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"United Forces Of Rock"-Festival

Ludwigsburg, Rockfabrik

30.10.2005

Deutschland braucht dringend ein regelmäßig stattfindendes Melodic-Festival! Bekanntlich ist auf diesem Sektor schon seit einer halben Ewigkeit livemäßig tote Hose angesagt und vor einigen Jahren scheiterte der Versuch, das englische "Z Rock"-Festival auch hierzulande zu einzuführen. Aber vielleicht ist jetzt der erste Schritt geschafft, denn am 30. Oktober ging in der Rockfabrik Ludwigsburg das "United Forces Of Rock"-Festival über die Bühne, das rundum als Erfolg gewertet werden muß.

HARTMANN-Liveshot

Den Startschuß gibt Ex-AT VANCE-Fronter Oliver Hartmann, der nachträglich gebucht und als Opener vor das bereits bestehende Programm hinzugefügt wurde. Daher war er lange nicht in der Running Order im Internet aufgetaucht, so daß vielen Besuchern nicht bewußt war, daß schon vor PUMP Action angesagt sein würde, so daß bei HARTMANN die Reihen vor der Bühne relativ licht waren.
Hatte Oliver bis dato hauptsächlich Akustiksets gespielt, rückt er beim UFOR mit Stromgitarre an und rockt mit seiner Mannschaft, unter der sich Ex-PARADOX-Viersaitenbeherrscher Armin Donderer sowie Dario Ciccioni von KHYMERA befinden, ordentlich los. War die Debutplatte »Out In The Cold« schon eine positive Überraschung in Sachen Melodic Rock, kann Oliver live ebenso deutlich unterstreichen, daß seine Stimme in dieser Form viel besser zur Geltung kommt als früher bei AT VANCE. Doch auch seine Mitmusiker sind mit gut geölten Stimmbändern gesegnet, denn die mehrstimmigen Backing Vocals klingen sehr sauber und sind offensichtlich ohne jegliche technische Hilfsmittel zustandegekommen - eben echt live. Superauftakt!

PUMP-Liveshot

Bei PUMP ist mehr Action angesagt, allein schon weil die äußeren Voraussetzungen besser sind: Dank des zur Seite geräumten Keyboards gibt es mehr Platz, den der "freilaufende" Sänger bestens zu nutzen weiß. Ex-BRAINSTORM-Stimme Marcus Jürgens ist natürlich ein routinierter Frontmann, was er schon auf der gerade zu Ende gegangenen Tour mit Axel Rudi Pell beweisen konnte. Dennoch will das Publikum nicht hundertprozentig auftauen, so daß PUMP ihren Lokalmatadorenbonus nicht richtig ausspielen können. Das mag damit zusammenhängen, daß diverse technische Probleme in einem durchwachsenen Sound resultieren, der im Verlauf der Show nicht nennenswert besser werden soll. Dennoch gilt PUMP ein Lob für ihren energiegeladenen Gig, in dessen Verlauf sie auch neue Songs von der für Frühjahr 2006 geplanten zweiten Platte vorstellen.

BLANC FACES-Liveshot

Nach den agilen PUMP wirken BLANC FACES natürlich unspektakulär, denn ein nennenswertes Stageacting ist bei der Formation um die Brüder Robbie und Brian La Blanc leider nicht auszumachen - was man bei einer Band, die solch' ruhigen und gediegenen AOR wie BLANC FACES macht, allerdings nicht überbewerten soll; mit ihrer tollen Musik und ihrer sehr sympathische Ausstrahlung verstehen BLANC FACES nämlich zu punkten. Zudem ist Sänger Robbie vor lauter Begeisterung nicht zu bremsen und betont, daß es solche Clubs wie die Rockfabrik in Amerika nicht mehr gäbe und er es als eine Ehre empfände, hier spielen zu dürfen. Im Kontrast zu dieser Aussage stellt die Truppe kurze Zeit später ihre Liveroutine unter Beweis: Als ein Schlagzeugdefekt die Show minutenlang unterbricht, versteht es der noch "aktionsfähige" Teil der Band problemlos, diese Pause mit einer spontanen Slidegitarrenvariation von TOTOs ›Georgie Porgie‹ zu überbrücken, so daß kein peinliches "Loch" in die Show gerissen wird. Als die wohl unbekannteste Band des Festivals angetreten, haben sich BLANC FACES mit diesem Auftritt sicherlich einige Freunde schaffen können.

CASANOVA-Liveshot

Da die aktuelle Scheibe »All Beauty Must Die« recht lahm ausgefallen ist, haftet dem CASANOVA7-Comeback ein fader Beigeschmack an - bis zu diesem Abend. Denn live beweisen die Herzensbrecher, Frontmann Michael Voss, Gitarrist Stephan Neumeier, Basser Jochen Mayer und Ex-WARLOCK-Drummer Michael Eurich, daß sie den Dreh noch bestens raus haben! Während Jochen für den sportlichen Part des Stageactings sorgt, ist Michael Voss ein Entertainer vor dem Herrn, der stets einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, mal mit seinem Baßkollegen oder mal mit dem Publikum einen netten Plausch hält und davon erzählt, daß die Band 1992 an gleicher Stelle gespielt hatte. Auch die »All Beauty Must Die«-Stücke kommen live deutlich attraktiver rüber, doch der alte Gassenhauer ›Hollywood Angels‹, der als zweite Nummer ins Rennen geschickt wird, bleibt eindeutig der überragende Hit des Abends.

