzmetalls zu huldigen: Schon aus großer der Ferne sieht man die überdimensionale MARSHALL-(Attrappen)-Wand, die die VENOM-Bühne ziert. Mächtig mächtig! Echt. Doch zunächst sind VENOM mal gut darin, das Publikum warten zu lassen, denn Black Metal-Archetypus Cronos und seine neuen Mitstreiter starten mit einer halben Stunde Verspätung. Doch dann stakst der grimmig dreinblickende kleine Mann wie ein Storch im Salat auf die Bühne und der Startschuß zum fröhlich-bösen Entertainment ist gefallen: Im Gegensatz zu dem flauen Witz, der 2000 in Wacken stattgefunden hatte, gibt es hier eine richtig gute Show - in jenem Rahmen, der für VENOM-Verhältnisse als "gut" zu titulieren ist... Es macht wohl doch einiges aus, wenn die Cronos-Mitmusiker zumindest ein gewisses Maß an spieltechnischen Fähigkeiten aufweisen - nicht zu viel versteht sich, denn dann könnte es unmöglich nach VENOM klingen - und vor allem der Drummer einen Beat länger als drei Sekunden konstant durchziehen kann. Dieser verbirgt sich zwar hinter einem extrem hohen Drumpodest, so daß man nicht sehen kann, wer die Felle bearbeitet, aber dennoch ist nach zwei Takten (kein Verspieler!) klar, daß es nicht Abaddon sein kann. Sehr teuflisch ist übrigens auch das Outfit von Cronos, der ein "Doom"-Shirt trägt - und zwar ist der Aufdruck nicht auf die Musikrichtung bezogen, sondern auf das PC-Spiel, das mittlerweile gar verfilmt wurde. Sagt wohl einiges über die Freizeitbeschäftigung von Herrn Conrad Lant aus, die wohl nicht ausschließlich daraus besteht, den "Hexenhammer" auswendig zu lernen... Eine hübsche Mikropyroshow rundet eine Show ab, bei der Headbangen und Kopfschütteln so nah wie nie zuvor beieinander gelegen haben. VENOM - auch fast 30 Jahre nach Bandgründung immer noch eine der besten Zoten, die die Metalszene zu bieten hat!

VENOM [GB, Newcastle]-Liveshot

Nachdem die deutsche Fußballnationalmannschaft ein gutes Bild beim Eröffnungsspiel der WM hinterlassen hat, folgt nun ein weiterer deutscher Abgesandter, die deutsche Prog-Auswahl VANDEN PLAS, die als Headliner auf der "Zeppelin Stage" ebenso überzeugend agieren. Bei ihrem ersten Auftritt auf schwedischen Boden seit acht Jahren - damals hatte man als Special Guest von DREAM THEATER fungiert - werden VANDEN PLAS vom Publikum mit offenen Armen empfangen, so daß einer stimmungsvollen Prog-Hour nichts im Weg steht und auch das Gerumpel, das von der VENOM-Show herüberdringt, stört die Aura nicht. Doch sicherheitshalber fordert Frontmann Andy Kuntz das Publikum auf, ein wenig phonstärker mitzumachen, um gegen die satanischen Schallwellen bestehen zu können. Dieser Bitte kommt das Publikum nur allzu gerne nach und so können VANDEN PLAS ihre Mission "SRF" als Erfolg verbuchen und in Schweden gibt es nun definitiv etliche Fans, die inständig hoffen, daß bis zum nächsten Schwedenabstecher von VANDEN PLAS nicht nochmal acht Jahre vergehen werden.

