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Wenn der Name RUSH fällt, regnet es stets Superlative. Und zwar aus­nahms­wei­se zurecht. Denn kaum eine andere Band kann auf eine Historie zurückblicken, die ausschließlich mit kreativen Höhepunkten gespickt ist, und dabei von sich be­haup­ten, immer unvorhersehbar und frisch geklungen zu haben.
Daher waren die drei Kanadier im letzten Jahr auf Jubiläumstour gegangen, um 30 Jahre RUSH gebührend zu feiern. Zudem wurde dieses Ereignis auf der DVD »R30« festgehalten, die schlicht sensationell ausgefallen ist - ein weiteres Superlativ, das voll und ganz berechtigt ist.
Und so machte sich ein gewisser Stefan Glas auf die Spur des Phänomens "RUSH" und der Menschen, die dahinter stehen. Basser und Sänger Geddy Lee sowie Gitarrist Alex Lifeson lieferten dabei wertvolle Informationen.

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Auf Eurer Homepage befindet sich eine Sektion, die sich "True Facts" nennt. Dabei werden verschiedene mutmaßliche Fakten über die RUSH-Musiker enthüllt, über die sich der Fan eine eigene Meinung bilden soll. Dort wird beispielsweise behauptet, daß Du, Geddy, in Deiner Jugend ein Faustkampf-Champion gewesen sein sollst. Wie "true" ist dieser "fact"?

Geddy: Was denkst Du?

Gefährlich, gefährlich... Mit einer falschen Antwort würde ich mich ganz schön reinreiten... Darf ich die Frage daher einfach aussitzen?

Geddy: Es stimmt nicht - wie man generell sagen muß, daß in dieser Abteilung unserer Homepage eine Menge Fiktion und nur verdammt wenig Wahrheit zu finden ist.

Und es steckt nicht mal ein Körnchen Wahrheit drin? Oder warst Du zu Teenagertagen vielleicht wirklich ein Wildfang?

Geddy: Nein, ich war ein sehr stiller, introvertierter Junge.

Nun ja, meine Intuition hat in diese Richtung gedeutet, aber dennoch war mir das Risiko zu hoch, Deine Frage zu beantworten. Schließlich können Menschen sich im Laufe ihres Lebens stark verändern.

Geddy: Wir denken gerne, daß wir wachsen und uns verändern und dabei älter und reifer würden, aber prinzipiell bleiben wir doch der gleiche Mensch.

Denkst Du also, daß der Mensch von Anfang an in seiner Persönlichkeit festgelegt ist?

Geddy: Nein, das glaube ich ganz und gar nicht. Ich denke vielmehr, daß unser ganzes Leben eine Schlacht ist, in der wir die richtigen Entscheidungen treffen müssen, aber auch falsche Entscheidungen treffen können. Ich glaube, daß die Persönlichkeit eines jeden Menschen dadurch geformt wird, wie wir mit jenen Situationen umgehen, die das Leben für uns bereithält.

Kannst Du Dir vorstellen, was aus Geddy Lee geworden wäre, wenn es RUSH nie gegeben hätte oder wenn die Band sich schon bald wieder aufgelöst hätte?

Geddy: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, denn ich habe mein ganzes Leben lang quasi nichts anderes gemacht. Ich war noch sehr jung, als es mit RUSH losging. Ich habe heute viele Interessen, von denen ich mir vorstellen könnte, daß ich sie in einen Beruf umgemünzt hätte, aber hätten sich diese auch entsprechend entwickelt, wenn ich ein ganz anderes Leben geführt hätte?

Alex, laß' uns doch auf Eure aktuelle DVD »R30« zu sprechen kommen. Warum habt Ihr ausgerechnet die Show in Frankfurt ausgewählt, um Eure DVD aufzuzeichnen?

Alex: Wir haben über die Jahre schon oft in der Frankfurter Festhalle gespielt und das Gebäude ist interessant in seiner Architektur und was seine Soundeigenschaften betrifft. Daher wußten wir, was uns erwartet und daß wir dort auf gute Bedingungen treffen werden. Es kam hinzu, daß wir vor der Show in Frankfurt einige freie Tage hatten, so daß wir in Ruhe das komplette Equipment aufbauen und testen konnten. Außerdem lag das Konzert mitten im Tourplan, so daß wir uns schon anständig warmgespielt hatten. Zudem wußten wir von den letzten Touren, daß die Stimmung in Frankfurt immer bestens ist. All dies trägt zum Charakter, den wir uns für die DVD gewünscht hatten, bei.