JADED HEART [D, Duisburg]-Liveshot

Mit JADED HEART beginnt die Verspätung. Die Truppe hat massive technische Probleme, wobei vor allem Ex-HEAVENLY-Gitarrist Frédéric Leclercq gehörig ins Schwitzen kommt: Frédéric ist als "Krankheitsvertretung" für den eigentlichen Gitarristen Barish Kepic eingesprungen und obgleich er sich problemlos in die Band einfügt, ist sein Effektboard offensichtlich nicht mit der RoFa-Technik kompatibel (oder haben die blauen Leuchtpünktchen auf dem Hals von Michael Müllers Baß einfach zu viel Strom gezogen...): Kaum eingestöpselt gibt es ein feines Rückkopplungsinferno. Letztendlich muß er seine Klampfe direkt und effektfrei in den MARSHALL-Turm einspeisen und JADED HEART beginnen mit einer Viertelstunde Verspätung, doch rocken derart rasant los, daß man meinen könnte, sie wollen die verlorene Zeit aufholen. Auch der neue Sänger Johan Fahlberg, der immerhin in die Fußstapfen eines Michael Bormann treten muß, macht einen souveränen Eindruck, so daß er auch umgehend selbstsicher fragt: "Do you think that JADED HEART still rocks?" Diese Frage kann man angesichts dieses Gigs, für den JADED HEART das bis dato beste Publikumsfeedback erhalten, eindeutig bejahen. Es scheint, als hätte die Truppe den Sängerwechsel unbeschadet überstanden und könne dort anknüpfen, wo man mit der alten Besetzung aufgehört hatte.

LEGS DIAMOND-Liveshot

Sind LEGS DIAMOND die älteste Band des Festivals? Schwer zu sagen; sie wirken auf jeden Fall allein schon deswegen so, weil das einzig verbliebene Urmitglied Michael Prince kräftig in die Jahre gekommen ist - ganz gleich ob er mit seinem Hütchen eher clownesk wirkt. Sein Gitarrenpartner Jeff Marcus hat sich indes ein wenig in der Zeit vertan, denn mit den Klimperketten an seiner Hose würde er eher zu einer Nu Metal-Kapelle passen. Vielleicht will er damit auch von seiner verdächtig unnatürlichen Haarpracht ablenken... Anyway - solche Anmerkungen zur Optik außen vor, muß man LEGS DIAMOND attestieren, daß sie ordentlich rocken, was vor allem am neuen Sänger Johnny Levesque liegt, der mit MONTROSE, aber auch mit WILD HORSES und SHOUT (zwei gute 80er-AOR-Kapellen, die sich leider als Einalbumsfliegen entpuppen sollten) schon eine Menge Erfahrung sammeln konnte und nun bei LEGS DIAMOND einen erstklassigen Frontmann abgibt. Das Stimmungslevel von JADED HEART können die Amis unterm Strich zwar nicht halten, spielen aber dennoch eine gute Show.

SEVENTH KEY-Liveshot

SEVENTH KEY absolvieren beim UFOR ihren ersten "echten" Auftritt überhaupt; zuvor hatte man lediglich im engsten Freundeskreis eine Generalprobe durchgezogen, bei der die Livescheibe »Live In Atlanta« entstanden war. Daher ist es nicht verwunderlich, daß die drei Herren an der Bühnenfront, Billy Greer, Terry Brock und Mike Slamer, ein relativ steifes Stageacting an den Tag legen, aber dennoch besseres Publikumsfeedback als LEGS DIAMOND ernten. Doch die Stärken von SEVENTH KEY sind viel eher in der Musik zu suchen: Immerhin kann man es fast schon als Verschwendung bezeichnen, einen Mann mit einer derartigen Wahnsinnsstimme wie Terry Brock nur für Gitarre und Backing Vocals einzusetzen. Derweil sieht Mike Slamer mit Juan Pablo Montoya-Schirmmütze und strahlendweißen Turnschuhen etwas seltsam aus, aber wer auf solchen musikalischen Lebenslauf vorweisen kann (ich sage nur: CITY BOY, STREETS, STEELHOUSE LANE), darf sich gern einen Dreck um Outfitfragen scheren. SEVENTH KEY - ohne Frage ein weiteres Schmankerl des ersten UFOR!

