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Von der chilenischen Metal-Szene ist hierzulande leider kaum etwas bekannt. Schade eigentlich, denn wie in anderen südamerikanischen Staaten floriert der Metal auch in Chile in all seinen Facetten.
Eine Band, der es durchaus zuzutrauen ist, auch hier in Europa Fuß zu fassen, nennt sich CRIMINAL und existiert in unterschiedlichen Besetzungen bereits seit 1991. Aus den Überresten von PENTAGRAM (ja, auch in Chile gab es eine Band mit diesem Namen) entstanden, folgte ein für uns geradezu unglaublich klingender Aufstieg. So konnten CRIMINAL 1992 ihr Live-Debut als Vorgruppe von KREATOR vor nicht weniger als 4.000 Fans geben. In weiterer Folge machten einige Demos die Runde und 1994 erschien in »Vicitmized« das in Eigenregie aufgenommene Debutalbum der Band. Über all die Jahre waren CRIMINAL ein Garant für energiereiche Live-Shows, weshalb man bald zu den fixen Größen der südamerikanischen Thrash Metal-Szene zählte, was Auftritte in der Heimat, aber auch in Argentinien, Uruguay und Mexiko nachhaltig belegen. Was folgte, war ein Vertrag beim süd­ame­ri­ka­ni­schen Ableger der BMG sowie das zweite Album »Dead Soul«, von dem allein in Chile 10.000 Einheiten den Besitzer wechselten. Für die "MTV Latin Video Music Awards" waren auch CRIMINAL für ihren Clip zu ›Collide‹ nominiert und es schien nur noch ein Frage der Zeit zu sein, bis der weltweite Durchbruch folgen sollte.
Doch leider sprachen die Zeichen der Zeit in den späten 90er Jahren des letzten Jahrtausends nicht unbedingt für Heavy Metal, weshalb CRIMINAL auch ihren Vertrag bei BMG verloren. Aber Anton Reisenegger, seines Zeichens Sänger und Gitarrist seit den Anfängen der Band, und seine Gefolgschaft gaben nicht auf. »Cancer«, das dritte Album, erschien zunächst in Eigenregie, erweckte aber auch das Interesse einiger Labels hier in Europa. Es sollten METAL BLADE sein, die 2001 »Cancer« für den europäischen Markt zugänglich machten; eine Kollaboration, die offensichtlich erfolgreich ist, denn CRIMINAL sind auch 2005 noch bei jenem renommierten Label unter Vertrag und haben erst vor weniger Wochen mit »Sicario« ihr aktuelles Album veröffentlicht.
Doch auch zwischen »Cancer« und »Sicario« ist eine Menge passiert. So hatte sich Anton schon 2001 dazu entschieden, nach Europa (genauer gesagt nach England) zu übersiedeln, wo er sich mit EXTREME NOISE TERROR-Drummer Zac O'Neil zusammentat, um die Band am Leben zu erhalten. Mithilfe erhielten die beiden Musiker vom ehemaligen CRADLE OF FILTH-Basser Robin Eaglestone und dem Ex-ENTWINED-Tastendrücker Mark Royce.
Offensichtlich hatte die Idee, es mit CRIMINAL in Europa erneut zu versuchen, aber auch Antons ehemalige Kameraden in Chile gepackt. Rodrigo Contreras, der bereits zur Anfangsformation von CRIMINAL zählte, folgte seinem Kumpel 2002 nach Europa. CRIMINAL lieferten in dieser Zeit gefeierte Auftritte in Europa ab, unter anderem schafften sie es auch beim W:O:A 2002 zu überzeugen. Die "englische" Variante von CRIMINAL begann schön langsam zu zerbröckeln, so daß nach den Aufnahmen zum 2004er-Album »No Gods No Masters«, das in erster Linie wegen der für Thrash Metal fast schon eisigen Atmosphäre in Erinnerung bleiben sollte, zudem in Bassist Juan "Kato" Cueto ein weiteres Originalmitglied wieder in den Schoß der Band zurückkehrte. Mit Zac als einzigem Engländer an Bord begab sich das Quartett Anfang des heurigen Jahres zu Andy Classen um in seinem "Stage One Studio" »Sicario« aufzunehmen.
Bereits nach den ersten Höreindrücken war ich völlig geplättet, weshalb ich Anton beim anberaumten Interview zu Beginn auch gleich meine Lobsalven unterjubeln mußte.

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Ich bin schwer beeindruckt. Ohne übertreiben zu wollen, halte ich »Sicario« für jenes Album, das SLAYER 2005 leider nicht auf den Markt gebracht haben.

Vielen Dank für die Blumen. Ich meine, die Resonanz seitens der Presse war bislang zwar ganz gut, aber einen derart euphorischen Vergleich habe ich noch selten zu hören bekommen. Es ist mir natürlich ein große Ehre, mit SLAYER verglichen zu werden, schließlich zählt diese Band zusammen mit METALLICA zu den wichtigsten Metal-Bands überhaupt und zu meinen persönlichen Favoriten.

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Scheinbar war Anton von meinen Worten ebenso überrascht, wie ich von der Tatsache, daß mein chilenischer Gesprächspartner in gepflegtem Hochdeutsch mit dezent süddeutschem Akzent antwortete. Wie das?