Also war die RUSH-DVD-Reiseroute Rio - Frankfurt von vorneherein beschlossene Sache oder habt Ihr noch andere Shows mitgeschnitten?

Alex: Wir haben die Angewohnheit, meist nur eine Show aufzunehmen, was natürlich sehr gefährlich ist: Wie schnell kann etwas passieren, das die ganze Sache zum Scheitern verurteilt! Dennoch hatten wir Frankfurt von vorneherein fest ins Auge gefaßt und letztendlich hat glücklicherweise alles funktioniert.

Dennoch habt Ihr nicht das komplette Konzert auf der DVD verewigt. So wurde beispielsweise ›Red Sector "A"‹ gestrichen, was für mich persönlich der Höhepunkt des Abends war.

Alex: Es gab zwei Gesichtspunkte, die wir berücksichtigen mußten: Zum einen hatten wir auf der "R30"-Tour ein dreistündiges Programm, so daß es nötig war, den Set für die DVD ein wenig zusammenzustauchen. Außerdem mußten wir eine Abgrenzung zu unserer letzten DVD »Rush In Rio« schaffen, die ja gerade mal zwei Jahre alt ist. Da ›Red Sector "A"‹ auch auf »Rush In Rio« zu finden ist, war er einer unserer Streichkandidaten für die neue DVD.

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RUSH standen schon immer für höchste Qualität bei ihren Produkten - nicht nur in musikalischer sondern auch in technischer Hinsicht. Doch die »R30«-DVD ist, was Sound und Bild betrifft, einfach atemberaubend. Wie habt Ihr das angestellt? Verbergen sich irgendwelche Geheimnisse hinter den Produktionsmethoden?

Alex: Meines Wissens gibt es keine Geheimnisse. Wir haben lediglich darauf geachtet, das bestmögliche Equipment zu verwenden und hatten aufgrund der erwähnten Vorbereitungszeit die Möglichkeit, alles ausgiebig zu testen. Auf jeden Fall bin ich selbst überrascht, daß das Bild so klar und farbenprächtig rüberkommt. Ich kann Dir allerdings zur soundtechnischen Seite einige Details verraten: Wir haben erstmals den kompletten Ton ausschließlich mittels ProTools gemischt. Früher sind wir immer in ein Studio gegangen und haben die Tonspuren über eine analoge Konsole gemischt, um dem Sound eine gewisse Wärme zu verleihen. Richard Chyki, mit dem ich dem Soundmix für die DVD gemacht habe, war davon überzeugt, daß er einen großartigen Sound herausholen könne, wenn man nur ProTools einsetzt, und meines Erachtens hat er sein Ziel voll und ganz erreicht. Also haben wir mein eigenes Studio hier in Toronto verwendet, was den Vorteil hat, daß ich den Raum bestens kenne und weiß worauf man achten muß. Also bauten wir alles auf, begannen zu arbeiten und merkten sehr bald, daß wir ein großartiges Endresultat erhalten würden, so daß es keinen Grund gab, die eingeschlagene Arbeitsweise zu ändern.

Seit jeher steht ein RUSH-Konzert nicht nur für großartige Musik, sondern Ihr habt schon sehr früh Wert auf eine ausgefallene Show gelegt. So waren RUSH eine der ersten Bands, die eine aufwendige Lasershow in ihr Programm eingebaut hatten. Auch Videoprojektionen sind schon längst nicht mehr aus einer RUSH-Show wegzudenken; und bei der "R30"-Tour hattet Ihr in dieser Hinsicht einige Computeranimationen, bei denen der letzte Schrei der Technik zum Zuge kam. Ist es schwierig, in dieser Hinsicht immer am Puls der Zeit zu sein und immer neue Elemente zu finden, mit denen Ihr eine RUSH-Show aufpeppen könnt?