Wetton/Downes-Liveshot

Es folgt der aufwendigste Umbau des Tages, denn bis das Mac-Notebook endlich so weit ist, um hochgefahren werden zu können und die Kontrolle über das knappe Dutzend von Geoff Downes' Keyboards zu übernehmen, ist eine Menge Verkabelungsarbeit angesagt. Folglich ergibt sich eine weitere Verzögerung, die sich mittlerweile zu 70 Minuten aufaddiert hat. Doch das Warten soll sich lohnen: Die beiden ehemaligen ASIA-Musiker John Wetton und Geoff Downes beweisen mit ihrer Show wie schon auf dem phänomenalen »Icon«-Album (Hoffentlich habt Ihr dem ansonsten hochverehrten ROCK HARD-Kollegen Schleuti zu keiner Sekunde geglaubt, der mit seinem Review zu »Icon« gnadenlos danebenlag, denn die meisten »Icon«-Songs brauchen den Vergleich mit den alten ASIA-Klassikern nicht zu scheuen), daß sie noch ihre volle Dynamik entfalten können. Zwar ist - analog des Prinzips "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" - bei den ASIA-Hits die Stimmung deutlich besser als bei den eher unbekannten »Icon«-Songs, bei denen man den Besuchern schon ein wenig die Müdigkeit anmerkt. Ähnliches gilt für die ruhigen Nummern, wie ›The Smile Has Left Your Eyes‹ oder ›Meet Me At Midnight‹, bei denen nur die Tasten und John Wettons immer noch gut geölte Stimmbänder zum Einsatz kommen, doch das macht den Set nicht allzu berechenbar. So ist es auch erfreulich, daß neben Songs wie der unvermeidlichen Schlußnummer ›Heat Of The Moment‹ auch ›Daylight‹ gespielt wird, jener ASIA-Song, bei dem es mich immer grämt, daß er nie offiziell von ASIA veröffentlicht wurde, denn es handelt sich bei um eine der stärksten asiatischen Nummern. Dennoch: Die Herren W. und D. sind auch 20 Jahre nach ihren Stadionrockzeiten live wie auf Platte immer noch ein Erlebnis!

PRIDE OF LIONS-Liveshot

Ihren beiden Platten sind unbestritten großartig, doch mit solch' einer phänomenalen PRIDE OF LIONS-Show konnte man im Vorfeld wahrlich nicht rechnen. Mit einer irrsinnigen Spielfreude und Dynamik fegt die Band durch die Rockfabrik und rüttelt jeden Fan wach - obgleich PRIDE OF LIONS den Großteil der Show als "2-Keyboard-Band" bestreiten; will heißen: Der Ex-SURVIVOR-Mann Jim Peterik ist öfter hinter den Tasten als an den Saiten anzutreffen. Zudem kann er live noch besser verdeutlichen, welch grandioser Sänger er immer noch ist. Seine reifere und abgeklärte Stimme ergänzt sich wie schon auf Platte perfekt mit dem überschäumenden Organ des 28-jährigen Toby Hitchcock, der sich stellenweise förmlich die Seele aus dem Leib singt. Mit ihrem durchweg mitreißenden UFOR-Auftritt beweisen PRIDE OF LIONS, daß sie derzeit einfach die beste AOR-Band des Planeten sind. Einzig die Nummer ›Vehicle‹, die Jim Peterik im Alter von 15 Jahren mit seiner damaligen Band IDES OF MARCH eine Platinauszeichnung beschert hatte, will nicht ins Gesamtbild passen, doch ansonsten ist die Mischung aus SURVIVOR-Oldies und PRIDE OF LIONS-Neulingen perfekt abgestimmt. Als Jim dann anfängt, von "Rocky" zu philosophieren, könnte man denken, das Ende des Gigs sei nahe, doch mitnichten: Vor dem Titelsong zu "Rocky III", der da ›Eye Of The Tiger‹ war und heute den planmäßig letzten Song der Zugabe darstellt, kommt zunächst die Erkennungsmelodie des nachfolgenden Streifens: ›Burning Heart‹, SURVIVORs Beitrag zu "Rocky IV". Doch das Publikum fordert nach einer weiteren Zugabe, die aus ›The Search Is Over‹ und ›Heavy Metal‹ (die Jim dereinst Sammy Hagar als Titelsong für den gleichnamigen Film auf den Leib geschrieben hatte) besteht - obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon nach 2 Uhr ist. Kann es einen deutlichen Beweis für den Triumph von PRIDE OF LIONS geben?
Somit geht "United Forces Of Rock" mit über 90 Minuten Verspätung durchs Ziel, was aber neben dem stellenweise durchwachsenen Sound der einzige echte Kritikpunkt an einem wirklich gelungenen Melodic-Festival darstellt.

Mittlerweile haben die Veranstalter, unsere Kollegen vom ROCK IT!-Magazin, ein positives Resumee des Festivals gezogen und arbeiten daran, die zweite Etappe im Frühjahr durchziehen zu können. Es sei den Machern zu wünschen, daß "United Forces Of Rock" sich etablieren kann und Melodic-Freunde endlich einen regelmäßigen Treffpunkt haben werden.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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