Ich wurde zwar in Chile geboren und bin auch dort aufgewachsen, aber meine Familie stammt aus Deutschland. Ich bin mir nicht ganz sicher wo, habe aber sogar noch Verwandtschaft in Österreich. Ich war auf einer deutschsprachigen Schule und habe die Sprache quasi schon seit meiner Kindheit immer wieder gesprochen. Mittlerweile lebe ich übrigens in der Nähe von Stuttgart und nicht mehr in London.

Im direkten Vergleich zu »No Gods No Masters« tönt »Sicario« wesentlich griffiger, aber mindestens ebenso brutal aus den Boxen. Gab es einen bestimmten Grund, sich stilistisch ein wenig in Richtung "alter Schule" zurückzuorientieren?

Das hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt. Das veränderte Line-up trägt mit Sicherheit sein Scherflein dazu bei. Schließlich waren an den Aufnahmen mit Kato, Rodrigo und mir drei "alte" CRIMINAListen am Werk. Zac hat es als Drummer einfach perfekt drauf, seinen Stil zu variieren. Er ist und bleibt mit Sicherheit einer der Besten auf seinem Gebiet. So gesehen kann man die Entwicklung unseres Sounds durchaus als "Rückschritt" betrachten, aber sicherlich nicht was die Qualität betrifft, denn auch wir sind mit dem Ergebnis von »Sicario« zufrieden.

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Auffällig an der Scheibe sind meiner Meinung nach auch die Texte, die mich teilweise an die sozialkritischen Exkurse von Bands wie SACRED REICH erinnern.

Bei uns in Südamerika, oder besser gesagt in Chile, läuft noch lange nicht alles so harmonisch ab, wie in großen Teilen Europas. Es gibt immer noch jede Menge Mißstände, die wir aufzuzeigen versuchen. »Sicario« bedeutet ja nichts anderes als "Auftragskiller". So etwas ist in Südamerika, speziell aber in Mexiko oder Kolumbien, geradezu an der Tagesordnung. Junge Kids werden für ein geringes Entgelt, das für diese aber mehr als ein Jahreseinkommen bedeutet, zu Auftragskillern. Und diese Kinder beherrschen ihr "Handwerk" bereits in jungen Jahren nahezu perfekt. Ein derartiges Problem scheint es hier in Europa ja noch nicht zu geben.

Worüber wir auch durchaus dankbar sein können. Besteht auch ein Unterschied in der Mentalität der Fans, wenn es um neue Alben oder Konzerte geht?

Ja und zwar ein wesentlicher. Die Fans in Südamerika sind wesentlich euphorischer und vielleicht sogar noch ein wenig dankbarer als hier. Allerdings ist auch die Gewaltbereitschaft mitunter höher, aber das läßt sich nicht verallgemeinern. Gerade in Chile hat sich seit dem Militärputsch einiges am Sozialleben verändert und der Zorn der Jugend muß natürlich auch in irgendeiner Form abgelassen werden. So gesehen ist Metal aber zumindest ein positives Ventil, um die Aggressionen loszuwerden.

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Wie soll es mit CRIMINAL weitergehen? Hast Du vor in Europa zu bleiben, oder zieht es Dich zurück in die Heimat?

Ich persönlich habe im Moment keinerlei Ambitionen, wieder aus Deutschland wegzuziehen. Für unsere Musik an sich sollte es auch kaum von Bedeutung sein, wo die Band gerade beheimatet ist, allerdings stellt sich für CRIMINAL abermals ein leichtes Line-up-Problem, da Kato mit der europäischen Mentalität nicht unbedingt warmgeworden ist und sich dazu entschlossen hat, wieder nach Chile zu gehen. Im Moment besteht CRIMINAL abermals als Trio. Für Studioaufnahmen ist das an und für sich kein Problem, da ich auch ganz gut Baß spielen kann, doch für Konzerte müßte schon ein Bassist integriert werden.

Was wohl speziell für eine Tournee unbedingt geschehen sollte. Ich nehme einmal an, daß es auch mit »Sicario« im Gepäck wieder auf Tour gehen wird, um den Fans eine satte Ladung Thrash Metal vor den Latz zu knallen.

Im Moment kann ich dazu noch nicht viel sagen. Unser Label möchte nämlich zunächst die Verkäufe ein wenig abwarten und erst dann mit der Planung diesbezüglich beginnen. Es war ja auch im letzten Jahr nicht unbedingt geplant, in Deutschland zu spielen, aber die Gigs im Vorprogramm von SIX FEET UNDER sind im Endeffekt gut gelaufen und haben uns auch wieder ein wenig mehr Erfahrung gebracht. Es wäre cool, wenn sich eine derartige Tournee auch in den nächsten Monaten wieder organisieren lassen könnte.

Was durchaus denkbar ist, schließlich sind auch SFU bei METAL BLADE unter Vertrag und die Herren dieser Plattenfirma schon seit Jahren als sehr umtriebiges Team bekannt, weshalb es durchaus möglich ist, CRIMINAL zusammen mit dem einen oder anderen METAL BLADE-Act auf den Bühnen dieser Erde beobachten zu können.

http://www.criminal1.com/

anton@criminal1.com

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Walter Scheurer

CRIMINAL im Überblick:
CRIMINAL – No Gods No Masters (Rundling)
CRIMINAL – Sicario (Rundling)
CRIMINAL – White Hell (Rundling)
CRIMINAL – ONLINE EMPIRE 20-"Living Underground"-Artikel
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