Alex: Wenn man einmal damit angefangen hat, nach neuen und frischen Ideen umzuschauen, dann bleibt man in dieser Hinsicht einfach am Ball. Früher oder später wird man talentierte und kreative Menschen finden, mit denen man zusammenarbeiten kann, und plötzlich wird das fast zu einem Selbstläufer, denn diese Technik entwickelt sich dermaßen schnell weiter und eröffnet immer neue Möglichkeiten. Außerdem darf man gerade auf diesem Sektor nicht vergessen, daß immer wieder hervorragende junge Leute hinzukommen, die quasi mit den neuesten Techniken aufgewachsen sind.

Seid Ihr selbst solche Technikfreaks oder zieht Ihr einfach externe Spezialisten hinzu, die Euch dann entsprechende Vorschläge unterbreiten.

Alex: Wir waren schon in den frühen Jahren sehr an dieser Technik interessiert und machten uns immer Gedanken, wie wir unsere Show optisch aufwerten können - obwohl wir es uns damals eigentlich nicht leisten konnten. Wir hatten nämlich seit jeher das Problem, das unsere Musik abseits des normalen Mainstreams liegt und wir die Leute erst mal für uns interessieren mußten. Zudem hatten wir schon immer das Problem, daß wir live nicht gerade die bewegungsintensivste Show absolvieren können; allein Geddy ist wegen des Gesangs und der Bedienung des Basspedals nahezu die gesamte Zeit an seinem Platz gefesselt. Also haben wir immer überlegt, wie wir unsere Show optisch interessanter gestalten können. Doch dazu müßtest eigentlich Du Geddy befragen, da er bei uns für diese Dinge zuständig ist.

Geddy: Letztendlich ist es völlig korrekt, was Alex gesagt hat: Das wichtigste ist, ein gutes Team uns sich haben. Ich habe mich schon immer für solche Dinge interessiert und zudem habe ich das Glück, daß mein Bruder in diesem Bereich tätig ist. Daher treffen wir uns in der ersten Planungsphase einer Tour und überlegen, welche Möglichkeiten es gibt und welche Personen wir noch hinzuziehen könnten. Wenn wir dann das richtige Team beisammen haben, entwickeln wir einfach Ideen und lassen sie gewissermaßen durch den Raum schweben, um zu sehen, was dabei herauskommt. Über diese Konzepte stimmen wir ab, welche letztendlich in die Tat umgesetzt werden. Die interessanteste Neuerung, die wir für die "R30"-Tour hatten, war eine Technik, die es ermöglicht hatte, vorprogrammierte Lichteffekte dynamisch während der Show zu verändern.

Könntest Du Dir vorstellen, daß es eine RUSH-Show gibt, bei der ihr einfach auf der Bühne steht und Eure Musik macht, die übliche Show aber komplett flachfällt?

Geddy: Theoretisch wäre das durchaus denkbar, aber ich glaube kaum, daß jemand drei Stunden nur zusehen will, wie wir unsere Instrumente spielen. Unser Bestreben ist es, unseren Fans so viel wie nur möglich für die Ohren und die Augen zu servieren.

Diese Aufgabe geht Ihr ganz offensichtlich mit viel Humor an: Man denke da nur an das Intro der Show, das von "Seinfeld"-Darsteller Jerry Stiller gespielt wurde, an die Comicanimation, die am Anfang der zweiten Teil der Show als Videoprojektion lief und mit der Ihr Euch selbst auf die Schippe genommen habt, oder an die Tatsache, daß Deine Baßbox zum Wäschetrockner umgebaut wurde - oder umgekehrt - in der während der kompletten Show T-Shirt kreisten, die am Ende an die Fans verschenkt wurden und den Aufdruck besaßen "I got a shirt from Geddy's dryer". Teilweise ist da schon ein gewisser Monty Python-Touch zu spüren.

Geddy: Exakt, wir mögen es, die Sache möglichst humorvoll anzugehen. Denn: Kann es etwas besseres geben, als wenn unsere Fans mit einem Lächeln die Halle verlassen, weil sie gute Livemusik gehört haben und sich zudem noch prächtig amüsiert haben?