VANDEN PLAS-Liveshot

W.A.S.P. haben sich in den letzten Jahren allenfalls sporadisch auf dem europäischen Kontinent blicken lassen, was eventuell daran liegen mag, daß Oberwespe Blackie Lawless dem Service der Fluggesellschaften mißtraut. Zumindest haben diese ihm heuer ein Schnippchen geschlagen und Blackie muß ohne seinen aufwendig gestylten Mikroständer auftreten, da selbiger auf irgendeinem Flughafen zwischen Amiland und Sölvesborg hängengeblieben ist, und schätzungsweise pünktlich zur Abreise der Band ankommen soll... Doch das Fehlen dieses Accessoires tut der Show gut, denn bei den letzten W.A.S.P.-Auftritten, die ich gesehen hatte, thronte Blackie nahezu während des kompletten Sets bewegungslos hinter bzw. auf seinem Ständer, während er sich am heutigen Abend viel bewegt, ständig die Seiten wechselt und vom Bühnenrand aus den Kontakt zum Publikum sucht. So kommt die Hitkollektion mit Tracks aus alten, angeposten Tagen und vom kreativen Highlight der Band, »The Crimson Idol«, also von ›Chainsaw Charlie (Murders In The New Morgue)‹ bis ›L.O.V.E. Machine‹, deutlich lebendiger rüber!

W.A.S.P.-Liveshot

Auf jeden Fall sind W.A.S.P. so stark, daß bei EVERGREY, die eine Wochen zuvor schon beim RHF zu sehen waren, nicht mehr als ein kurzer Höflichkeitsbesuch ansteht, obgleich es sich hierbei um eine der letzten Shows von Basser Michael handelt, der nach der Festivalsaison seinen Ausstieg bei EVERGREY erklärt.

SRF-Impression 8

Sehr interessant ist indes der heutige "Zelt-Headliner" THE POODLES, der gerade dabei ist, auf das Finale seines Sets zuzusteuern und bei dem die beiden THE RING-Musiker Jakob Samuelsson (auch TREASURE LAND) und die beiden Pontus - Norgren (auch TALISMAN) sowie Egberg (LION'S SHARE, ZAN CLAN) nämlich - mitwirken.

Passend zu der Tatsache, daß DEF LEPPARD kurz zuvor in Form von »Yeah« eine Coverscheibe veröffentlicht hatten, ertönen vor ihrem Auftritt aus der PA Hits von AC/DC, QUEEN & Co. Während sich Coverplatten bei den meisten Bands oft nur als halbherzige Aktionen entpuppen, mit deren Hilfe man die Zeit bis zu einem neuen Album überbrücken, und zudem noch 'n büschn Kohle scheffeln möchte, hat dieses Projekt DEF LEPPARD mit Sicherheit gutgetan, denn offensichtlich haben die Briten dadurch endlich wieder erkannt, was wirklich wichtig ist, so daß der SRF-Auftritt der Leos bei weitem nicht mehr so sehr wie in früheren Tagen wie eine Playbackshow wirkt.

DEF LEPPARD-Liveshot

Zwar ist auch an diesem Abend nicht zu überhören, daß viele vorgefertigte Klangkonserven geöffnet werden, aber es ist eben nicht so penetrant wie auf der letzten Tour, als man stets das Gefühl hatte, einem CD-Player mit integrierten beweglichen Tanzmäuschen zu lauschen. Kurz: Die DEF LEPPARD-Show lebt! Dennoch soll es keine reine Covershow werden, sondern DEF LEPPARD zücken sehr wohl ihre eigenen Gassenhauer und bauen in der Setmitte die »Yeah«-Songs ›20th Century Boy‹ von T-REX und ›Rock On‹ von David Essex ein, bevor die Band dann wieder mittels ›Rocket‹, in das sie allerdings eine reichlich seltsame Version von LED ZEPPELINs ›Whole Lotta Love‹ einbauen, zu eigenen Songs übergeht. Gute Show! Bitte in diesem Sinne weiterrocken, meine Herren!

Gleich nebenan nach einer kurzen Nacht: Während ANVIL sich mit einem beherzten ›Forged In Fire‹ warmspielen, um bei ihrem in etwas weniger als einer Stunde auf dem Plan stehenden Gig auch Schweden im Sturm zu nehmen, hat Carmine Appice, noch bevor die unsigned Bands loslegen, zur Drumclinic ins Zelt geladen und eine recht ansehnliche Meute, unter der sich vornehmlich Drummer befinden, wie Carmine durch Handzeichen auf seine entsprechende Frage abcheckt, ist gekommen, um dem Trommelmeister auf die Finger und Sticks zu schauen.