Die letztjährige Konzertreise war die "R30"-Tour, mit der ihr Euer 30-jähriges Bandjubiläum gefeiert habt. Die zugehörige DVD dokumentiert nicht nur das besagte Konzert in Frankfurt, sondern auf die zweite Scheibe habt Ihr massenhaft Bonusmaterial gepackt: Interviews, Videos und sonstige Specials aus der gesamten Bandgeschichte nebst einem umfangreichen Booklet mit unzähligen Photographien, die bis in die frühen Tage der Band zurückreichen. Folglich soll »R30« wohl nicht nur eine Konzert-DVD sein, sondern auch eine Retrospektive auf 30 Jahre RUSH darstellen?

Alex: Richtig! Das war unser Anliegen bei dem kompletten "R30"-Projekt: Wir haben Songs aus allen Phasen unserer Bandgeschichte gespielt und wir wollten auch mit der DVD verdeutlichen, wo wir herkommen, wie unser Weg aussah und wo wir heute stehen. Ein wenig Nostalgie sollte bei »R30« durchaus mitschwingen. Zudem war es für uns großartig, all das Material zu sichten und zum Beispiel jenen Interviewclip aus dem Jahr 1979 auszugraben. Wir wollten unseren Geburtstag amtlich feiern und wir freuen uns, daß die Aufzeichnung unserer Party in Europa stattgefunden hatte, denn wir waren so lange nicht mehr bei Euch gewesen. Doch es hat uns immer Spaß gemacht, in Europa zu spielen und so war es auch diesmal wieder, so daß wir mit dem Endresultat, der »R30«-DVD, hochzufrieden sind.

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Geddy, wenn Du Rückschau auf 30 Jahre RUSH hältst, wo liegen für Dich persönlich die Highlights?

Geddy: Es gibt sicherlich viele Höhepunkte und es ist schwierig, einzelne hervorzuheben. Zweifelsohne war »2112« sehr wichtig, denn es war das Album, in das wir unheimlich viel Energie investiert hatten und bei dem ich das Gefühl hatte, daß wir erstmals etwas ganz Eigenes, also quasi unser eigenes Universum erschaffen hatten. Zudem brachte uns die Platte dem Durchbruch einen guten Schritt näher, denn wir wurden vielerorts plötzlich ganz anders eingestuft.
Ein Höhepunkt für mich persönlich war, als wir in London im "Hammersmith Odeon" spielten und diese Show auch live mitschnitten. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, daß dies unsere Karriere oder den Sound von RUSH beeinflußt hat, aber für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis.
Desweiteren würde ich »Vapor Trails« herausheben, da wir nach einer langen, sehr schweren Zeit wieder zusammenkamen, um wieder als Band zusammenzuarbeiten.

Alex, Du hast es gerade schon angeschnitten: Wie kam es zu dieser verdammt langen Zeit, in der man RUSH nicht mehr in Europa begutachten konnte? Es lagen zwölf Jahre zwischen der "Roll The Bones"- und der "R30"-Tour! Es sind in dieser Zeit nämlich drei Alben, »Counterparts« (1993), »Test For Echo« (1996) und »Vapor Trails« (2002), erschienen und immerhin - auch wenn die Besucherzahlen auf der "R30"-Tour bei der ein oder anderen Deutschlandshow leider nicht gerade riesig waren - habt Ihr in Europa immer noch eine treue Anhängerschaft.