Carmine Appice-Drumclinic-Shot

Doch vor dem großen Amboßhauen gibt es zunächst eine Show, bei der mehr als Rhythmusarbeit angesagt ist: THE STORYTELLER, deren Erzählfluß seit dem 2003er Album »Tales Of A Holy Quest« ein wenig ins Stocken geraten ist, da das schon Ende 2005 veröffentlichte neue Album »Underworld« nahezu unbemerkt auf den Markt gekommen war. Doch die Liveshow unterstreicht, daß THE STORYTELLER nach wie vor sehr unoriginell sind und als melodischere Ausgabe von HAMMERFALL durchgehen. Leider ist auch das Stageacting sehr langweilig, so daß auch das ›Ace Of Spades‹-Cover kaum etwas rausreißen kann.

THE STORYTELLER-Liveshot

Nebenan: die gleiche Band als "Vorlagengeber" und doch ein ganz anderes Bild. Denn wie man sich in letzter Zeit desöfteren überzeugen konnte sind CRUCIFIED BARBARA in den letzten zwölf Monaten, also seit ihrem Auftritt beim SRF 2005, zu einer souveränen Liveband gereift. Gitarristin Klara Force ist gar so heftig am Bangen, daß Ihr hübsches Glitzerhemdchen schon nach einem Song verrutscht ist und man ihren Leopardenbikini bewundern kann - vermutlich nur einer von vielen Gründen, weshalb das Publikum so engagiert mitgeht. Um die 75-minütige Spielzeit zu füllen bedienen sich CRUCIFIED BARBARA, wie erwähnt, ebenfalls bei Lemmy und zocken gemeinsam mit ein paar BULLET-Boys ›Killed By Death‹.

CRUCIFIED BARBARA-Liveshot

Die reformierten OVERDRIVE sorgen wie schon beim "Headbangers Open Air" 2004 für eine Show, die viel Spaß macht, und man spürt deutlich, daß die Jungs doppelt motiviert sind, weil sie bei einem großen Festival in ihrem Heimatland antreten dürfen. Erfreulicherweise hat die Band es geschafft, ihr Line-up konstant zu halten, was dafür spricht, daß man nach dem überraschenden Abgang des Originalsängers Pelle Thuresson in Per Karlsson einen echten Glückstreffer gelandet hat. Das spürt man auch bei der Show, denn OVERDRIVE wirken wie eine Einheit und nicht wie ein paar Mucker, die früher mal zusammengespielt hatten, und heuer nur um der alten Zeiten willen nebeneinander auf der Bühne stehen, ohne das Feuer von einst zu spüren.

OVERDRIVE [S]-Liveshot

Bei der MICHAEL SCHENKER GROUP, der ersten Band auf der größten Bühne am SRF-Abschlußtag, fungiert ›Arrival‹ von Mike Oldfield als Intro, obwohl hier eingedenk des Austragungsortes des Festivals wohl eher die entsprechende ABBA-Version Verwendung findet. Dann schreitet Michael Schenker auf die Bühne und legt zunächst seine Tasche an seinem Amp ab, um sich dann seiner heißgeliebten Gitarre zu widmen. Mehr soll von seiner Seite während der nächsten eineinviertel Stunden auch nicht mehr zu berichten sein. Denn: Sieht man davon ab, daß Michael sich artig nach jedem Song verneigt und anschließend seine Gitarre nachstimmt, besteht sein Stageacting daraus, daß er sich während des gesamten Sets bestensfalls zehn Schritte vor und zurück bewegt. Doch deswegen sollen wahrlich keine Klagen laut werden, denn zum einen sorgt Basser Rev Jones, der scheinbar permanent sein Haupt kreisen läßt, so daß er eigentlich irgendwann hubschraubergleich hätte abheben müssen, für den im wahrsten Sinne des Wortes abdrehten Gegenpunkt der Show, und außerdem klingt die Schenkersche Flying V bei Songs wie ›Ready To Rock‹, ›Too Hot To Handle‹, dem vielleicht coolsten MSG-Stück ›On And On‹, ›Only You Can Rock Me‹ (das der neue Sänger Jari Tiura, der übrigens von der Truppe SNAKEGOD stammt, allerdings grauenhaft singt), ›Armed And Ready‹ oder auch Michaels Paradeinstrumentalstück ›Into The Arena‹, in das er flott ›Eleanor Rigby‹ einbaut, wie keine andere Sechssaitige auf diesem Planeten. Allerdings muß man auf diese Gassenhauer recht lange warten, da am Anfang des Sets relativ viele Songs neueren Datum zu hören sind. Doch unterm Stich ist alles bestens und auch die UFO-Nummer ›Lights Out‹ kommt zum Zug.

MICHAEL SCHENKER GROUP-Liveshot

Auf der "Zeppelin Stage" kehrt FIREWIND-Gitarrist Gus G. in jenes Land zurück, in dem er eine Zeitlang gewohnt hatte. Die Band ist indes dank des neuen Sängers Apollo Papathanasio griechischer denn je, so daß sie keine Probleme mit der sengenden Hitze haben und einen kraftvollen Gig spielen können - was durchaus zur neuen, härter ausgefallenen Platte paßt. Daher darf Bob Katsionis zwar seinem Tastenhandwerk nachgehen, doch er ist stärker denn je an der Klampfe beschäftigt und Neudrummer Mark Cross hämmert besonders heftig auf die kreuzförmigen Becken ein, die sein, äußerst passendes, Markenzeichen sind. Zudem demonstrieren FIREWIND nach dem Gig Fannähe, denn die Musiker stehen seitlich am Eingang zum Photograben und unterhalten sich mit ihren Fans.

FIREWIND-Liveshot

Während auf der "Sweden Stage" die "saw" mal wieder das "law" ist und SODOM den Schweden eine Thrashung nach der anderen um die Ohren hauen, wird die "Rock Stage" in "Southern Rock Stage" umbenannt: MOLLY HATCHET, einer der feinsten Vertreter dieser Stilrichtung, kommen, sehen und kommen bestens an. Da macht das vierköpfige Formationsposing doch gleich doppelt so viel Spaß, wobei man besonders bei diesem Showelement den unglaublichen Kontrast zwischen den beiden Gitarristen begutachten kann: Bobby Ingram hat in den letzten Jahren nämlich unheimlich Gewicht verloren, während sein Partner Dave Hlubek mehr denn je wie eine Kanonenkugel auf Beinen aussieht. Highlight des MOLLY-Sets ist ›The Journey‹, doch die Südstaatler ernten auch viel Jubel für den "Halle des Bergkönigs"-Part aus der "Per Gynt Suite", der flott an einen eigenen Song angehängt wird.

MOLLY HATCHET-Liveshot

Parallel zum Abpfiff des Spiels von England gegen Paraguay besteigen Abgesandte von der Insel die "Zeppelin Stage": die vor einigen Monaten reformierten ONSLAUGHT. Zu Beginn des Show kommt Drummer Steve Grice auf die Bühne gestürmt und wirft ein paar Shirts in die Menge, wofür er zum Dank eine Rose zugeworfen bekommt, die allerdings im Photograben landet. Leider müssen sich ONSLAUGHT mit relativ wenig Zuschauern zufriedengeben; überhaupt scheint es so, als würde die "kleine" Bühne von vielen Festivalbesuchern generell ignoriert werden, was sich gerade bei ONSLAUGHT wieder als echter Fehler rausstellt, denn die Band ist tight und bringt ihre Power/Speed-Kracher bis hin zum Schlußsong ›Power From Hell‹ sauber rüber. Lediglich der Igel-Irokese von Neugitarrist Gitarrist Alan Jordan ist nicht gerade passend, aber dennoch kann man sich auf die ONSLAUGHT-Show beim kommenden "Keep It True" freuen. Die Band wird gewiß für standesgemäßes Banging sorgen!