Alex: Wenn man so lange im Geschäft ist wie wir, dann sieht man Tourneen in einem anderen Licht. Ich muß ehrlich zugeben, daß wir zwischenzeitlich in Sachen Touring ein wenig ausgebrannt waren - besonders was extrem lange Konzertreisen betrifft. Auf der letzten Tour hatten wir beispielsweise neun Monate lang in Nord- und Südamerika gespielt und wir waren anschließend einfach erschöpft. Eigentlich hätte die Europadates mitten in der Amerikatour liegen sollen, doch unterm Strich klappte die Planung nicht, so daß die Europashows - wie fast immer - ans Ende der Tour rutschten. Doch unsere Amerikatour war dann im November und der nächstmögliche Termin für die Europakonzerte wäre im Februar gewesen. Diese Lücke zwischen den beiden Tourneeteilen wäre einfach zu groß gewesen, so daß wir die Europadates schweren Herzen canceln mußten. Zum anderen sollte man bedenken, daß aufgrund der Schwierigkeiten, die wir in diesen Jahren zu meistern hatten, zwischen »Test For Echo« und »Vapor Trails« sechs Jahre lagen, in den wir live ohnehin nicht aktiv waren. Doch weil wir Euch so lange stiefmütterlich behandelt haben, war ich, ehrlich gesagt, nicht mehr davon überzeugt, daß wir wirklich noch so viele treue Fans haben. Ich hatte befürchtet, daß wir ein wenig in Vergessenheit geraten sein könnten, aber die "R30"-Tour hat uns glücklicherweise von Gegenteil überzeugt und die Europatour war einfach großartig! Um es genau zu sagen, war Europa von vornherein ein fester Bestandteil der "R30"-Tour; ich weiß noch genau, daß Geddy gesagt hatte, er würde sich weigern, auf Tour zu gehen, wenn wir diesmal nicht nach Europa gehen würden.

Geddy: ...und ich hätte meine Drohung wahrgemacht!

In diesem Fall kann ich mich nur tausendfach bei Dir bedanken, denn ich hatte fast schon die Hoffnung aufgegeben, daß ich RUSH jemals wieder live sehen würde.

Alex: Ich bin mir sicher, daß eine solche Europaabstinenz nicht mehr vorkommen wird; ich würde eher sagen, daß wir die nächste Tour vielleicht sogar in Europa beginnen werden - was eine echte Neuerung wäre.

Also kann ich Euch hiermit das Versprechen abnehmen, daß wir nicht nochmal so lange auf Euch warten müssen?

Alex: Du hast mein Wort!

Geddy: Und ich verspreche es ebenfalls!

Es gibt eine Sache, die mich an RUSH seit jeher fasziniert hat: Euer Stil hat sich über die Jahre immer und immer wieder verändert, Eure Alben klangen aber doch immer eindeutig nach RUSH.

Alex: Darf ich die Frage an Dich zurückgeben? Ich weiß nämlich keine gute Antwort dazu. Ich kann nur sagen, daß bei mir immer etwas Panikstimmung herrscht, wenn ein neues Album ansteht, weil ich mich fragen muß: Werde ich es schaffen, die gleichen Noten in einer anderen Reihenfolge zu spielen, so daß ein interessantes Endresultat entstehen wird? Ich glaube, die meisten Musiker kennen dieses Gefühl! Aber wenn man dann erst mal wieder zusammen in einem Raum ist und sich die Tür hinter einem schließt, dann passiert ein fast schon magischer Vorgang, der einem alle nur erdenklichen Richtungen führen kann. Ich bin davon überzeugt, solange man echte Inspiration und Motivation verspürt, kann man auch immer wieder etwas Neues schaffen, da man sich als Mensch verändert, immer wieder neue Dinge erlebt, was dann sich zwangsläufig in deiner Kunst widerspiegelt.

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Gibt es schon konkrete Planungen für ein neues RUSH-Album? Immerhin liegt »Vapor Trails« auch schon drei Jahre zurück und »Feedback« war bekanntlich "nur" ein Coveralbum.

Alex: Geddy und ich haben uns neulich verständigt, daß wir uns schon sehr bald treffen werden, um neue Songs zu schreiben. Daher denke ich mal, daß wir in den ersten Wochen des neuen Jahres so weit sein werden, ernsthaft an Songs für die nächste Platte zu arbeiten. Erfahrungsgemäß brauchen wir dann einige Monate, bis die Songs stehen, Neil die Texte geschrieben hat und wir die Stücke gemeinsam eingeübt und ausgefeilt haben, so daß sie "studioreif" sein werden. Daher schätze ich mal, daß wir etwa im Sommer ins Studio gehen können, so daß die Platte dann voraussichtlich gegen Ende 2006 erscheinen kann.

Für Euch ist also immer noch wichtig, gemeinsam in einem Raum zu sitzen und über Ideen zu brüten? Soundfiles, die per E-Mail verschickt werden, kommen für RUSH also nicht in Frage?

Alex: Exakt - in dieser Hinsicht sind wir sehr altmodisch und brauchen den persönlichen Kontakt.