ONSLAUGHT [GB, Bristol]-Liveshot

THE SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND. Very dubios indeed. Und dementsprechend geht die Show mit einem dancefloormäßigen Discorhythmus los und bleibt während ihrer gesamten Dauer ein Comedyversuch, der nicht wirklich rüberkommt. Irgendwie ist diese neue SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND auch schon im Ansatz wurmstichig, da der ehemalige Frontmann und Namensgeber Alex Harvey 1982 verstorben ist. Doch Gitarrist Zal Cleminson, der seither zur Feier des Tages wieder geschminkt wie der Joker aus den "Batman"-Filmen auf die Bühne geht, Hugh McKenna und die einstige MICHAEL SCHENKER GROUP-Rhythmusgruppe Chris Glen und Ted McKenna haben die Band mittlerweile jedoch mit einem neuen Sänger wiederbelebt. Dieser, "Mad" Max Maxwell mit Namen, nervt mit ewig gleich Grimassierungen und stellt den endgültigen Beweis dar, daß britischer Humor auch mal in die Hose gehen kann. Im Falle der SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND auf sogar gewaltig. Vielleicht sollte man die Truppe ja in THE NON-ORIGINAL ALEX HARVEY BAND umtaufen. Das wäre auch kein guter Gag, aber zumindest wahrheitsgetreu...

THE SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND-Liveshot

BLITZKRIEG - alles wie immer. Fast. Denn zum einen liefert die sympathische Truppe um Brian Ross eine gewohnt geile Show ab, bei der allerdings ein Neuling auftaucht: Weil der alten Klampfer Paul Nesbitt keine Zeit mehr für ein BLITZKRIEG-Engagement hat, ist mittlerweile Guy Laverick an der zweiten Gitarre tätig. Doch leider wird wie befürchtet nur ein extrem ausgedünntes Publikum Zeuge dieser Show, da sich quasi alle Schweden rund um das Zelt drängeln, in dem auf einer großen Leinwand das Spiel der schwedischen Mannschaft gegen Trinidad zu sehen ist - oder eben schon vor der "Rock Stage" warten...

BLITZKRIEG [GB, Leicester → Newcastle]-Liveshot

...denn dort haben sich nämlich schon eine Stunde vor der EDGUY-Show eine große Schar von Fans versammelt, um einen guten Platz für den Auftritt ihrer Lieblinge zu ergattern. Keine Frage: EDGUY sind also auch in Schweden auf der Überholspur. Allerdings gibt es heute keinen hüpfenden Tobi, weil EDGUY nicht ihr komplettes Stageset zum SRF mitgebracht haben, so daß die Tobi-Abschußrampe fehlt. Dafür erobert er die Anwesenden mit seiner "Schweden will kick Trinidads ass, right?"-Ansage im Sturm - auch wenn die schwedische Mannschaft dies bei ihrem mageren 0:0 nicht in die Tat umsetzen kann. Anyway - ebenso cool ist seine Ansage zum Abgang: "Wir haben eigentlich keine Zeit für das übliche "Zugabe"-Ritual. Also gehen wir jetzt schnell von Bühne, Ihr brüllt möglichst laut und dann werden wir überglücklich sofort wieder zurückkehren." Gesagt, getan!

EDGUY-Liveshot

Noch fröhlicher geht es derweil auf der Nebenbühne zu, wo THE SWEET ihre Simpelhitkanonade abfeuern, was man einige Wochen später auch beim "Rock Of Ages" wird begutachten können.

Während THE QUILL ihre Stonerung auf der "Zeppelin Stage" beendet, quellen viele SRF-Besucher zur Hauptbühne, wo nun Ted Nugent große Töne spucken soll - zum Glück auch mit seiner Klampfe. Aber es ist bei weitem kein derart riesiger Ansturm wie 2002 zu verzeichnen, als Ted seinen ersten Eurogig nach unzähligen Jahren gespielt hatte. Es steckt schätzungsweise auch eine wohlkalkulierte Taktik dahinter, daß Meister Nugent sich so rar macht. Schon bei der Pressekonferenz zieht Ted die gleiche urtypische Show ab, so daß er wieder seine hanebüchenen Statements loslassen kann und garantiert kein Contra bekommt, sondern vielmehr fröhliches Lachen oder gar Applaus die Antwort sind. Leider scheint sein Repertoire doch recht eingeschränkt zu sein, denn auf die Frage, was man von der Show erwarten könne, hat Ted genau die gleiche Antwort wie 2002 parat: "We're gonna rip off your head and shit down your neck!" Anyway - heuer mit der DOKKEN-Rhythmusgruppe Mick Brown und Barry Sparks im Schlepptau, spielt Ted eine gute Show inklusive der Zugabe ›Great White Buffalo‹, bei der der Indianerschmuck wieder zum Zug kommt, bei der man seine wie immer hanebüchenen Statements in den Ansagen einfach ignorieren muß - was der Großteil des schwedischen Publikums auch tut. Ein wenig Unverständnis gibt es indes ob der Tatsache, daß Ted einen kompletten Song mit den Rücken zum Publikum spielt und dabei mit seinem Allerwertesten wackelt, so daß sich der dort befestigte Fuchsschwanz die ganze Zeit melodisch hin- und herbewegt (den er schätzungsweise erst kurz zuvor einem bedauernswerten alternden Mantafahrer geklaut hatte...) Die Interpretation dieser Aktion kann jeder für sich selbst finden...