Wie kann man sich den Songwriting-Prozeß bei RUSH vorstellen? Wer ist die Haupttriebfeder?

Geddy: Es gibt kein generelles Vorgehen. Manchmal ist es so, daß Alex mit einem Gitarrenpart kommt und wir zu jammen beginnen. Diese Jams nehmen wir immer auf, so daß ich sie mir anschließend anhören kann, um zu sehen, ob mir eine passende Melodielinie einfällt. Es ist allerdings genauso möglich, daß mir eine Melodie durch den Kopf geht und wir versuchen, dazu einen instrumentalen Unterbau zu finden. In diesem Fall haben wir oft einen Text oder zumindest ein Textfragment von Neil vorliegen und ich halte immer die Augen offen, ob ich eine Verbindung zwischen dem, was wir bei unseren Jams gerade spielen, und Neils Textideen entdecke. Wenn sich eine solche auftut, ist das meist die Geburtsstunde eines neuen RUSH-Songs.
Es muß aber nicht immer Hand in Hand gehen, sondern die einzelnen Schritte können klar abgegrenzt nacheinander erfolgen: Es kam schon vor, daß ich von Neil einen Text bekommen habe, der mich so sehr beeindruckt hat, daß ich ihn unbedingt in einen Song transformieren wollte. Also entwickele ich eine Gesanglinie zu dem Text und anschließend versuchen Alex und ich, die passende Musik dazu zu finden. Dieser Prozeß kann aber auch genau andersherum laufen, nämlich, daß eine musikalische Idee so schnell zündet, daß Alex und ich binnen kürzester Zeit einen Song fix und fertig haben und mir auch eine Gesangslinie einfällt, so daß Neil einen Text auf diese Vorlage maßschneidern muß.
Dementsprechend kann man sagen, daß wir alle mehr oder minder den gleichen Anteil beim Songwriting haben und daß darüber hinaus jeder RUSH-Song seine ganz eigene Entstehungsgeschichte hat.

Alex, hast Du schon eine Idee, in welche Richtung sich die nächste Platte bewegen wird?

Alex: Ich bin mir sicher, daß man Gitarre, Baß und Schlagzeug hören können wird, aber mehr kann ich Dir im Moment wirklich noch nicht sagen. Wir werden uns vom Resultat selbst überraschen lassen.

Auf »Vapor Trails« hatte ich das Gefühl, daß Ihr Euch ein wenig von modernen Strömungen innerhalb der Rockmusik habt beeinflussen lassen. Kannst Du dem zustimmen und wird etwas ähnliches auch auf der neuen Platte passieren?

Alex: Ich glaube, daß wir immer ein wenig von jener Musik beeinflußt sind, die um uns herum ist. Letztendlich hat jedes RUSH-Album einen Hauch dessen abbekommen, was während seiner Entstehungszeit in musikalischer Hinsicht aktuell war. Jedoch ist es für mich ein striktes Gebot, daß ich während der Entstehungsphase eines neuen Albums keine andere Musik allzu bewußt höre. Wenn man nämlich Angst hat, daß man von einer bestimmten Band zu stark beeinflußt wird, so daß man dies auf dem Endresultat heraushören könnte, wird man solche Einflüsse sicherheitshalber überhaupt nicht verarbeiten. Daher konzentriere ich mich einzig und allein auf unsere Musik, gestatte aber allen anderen neuen Ideen, die mich bis zu diesem Zeitpunkt beeinflußt haben, sich in unserer Musik zu entfalten.
An »Vapor Trails« haben wir sehr lange gearbeitet und es war eine sehr emotionaler Schaffensprozeß für uns; gerade Neil hat viel von seinen Verlusterlebnissen auf der Platte verarbeitet, da seine einzige Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und kurz danach seine Frau unerwartet an Krebs verstarb. Es war fast so, als hätten wir die Augen geschlossen und uns treiben lassen.
Auf jeden Fall hoffe ich, daß wir bei der nächsten Platte auch wieder einige moderne Einflüsse verarbeiten werden und eine frische Platte erschaffen werden. Denn ich will mit Sicherheit nicht »Hemispheres«, »Moving Pictures« oder irgendeine andere unserer Platten nochmal machen.