Ted Nugent-Liveshot

Ein größeres Kontrastprogramm ist fast nicht denkbar: Auf der "Zeppelin Stage" der gutturale Death Metal von OBITUARY und eine Viertelstunde später starten TREAT im Zelt durch, die eine Reunionshow spielen. Mit an Bord sind der Originalsänger Robban Ernlund, der die ersten TREAT-Platten eingesungen hatte und dann für die letzte, unbetitelte Platte von 1992 von Mats Levén abgelöst worden war, sowie Anders "Gary" Wikström (g), Patrik "Green" Appelgren (k) und Jaimie Borger (d, mit einem hübschen silberfarbenen Kit - wau!), die allesamt ebenfalls schon früher bei TREAT mitgemischt hatten. Einzig Basser Nalle Pålsson ist ein Neuling. Irgendwie hatte ich zwar schon immer eine Schwäche für die Süßmilchposer, jedoch bedarf es keiner rosaroten Brille, um TREAT eine mehr als amtliche Show bescheinigen zu können. Denn die Mannen rocken ordentlich und bringen ihre Songs zugleich perfekt rüber, ohne daß sie steril wirken würden. Daß das TREAT-Comeback durchaus mit Spannung erwartet wurde, sieht man daran, daß das Zelt erneut gut gefüllt ist, das Publikum allerdings bei weitem nicht so wie am vorletzten Abend bei HARDCORE SUPERSTAR ausklinkt, wo man nur KISS und ihr ›All Hell's Breakin' Loose‹ zitieren konnte, sondern bei TREAT ist eher entspanntes Melodicklatschen angesagt. Ein Erfolg auf ganzer Linie für TREAT! Na, "United Forces Of Rock"? Wie sieht's aus?

TREAT-Liveshot

Doch zurück zu OBITUARY, die nicht nur die Mädels von CRUCIFIED BARBARA als Zaungäste sondern sogar HEAVY-Schreiberling Martin Brandt begrüßen können. Zu seiner Verteidigung kann man allerdings sagen, daß er nur während eines ausgedehnten Instrumentalparts anwesend ist, beim wiedereinsetzenden Gesang jedoch die Flucht ergreift. True Metaller-Ehre gerettet!

SRF-Impression 9

Das gleiche tun kurz vor Ende des OBITUARY-Sets übrigens auch einige Fans - selbst solche mit OBI-Shirts - da auf der Nachbarbühne nun CELTIC FROST anstehen. Dennoch sind vor dem Beginn des CF-Gigs allenfalls 100 Leute anwesend, aber die wichtigste Message lautet, daß das Backdrop und die Bühnendeko aufgebaut sind, was erfreulicherweise bedeutet, daß CELTIC FROST mit einem frischoperierten Tom Warrior, nach ihrem Ausfall beim "Rock Hard Festival" eine Woche zuvor, hier auftreten werden. Die Frosties beginnen mit einer Ultradoomversion von ›Procreation (Of The Wicked)‹ und sofort wird das dominante Element der Show deutlich: der extrem dröhnende Baß von Martin Eric Ain. Ein wenig seltsam ist indes, daß Tom Warrior kaugummikauend seinen Set absolviert. Über seinen Bewegungsmangel wird man angesichts seines Gesundheitszustandes sicherlich keine Kritik äußern - ganz abgesehen davon, daß sinnlose Bühnenaction bei FROST ohnehin völlig unpassend wäre. Unterm Strich sind CELTIC FROST allerdings trotz eines intensiven Sets bei diesem Festival fehl am Platz, denn die bereits erwähnte spärliche Publikumskulisse bekommt lediglich noch Verstärkung durch die Horden, die nach Ende des OBITUARY-Gigs hinzustoßen. Da waren am Vortag mindestens zehnmal so viele Zuschauer zu VENOM unterwegs gewesen - und sei es nur, um das "Phänomen VENOM" in Augenschein zu nehmen. Wahrlich schade, denn die reformierten CELTIC FROST sind weitaus näher am Original als jene VENOM, die anno 2006 zu bestaunen sind.