Bei RUSH wird oft hervorgehoben, welch' überragende Musiker Ihr seid, doch laß' uns mal über die Menschen hinter den Instrumenten sprechen. Euer Drummer Neil mutet für mich, nicht zuletzt dank seiner tiefgründigen Texte, für die es nichts vergleichbares auf der Welt gibt, wie ein Philosoph an. Kannst Du dem zustimmen?

Geddy: Ich weiß nicht, aber ich kann Dir mit Sicherheit sagen, daß Du ihn äußerst verlegen machen würdest, wenn Du ihn mit einer solchen Aussage konfrontieren würdest. Aber man kann zweifelsohne sagen, daß seine Texte von einem philosophischen Standpunkt geschrieben sind.

Wie würdest Du Alex charakterisieren?

Geddy: Verrückt. [lacht] Ganz einfach verrückt...

Aha, ich habe aber das dringende Gefühl, daß Du diese Aussage noch etwas näher erklären mußt.

Geddy: Nein - that's it. [lacht] Mehr gibt es zu Alex nicht zu sagen...

Aber doch hoffentlich positiv verrückt, oder?

Geddy: Selbstverständlich! [lacht]

Du hast Dich selbst bereits als den eher stillen Typen beschrieben. Gibt es da noch etwas hinzuzufügen?

Geddy: Neurotisch, introvertiert... [überlegt] Aber nicht mehr so sehr wie ich es als Kind war. Allerdings es ist immer schwer, sich selbst zu charakterisieren. Ihr müßtet mich einfach mal persönlich kennenlernen, um herauszufinden, wie ich drauf bin.

Auf Eurer Homepage, in einem "gestellten" und animierten Interview (zwischen Dir uns einem Hund namens Dukey...) behauptest Du, daß Du gerne in Kanada lebst, weil Du gerne in der Nähe des Yukons bist. Bist Du also ein Naturfreund?

Geddy: Auch das ist einer der Gags, die wir auf unserer Homepage eingebaut haben. Momentan ist es sehr kalt hier und ich wäre lieber woanders.

Alex, zum Schluß könntest Du uns noch erzählen, wie Dein Tagesablauf aussieht, wenn Du nicht von RUSH in Beschlag genommen wirst.

Alex: Ich habe viele Interessen, denen ich gerne nachgehe; so spiele ich beispielsweise gerne Tennis oder Golf. Aber viel wichtiger für mich und meinen Tagesablauf ist, daß ein Teil meiner Familie direkt bei mir lebt. Mein Sohn ist mit seiner Familie hierher gezogen und wohnt in direkter Nachbarschaft. Daher habe ich das Glück meinen zweijährigen Enkel jeden Tag sehen zu können. Das ist für mich die zweite Chance, ein Vater zu sein, denn ich habe kaum etwas davon mitbekommen, wie meine Kinder aufgewachsen sind, da ich ständig mit RUSH unterwegs war. Er nimmt wirklich einen großen Teil meines Lebens ein: Ich freue mich darüber, ihn aufwachsen zu sehen und Einfluß auf seine Erziehung nehmen zu können. Außerdem treffe ich mich gerne mit Freunden oder gehe mit meiner Frau essen - also letztendlich all' jene normalen Dinge, die jeder tut.

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Geddy, Du hast schon zahllose Interviews gegeben. Gibt es irgendeine Frage, die man Dir noch nie gestellt hat, zu der Du Dich aber schon immer mal äußern wolltest? Dann hast Du hiermit die Gelegenheit, Dich auszutoben!

Geddy: Absolut nicht! Ich glaube, ich wurde schon mit allen Fragen konfrontiert, die einem Menschen einfallen können.

Wirklich? Nicht mal irgendetwas über Dich persönlich, das Du schon immer mal loswerden wolltest?

Geddy: Hmm... [überlegt] Wenn ich es recht bedenke, hat mich noch nie jemand gefragt, woher ich mein unglaublich gutes Aussehen habe. Aber das ist die einzige Frage, die mir noch nie gestellt wurde - ungelogen!

Okay, dann darfst Du uns zum Abschluß Dein Geheimnis anvertrauen!

Geddy: Ja, ganz gewiß... [lacht]

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Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Stefan Glas

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