CELTIC FROST-Liveshot

Außerdem ist wohl jeder, der sich nicht maximal von Düsternis und morbidem Flair ultimativ angezogen fühlt, bei Alice Cooper anwesend, der extrem gut rockt und die Komplettierung der jüngst so erfolgreich durch deutsche Hallen geturnten Doppelheadlinertour DEEP PURPLE/Alice Cooper beim SRF vollzieht. Eine coole Show nach Schema F - aber genau das ist gut so. Denn Alice hatte schon bei der Pressekonferenz angekündigt, daß er die altbekannten Gassenhauer plus zwei oder drei Songs von den letzten beiden Alben spielen würde. "Schließlich will ich meine Fans nicht enttäuschen", hatte Alice gesagt. Nun, das hat er auch an diesem Abend gewiß nicht getan!

Alice Cooper-Liveshot

WHITESNAKE sind wohl der erste Festivalheadliner aller Zeiten, der seine Show früher anfängt als auf dem Zeitplan festgelegt - ein deutliches Indiz dafür, daß in Schweden eine ganz andere Band zu sehen ist als drei Wochen später beim "Bang Your Head!!!". Beim SRF sind WHITESNAKE der definitive Headliner des Festivals, ähnlich wie das zwei Jahre zuvor bei EUROPE der Fall war bzw. was MÖTLEY CRÜE im letzten Jahr nicht geschafft hatten. Coverdale & Co. schießen ein klasse Hitfeuerwerk ab, das mit ›Burn‹, in das ›Stormbringer‹ integriert ist, beginnt und ›Still Of The Night‹ endet, seinen Höhepunkt indes beim Acapella-Mittelteil von ›Ain't No Love In The Heart Of The City‹ findet. Wenn man WHITESNAKE hier gesehen hat, ist die Show beim BYH um so erschreckender, denn in Schweden beweist Coverdale sich bei den Ansagen als toller Entertainer und ist stimmlich frisch.

WHITESNAKE-Liveshot

Wenn man dazu seine Leistung in Balingen vergleicht, spricht das nicht gerade für die Gesangskondition von Herrn Coverdale. Hier äußert sich eventuell, daß er sich zwischenzeitlich jahrelang zurückzieht, um dann wieder für ein paar Shows aus der Versenkung aufzutauchen. Ein Sänger wie Ian Gillan, der zwar noch ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat, aber mit DEEP PURPLE permanent live unterwegs ist, erreicht sicherlich nicht mehr die stimmlichen Leistungen von früher, aber er schafft es doch jeden Abend, mehr als neunzig Minuten respektabel zu singen. Sei's drum - einzig die ewig lange Soloeinlage - erste Gitarre/zweite Gitarre/beide Gitarren/Drums/Drums plus Gitarren - ist auch hier nervig und zieht die Stimmung nach unten, doch bei einem fast zweistündigen Gig fällt dieser Einschnitt nicht so sehr ins Gewicht wie bei dem Miniset in Balingen, denn in Schweden hat man kaum einen der WHITESNAKE-Klassiker vermissen müssen.

SRF-Impression 10

So erhält das "Sweden Rock Festival" das, was WHITESNAKE dem "Bang Your Head!!!" leider vorenthalten: einen großen Zapfenstreich zum Abschuß, so daß ich Euch lediglich noch eine neugewonnene Lebensweisheit auf den Weg geben kann: Sucht Euch keine Punkkids als Zeltnachbarn aus. Die erste Nacht wird nämlich ein echter Horror! Dafür werden sie am nächsten Tag erst am späten Nachmittag reichlich geknickt aus ihrem Zelt kriechen und in den nachfolgenden Nächten wird Totenstille herrschen. Keine Kondition, diese Jugend von heute... ;-)


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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